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In dubio pro Schmidt

Schon komisch, dass sich viele Sportjournalisten auf Roger Schmidt aus Leverkusen eingeschossen haben. Schließlich lässt er einen Fußball spielen, der einem eher uncharismatischen Verein endlich eine Identität verleiht.

Am Wochenende habe ich eine interessante Selbstbeobachtung gemacht: Ich habe mich für einen Verein gefreut, der mir eigentlich egaler als egal ist. Und das wegen eines Trainers, den ich persönlich nicht kenne. 5:0 hat Bayer Leverkusen gegen Borussia Mönchengladbach gewonnen. So etwas nennt man wohl einen deutlichen Sieg gegen eine nicht ganz blinde Mannschaft.

Wobei: Ob jetzt Kießling, Meier oder Müller getroffen haben, war mir reichlich wumpe, viel erfreulicher waren die Kommentare in einigen Medien, die nun kleinlaut berichteten, dass das nun alles doch ganz ordentlich anzusehen gewesen sei, was die Leverkusener da getrieben hätten.

Und das, wo zuvor wochenlang auf einen Trainer draufgedroschen wurde, dessen Verbrechen sich aus der Entfernung nicht so recht erschließen ließ. Seine Mannschaft hatte ein paar Punkte (nicht viele) zu wenig auf dem Konto. Doch das passiert nach allen Gesetzen der Mathematik eher jedem Zweiten als jedem Dritten in der Liga. Und nie las man einen Kommentar, der etwa Markus Weinzierl (Augsburg) oder Armin Veh (Frankfurt) mit so viel offensichtlicher Wut angezählt hätte. Dabei fehlen ihren Teams mindestens genau so viele Punkte wie den Leverkusenern.

Vielleicht ist es ja Zufall, aber schon Stuttgarts Alexander Zorniger, neben Schmidt ein weiterer Freund eines ziemlich kompromisslosen Offensivfußballs, musste sich so lange harsch kritisieren lassen, bis er flog. Dass es dafür gute Gründe gab, steht auf einem anderen Blatt, interessant ist aber, dass sowohl Zorniger als auch Schmidt zunehmend empört vorgeworfen wurde, dass sie einen zu offensiven Fußball propagierten.

Dabei sollte man meinen, dass man als Angehöriger einer Berufsgruppe, die von Berufs wegen viel Fußball schaut, mit einem gewissen Wohlwollen beobachtet, wenn sich jemand dem schönen Ball verschrieben hat. Und zum anderen könnte Journalisten ja auch aus anderen Gründen gelegen kommen, wenn sich ein Trainer darum bemüht, einem Verein so etwas wie eine eigene fußballerische Identität angedeihen zu lassen. Gerade, wenn es um Bayer Leverkusen geht, einem Verein, der überregional nun wirklich keine gigantische Strahlkraft besitzt, zu dem man weder geht, weil die Stimmung dort so dolle wäre, noch, weil das Nachtleben dort so spannend wäre, dass aus einem Fußball-Nachmittag flugs ein gigantisches Wochenende würde.

Um sich Spiele von Bayer Leverkusen gerne anschauen zu können, muss man entweder Fan dieses Vereins sein, das können nicht viele von sich behaupten. Oder sie müssen Freunde eines Fußballs sein, den man sich gerne anschaut. Roger Schmidt kann man also nur wünschen, dass er sich nicht beirren lässt. Mir fallen nämlich gleich ein paar Mannschaften ein, denen ich eine 0:5-Niederlage mehr gönnen würde als den Gladbachern.

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