Leben im Transit

Im »Dschungel« der französischen Hafenstadt Calais warten tausende Geflüchtete auf den perfekten Moment für ihre Flucht nach England.

Calais. Bekannt war die kleine Hafenstadt bis vor drei Jahren ausschließlich für den Eurotunnel. Bis die Flüchtlinge kamen. Migranten aus der ganzen Welt strandeten hier, um ein besseres Leben in England zu finden. Afghanen, Pakistaner, Ostafrikaner und Iraner suchen Zuflucht vor Krieg, Unterdrückung und Klimawandel. Irgendwer hat mal gesagt, dass es in England leichter ist, Asyl zu bekommen. Das Asylgesuch wird schnell durchgewinkt und die Familie kann dann aus der zerstörten oder verdorbenen Heimat nachgeholt werden. Eine Residenz- oder Meldepflicht gäbe es in England auch nicht, hieß es. Eigentlich sind das optimale Bedingungen für einen Neuanfang. Wenn da nicht die Engländer wären. Die haben die Grenzen dichtgemacht. Jetzt müssen die Flüchtlinge auf anderem Weg an ihr Ziel kommen. Sie werden kreativ. Manchmal sogar so kreativ, dass sie ihr Leben dabei lassen, um nach England zu gelangen.

Alle kommen nach Calais. Dort gibt es einen Fährhafen nach Folkestone und den Eurotunnel nach Dover. Gleich zwei Möglichkeiten. Überall in Calais laufen nun Flüchtlinge herum. Man kann sie leicht an ihren nicht zueinanderpassenden Kleidern erkenne. Ihre demotivierten Gesichter verraten ihr Dasein als Geflüchtete. Und wenn man länger als eine Minute keinen Flüchtling mehr gesehen hat, dann ist man ganz sicher nicht mehr in Calais. Irgendwann hat die Kommune sich dazu entschlossen, die Jules-Ferry-Herberge als Refugium für Frauen und Kinder bereitzustellen. Diese Jugendherberge liegt bei den Dünen in einem abgelegenen Industriegebiet in der Nähe des Fährhafens. Eigentlich sollten Frauen und Kinder in den Räumlichkeiten Schutz und Obdach finden. Dann fingen Männer an, sich im nebenanliegenden Unterholz einzurichten. Sie bauten Zelte und Hütten auf, um sich ein Refugium zu schaffen, in dem sie essen, trinken schlafen können. Es gibt die Möglichkeit, einmal am Tag für fünf Minuten zu duschen oder sein Handy aufzuladen.

1500 Menschen fanden damals einen improvisierten Ausgangspunkt für ihre Weiterreise. Den Dschungel. Dieses aus fünf Nationen bestehende Slum liegt idealerweise neben der Autobahn, die einen Kilometer weiter im Fährhafen von Calais endet. Wenn sich dort die Autos stauen, dann spricht man im Dschungel von einem Dugar. Das bedeutet so viel wie Gelegenheit. Man hat dann die Chance, sich im Laderaum eines nach Großbritannien fahrenden Lkw zu verstecken. 99,9 Prozent der blinden Passagiere werden noch am Fährhafen von einem Kohlenstoffdioxidsuchgerät gefunden. Ein Schäferhund holt die Menschen aus dem Ladenraum. »Wir Lkw-Fahrer würden die ja mitnehmen, aber die Strafen für jeden Flüchtling, der in oder an unseren Fahrzeugen gefunden wird, sind enorm«, erklärt Jatzek, ein Truckerfahrer aus Polen.

»Optimal sind Kühlwagen für Obst und Gemüse. In den Kühlwagen für Fleisch erfrieren immer welche, wenn sie es darin probieren«, sagt Abdelsalam, ein 32-jähriger Flüchtling aus dem Sudan, wo er als Elektroingenieur gearbeitet hat. Über die Gründe seiner Flucht erzählt er nicht viel, nur, dass er seine Frau über Nacht verlassen musste, als er erfuhr, dass Schergen nach ihm suchten. Sein Onkel half ihm mit der Finanzierung der Reise aus. Bis Ägypten schaffte er es unter einer Plane, versteckt auf der Ladefläche eines Pritschenwagens. Von dort ging es zu Fuß bis nach Libyen. Mit Hilfe von Schleppern kam er mit einem der Todesboote über das Mittelmeer nach Italien. Dort bestieg er einen Zug, fuhr schwarz und kam nach Calais. In England, so hatte er gehört, dauere das Asylverfahren nur wenige Monate, dann würde er seine Frau nachholen. Am Eurotunnel war seine Weiterreise vorbei. Dort hörte er auch vom Dschungel, wo er nun seit sechs Monaten lebt. Immer, wenn er die Kraft hat, nimmt er den sieben Kilometer langen Fußmarsch auf sich, um es bis zu den Gleisen am Eurotunnel zu schaffen und sich auf einen der fahrenden Züge zu werfen. Das hat Abelsalam jetzt schon zwölf Mal probiert. Immer wieder wurde er von der Polizei, den Hunden und Tränengas aufgehalten. Andere verstecken sich schnell irgendwo in Hohlräumen der noch stehenden Güterzüge oder springen von einem fahrenden Zug auf den anderen. Die Starken unter ihnen schaffen es. Die Schwachen fallen herunter und brechen sich das Bein oder den Hals. Manche sterben, werden tot in England aufgefunden. Viele der Flüchtlinge können nicht schwimmen. Wenn die Polizei sie jagt, dann springen sie auch mal in einen kleinen benachbarten See vor der französischen Küste, um sich zu verstecken. Ein Eritreer, der das versuchte, verfing sich im Schilf und ertrank. Es heißt, jede Woche würde mindestens einer hier sein Leben lassen.

