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Kein Vater aller Dinge

Sonderausstellung in Halle/Saale: »Krieg - eine archäologische Spurensuche«

  • Von Hubert Thielicke
  • Lesedauer: 4 Min.

Deutschland ist - wieder mal - im Krieg, Bundeswehrflugzeuge dirigieren und betanken über Syrien Bomber der von den USA geführten Koalition. Um das Fehlen eines UN-Mandats und einer klaren Strategie zu kaschieren, vermeiden so manche Regierungspolitiker schamhaft das Wort »Krieg«, sprechen mitunter von »kriegsähnlichen Handlungen«. Ihnen sei der Weg nach Halle empfohlen, wo derzeit eine Ausstellung über den Krieg zu sehen ist.

Unmittelbarer Anlass ist die bisherige Erforschung des 2011 auf dem Schlachtfeld von Lützen bei Leipzig freigelegten Massengrabes. Die Schlacht von 1632 war ein Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges, in der die schwedischen Truppen einen knappen Sieg über die kaiserliche Armee unter Wallenstein errangen. Allerdings fiel der schwedische König Gustav II. Adolf, Führer und Idol der Protestanten. Während seine Leiche im pompösen Trauerzug nach Stockholm gebracht wurde, blieben mehr als 6000 tote Soldaten auf dem Schlachtfeld zurück, meist von der örtlichen Bevölkerung notdürftig in Massengräbern verscharrt.

Erschüttert verharrt der Besucher vor dem wie ein Mahnmal aufragenden Massengrab, dessen 47 Skelette einen grauenhaften Totentanz verkörpern. Eine Momentaufnahme der Schrecken des Krieges. Hier wird verständlich, warum moderne Kriegsherren alles daran setzen, den Krieg mit Bomben, Raketen und Drohnen so zu führen, dass eigene Verluste gering bleiben und die heimische Öffentlichkeit von grauenerregenden Bildern eigener toter Soldaten verschont bleibt.

Im Vergleich zu anderen Massengräbern jener Zeit konnte das von Lützen mittels modernster Methoden akribisch untersucht werden. In zwei Blöcke zu je 27 Tonnen zerlegt, transportierte man es ins Landesmuseum.

Wer sind die Toten? Wie lebten die Soldaten? Wie starben sie? Individuelle »Steckbriefe« geben Antworten. So handelte es sich bei »Individuum 18« um einen Mann von 40 bis 50 Jahren, der womöglich schon seit Kriegsbeginn diente, worauf auch mehrere verheilte Verletzungen hindeuten. Der Tod vereinte Soldaten beider Seiten im Massengrab. Viele starben offensichtlich durch einen Reiterangriff, was Schuss- und Hiebverletzungen an den Schädeln nahelegen. Waffen wie Musketen und Reiterkarabiner, Hellebarden und Degen, aber auch Funde vom Schlachtfeld, zeitgenössische Gemälde und Lageskizzen geben einen Eindruck von dem, was an jenem 6. November 1632 bei Lützen geschah.

Der Krieg wütete noch weitere 16 Jahre, bis es zum Westfälischen Frieden kam. Etwa vier bis fünf Millionen Menschen fielen den Kämpfen und Plünderungen zum Opfer, etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Eine der blutigsten Episoden der Menschheitsgeschichte, aber nur ein Kapitel in einer langen Reihe von Kriegen und Schlachten.

Stellt sich die Frage, warum so wenig daraus gelernt wurde, die Staaten allein 2014 fast 1,8 Billionen US-Dollar für militärische Zwecke ausgaben.

Dem Beginn von Gewalt und Krieg geht der zweite Teil der Ausstellung nach. Erste Spuren führen bis in die Altsteinzeit. So lassen bei Atapuerca (Spanien) gefundene ca. 430 000 Jahre alte Schädelreste auf Gewaltanwendung schließen. Von kriegerischen Gruppenkonflikten kann wohl aber erst seit der Jungsteinzeit gesprochen werden, als man zu Ackerbau und Viehzucht überging, feste Siedlungen errichtete und Vorräte anlegte, was dem Angreifer Beute versprach. Wurden zunächst Werkzeuge und Jagdgeräte wie Beile, Speere, Pfeil und Bogen im Kampf genutzt, war die Keule die erste eigentliche Waffe; es folgten Streitäxte, Dolche, Schwerter. Die ausgestellten Waffen und Schutzausrüstungen der Jungstein- und Bronzezeit verdeutlichen, dass der Mensch schon damals sehr erfinderisch war, wenn es ums Militärische ging.

Der »leichte Panzer« der Bronzezeit war der Streitwagen, der von den Heeren der ersten Staaten im Vorderen Orient genutzt wurde, so in den Schlachten von Megiddo (1457 v. Chr.) und Kadesch (1274 v. Chr.). Auf letztere folgte übrigens ein Abkommen zwischen Ägypten und dem Hethiter-Reich, der älteste bekannte paritätische Friedensvertrag der Welt.

Dass es in jener Zeit auch zu größeren gewalttätigen Auseinandersetzungen im nördlichen Europa kam, zeigen die seit einigen Jahren laufenden Ausgrabungen am Flüsschen Tollense nördlich von Altentreptow in Mecklenburg-Vorpommern. Über etwa zwei Kilometer fanden sich menschliche Überreste, Waffen und zahlreiche Pfeilspitzen. Sie deuten auf organisierte Kriegshandlungen zwischen einheimischen Stämmen und Eindringlingen aus dem Süden hin.

Die wohl erstmalige Ausstellung dieser Art weist mit den Mitteln der Archäologie sehr anschaulich die Ursprünge des Krieges nach. Für ihre Einzigartigkeit spricht auch, dass hier - soweit in einem solchen Rahmen möglich - eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Krieg erfolgt. Entstanden mit der Sesshaftwerdung des Menschen, wird er meist aus ökonomischen, politischen oder kulturellen Gründen geführt. Dem bekannten Diktum des griechischen Philosophen Heraklit stellen die Ausstellungsmacher die Mahnung des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt entgegen: »Nicht der Krieg, der Frieden ist der Vater aller Dinge.« Wer sich mehr über die Thematik informieren möchte, dem sei der sehr informative Begleitband zur Ausstellung empfohlen.

Bis 22. Mai im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Di-Fr 9-17, Sa., So. und Feiertage: 10-18 Uhr. www.landesmuseum-krieg.de Harald Meller und Michael Scheffzik (Hrsg.): Krieg - eine archäologische Spurensuche. Verlag Konrad Theiss, 488 S., geb., 39,95 €.

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