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Lasst uns froh und munter sein

Der Heppenheimer Hiob über die willkürliche Interpretation des GfK-Konsumklimaindex

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Feiertage konnten kommen. Einer der vielen Indizes, die wir in dieser Republik kultiviert haben, wiegte uns ins Festtagsstimmung. Er bestätigte unseren »ausgeprägten Einkommensoptimismus« und beruhigte uns. Nicht Zimt und Nelken versetzen uns in die stille Zeit – Indizes machen das.

Es gab keinen Schnee, keine Kälte. Der Glühwein schmeckte nicht und es kam keine Stimmung auf. Weihnachten 2015 schien wirklich traurig zu werden. Bis kurz vor dem Fest die Medien etwas aus dem Hut zauberten. Einen Index nämlich, das Patentmittel gegen Niedergeschlagenheit in diesem Land. Der GfK-Klimakonsumindex kam gerade noch rechtzeitig gegen Christmas-Blues, gegen schneelose Nicht-Weihnachtsstimmung. Er wurde zum Volltreffer hochgeschrieben. Nach vier Monaten, in denen er gefallen war, stieg er im Dezember wieder mal an. Die Menschen in Deutschland, so erzählten die Nachrichten auf allen Kanälen, hätten wieder Zuversicht und dicke Geldbörsen, einen »ausgeprägten Einkommensoptimismus«, wie man das an mancher Stelle bezeichnete. Solche Botschaften heben die Stimmung. Plötzlich in den Glauben versetzt zu werden, dass man nicht knapsen muss, ausgeben und konsumieren kann und einem die Welt der Warenhäuser zu Füßen liegt, ist ja nicht übel. Insbesondere so kurz vor dem wichtigsten Fest der materiellen Christenheit.

Doch die Nachricht war fingiert. Die GfK hat zwar nicht gelogen, als sie einen Anstieg nach mehrmaligen Abfall feststellte. Um sage und schreibe 0,1 Prozent. Er lag jetzt kurz vor dem Fest auf 9,4 und nicht mehr auf 9,3 Punkte. Fingiert war aber die Forcierung dieses mickrigen Zuwachses, weil man von April bis August immer bei mindestens 10,0 lag. Nur in vier Monaten des Jahres lag der Wert unterhalb des aktuellen Wertes, der für Festtagsstimmung sorgte. Und als im Juli der Wert um 0,1 Punkte auf 10,1 sank, da unkten schon einige Bericherstatter, dass es mit der Kauflaune der Deutschen nicht mehr so ausgesprochen gut bestellt sei. Kein halbes Jahr später sorgt ein noch geringerer Wert jedoch für allgemeine Zufriedenheit. Und warum? Weil es so gut in die Gemütlichkeit unter dem Tannenbaum passte, zu einem gelungenen Jahresabschluss, zu Festtagsansprachen unserer Feel-Good-Politiker, zu Entenbraten und Rotkohl.

Zu welcher Indizokratie wir doch mittlerweile herabgesunken sind. Indizes sind das Baldrian, das uns unsere Seelenruhe garantiert. Gleich wie die Zahlen geraten, immer gibt es darin etwas, was uns tröstet, was uns aufbaut und hoffen lässt. Wenn die Wirklichkeit bitter ist, versüßt irgendein Index die Tatsachen. Lohnzurückhaltung über Jahrzehnte, teure Mieten, steigende Stromkosten, Fahrpreiserhöhungen – all das ist nicht real, nicht tatsächlich. Was nicht im Index steht, gibt es nicht. Und wenn irgendein Index sagt, dass man obgleich seiner fadenscheinigen Zahlen trotzdem froh und munter zu sein hat, dann tun wir das halt. Gute Laune ist schließlich der wichtigste Rohstoff unserer Kahlschlagökonomie.

Wie sich zum Beispiel der GfK-Konsumklimaindex errechnet, interessiert sowieso keinen. Hauptsache er macht Laune. Wie der ifo-Geschäftsklimaindex entsteht, kann man hier nochmals nachlesen. In etwa genauso läuft es ebenfalls bei der GfK. Man stellt Fragen, »Was glauben Sie, wie geht es uns denn heute?«, »Ist es ratsam, sich derzeit Anschaffungen zu machen, hm?« und »Wo sehen Sie denn ihren Haushaltsetat in einem Jahr?« Und dann schätzen die Leute, kreuzen an und mancher wird vielleicht sogar so gewissenhaft sein, dass er sich die Fragen zu Herzen nimmt. Die GfK betreibt ja auch Marktforschung und bezahlt ihre Probanden bei allerlei Analysen und Tests. Es gibt dort ein Prämiensystem. Ob die Testpersonen, die man wegen des Index' fragt, auch entlohnt werden, ist schwer herauszufinden. Falls ja, flugs mal was ankreuzen für einen schnellen Euro, ist sicherlich nicht das schlechteste Zubrot.

Was für ein trauriges Land das doch sein muss, das sich an solchen Indizes erheitern muss. Einen Index, der uns über die allgemeine Gutgläubigkeit informiert, gibt es leider noch nicht.

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