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Das Gelobte Land beginnt in Hyllie

Auf der ersten schwedischen Station jenseits des Öresunds ist für Flüchtlinge die Reise erst einmal zu Ende

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.
Das von Flüchtlingen als Reiseziel bevorzugte Schweden will noch stärker kontrollieren, wer ins Land kommt. Auch per Bahn.

Die Bahnfahrt zwischen den Stadtzentren von Kopenhagen und Malmö dauert etwas mehr als eine halbe Stunde und ist eine der meistbefahrenen Strecken. Rund 30 000 Menschen pendeln täglich über den Öresund. Die Mehrzahl von ihnen sind Pendler, die die Tour täglich zur Arbeit und wieder nach Hause machen.

Seit dem Sommer hat sich die Zusammensetzung der Passagiere in Richtung Schweden jedoch verändert. Täglich besteigen zwischen einigen Dutzend und mehreren Hundert Flüchtlingen den Zug in Kopenhagen, um die letzten Kilometer in das ersehnte Asylland Schweden zu nehmen. Mit Einführung einiger Einschränkungen bei der Asylerteilung Ende November wurde auch erstmals wieder seit vielen Jahren eine Grenzkontrolle errichtet, bei der die schwedische Polizei stark präsent ist und Personenkontrollen durchführt.

Der nahezu unkontrollierte Zustrom von Asylbewerbern setzte die schwedische Regierung unter Druck, wieder mehr Kontrolle auszuüben, um ein Bild zu bekommen, wer eigentlich wann die Grenze überschreitet. Um zu sehen, wie das im wirklichen Leben funktioniert, habe ich an diesem vorweihnachtlichen, wolkenverhangenen Sonntag den Zug in Richtung Malmö genommen.

Die Öresundbrücke spielt eine wichtige Rolle in einem populären Mehrteiler über grenzüberschreitende Kriminalität. Davon weiß die Familie, mit der ich das Coupé teile und versuche ein Gespräch anzuknüpfen, sicherlich nichts. Obwohl es warm ist im Zug, haben die Eltern und die beiden kleinen Mädchen ihre Mäntel und Jacken anbehalten. Nur der Mann spricht ein wenig Englisch und bejaht meine »Asyl?« -Frage. Irak fügt er noch hinzu, aber mehr will er nicht preisgeben. Vielleicht fühlt er sich ausgehorcht von diesem Fremden. Bei der Kontrolle - nein, sie haben keine Fahrkarten - teilt der Schaffner ihm als extra Service mit, dass sie an der nächsten Station aussteigen müssten. Bei »Pass« und »ID« nickt der Iraker bestätigend.

So kommt es denn auch. Bei der Ankunft in Hyllie, der ersten Station auf schwedischer Seite, besteigen in allen Türen schwedische Polizisten den Zug. Auf den ersten Blick wird deutlich, wer von den skandinavischen Passagieren die Reise häufig macht und wer vermutlich nur zum Weihnachtseinkauf hierhergekommen ist. Die routinierten Passagiere halten Pass oder Fahrerlaubnis bereit, um im Vorbeigehen als einreiseberechtigt anerkannt zu werden. Wir Eintagspassagiere fummeln erst nach einem Dokument, das unseren legalen Aufenthalt in einem der Länder bestätigt. Wer keines hat, wird aus dem Zug gewiesen.

Die schwedische »Polis« winkt die Asylbewerber aus dem Zug und sammelt eine Gruppe von ungefähr 15 Personen auf dem Bahnsteig. Ich steige ebenfalls aus, um zu sehen, wie es weitergeht. Sie als Asylbewerber auszumachen ist keine große Kunst und der ganze Vorgang sieht nach Routine aus. Die Polizisten erzählen bereitwillig, wie ihr Tagesablauf an dieser Stelle aussieht. »An manchen Tagen im Herbst kamen wir kaum hinterher, so viele kamen mit jedem Zug, aber in den letzten zwei Wochen sind es weniger geworden.« Im Oktober und November musste man mit halbstündigen Verspätungen rechnen, aber das hat die Polizei nun in den Griff gekriegt und nur wenige Minuten über die Fahrplanzeit hinaus rollt der Zug weiter in Richtung Malmö. Die Neuankömmlinge haben die Kapuzen aufgesetzt und manche auch einen Schal vor das Gesicht gebunden, obwohl es nach hiesigen Maßstäben warm ist. Der Kontrast zu Afghanistan, Eritrea und Syrien sowie Irak, ihren vermutlichen Herkunftsländern, dürfte aber deutlich spürbar sein für sie.

Während die meisten dänischen Fahrgäste bereits in Richtung der nahe gelegenen Supermärkte geeilt sind, um ein Weihnachtsschnäppchen zu ergattern, werden die Neuankömmlinge nun von einigen Polizisten die Treppe hochgeleitet zu den anbei parkenden Polizeibussen. Vom Bahnhof aus werden sie zum nahegelengen Büro von Migrationsverk, der schwedischen Ausländerbehörde, gefahren.

Diese Prozedur wiederholt sich auch nach der Ankunft der nächsten beiden Züge und nur die Anzahl der Asylbewerber schwankt zwischen einer Handvoll und knapp zwei Dutzend. Bei dieser Routine wird die tägliche Praxis für die Ausländerbehörde von Malmö deutlich, dass in den letzten sieben Tagen über 1400 Asylbewerber ankamen. Von dänischer Seite aus gibt es keine Kontrolle und die Behörden folgen der regierungsamtlichen Philosophie, dass man Schweden nicht daran hindern will, die großzügige Asylpolitik durchzuführen. Ab Januar soll sich das aber ändern, denn dann sollen alle Passagiere ohne Identifikationsdokumente bereits in Kastrup, der letzten dänischen Station, abgewiesen werden.

Ich fahre zurück nach Hause und im Zug nach Kopenhagen sitzen nun vorzugsweise Schweden, die einen Einkaufsbummel in Kopenhagen und eine Tour im Tivoli-Vergnügungspark machen wollen. Die Endstation von Zugfahrten kann eben sehr verschieden sein.

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