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Sehnsucht und ständige Ungewissheit

Folge 83 der nd-Serie »Ostkurve«: Das Fanhaus des 1. FC Union Berlin fungiert derzeit als Flüchtlingsunterkunft

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 6 Min.

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Fans und Verantwortliche der »Eisernen« wollten dem politisch bedingten Chaos nicht länger zusehen und selbst helfen. Darum leben nun im Fanhaus von Union in Berlin-Köpenick 114 Geflüchtete.

Wenn die Zeit aus den Fugen ist, braucht es Menschen wie Heidi. Die ehrenamtliche Helferin in dem ehemaligen Supermarkt in der Lindenstraße in Berlin-Köpenick will »kein großes Tamtam« um ihr Engagement machen. Schließlich wohne sie um die Ecke und habe genug Zeit. »Die Leute mussten Schlimmes erleben und brauchen Unterstützung.«

»Die Leute«, das sind 114 Flüchtlinge, die derzeit in dem eigentlich als Fanhaus geplanten Gebäude des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin leben. Heidi arbeitet hier in der Küche. Gerade sammelt die resolute kleine Frau von den Holztischen des weitflächigen Speiseraums so viel Geschirr ein, dass sie fast hinter dem Tellerturm verschwindet, den sie auf ihre Hände lädt. »Es geht darum, nicht zu labern, sondern anzupacken!«, ruft Heidi, als sie am hinteren Ende des Saales ankommt.

Mohamed Nasser Kardi eilt seiner Kollegin besorgt entgegen. Vor sieben Monaten ist er aus Syrien geflüchtet und lebt seither im Containerdorf in der Alfred-Randt-Straße. Im Gespräch zeigt sich der studierte Chemieingenieur in akzentfreiem Englisch dankbar, dass er in Deutschland bleiben und arbeiten darf, denn sein Asylantrag wurde bewilligt. Sein heiteres Gemüt und seine selbstbewusste Körperhaltung lassen darauf schließen, dass Kardi weiß, wie viel Glück er hat, formal hochgebildet zu sein und damit in Deutschland leichter auf Akzeptanz zu stoßen als Geflüchtete ohne ökonomisch sicher verwertbare Qualifikation. Ob er sich trotz seiner prekären Lage als zufrieden bezeichnet? Kardi schiebt seine randlose Brille zurecht: »Ich bin mit mir im Reinen.«

Am Tisch nebenan sitzen mehrere Männer mittleren Alters, von denen einer den bereitwillig Auskunft gebenden Kardi so interessiert ansieht, als verstünde er ihn. Das jedoch, so stellt sich heraus, tut er nicht. Zögerlich erklärt er sich zu einem Interview bereit, für das es einen Dolmetscher braucht. Eigentlich kommt dafür nur Amir in Frage, der gleich zum Deutschunterricht muss. »Ein paar Minuten habe ich ja aber noch«, sagt er lächelnd und setzt sich dazu.

Der Mann stellt sich als Feras vor und berichtet von seiner Flucht. In Irak musste er seine fünf Kinder und seine Frau zurücklassen, weil er ihnen den lebensgefährlichen Weg nach Europa nicht zumuten wollte. Seine Augen sehen traurig und erschöpft aus. So froh er auch sei, im Union-Fanhaus untergekommen zu sein, so sehr vermisse er seine Familie, zu der ein regelmäßiger Kontakt nicht möglich sei. »Das«, konstatiert Feras unter sich auf den Boden blickend, »bedrückt mich noch mehr als die ständige Ungewissheit, wie es hier weitergehen soll.«

Heidi stellt Feras einen frisch gebrühten Kaffee hin. Ihr letzter Handgriff für heute, denn sie muss jetzt los. Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet sie sich von Peter Hermanns, der sich im Flur mit einer syrischen Frau unterhält. Hermanns kommt vom Internationalen Bund (IB). Der Fußballklub hat dem Land Berlin das Gebäude vermietet und den Sozialdienstleister als Betreiber ausgewählt. Neben 40 Ehrenamtlichen kümmern sich zwei Sozialarbeiter und einige Küchenhilfen um die Bewohner. »Wir arbeiten schon in anderen Flüchtlingsprojekten erfolgreich mit dem Verein zusammen«, sagt Hermanns, als er einen Holzverschlag ansteuert, auf dessen Außenwand in großen Lettern »Kindergarten« steht.

