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Kommt ein Freund geflogen

Wettkampfsimulationen, Quartierplanung und Verlobung sollen Severin Freund den Sieg bei der Vierschanzentournee bringen

  • Von Lars Becker, Oberstdorf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Seit 14 Jahren gibt es keinen deutschen Sieg bei der Vierschanzentournee. Die gute Form von Severin Freund lässt nun wieder Hoffnung aufkommen.

Elf Grad, strahlender Sonnenschein in Oberstdorf, ein Hauch von Frühling in der Luft - vielleicht war deshalb direkt vor dem Start der 64. Vierschanzentournee so viel von Liebe die Rede. Die deutsche Sieghoffnung Severin Freund bestätigte bei der ersten Pressekonferenz vor dem Auftaktspringen am Dienstag die Verlobung mit seiner Freundin Caren.

Der Rückhalt seiner Partnerin hat Severin Freund in den letzten Jahren schon bei einigen Erfolgen geholfen: In den vergangenen zwei Wintern sammelte der deutsche Vorflieger schon im Team Olympiagold, Titel bei der Skiflug-WM, der Nordischen Ski-WM und den Gesamtweltcupsieg ein. Nur mit der Vierschanzentournee hakelte es. Im Vorjahr landete er als Mitfavorit auf Platz acht. Nun soll Freund endlich auch die Liebe zu dieser Traditionsveranstaltung entdecken. »Die Tournee ist eine geliebte Veranstaltung, wir sind stolz, dass wir sie haben«, verkündete Bundestrainer Werner Schuster auf dem Podium. Es war in den letzten Jahren allerdings eine eher schwierige Liebesbeziehung. Oder mit den Worten von Severin Freund: »Wir haben in den letzten Jahren als Team nicht grandios ausgesehen.«

Im Jahr 2002 gelang Sven Hannawald mit seinem historischer Grand-Slam-Erfolg der bislang letzte deutsche Gesamtsieg. Seitdem dauert das Warten an. »Die Form, die du bei der Tournee für einen Sieg brauchst, die kann man nicht planen. Ich bin zuversichtlich, dass es passieren kann, aber eine Garantie gibt es nicht«, sagt Severin Freund. Dass der slowenische Gesamtweltcupsieger Peter Prevc nach seinem Doppelsieg bei der Generalprobe als haushoher Favorit gehandelt wird, spielt Severin Freund in die Karten.

»Das ist eine gefährliche Situation. Jeder in Slowenien erwartet wahrscheinlich, dass er mit dem gleichen Vorsprung die vier Springen gewinnt. Aber so einfach ist es nicht«, sagt Freund. Er weiß das aus eigener, schmerzlicher Erfahrung. Er hat in der Vergangenheit schon viel bei der Tournee versucht - es war immer eine schmerzhafte Erfahrung.

Nach den Misserfolgen der vergangenen Jahre hat Schuster in diesem Jahr noch einmal einiges am Setup der Tournee geändert. Nach Oberstdorf bezieht das deutsche Team zum Beispiel in Seefeld Quartier und fährt von dort aus die Springen in Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck an. So erspart sich das Team einen Quartierwechsel in den stressigen Tourneetagen. »Die Jungs haben so sechs Tage im gleichen Bett«, sagt Schuster. Ob zumindest in der Silvesternacht die Verlobten anreisen dürfen, ist nicht bekannt.

Knackpunkt der Tournee ist ein gutes Resultat in Oberstdorf - hier waren wie beim 13. Platz im Vorjahr eigentlich schon immer alle Träume ausgeträumt. Dass Freund dagegen die Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen gut liegt, hat er in diesem Jahr bei seinem deutschen Meistertitel mit haushohem Vorsprung bewiesen. Die beiden Schanzen in Österreich mag Freund ebenfalls - und die richtige Einstellung zu diesem ganz speziellen Event nach Weihnachten hat er inzwischen auch. »Ich habe bei der Tournee eigentlich schon alles probiert - mal habe ich in Understatement gemacht, mal klare Ziele formuliert. Alles hat nicht funktioniert. Man kann das einfach nicht erzwingen.«

Bekannt ist, dass Severin Freund im September die 64. Vierschanzentournee mit dem deutschen Fliegerteam einfach schon mal durchgespielt hat. Die vier Wettkämpfe in Oberstdorf, Garmisch-Partenirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Die Fahrten, die Schanzenwechsel. Sogar in den gleichen Hotels wie jetzt in den Tourneetagen hat der deutsche Vorflieger mit seinen Kollegen gewohnt. »Wir haben alles simuliert, was man simulieren kann. Wir konnten nur keine 15 000 Freiwilligen finden, die sich an die Schanze stellen«, berichtete Schuster.

Aber reicht die sommerliche Vierschanzentournee-Simulation aus, um mit dem riesigen Druck von über 100 000 Zuschauern und den Medien umzugehen? Werner Schuster verordnet Severin Freund eine Genusskur: »Die Jungs müssen einfach mal nicht mit der Einstellung reingehen, etwas beweisen zu wollen. Sie sollen die Situation genießen, freud- und genussvoller an die Tournee rangehen.« Freund ist das zum Beispiel als Schlussspringer in Sotschi 2014 gelungen, als er Olympiagold für das deutsche Team sicherte. Zu den Geschlagenen zählte auch Peter Prevc - genau wie im vergangenen Winter im Gesamtweltcup, als Freund am Ende die große Kristallkugel vor dem punktgleichen Slowenen abräumte. Nur der Titel bei der Tournee fehlt noch in Freunds Sammlung.

Genau dem Zuschauerinteresse und dem medialen Druck war Severin Freund in den vergangenen Jahren bei der Vierschanzentournee nicht gewachsen.

Doch Werner Schuster glaubt, dass sich das diesmal ändern könnte. »Es ist bei Severin immer schrittweise vorangegangen und er weiß, dass er noch einiges erreichen kann. Seine Karriere ist schon jetzt erfolgreich, das gibt ihm Kraft. Er ist durch die Erfolge nicht satt oder ziellos geworden. Sondern selbstsicherer und lockerer. Er lässt sich nicht mehr beirren und hat definitiv eine bessere Chance bei der Tournee als jemals zuvor. Severin kann eine gute Show bieten«, sagt der Österreicher. Sven Hannawald erwartet einen »Zweikampf zwischen Severin Freund und Peter Prevs. Die Vierschanzentournee wird in diesem Jahr auch aus deutscher Sicht so spannend wie lange nicht mehr. Severin muss es einfach passieren lassen.« So wie in der Liebe.

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