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Als wäre es gestern geschehen

Annotiert

In einem Hinterhof nahe der Berliner Mauer verlor in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 1964 der Rostocker Grenzsoldat Egon Schultz sein Leben. Er wurde nur 21 Jahre alt. In der DDR war er eine Legende, ein Märtyrer, angeblich »von Westberliner Agenten meuchlings ermordet«. Erst Jahre nach dem Mauerfall stellte sich heraus, dass sein Tod versehentlich durch Kugeln aus der Waffe eines Kameraden verursacht worden ist.

Der Rostocker Schriftsteller Michael Baade war ein enger Jugend- und Studienfreund sowie Lehrerkollege von Egon Schultz. Immer wieder hat er sich mit dessen Schicksal befasst, unterstützt von Dietmar Arnold, dem Vorsitzenden des Vereins »Berliner Unterwelten«. Aus persönlichem Erleben und anhand von offiziellen und lange geheimgehaltenen Dokumenten berichtet Baade aus dem Leben und vom tragischen Tod seines einstigen Freundes. Er lässt Augenzeugen und Tatbeteiligte zu Wort kommen, die in sehr persönlichen, nachdenklichen und zuweilen selbstkritischen Rückblicken noch einmal die Dramatik der damaligen Ereignisse reflektieren. Darunter auch der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck, der 2004 an der Enthüllung einer neuen Gedenktafel für Egon Schultz in Berlin teilgenommen hat. In einer emotionalen Ansprache betonte jener damals, dass es keine Opferhierarchie geben dürfe, die deutsche Teilung Menschen auf beiden Seiten Leid und Schmerz zugefügt habe.

Der Tod von Egon Schultz liegt nun schon über ein halbes Jahrhundert zurück. Michael Baade erzählt und dokumentiert so lebendig und ergreifend, als wäre es erst gestern geschehen. Erstaunlich auch, dass es immer noch neue Erkenntnisse zum Tathergang gibt. Parallel zum Erscheinen des Buches ist in den Räumen der Societät Rostock maritim e. V., in der August-Bebel-Str. l der Hansestadt, eine gleichnamige Ausstellung gestaltet worden, die noch bis zum 8. Januar besucht werden kann.

Peter Schütt

Michael Baade: Der Tod des Grenzsoldaten. Egon Schultz, der Tunnel und die Propagandalüge. Edition Berliner Unterwelten im Ch. Links Verlag, Berlin 2015. 285 S., geb., 20 €.

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