Aufrecht, weise, stabil

Die einzige Übriggebliebene aus einer Ära, in der das Singen noch geholfen hat: Joan Baez wird 75

Sie marschierte gemeinsam mit Martin Luther King gegen Diskriminierung, sang beim Woodstock-Festival für das Gute in der Welt und klampfte auf dem Live-Aid-Konzert gegen den Welthunger. Sie stammt einer Zeit, in der das Singen noch geholfen hat. Die Folk-Sängerin, Pazifistin und Menschenrechtsaktivistin Joan Baez wird 75. Ihre Waffe ist auch heute noch ihre Akustikgitarre.

Wo und wann früher auch Krieg und Ungerechtigkeit walteten in der Welt, gab es eine, die sich ihre Akustikgitarre umschnallte und tapfer dagegen ansang, aufrecht, weise, stabil: die Folk-Sängerin, Pastorentochter und Pazifistin Joan Baez. Heute tut sie das seltener, weil ihre Zeit mehr durch ihre Tätigkeit als umherreisende Menschenrechtsbeauftragte und Friedensbotschafterin in Anspruch genommen wird. Erst im vergangenen Jahr wurde sie in Berlin von Amnesty International für ihr Engagement für politische Gefangene geehrt. »Letztlich ist es völlig egal, ob man Pessimist oder Optimist ist. Man muss einfach die Dinge tun, die man für richtig hält. Man muss es zumindest versuchen. Sagen wir einfach, ich bin Realistin«, teilte sie vergangenes Jahr dem »Tagesspiegel« mit. Und: »Ich hab’ mich immer am wohlsten gefühlt, wenn ich beides sein konnte: Sängerin und Aktivistin.«

Baez, die an diesem Sonnabend 75 Jahre alt wird, wurde in den USA als Tochter einer Quäkerfamilie geboren. Dem Quäkertum zufolge »hat jeder einzelne Mensch einen einzigartigen Wert, woraus sich die intensiven Bemühungen der Quäker erklären, die Erniedrigung und Diskriminierung von Individuen und Gruppen zu verhindern. Religiöse Wahrheit wird in inneren Erfahrungen gesucht, womit zugleich das menschliche Gewissen betont wird.« (Wikipedia) Man könnte sagen: In diesen zwei Sätzen steckt das gesamte Lebenswerk der Sängerin, die maßgeblich die Folkbewegung der 60er Jahre prägte. Ihre der Weltöffentlichkeit am meisten bekannten musikalischen Werke, ihr Vermächtnis an die Kulturgeschichte sozusagen, dürften ihre Interpretationen von Friedensweisen sein. »Sag mir, wo die Blumen sind«.

Viele ihrer Weggefährten, wie Pete Seeger, sind bereits verstorben. Einige, wie etwa Bob Dylan (dessen musikalisches Werk, das darf man sagen, sowohl komplexer als auch stets kauziger und weniger berechenbar war), sind zwar auf »never ending Tour«, sparen sich aber gewöhnlich Kommentare zum Weltgeschehen. Joan Baez scheint so etwas wie die einzige Übriggebliebene aus einer Ära, in der das Singen noch geholfen hat: Aus allen Ecken lugte das Böse hervor - sei es nun die brutale Niederschlagung der schwarzen US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der Vietnamkrieg, die militärische Unterstützung faschistischer Regimes oder seien es internationale Waffengeschäfte -, und man beschwor es, offenbar im Glauben, es so bannen zu können, mittels gemeinschaftlichem Händchenhalten, Singen und Klampfezupfen.

Die Welt ist heute noch immer schlecht eingerichtet, nur eines scheint sich seit den bürgerrechtsbewegten 60er und den friedenssehnsüchtigen 70er Jahren verändert zu haben: Wo man früher an eine schwer ins Religiöse und nicht selten auch in den Kitsch lappende Ästhetik des Pathos und der Fürbitte glaubte und meinte, den zivilen Ungehorsam und den Frieden gewissermaßen herbei- und das Unrecht hinfortsingen zu können, scheint eine Mehrheit heute von diesem Glauben abgerückt. Manchmal werden die alten Weisen zwar noch gespielt, als eine Art heimelige Wohlfühl- und Wünsch-dir-was-Musik, doch dann wirken sie oft wie kuriose Überbleibsel aus einer untergegangenen Zeit oder putzig, womöglich auch aufgrund der unfreiwillig einsetzenden Erinnerung an die verstörende Naivität, mit der man einst die Liedverse intonierte, mit denen man bewusst oder unbewusst auch immer das eigene gute Gewissen und die eigene moralische Unbeirrbarkeit besang.

Musik ist stets auch der Spiegel ihrer Zeit. Und während 1969 (als Joan Baez auf dem Woodstock-Festival aufgetreten ist und a cappella den Gospel-Song »Swing Low, Sweet Chariot« zum Besten gab) und in den etwa 15 darauffolgenden Jahre (1985 eröffnete Joan Baez das Live-Aid-Konzert) der Traum von der Veränderbarkeit der Welt von nicht wenigen geträumt wurde, war auch die Gebrauchsmusik der Hippies vor allem eine träumerische. Seither ist nicht nur der Kapitalismus fortgeschritten, sondern auch die Kommerzialisierung und Infantilisierung der Popmusik, die oft entweder im Dauer-Retromodus als reiner Emotionsgenerator fungiert, als geschäftsfördernde Nostalgiemaschine oder als konsumbegleitendes Hintergrundgeräusch. Und auch der sich einst als Protest-Pop verstehenden Musik von Joan Baez ist nichts eigen, womit sie sich gegen ihre Verwertung sträuben könnte.

Selbstverständlich gibt es auch in der gegenwärtigen Kunst und Musik solche, die sich etwa mit der Zunahme der militärischen Auseinandersetzungen oder der fortschreitenden Enteignung der Bevölkerung beschäftigt, wenngleich formal avancierter, komplexer, diskursiver, um Pathos, Eiapopeia und Mitklatschrefrains bereinigt. Sie gedeiht an den Rändern und wird meist nicht mehr mit der Wandergitarre gemacht. Aber wer beschäftigt sich heute schon noch mit Kunst oder hört gar Musik, die sich von der Dauerbeschallung per Radio, TV und Internet unterscheiden will? Und wer will ernsthaft heute noch den Planeten retten? Man guckt ja schließlich gerade ein lustiges Katzenvideo. Nachher noch die eingelaufenen SMS checken. Und Lena muss ja nach dem Klavierunterricht auch noch zum Zahnarzt.

Joan Baez lebt heute, wie sich das gehört für in Ehren ergraute Hippies, nicht in einer stickigen Großstadtwohnung in New York, sondern auf einem großzügigen Anwesen in Kalifornien. Dort zieht sie sich dem »Tagesspiegel« zufolge »gern auf ein Baumhaus zurück«. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass sie auch Blumen im Haar trägt.

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