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Archaik und feine Sensibilität

Die Galerie der KunstStiftung Poll erinnert an die Bildhauerin Jenny Wiegmann-Mucchi

Die 1895 in Berlin geborene Bildhauerin Jenny Wiegmann-Mucchi ließ sich zunächst in den 1920er Jahren von den Vorbildern griechisch-etruskischer Archaik, byzantinischer und romanischer Kunst beeinflussen, bis die Begegnung mit dem »Impressionisten« Ernesto de Fiori 1929 zu einer endgültigen Prägung ihres Stils führte. In Paris begann dann ihr gemeinsames Leben mit dem italienischen Maler Gabriele Mucchi, das sie mit einem Kreis bedeutender französischer und italienischer Künstler zusammenführte. 1934 kehrte Mucchi mit ihr nach Mailand zurück. Genni - so lautete jetzt ihr Künstlername - war nicht mehr in deutschen, sondern nun in italienischen Ausstellungen vertreten. Beide nahmen bald am antifaschistischen Widerstand teil und riskierten mehr als einmal ihr Leben. 1937 wurde ihre Bronze »Le ciel est triste et beau«, angeregt von einem Vers Baudelaires, einer entspannt und träumend Liegenden, in Paris auf der Weltausstellung gezeigt - nicht im deutschen, sondern im italienischen Pavillon. Ein Traum, ein Schwebezustand scheint hier eingefangen zu sein, doch muss wohl eher von einem nach innen gerichteten Wach-Sein gesprochen werden.

Unter diesem Titel und mit dieser herausragenden Plastik von 1937 im Zentrum findet in der KunstStiftung Poll zum 120. Geburtstag der Bildhauerin eine Gedenkausstellung statt, die neben den Werken von Genni auch Gemälde von Gabriele Mucchi zeigt. Als Gabriele Mucchi 1956 einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee erhielt (er machte den italienischen Realismo in der DDR bekannt), lebten die beiden sowohl in Berlin als auch in Mailand, waren sie nun in beiden Kunstszenen zu Hause.

Nach dem Krieg hatten Gennis Figuren ihre Kathedralenhaftigkeit verloren und strebten vom Himmel zur Erde, von der geistigen Komplexität zur manuellen Begreifbarkeit zurück. Sie träumen, schweben und werben für ein Leben voller Glück. Sie widerstehen der Gewalt, sie setzen ihre menschliche Würde ein; auf ihre Weise reagierte Genni auch auf den algerischen Befreiungskrieg, den Vietnamkrieg oder den kongolesischen Unabhängigkeitskampf.

Das Modellieren in Gips kam dem Skizzenhaften und Improvisatorischen entgegen. Der jeweiligen Arbeit sollte der Prozess der Entstehung ablesbar sein. Bewusst wurde die »Form«, die Schwere und architektonisch ruhende Gestalt der Figur aufgehoben. Doch selten bewegen sich ihre Gestalten - obwohl es auch ballspielende Mädchen oder Tänzerinnen gibt -, vielmehr stehen, sitzen, liegen sie, ganz im Gegensatz zu ihrem dramatischen Charakter. Es bedarf keiner Bewegungsgeste mehr. Der eine Augenblick, der festgehalten ist, hat alles Vorher und Nachher in sich aufgenommen. Die Handlung ist ins Innere verlegt, das Ereignis liegt in der Tiefe des eigenen Schicksals, Mensch zu sein, nicht im äußeren Vorkommnis. Zwar löste sich die Bildhauerin nie gänzlich vom Naturvorbild, im Interesse der eigenen Gestaltungsabsichten verformte sie jedoch oft Proportionen, Körpergrundformen und -details ihrer auf Wirkung im Raum orientierten Figuren. »Der Schrei« (1967) ist wie »Das Jahr 1965« (1965) Vietnam gewidmet. Dort eine dem Wind trotzende weibliche Aktfigur, voller Selbstvertrauen in den eigenen Körper, voller geistiger Wachheit, hier der verhaltene Schrei der Empörung in dem tränenerfüllten Antlitz, Mitgefühl und Appell sind verhalten zusammengeführt.

Ihre Bildnisse modellieren charakteristische äußerliche Eigenheiten zuweilen so nachdrücklich, dass der Betrachter stets von neuem durch die Schärfe der Beobachtung überrascht wird. Das in Zement gegossene Bildnis des Komponisten Paul Dessau (1963) betont den schöpferischen Charakter des Dargestellten in einer der Eigenart des Materials entspringenden harten, kantigen Form. Wunderbar die kluge Verteilung des Lichts auf dem durchgeistigten Antlitz des Schriftstellers Arnold Zweig.

In ihrem Todesjahr 1969 entstanden sowohl die selbstbewusste »Schwimmerin« - ganz geballte Kraft - als auch die düsteren Totentanz-Darstellungen in mehreren Zeichnungen und einer Wachskleinplastik, die später in Bronze gegossen wurde. Nie trumpft das Werk dieser Bildhauerin auf, man muss sich darin versenken. So wird sein Nuancenreichtum, über den die Form niemals verloren geht, offenbar.

Le ciel est triste et beau. Genni/Jenny Wiegmann-Mucchi und Gabriele Mucchi. Galerie der KunstStiftung Poll, Gipsstr. 3, Mitte, Do-Sa 14-19 Uhr, bis 20. Februar.

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