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Wie die Sprechblasen verloren gingen

Vor 60 Jahren erblickten Hannes Hegens Digedags das Licht der Welt

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Weihnachten 1955 mach᠆te die Weltpolitik gerade Pause. Der Besatzungsstatus im Westen endete offiziell im März, die DDR folgte im September. Die Bundesrepublik war bereits im Mai Mitglied der NATO geworden, eine Woche später wurde der Warschauer Pakt gegründet.

Doch an den Zeitungskiosken der DDR geschah am 23. Dezember etwas überaus Erstaunliches: Ein buntes Heft lag - wenn auch nicht lange - in der Auslage. Was daran so erstaunlich war? Es handelte sich beim «Mosaik von Hannes Hegen» unstreitig um ein Comicheft. Also etwas, was Lehrer, Pionierorganisation und die Jugendorganisation FDJ bislang als Schund- und Schmutzliteratur bekämpft hatten. Da ging immerhin so weit, dass noch am 15. September in der DDR-Verordnung zum Schutze der Jugend für Besitz und Verbreitung von westlichen Comics und Abenteuerheften Geld- und Haftstrafen angedroht wurden. Doch die SED- und FDJ-Führung hatte auch erkannt, dass angesichts der offenen Grenze mit Verboten und drakonischen Strafen allein nichts zu bewegen war. Eine Alternative musste her. Und so hatte der Verlag «Neues Leben», der der Jungenorganisation unterstand, den Auftrag, Bildgeschichten im Comic-Stil herauszubringen.

Der Karikaturist Johannes Hegenbarth lief offene Türen ein, als er mit einer Mappe voller Entwürfe im März 1955 beim damaligen Verlagsdirektor Bruno Peterson vorsprach. Wie Hegenbarth sich erinnert, war Peterson sofort begeistert von seinen Entwürfen. Hannes Hegen, wie er sich als Schöpfer des «Mosaik» hinfort nannte, war nach eigenem Bekunden über die schnelle Begeisterung erstaunt. Wie er in dem gerade erschienenen Band «Die drei Leben des Zeichners Johannes Hegenbarth» berichtet, erfuhr er erst später von Gisela Zimmermann, der Zeichnerin der großen Mittelbilder des «Mosaik», die politischen Hintergründe der Begeisterung des Verlagsdirektors.

Hegen, der sich bis kurz vor seinem Tod 2014 in der Öffentlichkeit kaum über seine Arbeit äußerte, fand sich erst im Zusammenhang mit der Übergabe seines künstlerischen Nachlasses an das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig bereit, dem dort für die grafischen Sammlungen zuständigen Bernd Lindner Auskunft zu geben. Und so kann man nun parallel zu Mark Lehmstedts «Die geheime Geschichte der Digedags» Hegens eigene Sicht auf sein Lebenswerk nachlesen. Darüber hinaus erfährt man einiges über die Jugend Hegens in einer sudetendeutschen Glashandwerkerfamilie in Böhmisch Kamnitz (heute Česká Kamenice) und seine Arbeit als Karikaturist bei der Satirezeitschrift «Eulenspiegel». Erstmals wird auch die Zeit nach dem Ende der von ihm geschaffenen Digedags beleuchtet.

Hegen nämlich bereitete zu Beginn der 1970er Jahre die Vorstellung, bis zur Rente «Monat für Monat ein Heft herausbringen zu müssen, zunehmend Verdruss». Er schlug dem Verlag vor, nur noch sechs Hefte pro Jahr zu machen, was dieser angesichts des geschäftlichen Erfolgs des «Mosaik» ablehnte. Und nicht nur der Verlag fand die Idee einer Halbierung der «Mosaik»-Einnahmen wenig attraktiv. Auch die Zeichner des «Mosaik-Kollektivs», wie es im Impressum hieß, waren nicht begeistert. Das jedenfalls belegt ein Interview mit der einstigen Koloristin Heidi Jäger in der vergangene Woche beim rbb ausgestrahlten Dokumentation «Das Geheimnis der Digedags» von Joseph Lippok und Maria Wischnewski. Die Mitarbeiter fühlten sich von ihrem Chef übergangen.

Die Fernsehdokumentation zeigt erstmals Schmalfilmaufnahmen Hegens, die ein Bild von der gemeinsamen Arbeit und den Feiern der Mosaik«-Macher vermitteln. Die Schöpferin der Abrafaxe Lona Rietschel - von 1960 bis 1999 beim »Mosaik« - lässt im Gespräch deutlich werden, dass die »Mosaik«-Macher in der DDR gewissermaßen auf einer »Insel der Seligen« lebten. In Hegens Atelier in einer umgebauten Fabrikantenvilla im Berliner Stadtteil Karlshorst arbeiteten sie weitab von Versammlungen und Kontrollen der Chefs des FDJ-Verlags. Wegen des halbjährigen Produktionsvorlaufs blieben sie in der Regel auch unbehelligt von den jähen ideologischen Konjunkturwechseln, wie Hegen gegenüber Bernd Lindner bestätigte. Der einzige von oben verordnete tiefe Einschnitt war - so Hegen -, dass er und seine Digedags sich 1958 vom Römischen Reich verabschieden mussten. »Als die Sowjetunion ihre ersten Erfolge in der Raumfahrt errang, konnte ich die Eingriffe von außen ins Heft nicht länger abwehren, wenn ich nicht das ganze Mosaik aufs Spiel setzen wollte. Da haben wir dann mit der Entführung ins All einen Ausstieg aus der Römerserie konstruiert, der halbwegs glaubhaft war.«

Mit dem Verzicht auf comic-typische Sprechblasen allerdings hatten die von vielen Fans verdächtigten Funktionäre nichts zu tun. »Ich habe mich selbst gegen die Sprechblasen entschieden, weil sich durch die Texte unter den Bildern die Geschichten viel komplexer und differenzierter erzählen ließen«, erinnert sich Hegen.

Letztlich waren es wohl die Verstimmungen zwischen dem Chef und seinen Mitarbeitern, die es dem Verlag Junge Welt, bei dem das »Mosaik« seit 1960 erschien, erlaubten, mit den Zeichnern und dem Textautor Lothar Dräger das Comic ab 1975 ohne Hegen weiterzuführen. Die neuen Helden Abrax, Brabax und Califax sind ebenso wie ihre Vorgänger, die Digedags, Kobolde, die problemlos durch die Zeit reisen. Hegen fühlte sich von seinen Mitarbeitern verraten und bezichtigte sie des Plagiats. Folgerichtig verklagte er Verlag und Ex-Mitarbeiter wegen Urheberrechtsverletzung. Die Klagen scheiterten, in letzter Instanz im vereinten Deutschland.

Hegen selbst brachte nach dem Ende seiner Digedags Sammelbände der alten Hefte heraus, und kehrte vom Comic wieder zum freien Zeichnen zurück. Nach der Wende brachte Hegen im Buchverlag Junge Welt (heute Tessloff) Reprintmappen der Digedag-Hefte heraus und vervollständigte die Sammelbände. Die Abrafaxe dagegen haben nach der Wende eine erfolgreiche Westkarriere hingelegt. Sie feierten in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag. Sie sind derzeit gerade im alten Rom unterwegs, von wo Hegens Digedags 1958 vertrieben wurden.

Bernd Lindner unter Mitarbeit von Irene Kahlau und Rainer Kruppa: Die drei Leben des Zeichners Johannes Hegenbarth. Tessloff Verlag, Nürnberg 2015. 191 S., geb., 29,95 €.

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