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Klimaschutz als Big Business

Wie ein europäischer Holzmulti in Afrika Kleinbauern vertreiben lässt und die Natur zerstört

  • Von Susanne Götze, Hoima
  • Lesedauer: 8 Min.

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Zweifelhafte Klimaschutzprojekte können mehr Schaden anrichten als nutzen. Ein Beispiel aus dem ostafrikanischen Uganda.

Der Busch im Nordwesten Ugandas herrscht Getümmel. Die rote Schotterstraße Richtung Norden zerschneidet ein schier undurchdringliches Dickicht aus Mango,- Casava- und Bananenbäumen, unterbrochen von Sumpf- und Grasland, wo Antilopen, Affen, Büffel und Hasen verschreckt wegrennen, Unmengen von Vögel kreischen und Millionen Insekten schwirren. Entlang der Straße transportieren die Menschen kilometerweit ihre Waren und Habseligkeiten auf dem Kopf, unterm Arm oder auf rostigen Fahrrädern.

Dann, gut 170 Kilometer von der Hauptstadt Kampala entfernt, wird es plötzlich fast surreal. Die Buschlandschaft verschwindet. Soweit das Auge reicht, stehen Kiefern in Reih und Glied. Fast wähnt man sich in Brandenburg: Nackte Stämme, die den Blick tief in den »Wald« freigeben, am Boden kräuselt sich ein wenig Gras. Die Menschen sind verschwunden, die kreischenden Vögel und Affen auch. Hier und da knackt in der Stille ein Ast - willkommen im Kikonda-Wald.

Freiwilliger Emissionshandel

Jeder Bürger, der fliegt, sein Auto betankt oder sein Haus heizt, kann seine Weste mit ein paar Klicks im Netz weißwaschen – Klimaneutralität lässt sich mit CO2-Zertifikaten erkaufen. Sogar die Vereinten Nationen wollen neben dem verpflichtenden Emissionshandel für Industrieanlagen nun einen individuellen für alle einführen und dafür den »United Nations Climate Credit Store« aufbauen. Auch Unternehmen, die nicht vom Emissionshandel erfasst sind, können eine freiwillige Kompensation ihrer ausgestoßenen Emissionen vornehmen und so »CO2-neutral« werden oder als CO2-neutral gelabelte Produkte verkaufen. 4,5 Milliarden US-Dollar bezahlten Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und Privatleute 2014 für diese freiwillige Kompensation – der »Carbon-Markt« wächst jedes Jahr.
Der freiwillige Markt existiert neben dem verpflichtenden Emissionshandel. Bei diesem müssen Energiekonzerne oder Industriebetriebe Zertifikate für jede Tonne ihres CO2-Ausstoßes vorweisen. Ein großer Teil dieser Papiere wird an die Teilnehmer des Emissionshandels von den Staaten kostenlos vergeben. Wer die pro Jahr gesetzlich festgelegte Menge überschreitet, muss CO2-Zertifikate dazu kaufen. Diese können zum Teil aus Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern stammen, die den Ausstoß von Treibhausgasen verringern sollen. Für die eingesparte Menge gibt es handelbare Gutschriften, die Unternehmen etwa in Europa kaufen können. Das Verfahren nennt sich »Clean Development Mechanism« (CDM). Zu den CDM-Projekten in Entwicklungsländern gehören Energieeffizienzmaßnahmen, die Nutzung erneuerbarer Energien oder auch Aufforstungsprojekte. Bei letzteren wird zunächst ein Waldplan erstellt, in dem berechnet wird, wie viel Kohlendioxid durch die Bäume innerhalb von 60 Jahren gebunden wird. Je Tonne CO2 gibt es dann ein Zertifikat und zwar bereits direkt nach dem Anpflanzen der Bäume – egal, ob das Forstunternehmen diese wachsen lässt oder das Holz später »erntet«. Nur 20 Prozent der Zertifikate werden laut der Gold Standard Stiftung zurückgehalten für den Fall, dass der Wald abbrennt oder zu viel Holz entnommen wird. Die Waldprojekte müssen laut der Gold Standard Stiftung nachweisen, dass sie zusätzlich sind – also die CO2-Menge ohne dieses Projekt in die Atmosphäre gelangen würde. Die Projekte werden von externen Prüfern begutachtet. nd

Gut sechs Millionen Bäume gehören zur Plantage des ehemaligen FDP-Politikers Manfred Vohrer. Er fing hier 2002 mit Unterstützung des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) an, auf 12 000 Hektar einstigem Buschland Kiefern aufzuforsten. Vohrers Unternehmen Global Woods International AG will beweisen, dass Klimaschutz und Business Hand in Hand gehen können. Seine Bekannten bezeichnen den heute 74-Jährigen liebevoll als »bunten Hund« in der FDP. Der frühere Bundestagsabgeordnete habe im Gegensatz zu seinen Parteikollegen immer daran geglaubt, dass Markt und Umweltschutz zusammengehen. Dass grünes, sozialverträgliches Wachstum möglich ist, sollte in Uganda bewiesen werden. Für Vohrer hat sich das gerechnet, für Mensch und Umwelt weniger.

