Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Das Geschäft mit den Foto-Löwen

Tierparkfotograf Michael Barz lichtete tausende Besucher mit Raubkatzen auf dem Schoß ab

Fast 30 Jahre lang arbeitete Michael Barz in Friedrichsfelde: Als Tierparkfotograf setzte er vor allem Kinder mit Löwenbabys auf dem Schoß in Szene.

Generationen saßen bei Michael Barz auf der blaugestrichen Holzbank und lächelten in seine Kamera. Manchmal schauten sie ein bisschen ängstlich, doch meistens stolz: Weich fühlte sich das kleine Löwenbaby an und ganz warm.

Klick, Klick - zwei Aufnahmen wurden gemacht, dann noch schnell die Anschrift notiert, und nach ungefähr einer Woche bekamen die Tierparkbesucher ihre drei Schwarz-Weiß-Aufnahmen im Postkartenformat zugeschickt. Es war eine Massenabfertigung. Viele kamen extra wegen der begehrten Bilder in den Tierpark, Berliner aus Ost und West, aber auch Touristen aus aller Welt. »Spaß gemacht hat es trotzdem, obwohl es nicht immer nur lustig war«, erinnert sich Michael Barz.

Denn manche Leute bezeichneten das, was er machte, als Tierquälerei. »Sie beschimpften mich, wollten dann aber trotzdem fotografiert werden«, sagt der 72-Jährige kopfschüttelnd. Und dann erzählt er, wie er zu seinem ungewöhnlichen Job kam.

Schon als Kind interessierten ihn Tiere. Deshalb fuhr er oft mit dem Fahrrad von Köpenick nach Friedrichsfelde, um viele Aufnahmen zu machen. Es gab dort einen Jugendklub, und er wurde Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft (AG) Fotografie. Der erste Tierparkfotograf Werner Engel leitete die Mädchen und Jungen an: Zeigte ihnen, wie Tiere am besten ins richtige Licht gesetzt werden und sagte einen Satz, den Michael Barz verinnerlichte: »Geduld ist ganz wichtig, irgendwann macht ein Tier dann das, was man gerne sehen möchte.«

Als der AG-Leiter schließlich Mitte der 1960er Jahre einen Mitarbeiter suchte, meldete sich Barz sofort. »Ich dachte zwar nur für eine Saison, doch es sollte für immer sein«, erzählt er. Fünf Jahre lang kümmerte er sich zunächst nur um die Löwenbabys, die Engel in verschiedenen Zoos gekauft hatte. Er holte sie aus dem Stall und setzte sie den Tierparkbesuchern auf den Schoß.

Doch bald durfte er selbst die interessierten Gäste ablichten. Als gelernter Schneider machte er noch per Abendstudium seinen professionellen Fotografie-Abschluss. 16 Jahre lang standen dann Werner Engel und Michael Barz, der inzwischen Engels Tochter geheiratet hatte, gemeinsam hinter der Kamera. Ab 1980 führte er das kleine Freiluftstudio in der Nähe des Tierpark-Spielplatzes gemeinsam mit seiner Frau. Die Löwenbabys wurden per Hand aufgezogen und standen auch unter ärztlicher Kontrolle. Anfangs hielt Barz Schwiegervater die Tiere noch im heimischen Garten. Mit einem kleinen, überdachten Handwagen wurden sie damals zum Aufnahmeort gebracht. »Das waren stets zwei Löwen, die abwechselnd für die Porträts zur Verfügung standen«, sagt der Fotograf.

Zwischendurch hätte es immer mal wieder Erholungspausen gegeben, von denen die Wartenden allerdings nicht begeistert waren. Glücklicherweise sei in den fast 30 Jahren nichts Gravierendes passiert, betont der Tierparkfotograf. »Nur ein paar Kratzer gab es, mal ein angepinkeltes Hosenbein oder zerrissene Strumpfhosen.«

Mit der Wende ging auch das Geschäft zu Grunde. Nicht nur, dass plötzlich weniger Besucher kamen, der Preis war ihnen zu teuer: Anstatt der fünf Ost-Mark sollten sie 18 D-Mark für drei Farbbilder zahlen. Zudem prangerten Tierschützer den Umgang mit den Foto-Löwen an.

Michael Barz fühlt sich immer noch dem Tierpark in Friedrichsfelde verbunden. »Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich schließlich dort«, sagt er. Wenn er manchmal zu der Stelle geht, wo einst die Aufnahmen entstanden, sieht er wieder die riesige Warteschlange vor sich - und es kommen gute und schlechte Erinnerungen hoch. Und er wünscht sich, dass der Tierpark auch künftig vor allem »ein Erholungsort und eine Bildungsstätte bleibt und niemals zu einem Disneyland verkommt.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln