Moldawische Maidans

Martin Leidenfrost erlebte in Kischinau das Koma eines jungen, bettelarmen Staates

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.
In einer kalten Kischinauer Januarnacht zwinge ich mich hinaus zu den Protestcamps. Lieber bliebe ich mit moldawischen Freunden beim Cognac sitzen, doch darf ich ihn mir nicht ersparen, den Blick in den Untergang eines jungen Staates.

In einer klirrend kalten Kischinauer Januarnacht zwinge ich mich hinaus zu den Protestcamps. Lieber bliebe ich mit brillanten moldawischen Freunden beim weltbesten Cognac sitzen, doch darf ich ihn mir nicht ersparen, den Blick in den Untergang eines jungen, bettelarmen, gescheiterten Staates.

Zum Verständnis sollte man die »drei Vlads« Moldawiens kennen. Vor kaum einem Jahr wollten sie noch gemeinsam regieren. Dann wollte Vlad Plahotniuc, erpresserischer Haupt-Oligarch, Besitzer mehrerer Fernsehsender und Politiker der unentbehrlichen »demokratischen« Zentrumspartei, scheinbar alles für sich. Er kaufte dem kommunistischen Ex-Präsidenten Wladimir Woronin zwei Drittel der Parlamentsfraktion heraus, ließ den liberaldemokratischen Ex-Premier Vlad Filat in den übelsten Knast der Hauptstadt stecken und ließ zur endgültigen Erniedrigung ein Video lancieren, in welchem Filat, während er mit dem rumänischen Präsidenten telefoniert, eine Fernsehjournalistin vögelt. Der moldawische Präsident, lassen Mitarbeiter des Präsidialamts verlauten, sieht sein Leben von Plahotniuc bedroht. Das Jahr 2015 sah drei interimistische und zwei gleich wieder gestürzte Regierungen, eine aus drei Banken nach Offshore gestohlene Milliarde, das Einfrieren jeglicher Finanzierung aus dem Westen, und auch feine Diplomaten wie der Generalsekretär des Europarates stufen Moldawien inzwischen als »gekaperten Staat« ein: Das sind unsere Leute in Moldawien, das ist die seit sechs Jahren regierende »pro­europäische Allianz«.

Gegen all das sind mehrere Protestcamps aufgeschlagen. Vor dem Regierungsgebäude drehen sich noch kleine Silvesterkarussells, bei minus 15 Grad reiten aber keine Kinder auf den weißen und schwarzen Kunststoffschwänen. Daneben Hütten und Zelte der neuen Bewegung »Würde und Wahrheit«, die 2015 ungewöhnlich große Demos auf die Beine stellte. In einer heimelig holzbeheizten Hütte finde ich einen Bauarbeiter und seinen zwölfjährigen Sohn in Stockbetten liegend. Er habe die Hütte selbst gebaut, sagt er, und verbringe alle Nächte hier. »Würde und Wahrheit« ist inzwischen eine Partei, und sie wird angeblich von zwei nach Deutschland geflohenen Mafiosi finanziert, denen Plahotniuc zu Hause die Bank abnahm und die seither mit ihrer Mediengruppe »Jurnal« nach Rache dürsten. »Weiß nicht«, sagt der Bauarbeiter dazu. Dass er ein Taggeld von 15 Euro bekommt, bestreitet er. Der Lohn, den er auf dem Bau verdient, kommt mir überraschend hoch vor. Persönlich findet er, man müsste alle Politiker »erschießen«. - »Wie viele?« - »Tausende.«

Ein paar hundert Meter weiter, vor dem Parlament. Um das hoch umzäunte Camp der größten Parlamentspartei, der oppositionellen russlandfreundlichen Sozialisten, patrouillieren kräftige Kerle in Tarnfarben. Die ganze Nachtschicht stammt aus Ungeheni. Einer führt mich durch das Camp, durch ein professionell errichtetes Feldlager aus Großzelten. Man führt mich zum »Kommandanten«. Der alte Uniformierte mit grauem Buschschnauzer misstraut mir zunächst. Er taut erst auf, als ich an seiner Haltung errate, dass er die gute alte sowjetische Offiziersschule durchlaufen hat. Er schildert bewegend den »stillen Horror« auf dem Lande, alte Menschen in Moldawien beginnen zu hungern. Ich sehe dieselbe Forderung wie bei »Würde und Wahrheit«, Direktwahl des Präsidenten. »Warum protestieren Sie nicht gemeinsam?« - »Das sind Unionisten.« - »Die sagten mir soeben, dass sie den Anschluss an Rumänien nicht im Programm haben.« Er winkt ab. »Das Land ist klein. Wir wissen, wer sie sind, und sie wissen, wer wir sind.«

Gleich daneben ein drittes Camp. Es wird vom populären Jungpolitiker Renato Usatii unterhalten, einem witzigen und wohltätigen, in Russland zu Geld gekommenen Mafioso. Das Lager ist aus Styropor, und ich glaube, es ist klug von Usatii, dass seine sinister dreinschauenden und mit Pusteln übersäten Gestalten nicht mit Fremden sprechen dürfen.

So wie die offizielle Ukraine den blutigen Regimewechsel von 2014 als »Revolution der Würde« ausgibt, so sprechen auch der moldawische Bauarbeiter und der moldawische Sowjetoffizier von »Würde«. Wenn ich ihre Camps, wie es in Moldawien üblich geworden ist, als »Maidan« bezeichne, verbessern sie mich umgehend. Lieber verwenden sie das aus dem Deutschen stammende Wort »Lager«. Wie auf dem Kiewer Maidan wollen sie alle nicht enden.

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