Moses, David, Geofrey und Lawrence leben seit über 20 Jahren mit diesem stetig wachsenden Kiefern-»Wald«. Die Viehhirten wissen nicht, was Klimaschutz bedeutet und warum der »deutsche reiche Mann« hier Bäume pflanzt. Sie wissen nur, dass der Wald gefährlich für sie, ihre Tierherden und ihre Existenz ist. Trotz ihrer Landtitel werden sie seit Jahren enteignet und vertrieben. »Unsere Tiere dürfen nicht im Wald grasen, und wenn sie aus Versehen hineinlaufen, dann werden sie vom Sicherheitspersonal in alle Richtungen verscheucht«, erzählt Geofrey, ein schmaler Kuhhirte, der mit seinem langen Stock nachdenklich im Grasboden stochert. »Manchmal kommen die Tiere aus dem Wald und sind blind.« Die anderen Viehhirten nicken. Auch die Missgeburten bei den Tieren häuften sich. Schuld seien die Herbizide, die vor allem auf junge Bäume gesprüht würden.

Herbizide im Wald? Global Woods bestätigt, dies sei üblich in Holzplantagen. Doch die Pflanzengifte sind nicht das einzige Problem der Viehhirten und Kleinbauern. Viel bedrohlicher ist, dass der »Wald« sich ständig ausbreitet. Dafür wird das Buschland der Hirten systematisch abgeholzt und zerstört. Ihr Einzugsgebiet wird immer kleiner, ihre Möglichkeiten, Gemüse anzupflanzen, schrumpfen stetig - eine Frage des Überlebens: Baum gegen Essen. Obwohl viele der Viehhirten nach eigenen Angaben Landtitel aus den 1940er Jahren besitzen, werden ihre Rechte von Global Woods und der nationalen Forstbehörde weitgehend ignoriert. Für Ordnung im Wald sorgt das aggressive Sicherheitspersonal.

Die Freunde Moses, David, Geofrey und Lawrence kennen Herrn Vohrer nicht persönlich. Und sie wissen auch nicht, wo das Elsass liegt. Da hat sich der ehemalige Politiker zur Ruhe gesetzt. Sie kennen nur den Security-Manager der Plantage, der »Ruc« genannt wird: »Stehenbleiben«, ruft er auf Englisch, will die Polizei holen und berichtet von »terroristischer Bedrohung«. Dabei ist noch nicht einmal einwandfrei geklärt, ob alles von Global Woods beanspruchte Land auch der Firma gehört.

Viehhirte Lawrence führt Besucher trotz »Ruc« zu seinem Haus. Auf einem kleinen eingezäunten Grundstück zwischen Palmen und von der Firma »bereinigten« Flächen steht eine kleine grasbedeckte Hütte, daneben die verkokelte Ruine seines einstigen Hauses. Das habe vor zwei Jahren ein Mitarbeiter von Global Woods einfach abgebrannt. Lawrences Frau und seine zwei Kinder wurden von dem Security-Mann krankenhausreif geprügelt. Seitdem wartet er auf eine Wiedergutmachung.

Global Woods gibt an, dass die Gespräche darüber noch nicht abgeschlossen seien. Immerhin sei der Mitarbeiter laut Forstmanager Matthias Baldus »sofort entlassen worden«. Der junge deutsche Förster arbeitet seit zehn Jahren für Global Woods.

In Deutschland wird Kikonda als ökologisches Vorzeigeprojekt präsentiert. Wenn der Karlsruher Klimaschutzfonds, die Stadtwerke Hamm oder andere Unternehmen mit Vohrers Waldprojekt werben, denkt der Leser zunächst: Was kann daran falsch sein, in Afrika Wald aufzuforsten und damit etwas fürs Klima zu tun?

