Leben wie auf einem Vorwerk

Ist Polens defizitäres Demokratieverständnis historisch erklärbar? Von Gerd Kaiser

Wer die Augen vor der historischen Genealogie verschließt, verliert das Gefühl für die Realitäten, für die Sinnfälligkeit gegenwärtigen sozialen und politischen Geschehens, kommentiert der polnischen Philosoph und Autor Andrzej Leder, Jg. 1960, die jüngste Entwicklung in seinem Land. Zwischen 1939, dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen, und 1956, als nach dem Arbeiteraufstand in Poznań Władysław Gomułka erneut an die Macht gelangte, die Kollektivierung und Verstaatlichungen bremste, haben sich in Polen grundlegende gesellschaftliche Wandlungen vollzogen - gewalttätig, brutal, von außen, durch »fremde Hand« erzwungen. Zunächst durch die deutsche und ab 1944/45 durch die sowjetische Hand. Die Polen hätten, so Leder, diese Veränderungen/Modernisierungen, die das Gewebe der Gesellschaft bis in die tiefsten Poren durchpflügten, »wie in einem Albtraum durchlebt«.

Einen Albtraum, den man abschütteln will. Denn dazu gehört die aktive Teilnahme von ethnischen Polen am millionenfachen deutschen Judenmord. Erinnert sei nur an das Massaker in Jedwabne am 10. Juli 1941, bei dem einige hundert Juden von Polen umgebracht wurden. Polen bereicherten sich ausgiebig an den von den Nazis deportierten jüdischen Nachbarn, sei es durch Aneignung von deren Hausrat, Wohnungen oder Geschäften. Die nach dem Krieg ein neues Polen aufbauenden Kommunisten und Sozialisten konnten sich auf die aus der Emigration heimkehrenden Antifaschisten, die befreiten Zwangsarbeiter sowie auf eine Handvoll überlebender polnischer Juden stützen. Die Mehrheit der Polen, die der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei beitraten, tat dies aus rein opportunistischen Gründen, in der Hoffnung auf soziale Pfründe.

Nachteilig sollte sich auch auswirken, dass es dem neuen Staatswesen nicht gelang, die Stellung der Träger Vorkriegspolens in der gesellschaftlichen Mentalität, die des »Herrn Grundbesitzers« (auch wenn er dies nicht mehr war), des »Herrn Beamten«, des »Herrn Offiziers« und des »Herrn Pfarrers« zu unterminieren, geschweige zu eliminieren. Fortbestehende soziale Gegensätze wurden zudem nach 1945 wie 1918 vom Nimbus der selbst erkämpften Freiheit und Unabhängigkeit verdeckt - was sich nach 1989 unter anderen Vorzeichen wiederholte (Abschüttelung des Kommunismus).

Als unabhängiger Staat war Polen nach über einem Jahrhundert Fremdherrschaft, aufgeteilt zwischen Russland, Preußen und Österreich, auf Beschluss der Siegermächte des Ersten Weltkrieges wieder erstanden. 1926 putschte sich der aus altem Adelsgeschlecht stammende Marschall Józef Piłsudski an die Macht, errichtete ein autoritäres Regime und ließ rigoros jegliche politische Opposition unterdrücken. Die Polen der Piłsudski-Ära lebten laut Andrzej Leder in einer Art verlängertem Mittelalter. Ein großer Teil der streng katholischen Bevölkerung hasste die Juden und das städtische, »dekadente« Bürgertum. Dennoch wird die »Zweite Republik« heute gern verklärt. Dahingegen werden andere »unangenehme« Geschehnisse verschwiegen. Schuld wird delegiert: »Das haben die Deutschen getan.« Oder: »Das waren die Russen.«

Tatsache ist, dass »die Deutschen« nach 1939 einen latent in der polnischen Bevölkerungsmehrheit wabernden Wunsch erfüllten: die Verdrängung der Juden aus dem gesellschaftlichen Leben bis hin zu deren physischer Vernichtung. Nach Kriegsende dann verwirklichten die Kommunisten quasi eine zweite, tief in der Seele der polnischen Landbevölkerung sitzende Sehnsucht: die Auflösung und Entmachtung der Gutsherrschaft, der Szlachta. Die eigene Beteiligung bzw. die der Eltern/Großeltern daran wie auch an der Ausräumung der Häuser und Höfe der gemäß Potsdamer Abkommen der Alliierten vertriebenen Deutschen schlummert in Polens Mittelschicht als verschämtes Geheimnis.

Diese Unaufrichtigkeit eigener Geschichte gegenüber beklagt auch Jerzy Baczyński, Chefredakteur der Zeitschrift »Polityka« (»Unser Unrecht und unsere Schuld«). Sie begünstigt die Wiederbelebung von Feindbildern. In realsozialistischen Zeiten gedeckelte Russophobie brach nach 1989 rasch aus. Und zum virulenten Antisemitismus, der keine Juden braucht, gesellt sich inzwischen auch ein Antiislamismus ohne Muslime. Die mit der Einführung des radikalen Marktkapitalismus gewachsene Zahl der materiell schlecht gestellten, ausgegrenzten Gruppen wie etwa die im Umfeld der verfallenen Stahlwerke von »Nowa Huta« bei Krakow lebenden arbeits- und perspektivlosen Menschen empfindet die Flüchtlingsströme nach Europa als bedrohlich. Daran anknüpfend gelang es Jaroslaw Kaczynski, Zwilling des 2010 bei Smolensk mit seiner präsidialen Maschine abgestürzten Lech Kaczynski, einen Block aus dem konservativen städtischen Kleinbürgertum und dem traditionellen Konservatismus des Dorfes sowie Teilen des Proletariats und Prekariats zu schmieden. Dieses Bündnis bedroht die Demokratie in Polen, da jene Schichten sich von ihr nicht vertreten fühlen.

»Wir leben auf einem metaphorischen polnischen Vorwerk«, kommentiert Andrzej Leder, dessen Großeltern übrigens Mitstreiter von Rosa Luxemburg und Leo Jogiches waren, das Gemüt von mehr als zwei Dritteln der heutigen polnischen Gesellschaft und prognostiziert zwei oder drei Legislaturperioden konservativer Herrschaft in Polen.

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