Ins Trafo oder in die «Orgel»?

Das polnische Szczecin entwickelt sich von der Industrie- zur Kulturstadt. Von Gabi Kotlenko

Mikołaj Sekutowicz ist das schwarze Schaf der Familie. «Ich wollte kein Priester und kein Künstler werden wie fast alle bei uns», erzählt er augenzwinkernd in akzentfreiem Deutsch. «Mein Weg ging dann in Richtung Ökonomie und Jura.» Der 37-Jährige hat deutsche, polnische und jüdische Wurzeln. Geboren ist er in Kraków. Als er sieben Jahre alt war, führte der Weg der Familie nach Hamburg. Dort ist er aufgewachsen.

Ein «Trafo» zog ihn dann zurück in die polnische Heimat - nach Szczecin an der Oder. Mikołaj Sekutowicz bewarb sich auf eine EU-weite Ausschreibung, gewann das Rennen um die Stelle und ist seit etwas mehr als einem Jahr Direktor des «Trafo». Das ist ein Museum für zeitgenössische Kunst. Es befindet sich in einer ehemaligen Transformatorenstation. Die Familie wird zufrieden sein, jetzt ist er zumindest fast ein Künstler.

Das alte Backsteingebäude lag lange brach. 16 Millionen Zloty (rund vier Millionen Euro) und einige Jahre Arbeit waren nötig, um daraus diese Stätte vor allem für junge Künstler entstehen zu lassen.

Bis 2006 war Szczecin Heimat einer der größten Werften Europas. Das Unternehmen wurde durch Missmanagement in die Insolvenz getrieben. «Das Herz der Stadt wurde herausgebrochen, 30 000 Arbeitsplätze gingen verloren. Fast jede Familie der Stadt war betroffen», erzählt Mikołaj. Ein harter Schlag für die Stadt und ihre Bewohner. Neue Arbeitsplätze wurden gebraucht. Heute investiert Szczecin viel Geld und Kraft in kulturelle Projekte. Im «Trafo» arbeiten zehn Personen, acht sind fest angestellt. Sicher ist das nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, aber es ist ein Anfang. «Hier ist das Feld noch nicht bestellt. Es ist eine riesige Herausforderung», umreißt Mikołaj seine Visionen.

Er will dabei helfen, die Stadt attraktiver für Künstler zu machen. «Die Stadt hat eine ganz besondere Identität. In Szczecin lebt niemand, der hier länger als drei Generationen Wurzeln hat. Kultur überspringt auch in seinem Museum geografische Grenzen. Derzeit stellt hier - noch bis zum 28. Februar - die Bildhauerin und Videokünstlerin Alicja Kwade aus. Sie wurde in Katowice geboren, wuchs in Deutschland auf und fühlt sich als Berliner Künstlerin.

Szczecin wurde im 9. Jahrhundert als Fischersiedlung gegründet. Der Ort entwickelte sich dank seiner Lage an einem Fluss und in der Nähe zum Meer - 65 Kilometer sind es bis zur Ostsee - zu einem blühenden Handelsplatz. Im 12. Jahrhundert zählte Szczecin bereits 10 000 Einwohner. Um 1240 erhielt das einstige Fischerdorf das Stadtrecht. Heute leben in der Hauptstadt der polnischen Wojewodschaft Zachodniopomorskie (Westpommern) fast eine halbe Million Menschen. Darunter sind 70 000 Studenten.

Stadtführer Marcin Kuta zeigt uns seine Heimatstadt. Eine sehr gut markierte sieben Kilometer lange Touristenroute mit 42 Stationen weist den Weg zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Der Spaziergang beginnt an der Hakenterrasse, die sich 500 Meter lang und 18 Meter hoch oberhalb der Oder erstreckt. Benannt ist sie nach Hermann Haken, der von 1876 bis 1906 hier Oberbürgermeister war. Mit ihren großen Treppen, Springbrunnen und Aussichtspavillons ist sie eine Visitenkarte der Stadt für die ankommenden Schiffe auf der Oder.

Von hier oben schweift der Blick auf ein Stück Zukunft der Stadt. Floating Garden, schwimmender Garten, heißt die Vision für das Jahr 2050. Ziel ist die ökologische Umgestaltung der bisher industriell geprägten Inseln inmitten der Oder. Moderne Wohn- und Geschäftsviertel sollen auf den kleinen Eilanden entstehen. »Wir wollen ein Symbol haben wie den Eiffelturm in Paris. Das wird der Floating Garden sein«, betont Marcin. Die Promenade auf der Insel Łasztownia wurde bereits 2013 fertiggestellt. Auf der Insel Grodzka (Schlächterwiese) wird eine neue Marina gebaut.

Geht man durch das abendliche und nächtliche Szczecin, fällt ein hell erleuchtetes Bauwerk mit einer ungewöhnlichen Architektur auf - die Mieczyslaw-Karlowicz-Philharmonie. Die Architekten erhielten dafür 2015 den Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur, den Mies-van-der-Rohe-Award. Das Bauwerk wirkt wie eine überdimensionale Orgel. Die beiden Konzertsäle bieten Platz für 953 bzw. 192 Menschen. Nicht nur Szczeciner Künstler spielen hier. Vor einigen Wochen gastierte der in der Schweiz lebende polnische Musiker Lech Antonio Uszyński in der Philharmonie. Er spielte Hector Berlioz’ Sinfonie mit Solobratsche »Harold en Italie« op. 16. Die auf 45 Millionen Dollar geschätzte Bratsche ist die letzte ihrer Art, die von Stradivari gebaut wurde. Zehn existieren noch, neun sind in Museen, auf einer wird musiziert - von einem polnischen Künstler in Szczecins Philharmonie.

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