Ursprünglich wollte Global Woods nicht nur mit dem Holz Geld verdienen, sondern vor allem mit dem Verkauf von CO2-Zertifikaten. Umweltbewusste Firmen in Deutschland können sich mit den »Carbon Credits« ein grünes Image verschaffen. Das hat im Fall Global Woods zum Teil auch geklappt. Die Bäume, die Vohrer in Uganda pflanzen ließ, sparen laut Projektdokumentation in 60 Jahren rund zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid ein. Dafür erhält der Plantagenbesitzer Zertifikate, sobald die Bäume gepflanzt sind, und kann sie verkaufen - selbst wenn später Holz entnommen wird. Brennt der Wald in den 60 Jahren ab, sind die Zertifikate längst weg. Irgendwann will das Unternehmen das Holz auf dem lokalen oder gar internationalen Markt verkaufen. Wald ist eben ein Business.

Damit die Bauern auch etwas von dem Gewinn haben, bot die Firma den Dorfbewohnern an, selbst Bäume zu pflanzen. Ein tückisches Angebot: »Die Menschen müssten dann 20 Jahre warten, bis sie einmal Geld bekommen - wenn sie es dann wirklich bekommen«, erklärt der Umwelt- und Menschrechtsaktivist David Kureeba von Friends of the Earth Uganda. »Bis dahin bringt der Baum uns nichts: keine Früchte, kein Geld, keine Hilfe. Er steht einfach nur da und nimmt Platz weg.« Kureeba unterstützt die Gemeinden seit Jahren im Kampf um ihr Land. »Global Woods ist kein Einzelfall, die Vertreibung von lokaler Bevölkerung hat System in unserem Land«, erklärt der Aktivist. Aufgrund weiterer Plantagenprojekte im Nordwesten und von Ölbohrungen in der Nähe der 25 Kilometer entfernten Distrikthauptstadt Hoima hätten Tausende in den vergangenen Jahren ihre Heimat verlassen müssen. »Das Holz und das Land, auf dem es wächst, sind nur weitere Ressourcen, die sie stehlen - zuerst nahmen sie die Bodenschätze und nun nehmen sie die nachwachsenden Rohstoffe«, sagt Kureeba verbittert. Den Handel mit CO2-Zertifikaten hält der 43-Jährige für »modernen Kolonialismus« der reichen Industrieländer: »Die Menschen hier haben nie zum Klimawandel beigetragen, warum spart Europa nicht selbst CO2 ein?«

Nicht nur Bauern und Umweltschützer sehen derartige Projekte mit Skepsis. »Baumplantagen sind in der Regel sehr vereinfachte und homogene Systeme. Viele angepflanzte Baumarten wie Kiefer oder Eukalyptus bewirken nachhaltige Bodenveränderungen«, erklärt der Forstwissenschaftler Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Häufig sei eine Versauerung von Böden zu beobachten. Zudem ist die Kiefer in Uganda keine heimische Baumart. Die Menge der in einer Plantage lebenden Tiere unterscheide sich laut Ibisch von einem normalen Wald »erheblich bis total«.

Von solchen Problemen will der Besitzer im fernen Elsass nichts wissen. Viele Mitglieder seiner Familie setzten sich »für eine nachhaltige Entwicklung« ein, lässt Manfred Vohrer schriftlich wissen. Das Projekt sei mit dem »Goldstandard« zertifiziert worden. Auf Nachfrage erklärt die renommierte Gold Standard Stiftung, man sei vor kurzem »durch Zufall« auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam geworden und prüfe nun. Allerdings ist der Waldverantwortliche der Stiftung Manfred Vohrers Sohn - eine lückenlose Aufklärung ist also zumindest fraglich. Die 2003 von der Umweltorganisation WWF mitgegründete Stiftung streitet einen Zusammenhang zwischen erfolgreicher Zertifizierung des Projektes und der Anstellung von Moritz Vohrer jedoch ab. Als externer Gutachter bei diesem Projekt fungierte der TÜV Süd.

Die Viehhirten hingegen sind auf sich allein gestellt. Kein Anwalt vertritt ihre Rechte vor Gericht, die Regierung hält zum Investor. Fragt man die Hirten aber, ob sie für Global Woods arbeiten würden, wenn ihnen ein Job angeboten würde, nicken sie verschämt. Ohne ihr Land können sie ihre Familien nicht versorgen und kein Gemüse auf dem Markt verkaufen. Da kommt ihnen jeder Lohn recht. Egal, von wem er gezahlt wird.

Diese Reportage wurde vom Netzwerk Recherche und von der Olin Stiftung unterstützt.

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