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»Benutzt« ist insofern ein kongenialer Titel, er bilanziert die Ambitionen dieses völlig generischen »Tatort« genau

Die RTL-Serie »Deutschland 83« hat die Fernsehkritik das ganze Jahr über beschäftigt. Im Februar wurden ein paar Folgen auf der Berlinale gezeigt, was sich mit der Meldung kombinieren ließ, dass ein US-amerikanischer Sender Ausstrahlungsrechte erworben hat. Preis, Reichweite und Geschäftsmodell spielten in der begeisterten Rezeption keine Rolle. Dann lief »Deutschland 83« im Sommer in den USA, was zu den größten künstlerischen Weltniveau-Hoffnungen auf dem Gebiet der Unterhaltungskunst seit dem Tod von Dean Reed verführte; in ihrem Minderwertigkeitskomplex steht die deutsche Filmwirtschaft der verblichenen DDR kaum nach.

Entsprechend zeigten sich große Teile der hiesigen Fernsehkritik ergriffen von der nationalen Aufgabe, dass nun endlich eine gute, eine sogenannte Qualitätsserie, ein »XXL-Erzählformat« (Björn Böhning) von deutschem Boden ausgehen würde. Also wurden die billigen Herzblatt-Geschichten, die von der Begleit-PR am vorgeschobenen Erfinder-Ehepaar Anna »Amerikanerin« und Jörg »Soko« Winger entworfen wurden, brav nachgebetet (»Die Serie war wie ein Kind für uns« [ http://www.mediabiz.de/film/news/deutschland-83-produzent-winger-die-serie-war-wie-ein-kind-fuer-uns/401843]), Ende November folgte die Ernüchterung, es begann die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen.

Was immer gegen Quoten zu sagen ist und vor allem die Vorstellung, dass sich dadurch Qualität illustrieren ließe: Eine Serie, deren Publikum sich von Woche zu Woche verringert, ist offensichtlich keine spannende Serie. Man will dann nämlich nicht wissen, wie es weitergeht, es sind einem die Figuren egal, die Geschichte wirkt lausig. Was »Deutschland 83« sein sollte – ein größerer erzählerischer Entwurf, der sich originell über acht Folgen entwickelt –, war die Serie gerade nicht. Nur das übliche Handlungsgehechel, ideenlos und thetisch zusammengekloppt. Glutamat-Fernsehen.

Warum so viel Platz in dieser »Tatort«-Kolumne für die kurzzeitige Fata Morgana eines besseren deutschen Fernsehens aufgewendet wird? Weil die Kölner Folge »Benutzt« (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) Schwester im Geiste ist, der Standard des Erzählens, das allgegenwärtige untere Mittelmaß, das »Deutschland 83« war, obwohl es sich darüber doch erheben sollte.

Mit Jens Maria Merz debütiert ein Autor beim »Tatort«, der sich einen Namen gemacht durch Serien wie »Die Berggretter« (vorher: »Die Bergwacht«) und »Der Bergdoktor«. Man wird ihn sich nicht merken müssen, denn Merz vermeidet in seiner Geschichte alle Äußerungen von Eigensinn – »Benutzt« ist insofern ein kongenialer Titel, er bilanziert die Ambitionen dieses völlig generischen »Tatort« genau.

Gesagt werden nur Sachen, die immer schon gesagt worden sind. Es werden einem lauter Namen um die Ohren gehauen, Christian Winter, Kathrin Brandt, Uwe Gläsgen, Karsten Holler, mit denen sich Figuren nur schwer verbinden, es werden Zusammenhänge referiert, die so attraktiv klingen, wie Excel-Tabellen anmuten. Überhaupt hat die Folge einen Zug ins Bürokratische; wenn eine Dialoginformation gefallen ist, die sich am Ende als wichtig für die Nachverfolgung der Handlung verteidigen lässt, dann werden Dialoge abrupt beendet: »Ich hab' jetzt keine Zeit mehr«, sagt ein sich verdächtig machender Verdächtiger (Thomas Dannemann) einmal zu den Kommissaren Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär). Das ist fast rührend, solche Hilflosigkeit.

Die – relativ betrachtet – Originalität der Folge liegt in der Verbrecherfigur, deren Trick es ist, als tot zu gelten, um ungestört Geschäfte zu machen. Diese Verbrecherfigur inszeniert sich in »Benutzt« zum zweiten Mal als tot, und diese Inszenierung fällt dem Kommissar (Schenk) auf, als alle Ermittler Dreiband-Billard spielen gehen; beim Dreiband-Billard muss die weiße Kugel drei Banden berühren, ehe sie eine Kugel berühren darf, man muss also vorausdenken – und genau das macht auch die Verbrecherfigur.

Das ist dann auch wieder rührend, wie die Inszenierung der Verbrecherfigur sich eben nicht der Zuschauerin im Kopf enthüllt an einem gewissen Punkt des Films, sondern wie der Film selbst seine Metapher rüber zum Fall trägt wie früher die Menschen das Wasser vom Brunnen ins Haus. Damit man es versteht. Damit man nichts verpasst. Dieser »Tatort« ist seine eigene Bedienungsanleitung, gerade ästhetisch; außerdem kommen Menschen vor, die grundlos unfreundlich sind: »Tja, wenn ihre Fragen so wichtig sind.«

Immerhin hat Regisseurin Dagmar Seume sich entschieden, den Opel Diplomat, mit dem Fab Five Freddy und Bel Ballauf durch den Film fahren, prominent in Szene zu setzen. Es beruhigt tatsächlich, ein schönes Auto zu sehen, dass sich über Straßen bewegt.

Eine Feststellung, die man sich für eine Bürobesichtigung bei Ventrue Capitalist einpacken sollte:
»Ist ja ganz schön Druck bei euch.«

Einen Fluch, den die AfD verloren hat:
»Wenn ich was hasse, dann ist das fremdes Volk an meinem Schreibtisch.«

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht:
»Das machst aber du.«

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