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Nur nicht beliebig

Zum Tode des großen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez

Letzten März wurde er neunzig. Der Würdigungen gab es diverse. Allein das »Musikfest Berlin« hob ihn wie keinen anderen Komponisten zuvor mit 20 Konzerten aufs Schild. Selber konnte Pierre Boulez nicht mehr anreisen. Krankheiten plagten ihn. Anders davor. Regelmäßig kam der Franzose, vornehmlich auf Einladung Daniel Barenboims, nach Berlin, um ausgesuchte Programme zu dirigieren und eigene Stücke zu zeigen.

Die Musikzentren der Welt schätzten ihn und nominierten vornehmlich den Dirigenten. In anderer Art berühmt wurde der Komponist. Partituren, Schriften, Platten- und CD-Material mit dem Aufdruck Pierre Boulez kamen über die Jahrzehnte auf den Markt und öffneten den Blick in ein Kontinuum, in eine Welt voller Wunder. Nun ist dieser ganz große unter den Musikern der Jetztwelt tot. Wie am Mittwoch bekannt wurde, starb er tags zuvor in Baden-Baden.

Unerhört eigenwillig Boulez’ Frühphase. Der Heißsporn verschaffte sich mit provokanten Äußerungen und kühnen technischen Überlegungen Gehör. Allbekannt sein frühes Diktum, die Opernhäuser gehörten in den Luft gejagt. Schönberg sei tot, sagte er allen Ernstes. Allein der alle Parameter des Klangs durchorganisierenden Musik gehöre die Zukunft.

Irrtümer? Jugendsünden? Es sind Elemente der Selbstfindung während einer Zeit, in der der Bombenkrieg keinesfalls Geschichte war. Später weitete sich der Blick.

Boulez’ Entwicklung bestätigt weder die Erfolgsrituale der »Hochkultur« noch die Muster einer auf abgesonderten Inseln vegetierenden Neuen Musik, die lediglich aktuell sein will. Das spricht für den Künstler. In den 50er und 60er Jahren komponierte Boulez hauptsächlich Kammermusik. Zuvor war er sogar in einer Theatergruppe kompositorisch beschäftigt, mit Nähe zum Leben. Später, seit den 70er Jahren, dirigierte er fast nur noch, ältere wie neue Musik.

Kompositorisch-technisch studiert der junge Mann, der rechtzeitig nach Paris ging, um seine Studien aufzunehmen, den späten Debussy, Schönberg, Webern und Messiaen. Frühe tonale Versuche verwirft Boulez. Stattdessen kündigt sich mit der Flötensonatine (1946) eine eminente Begabung an. »Le Marteau sans maitre« für Altstimme und sechs Instrumente nach Texten von René Char (1955) mit seiner oszillierenden Klangwelt ist sein erstes Meisterwerk.

Fortan sind seine Werke Resultate intensiver Gedankenarbeit. Sie entspringen zu allererst rationalen Überlegungen. Ein Werk mit seinen geistig-strukturellen, sinnlichen, emotionalen Eigenschaften müsse gleichwohl seriell durchgerechnet sein. Boulez verschloss damit schon früh jeder Beliebigkeit, wie sie heute allgegenwärtig ist, Tür und Tor. Andererseits sind seine Stücke dem L’art pour l’art verhaftet, abgehoben, hermetisch verriegelt gegen die krude Welt.

Indessen liegt das gesamte relevante Repertoire der Moderne des 20. Jahrhundert unter seiner Leitung konserviert vor: Skrjabin, Varese, Ives, Schönberg, Webern, Berg, Debussy, Ravel, Roussel, Bartók, Kodály, Janáček ... In Bayreuth erstritt er mit Regisseur Patrice Chéreau neue Maßstäbe der Wagneraneignung, voran mit dem »Parsifal«. Schönbergs »Moses und Aron« existiert in exemplarischer Deutung und Umsetzung von ihm auf CD. Hohe Kultur steckt in all dem, nicht zu verwechseln mit »Hochkultur«, welche neutralistisch den Schönklang reproduziert und darum die Sache verfehlt. Boulez hatte einmal das Publikum der New Yorker Philharmoniker, als er deren Chef war, mit Mischungen aus Klassik und Moderne so schockiert, dass 3500 Hörer aus ihren Abos ausstiegen.

In der DDR förderte vornehmlich Friedrich Goldmann das Boulezsche Schaffen. Des Vorbildes genaue, hochkomplexe Strukturarbeit interessierte ihn, die Arten vielfach abgestufter Klanglichkeit suchte er für sich zu verarbeiten. Unvergessen Goldmanns Dirigate von »Cummings ist der Dichter« für 16 Solostimmen und 24 Instrumenten (Text: Edward E. Cummings, 1970) und »Rituel«, ein Werk für Orchester in acht Gruppen zum Gedächtnis Bruno Madernas.

Pierre Boulez, ein Exot, der ins Depot des Vergessens gehört, ein aussterbender Sonderling? Die jetzigen Kulturfeinde mit ihrem fatalen Ökonomismus sorgen dafür, ohne es subjektiv zu wollen. Dass dergleichen nicht geschehe, dafür hat zunächst der Franzose selber Unendliches geleistet. Seine Nachfahren sind nun weiterhin dran, sich schützend vor dies Erbe zu stellen.

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