Teuer und dafür aber sicher sind die Pässe, die die Schlepper anbieten. Sie besorgen französische, britische, holländische, belgische und deutsche Pässe und verkaufen sie an jemanden, der dem wirklichen Besitzer des Passes ähnelt zu Preisen von 10 000 bis 21 000 Euro. Das Geld dafür kratzen die Flüchtlinge innerhalb der Familie zusammen. Wertsachen wie Haus, Auto oder Vieh werden verkauft oder sie leihen sich das Geld von Nachbarn und Verwandten, die hoffen, dass sie es wiederbekommen, wenn derjenige Arbeit gefunden hat.

Es entstehen Geschichten, die Journalisten anlocken. Journalisten aus aller Welt kommen nach Calais und heben den Teppich dieser kleinen Hafenstadt hoch, um zu zeigen, wie schmutzig es darunter ist. Das bringt Aufmerksamkeit. Es bringt aber auch mehr Einwohner für den Dschungel. Mittlerweile leben 10 000 Menschen im Jingl, wie die Eritreer die Zelt- und Hüttenstadt nennen.

Die Flüchtlinge sind in diesem Industriegebiet, das nur Durchlaufstation ist, in dieses autonome Camp gezwängt. Aber sie müssen auch Behördengänge machen und einkaufen gehen. Dafür müssen sie kilometerweit in die Innenstadt nach Calais und das zu Fuß. Denn eine Busverbindung hält man nach wie vor nicht für notwendig.

In der Stadt haben die Menschen ihre ganz eigene Sicht auf das Camp. »Das fängt beim Austausch von Münzen an und endet mit Frauen, die mit solchen Menschen verkehren«, erklärt die Kassiererin vom Lidl-Markt am Hafen, wenn man sie nach ihrem neuen Kundenstamm ausfragt, und meint damit den Kontakt zu Geflüchteten.

Im Sommer kam man mit südländischem Aussehen noch mit ein paar unfreundlichen Blicken oder einer Ablehnung in einer Bar davon. Der Tourismus ist fast ganz eingebrochen und viele Calaiser verlieren ihre daran gebundenen Jobs. Das Bier in den Bars der Altstadt kostet nicht mehr wie im Juli fünf, sondern drei Euro. Während der französischen Regionalwahlen im letzten Jahr trat Marine Le Pen von der rechtsextremen Front National in der Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie an und konnte im ersten Wahlgang immerhin 40 Prozent der Stimmen holen.

Mittlerweile wird nicht mehr nur blöd geguckt. Wer nicht ausdrücklich gegen das Camp in den Dünen ist, wird beleidigt und bedroht. Manchmal kommen auch ein paar jugendliche Franzosen mit einem weißen Bulli am Camp vorgefahren und knüppeln auf Flüchtlinge ein, die zu einem Hügel gegangen waren, um besseren Empfang für ein Gespräch in die Heimat zu haben, erzählt Pawel, einer der freiwilligen Helfer im Camp. Viele dieser »Volunteers« sind aus ganz Europa gekommen. Sie bauen Hütten auf, in denen man halbwegs menschenwürdig schlafen kann. Organisationen kümmern sich um Bildungsangebote. Alle kommen ehrenamtlich. »Für uns sind das nur neunzehn Smartphones, aber neunzehn Menschen haben nun die Möglichkeit, nach monatelanger Ungewissheit ihre Familien in Kriegsgebieten zu kontaktieren«, sagt Silke Wedeking aus Bottrop in Nordrhein-Westfalen, eine der HelferInnen. Man muss sich gut im Camp auskennen, sagt sie, um nebenbei in einem Gespräch herausfinden, wer kein Telefon hat und ihm das Gerät einfach zustecken, sonst stehen schnell 500 Menschen Schlange.

Drei Berliner kamen kürzlich mit einem Piano ins Camp. Sie wollen den Menschen, die dort leben, zeigen, dass sie wahrgenommen werden. »Selbst wenn man uns nicht sieht, wir sehen, was hier geschieht«, sagt Nicolas Flessa, Chefredakteur des Berliner Seinsart-Magazins, der die Aktion zusammen mit dem Pianisten Andreas Kern organisiert hat. Das Piano hat ein 55-jähriger Calaiser der Gruppe ausgeliehen. Dreißig Jahre lang habe es im Wohnzimmer seines Elternhauses gestanden. Und nie war es für mehr als das Weihnachtsfest gut. Er bedankt sich dafür, dass man das Klavier seiner Mutter für ein bisschen mehr Menschenwürde nutzen wird. Dennoch bittet er darum, seinen Namen nicht zu nennen. Der Träger seines Arbeitgebers sei Mitglied bei der Front National.

Das große Interesse der Öffentlichkeit hat die Kommune von Calais mittlerweile dazu gedrängt, Licht und Wasser im Camp zu installieren. Bald kommen auch Container und sanitäre Anlagen dazu. Der Dschungel hat jetzt eine Kanalisation. Und Internet soll es auch bald geben, frei für alle. Hilfsorganisationen haben neben Schulen auch eine Krankenstation gebaut. Es gibt den Dome, eine Art Disco, wo Freiwillige fast an jedem Tag zusammen mit den Geflüchteten musizieren. Andere haben einen Kindergarten im Camp errichtet, der das bestmögliche Programm bietet. Gesellschaftsspiele, Comichefte, Fernsehen und Musikinstrumente sollen den Kindern ihr Lachen wiedergeben.

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