Brecht wäre unzufrieden

Mao, Grenzen und Tatenlosigkeit

Die einen bauen Mao-Statuen für 400.000 Euro, die anderen bauen Zäune. Und in Deutschland wartet man nach einem »Wir schaffen das« immer noch auf das In-die-Hände-spucken. Brecht wäre unzufrieden.

Haben Sie gestern auch beim Anblick des nd-Titelbildes den Kopf geschüttelt? Der 36 Meter große Mao in Gold hoch droben über der südchinesischen Provinz kann tatsächlich verunsichern. Werden die Menschen denn niemals klüger? Immer wieder diese Standfiguren, die irgendwann ja doch geschleift würden. Oder verbuddelt, wie der Lenin in Berlin, der zwei Jahrzehnte später zwecks Abtransport ins Museum wieder ausgegraben werden musste.

Über 400 000 Euro haben arme Dorfbewohner und sicher etwas reichere Unternehmen in China für ihr überdimensionales Denkmal ausgegeben. Da dreht sich der gute Brecht doch wieder einmal nur im Grabe rum. »Und hatten ihn also verstanden«, hat er vor fast 90 Jahren geschrieben, als er in seinem Poem die Teppichweber von Kujan-Bulak würdigte, die mit dem gesammelten Geld für ein geplantes Lenin-Denkmal lieber die Sümpfe austrockneten, aus denen ihnen die Stechmücken das tödliche Fieber schickten. »So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten und ehrten ihn, indem sie sich nützten.«

Doch wir wollen die chinesischen Bauern der Provinz Zhushigang nicht allzu sehr schelten. Auf Brecht hat man - nicht nur wegen dem einen übergroßen Lenin in der Hauptstadt - weder in der DDR gehört, noch schert man sich anderswo um seine Dialektik. Oder haben Sie die etwa bei Horst Seehofer, Victor Orban oder Jaroslaw Kaczynski entdeckt, die unter Zuhilfenahme des britischen Premiers gerade emsig an einem neuen konservativen Europa basteln - mit Zäunen, Kontrollen und Waffen versehen. Wie dereinst, als Brecht zwar noch hochgelobt, aber wenig verstanden wurde?

Womöglich beruft sich ja Sigmar Gabriel auf den listigen Augsburger - aber die allzu große politische Beweglichkeit des SPD-Chefs zwischen Empathie für Flüchtlinge und Spontanbesuchen bei »besorgten Bürgern« ist treffender mit Opportunismus beschrieben als etwa mit dialektischem Denken. Ja, selbst die erfreuliche Standhaftigkeit, mit der die Kanzlerin immer wieder auf ihrem »Wir schaffen das« besteht, lässt seit Monaten keine Synthese und also keine Strategie erkennen, um tatsächlich die Würde des Menschen - egal, woher er kommt - unantastbar zu machen. Weder am LAGeSo in Berlin noch in der CSU-Zentrale in München. Dass macht es ihren tatkräftigen Unterstützern in den unzähligen Flüchtlingsunterkünften schwer - und ihren Gegnern in der eigenen Union, in der AfD und noch weiter rechts ziemlich leicht, mit Ereignissen von Köln, Stuttgart oder Hamburg Merkels Apodiktik Stück für Stück den Boden zu entziehen. So bleiben von der ganzen schönen Dialektik am Schluss nur Dialekte übrig. Und letztlich ganz dialektisch und im Gegensatz zu der anfänglichen Argumentation ein Aufruf für ein neues Denk mal! - in seiner wörtlichen Bedeutung. oer

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