Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Es läuft nicht gut, überall brennt es«

150 Neonazis marschieren in Leipzig einen rechten Winkel ab - Tausende demonstrieren dagegen / Steinwürfe auf Polizisten - die Antwort: Jagdszenen, Schlagstockhiebe, Tränengas

  • Von Jennifer Stange
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Mythos Connewitz lebt - im Guten wie im Schlechten. Das steht schon am späten Samstagnachmittag fest. Dabei war der südlichste Zipfel Leipzigs an diesem Tag wie ausgestorben.

Monatelang hatten der rechte Legida-Ableger »Offensive für Deutschland« und die Partei »Die Rechte« zum Sternenmarsch auf das linke Viertel gerufen. Bereits am Freitag war klar, die Nazis würden nicht in Connewitz ankommen. Drei angemeldete Demonstrationen wurden von der Ordnungsbehörden zusammen und auf eine rund 600 Meter lange Route in der benachbarten Südvorstadt verlegt.

Kurz und schmerzlos liefen etwa 150 Nazis ab 14 Uhr einen rechten Winkel und kehrten zwei Stunden später auf derselben Route zum Ausgangspunkt zurück. Die Redner von »Die Rechte« versuchten ihren Anhängern diesen Tag trotzdem als Erfolg zu verkaufen. »Seit heute ist Connewitz national!«, schrie eine Nazi heiser ins Mikrophon. Wusste er es nicht besser, oder versuchte er seine Kameraden reinzulegen? Denn näher als einen knappen Kilometer kamen sie an den berüchtigten Stadtteil gar nicht heran.

»Es läuft nicht gut, überall brennt es, Polizisten wurden angegriffen!« – der Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz wirkt beinahe geknickt, als er das sagte. Und im Vergleich dazu, wie dieser Tag erwartungsgemäß in den Medien verarbeitet werden wird, ist diese Aussage wohl fast beschönigend. Im Umfeld der Route, entlang der Karl-Liebknecht-Strasse, die vom Zentrum durch die Südvorstandt nach Connewitz führt, entlud sich ab Mittags die gesamte Wut derjenigen, die sich nach mehr als 30 rechten Aufmärschen in der Messestadt angestaut hatte.

Geschätzt waren an diesem Tag bis zu 5.000 Menschen auf den Beinen, damit die Nazis keinen Meter machen. Das hat nicht geklappt. Die kurze Route war mit Polizeigittern und Polizeifahrzeugen in zwei Zirkeln um die Route herum abgeriegelt. Jenseits dessen brannten Barrikaden, Mülltonnen wurden auf die Straße gezerrt, Haltestellen entglast, versucht die Polizeiketten zu durchbrechen, Steinwürfe auf Beamte. Die Antwort der Polizei: Jagdszenen, Schlagstockhiebe, Tränengas, Wasserwerfer, Gasgeschosse in die Menschenmengen.

Ein früher Höhepunkt des Protests: Lothar König wurde in Gewahrsam genommen. Laut MDR Thüringen wird ihm die Polizei Landfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt vor. Merbitz bestätigte auch, dass der Lautsprecherwagen vorerst beschlagnahmt wurde. Ereignisse, die an Dresden 2011 erinnern. Damals wurde ihm vorgeworfen, zu Gewalt aufgerufen zu haben. Das Verfahren wurde Jahre später gegen eine Geldzahlung eingestellt.

Laut MDR-Reporter hatte sich der Lautsprecherwagen fünf bis zehn Meter einer Polizeiabsperrung genähert. Damit war die Fahrt vorerst vorbei. Berichten zufolge wurde König bei der Festnahme tätlich angegangen. Die Polizei ist zu diesem Zeitpunkt nicht erreichbar. Ob es weitere Festnahmen gab, ist ebenfalls unklar. Publikative.org berichtet von einem schwerverletzten Gegendemonstranten, auch das ist bisher unbestätigt. Am Abend wurde zu einer Kundgebung vor der Polizeiwache aufgerufen, um gegen Festnahmen zu Protestieren.

Ab 17 Uhr beruhigte sich die langsam Situation. Hier und da brannte es noch, doch auch viele Gegendemonstranten machten sich auf dem Heimweg. Schon jetzt ist das Urteil über die heutigen Geschehnisse in den sozialen Netzwerken geteilt. Mit Gewalt würden sich Nazigegner keinen gefallen tun, sagen die einen. »Heult doch! Antifaschismus bleibt Handarbeit«, sagen die anderen. Allerdings: Die Nazis waren heil davongekommen und laut Polizei ohne weitere Zwischenfälle schon längst abgezogen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln