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Mehr Verbrauch trotz Effizienz

Tilman Santarius erklärt, warum wir mit sparsamen Geräten mehr Energie benötigen

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Ob Kühlschrank oder Auto, der sogenannte Rebound-Effekt führt dazu, dass trotz steigender Energieeffizienz der Verbrauch zunimmt.

Rebound-Effekt? Ein Alltagsbeispiel macht deutlich, worum es sich handelt: Die Neuanschaffung eines Autos mit Sprit sparendem Motor muss nicht dazu führen, dass tatsächlich weniger Benzin verbraucht wird. Der Besitzer kann auch nach dem Motto handeln: »Weil der Wagen weniger verbraucht, benutze ich ihn öfter oder fahre weitere Strecken.« Das wäre ein direkter Rebound-Effekt. Ein indirekter läge vor, wenn der Autofahrer zwar Benzin einspart, sich jedoch eine Flugreise zusätzlich gönnt.

Seit rund 150 Jahren bestimmt folgende Annahme das Denken und Handeln von Politikern, Unternehmern und Konsumenten: Die Einsparung von Energie durch Effizienzsteigerungen könne eins zu eins zur absoluten Einsparung von Inputs führen. Seit rund 150 Jahren verbrauchen kapitalistische Gesellschaften jedoch immer mehr Energie, obwohl sie stets effizienter geworden sind. Ebenso lange ist dieses Paradoxon bekannt - zumindest theoretisch. Der britische Ökonom William Stanley Jevons beschrieb es in seinem Buch »The Coal Question«. Doch das las kaum einer. Immerhin wird das Phänomen in den Wirtschaftswissenschaften unter dem Namen Rebound-Effekt seit wenigen Jahrzehnten intensiver diskutiert, zumeist nur für die mikroökonomische Ebene. Erst durch die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 und der Renaissance der wachstumskritischen Bewegung wurde das Phänomen auch in der Öffentlichkeit bekannter.

Tilman Santarius hat bereits in den letzten Jahren Arbeitspapiere zum Thema veröffentlicht, nun liegt seine Dissertation zum Rebound-Effekt als Buch vor. Er zeichnet in diesem nicht nur Begriffsbildung und Diskursgeschichte des Rebound-Effekts nach. Er bettet seine Studie auch in eine Fragestellung ein, die man getrost als wachstumskritisch bezeichnen kann. Leitende Fragen dabei sind: Wie lässt sich eine Reduktion des Naturverbrauchs erreichen? Unter welchen Bedingungen und mit welchen genauen Wirkungsmechanismen führen Energieeffizienzsteigerungen zu einer Expansion der Energienachfrage? Ist Energieeffizienz ein grundsätzliches Hindernis für eine hinreichende Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch?

Da seine Argumentation auf die Thesen Karl Polanyis von der Entbettung der Marktlogik und des Gewinnstrebens aufbaut, schlussfolgert Santarius: Der Rebound-Effekt, der abstrakt betrachtet letztlich eine Facette des Gewinnstrebens sei, gebiete eine Abkehr vom Ziel des Wachstums. »Denn so lange die Wirtschaft weiter wächst, werden Rebound-Effekte eine hinreichende Verminderung des absoluten Naturverbrauchs vereiteln.« Da aber nach Marx und Max Weber Wachstum ein dem Kapitalismus innewohnender Bestandteil sei, bekommt Santarius' Argumentation eine »post-kapitalistische« Stoßrichtung.

Damit mögen klassische Linke kein Problem haben, im Gegenteil. Doch sein Plädoyer für eine »post-technizistische« Transformation dürfte Bauchschmerzen bereiten. Denn der Gedanke der Entfesselung der Produktivkräfte ist damit nicht zu vereinbaren. Mit Post-Technizismus meint der Autor jedoch nicht, dass in der sozial-ökologischen Transformation Technologien keine Rolle mehr spielen sollen, sondern dass die Entwicklung weg von Technologien und hin zu Handlungstechniken - verstanden als Kunstfertigkeit menschlichen Handelns - weisen müsse. Ein anspruchsvolles Buch. Und die Auseinandersetzung mit dem Thema ist dringend notwendig.

Tilman Santarius: Der Rebound-Effekt. Ökonomische, psychische und soziale Herausforderungen für die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch. Metropolis, 341 S., 19,80 €.

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