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Nicht nur in großen Fabriken

Organisierung tut Not - neuer Band zu Basisgewerkschaften erschienen

  • Von Sebastian Loschert
  • Lesedauer: 4 Min.

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Selbstorganisierung in Basisgruppen ist in Deutschland ein Randphänomen. Herausgeber und Autor Peter Nowak untersuchte aktuelle Beispiele.

Was bedeutet das Ende der Fabrikgesellschaft für die Organisation von Arbeitskämpfen? Ob und wie sind »Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen Fabriken« noch möglich? Dieser Frage geht nun ein Büchlein nach, das in konkreten Beispielen den Beweis sucht, dass Arbeitskämpfe trotz prekärer Arbeitsverhältnisse immer noch möglich sind. Interessant ist zunächst die Bandbreite, in der der Herausgeber und regelmäßige nd-Autor Peter Nowak nach gewerkschaftlicher Aktivität fandet: In der Taxibranche, bei Sexarbeitern, Inhaftierten oder bei Flüchtlingen ohne Aufenthaltsstatus.

»Auch die kleinen Läden im Kiez können Träger von Ausbeutung sein, da findet teilweise eine Romantisierung statt«, sagte Nowak auf einer Buchvorstellung im Oktober in Berlin. Das »Chefduzen«, die persönliche Nähe zu den Vorgesetzten und das tägliche Erleben der (vermeintlichen) Sachzwänge könnten in kleineren Betrieben den Grad der Ausbeutung sogar erhöhen. Im Buch wird der Arbeitskampf eines Angestellten in einem Berliner Spätkauf als Beispiel genannt: Statt der vertraglich vereinbarten 20 Stunden monatlich arbeitete er 60 Stunden pro Woche, bekam dafür weniger als zwei Euro Stundenlohn und wurde während der Arbeit gefilmt. Ohne Unterstützung wäre der einsame Protest des Verkäufers wohl im Sande verlaufen, mit Hilfe der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft FAU konnte er jedoch gegen seinen Ex-Chef vor Gericht ziehen und erzielte eine vorteilhafte Einigung.

Zu dem Erfolg beigetragen habe, dass die Basisgewerkschaft mit Öffentlichkeitsarbeit Druck auf den Arbeitgeber ausgeübt hat. Überhaupt könnten Streiks in prekären Sektoren nur Erfolg haben, wenn sie »von Auseinandersetzungen in der Gesellschaft begleitet« werden, wie es im Vorwort des Buches heißt.

Auch bei H&M oder Amazon haben sich Kunden und Aktivisten mit den Streikenden solidarisiert. Im »Care«-Sektor, also in der Versorgung von Kindern, Alten oder Kranken werden, ist dies noch wichtiger, was sich in einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis während des Charité-Streiks niederschlug.

Trotz der Vielzahl der von Nowak und anderen Autoren beschriebenen Fälle kommen die meisten Beispiele über die Prädikate »interessant«, »vorbildlich« oder »zukunftsweisend« kaum heraus. Die großen Erfolgsstorys des Bandes kommen eher aus dem Ausland. So aus Italien, wo es Arbeitern in der Logistikbranche dank der Basisgewerkschaft S.I.Cobas und linker Solidaritätsgruppen gelang, sich zu organisieren und Verbesserungen durchzusetzen. Auch in prekären Sektoren in Frankreich fanden in den vergangenen Jahren erfolgreiche Streiks statt: in Subunternehmen von Luxushotels, von Papierlosen in Pariser Friseur- und Maniküresalons und von prekär arbeitenden Kulturschaffenden. Ein historisches Beispiel aus Großbritannien - die Unterstützung des Bergarbeiterstreiks durch Schwule und Lesben - unterstreicht die mögliche Reichweite gesellschaftlicher Solidarität.

Theoretisch untermauert werden die journalistischen Texte von einem lesenswerten Beitrag der »Antifa Kritik und Klassenkampf« aus Frankfurt am Main. »Wir wollen wieder dort hingehen, wo es wehtut«, schreiben sie und kritisieren sowohl die Beschränkung auf die »reine Erkenntnis des gesellschaftlichen Ganzen« als auch die »systemimmanenten Einzelforderungen reiner Interessenkämpfe«. Sie nehmen eine klassenkämpferische Perspektive mit kritischem Bewusstsein ein und betonen, dass der Klassenkampf nicht mehr bloß »in und vor den großen Fabrikhallen« stattfinde. Langfristig tue wieder Organisierung Not: »Rund um die Orte, an denen Herrschaft und Ausbeutung sich alltäglich reproduzieren«.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Selbstorganisation der Lohnabhängigen »von unten« ist auch im Streikjahr 2015 ein Randphänomen in Deutschland. Allerdings gelingt es dem Buch, versprengte Ansätze und Erfahrungen erstmals zu versammeln und vielleicht auch dem ein oder anderen prekär Beschäftigten Mut zu machen. Schade nur, dass das Buch nicht auf die neuen Organisationen lohnabhängiger Migranten in Deutschland eingeht. Nicht zuletzt sie werden es sein müssen, die die Antwort auf Menschen wie Hans Werner Sinn geben, der angesichts der Immigration letzthin frohlockte: »Wir werden leichter an eine Putzkraft kommen oder unser Auto waschen lassen können«.

Peter Nowak (Hg.): Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen Fabriken. 112 S., 7,80 €, Edition Assemblage 2015.

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