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Zappelnde Schulversager

Jungen haben schlechtere Schulnoten als Mädchen und sind häufiger als diese verhaltensauffällig. Das liegt auch am Unterricht, der kaum noch jungengerecht ist. Von Guido Sprügel

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Eigentlich ist Hugo ein ganz normales Grundschulkind. Doch die Einschränkung »eigentlich« lässt sofort erahnen, dass er eben das nicht ist: ein normales Grundschulkind. Hugo droht nämlich in der Grundschule zu scheitern. Bereits in der zweiten Klasse war die anfängliche Schuleuphorie wie weggeblasen. Die Schule wurde mehr und mehr zum feindlichen Terrain, ihr Besuch ging immer öfter mit Bauchschmerzen einher. Es hagelte Kritik von der Lehrerin: Hugo sei zu laut, unkonzentriert, er schaffe seine Aufgaben nicht. Der Rat der Lehrerin: die Eltern sollten es doch einmal mit Ergotherapie probieren. Ein Einzelfall, der immer mal wieder vorkommt. So könnte man meinen.

In der Ergotherapiepraxis dann das große Staunen bei Hugos Eltern. Von Termin zu Termin treffen sie immer wieder andere Jungs aus der Klasse. Man kommt ins Gespräch und stellt fest, dass rund ein Drittel der Jungen aus der zweiten Klasse sich in Behandlung befindet. Alle sind sie zu laut, zu unkonzentriert, zu fahrig. Bei allen soll die Ergotherapie helfen.

Auch hier könnte man denken, nun gut, ist halt eine Klasse in einer Grundschule in Hamburg-Eppendorf betroffen. Doch wenn man genauer hinschaut und hinhört, scheint es ein verbreitetes Problem zu sein. Die Grundschule ist offensichtlich nicht gemacht für die männlichen Schüler. Im Stadtteil Eimsbüttel hat der zehnjährige Finn das Gefühl, die Mädchen könnten alles besser und die Jungs seien doof. Die Elternvertreter mailen immer stolz die aktuelle Notenstatistik herum. Zu den 70 Prozent, die in Deutsch eine Zwei haben, gehört Finn nicht. Überhaupt gehören aus der gesamten vierten Klasse nur zwei Jungen in diese Notenkategorie.

Im schleswig-holsteinischen Ahrensburg hat Linus bereits die Schule gewechselt. Er geht jetzt auf eine Schule in privater Trägerschaft - ohne Notendruck und Lernstress. Seit zwei Jahren blüht der mittlerweile Zwölfjährige auf. Er geht gern zur Schule und freut sich nach den Ferien auf den Schulbeginn. Das war auf der staatlichen Grundschule anders. Bereits in der ersten Klasse sollten die Eltern mit ihm zur Ergotherapie, zum Ende des ersten Schuljahres dann zur Psychotherapie und in der zweiten Klasse schließlich zum Psychiater. Daraufhin zogen die Eltern die Reißleine. Sie empfanden ihren Sohn nicht als gestört. In der neuen Schule gab es bislang keinen einzigen Anruf des Lehrers.

Was ist da los? Sind wirklich immer mehr Jungen ›gestört‹? Oder sind die geschilderten Schicksale Einzelfälle und die Jungen wirklich extrem verhaltensauffällig? Wenn man Frank Beuster zuhört, relativiert sich die Sicht auf die Jungen, die extrem schwierig und unangepasst sind. Der 54-Jährige leitet eine Grundschule im Hamburger Stadtteil Alsterdorf, ist aber vor allem durch sein Buch ›Die Jungenkatastrophe‹ (2006) bekannt geworden. »Unser gesamter Aufbau der Schule passt eher für die Mädchen als für die Jungen. Die Inhalte und die Form der Vermittlung sind für Jungen oftmals nicht geeignet«, erklärt Beuster das Dilemma im deutschen Schulsystem.

Hierbei spielen sehr viele Faktoren eine Rolle. Beuster hat gerade eine Umfrage ausgewertet, in der knapp 100 Prozent der (männlichen) Vorschüler angaben, sehr gerne zur Schule zu gehen. In der vierten Klasse sank dieser Wert auf 37 Prozent. Beuster hält es für problematisch, dass in sehr vielen Grundschulkollegien fast nur Frauen arbeiten. »Frauen können Jungs aber nun einmal nicht verstehen, weil sie keine Jungs sind. Umgekehrt wäre das der gleiche Fall! Als Mann versteht man Mädchen oft auch nicht«, erläutert Beuster. Ihm fehlen an Schulen die Bewegungsangebote, der analytische Blick für das mitunter chaotische Lernverhalten vieler Jungen und die Akzeptanz für Körperlichkeit. »Viele Kolleginnen gehen sofort gegen ›Spaßkämpfe‹ vor und lassen ein körperliches Messen der Jungen gar nicht erst zu«, kritisiert Beuster. Aber genau dieses Kräftemessen bräuchten Jungen.

Vor Leistungsdruck kann auch ein Frank Beuster die Jungen nicht schützen. Und er begegnet in seinem Berufsalltag immer mehr Eltern, die ihre Kinder als Kapitalanlage für die Zukunft sehen. »Viele Eltern haben völlig überzogene Erwartungen und nur die Wettbewerbsvorteile ihrer Kinder im Blick.« Jungen würden eher daran verzweifeln oder mit schlechtem Verhalten reagieren, während Mädchen eher den Erwartungen gerecht werden wollen, erläutert der Schulleiter.

In seiner Schule achtet er seit einigen Jahren auf ein geschlechterparitätisch zusammengesetztes Kollegium. In Supervisionen setzen sich die Kolleginnen und Kollegen immer wieder mit Rollenklischees und der Mädchen-Jungen-Thematik auseinander. Den Unterricht versucht die Schule geschlechtergerecht zu gestalten, d.h. die Jungen zu fördern, ohne die Mädchen zu vernachlässigen. Neben vielen Sportangeboten, Lehrern und Erziehern beiderlei Geschlechts gibt es auch Angebote zum Ringen und Raufen.

Für Hugo kommt ein Wechsel auf diese Schule leider nicht in Frage. Der Schulweg ist zu weit. Die Eltern haben die Ergotherapie mittlerweile abgebrochen und versuchen ihren Sohn, so gut es geht, zu Hause aufzubauen. Ein Part, den eigentlich auch die Schule leisten könnte. Eigentlich.

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