Neu leben in alten Mauern

Aktuelle Herausforderungen verwandeln Brandenburgs historische Städte in Zukunftslabore

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.
2016 sieht sich die AG Städte mit historischen Stadtkernen vor neuen Herausforderungen. Drohte bislang Leerstand, so sind nun Hunderte Flüchtlinge unterzubringen.

Die Arbeitsgemeinschaft, in der 31 Städte mit historischen Stadtkernen zusammenarbeiten, hat am Freitag in Potsdam einen Einblick in ihre Vorhaben für 2016 gegeben. Ein Jahr, in dem sich die Mitglieder auf Strukturveränderungen einstellen müssen. So spitzen sich derzeit die Auseinandersetzungen um die von Rot-Rot angeschobene Kreisgebietsreform zu. Auch die Auflösung des Landesamtes für Denkmalpflege wird erwogen.

Frank Steffen, Vizevorsitzender der AG und Bürgermeister von Beeskow, betonte, dass die Zuständigkeiten des Amtes auf die Landkreise übergehen würden. So gehe es mehr denn je darum, von vorn herein sicherzustellen, dass bei Erhalt und Wiederherstellung der historischen Substanz Qualität Vorrang habe.

Dieses Thema treibt auch Dietlind Thiemann, Oberbürgermeisterin von Brandenburg/Havel, um. Jeder, der die alten märkischen Städte besuche, könne das in den vergangenen Jahren Erreichte mit eigenen Augen sehen. Wie oft habe man angesichts des desolaten Zustandes von historischen Bauten vor der Frage gestanden, ob sich der Aufwand zur Wiederherstellung lohne und was man mit dem Gebäude wohl anschließend anfangen werde. »Glauben Sie mir, es war am Ende immer gut angelegtes Geld«, so Thiemann. Sie verwies auf das Beispiel des »Gotischen Hauses« in der Altstadt, das heute ein Kleinod sei und einen Teil der Stadtverwaltung beherberge.

Thiemann bestätigte den Eindruck ihrer Amtskollegen, dass der Bevölkerungsrückgang mancherorts gestoppt sei. Es gebe mehr Zuzügler aus Berlin und wieder mehr Geburten. Beides begrüßte sie, machte zugleich aber auf die Probleme bei der Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum, Kitas und Schulen aufmerksam. Dies stelle sich angesichts der Aufnahme Hunderter Flüchtlinge in einem ganz anderen Lichte dar. Thiemann warnte davor, unter dem Druck, für bis zu 30 Neuankömmlinge pro Woche schnell Unterkünfte bereitstellen zu müssen, bewährte Standards bei Klimaschutz und Denkmalschutz über Bord zu werfen. Sie werde das in Brandenburg/Havel nicht zulassen. »In meiner Stadt nicht, denn langfristig würde uns das auf die Füße fallen.«

AG-Vorsitzender Michael Knape, Bürgermeister von Treuenbrietzen, sprach sich dafür aus, die Möglichkeit zu schaffen, Flüchtlinge in den Städten dezentral unterzubringen. »Dies wird die Integration erleichtern. Es ist eine lösbare Aufgabe.«

Das Motto für 2016 lautet »Alte Stadt / Museum oder Zukunftslabor?«. Katrin Lange, Staatssekretärin im Infrastrukturministerium, stellte klar: »Unsere historischen Stadtkerne sind keine Museen, hier wird heute gerne gelebt und gearbeitet.« Historische Substanz erfordere Investitionen, doch müsse Denkmalschutz auch bezahlbar sein. Insgesamt aber werde sie heute als Chance begriffen.

Chancen bieten sich bei der Belebung der Innenstädte für die Ansiedlung und Pflege alter Handwerkstraditionen. Die AG beteiligt sich unter dem Arbeitstitel »Kulturgut Handwerk - Handwerk zwischen Tradition und Innovation« vor allem mit Ausstellungen am diesjährigen Kulturlandthemenjahr. Sie stellt typisches Handwerk vor - und die Städte und Regionen, in denen es zu Hause war und zum Teil bis heute ist.

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