Matthieu, ein junger Mann mit schwarzem Hut, ist hier als Erzieher für die Jüngsten zuständig und zeigt gern sein kleines Reich. »Mit Holzpaletten«, freut sich der Franzose, »habe ich Regale für die Kinder aufgebaut und eine Sofaecke eingerichtet.« An einem Tisch sitzen zwei Jungs beim Kartenspiel »Uno« beisammen.

Als der einjährige Azzam aus Syrien an der Hand seiner Mutter Rana hereinspaziert, um dem Spiel neugierig zuzusehen, schwärmt Matthieu vom Vortag, als er mit einigen Bewohnern einen Ausflug in die Innenstadt unternahm: »Das tat allen richtig gut. Allein trauen sich die meisten nicht weit vom Gelände weg, dabei ist es so wichtig, dass sie ab und zu mal rauskommen.«

Für die dauerhafte Beherbergung so vieler Menschen ist das Haus ohnehin nicht geeignet. Im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingsunterkünften sind die Bedingungen an diesem Ort jedoch für eine Übergangszeit annehmbar. Die ehemalige Discounterfiliale ist in »Schlafabteile« für sechs bis acht Personen gegliedert. Darin befinden sich Holzbetten, Nachttische und Schränke. Doppelstockbetten, wie man sie in den üblicherweise für Flüchtlinge bereitgestellten Hallen sieht, gibt es hier nicht. Zum Duschen oder zur Toilette müssen die Bewohner allerdings nach draußen gehen, denn die sanitären Anlagen sind in kleinen Containern untergebracht. Seit Wochen wartet der IB auf dringend benötigte weitere Toiletten. »Mit der Politik läuft die Zusammenarbeit nicht immer so gut wie mit dem Verein«, sagt Hermanns und zieht seufzend die Augenbrauen hoch.

Die Probleme sind auch dem 1. FC Union nicht verborgen geblieben. Sven Mühle leitet das Fanhaus. Sein Büro, das von außen aufgrund der im Fenster hängenden Vereinsfahne leicht zu identifizieren ist, liegt direkt neben dem Haupteingang. Rauchend sitzt er vor seinen vier Monitoren, von denen einer das Bild der Überwachungskamera des Eingangsbereichs zeigt. Die Idee, das Fanhaus zur Notunterkunft zu machen, kam dem Klub schon im September. »Damals«, sagt Mühle, »war abzusehen, dass in den Wintermonaten viele Sporthallen als Herberge würden dienen müssen.«

Vereinsverantwortliche und Fans hätten dann schnell angeboten, die eigentlich als Fanhaus geplante Immobilie zur Verfügung zu stellen. Hermanns, der sich jetzt ebenfalls eine Zigarette anzündet, erinnert sich an den Tag im November, als die ersten Geflüchteten einziehen sollten: »Wir hatten Essen besorgt und unsere Helfer waren da, als die Mitteilung kam, dass vorerst niemand zu erwarten sei.« Die Helfer habe er schon nach Hause geschickt, als erneut ein Anruf aus dem für Flüchtlinge zuständigen Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) mit der Nachricht gekommen sei, dass die Menschen nun doch sofort einziehen würden. Am Abend erfuhr Hermanns: Man wusste beim LAGeSo nicht, dass es sich bei dem Fanhaus von Union und der Einrichtung in der Lindenstraße um ein und dasselbe Gebäude handelte.

Während Hermanns mit weiteren Anekdoten die Politik des Berliner Sozialsenators Mario Czaja (CDU) kritisiert, schweigt Mühle. Czaja ist bekennender Union-Anhänger, was ursächlich dafür sein könnte, dass der Leiter des Fanhauses erklärt, »das alles« sei keine einfache Aufgabe für die Politik, weshalb »wir von Union den Leuten in ihrer Situation bestmöglich helfen wollen«. Das traditionelle Weihnachtssingen im Stadion an der Alten Försterei mit einem Chor aus mehr als 20 000 Menschen übertrug der Klub für die Flüchtlinge am Mittwochabend live auf eine große Leinwand im Essensraum des Fanhauses.

Am 30. April endet der Nutzungsvertrag. Wie es danach weitergeht, weiß niemand. Mühle, der am Ende doch noch die Politik erwähnt, sieht zumindest nicht den Verein am Zug: »Wir haben unser Bestes getan. In den nächsten Monaten muss sich etwas ändern, sonst verschlimmert sich die Lage vieler Menschen.« Umso wichtiger sei es, ergänzt Peter Hermanns, dass aus der Umgebung weiterhin so viel Unterstützung komme: »Es wäre wunderbar, wenn die Leute bald stabile Kontakte zu Einheimischen aufbauen können.«

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