Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Für die Ärmsten unter den Migranten interessiert sich niemand«

Bridget Wooding über den Umgang der Dominikanischen Republik mit den haitianischen Zuwanderern

Die englische Sozialwissenschaftlerin Bridget Wooding ist Direktorin von OBMICA, dem Beobachtungszentrum für Migration in der Karibik. Ihr Büro liegt in der Nähe des kolonialen Zentrums von Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Mit ihr sprach für »nd« in Santo Domingo Andreas Boueke.

Haiti und die Dominikanische Republik sind zwei verschiedene Länder auf ein und derselben Insel: Hispaniola. Wie würden Sie die Beziehungen zwischen den beiden Gesellschaften beschreiben?

Das Nebeneinander war schon immer sehr kompliziert. Haiti ist heute das ärmste Land des amerikanischen Kontinents, während die Dominikanische Republik als Schwellenland bezeichnet werden kann, in dem die Menschen einen vergleichsweise deutlich höheren Lebensstandard genießen. Deshalb kommen so viele Haitianer über die sehr schlecht gesicherte Grenze auf der Suche nach besseren Lebenschancen.

Die beiden Kulturen sind sehr unterschiedlich. Die Menschen sprechen verschiedene Sprachen. Seit wann gibt es überhaupt so viele Migranten?

Schon lange. Die Geschichte der Migration begann lange vor den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zu der Zeit wurden sehr viele arme Haitianer von der damaligen US-amerikanischen Besatzungsmacht beider Länder dazu angehalten, in die Dominikanische Republik zu ziehen, um dort auf großen Zuckerplantagen zu arbeiten. Als Anfang der achtziger Jahre das Ende der Zuckerindustrie in der Dominikanischen Republik begann, nahm die Migration aus Haiti trotzdem weiter zu. Gerade in der chaotischen Transitionsphase nach dem Ende der Diktatur von Baby Doc im Jahr 1986 haben die Haitianer in jeder Nische der dominikanischen Wirtschaft einen Platz gefunden.

Wurde die Migration politisch gesteuert?

Nein. Diese Situation hätte reguliert werden müssen, spätestens vor der Verabschiedung neuer Migrationsgesetze im Jahr 2004. Doch erst im Jahr 2014 begannen die dominikanischen Behörden mit einem 18-monatigen Programm. Die Nachkommen haitianischer Migranten, die in der Dominikanischen Republik geboren wurden, hatten ein Jahr lang Zeit, ihren Status zu klären. Doch für die betroffenen Menschen war der Prozess teuer und kompliziert. Zum Beispiel mussten sie eine Bescheinigung des Krankenhauses vorlegen, in dem sie geboren worden sind. Aber die meisten haitianischen Frauen bringen ihre Kinder zu Hause zur Welt. Für solche Probleme der Ärmsten unter den Migranten hat sich niemand interessiert. Viele von ihnen glaubten auch nicht wirklich, dass sie angemessene Ausweise bekommen würden. Die Regulierungsphase ging im Juni 2015 zu Ende. Im Juli und August haben die dominikanischen Behörden dann die Menschen, die ihren Status nicht geklärt hatten, aufgefordert, das Land zu verlassen. Es kam zu deutlichen Spannungen zwischen Dominikanern und Haitianischstämmigen. Menschen hatten Angst um ihr Leben und einige entschieden sich, die Grenze nach Haiti zu überqueren.

Ist das der Grund, weshalb jetzt Tausende Menschen in informellen Lagern in der Nähe der Grenze leben?

Ja. Diese Menschen haben keine Familienbeziehungen mehr in Haiti. In vielen Fällen sind es eigentlich Dominikaner mit haitianischer Abstammung, aber sie besitzen keine Papiere, die das bestätigen. Ihre Hautfarbe ist meist deutlich dunkler als die der Dominikaner und sie haben Angst vor Angriffen und Rassismus auf der dominikanischen Seite.

Wie wird es für sie weitergehen?

Die dominikanischen Behörden argumentieren, dass sie seit August Deportationen durchführen, die allen humanitären Standards entsprechen. Aber die Situation in den Lagern zeigt, dass die Realität eine andere ist. Doch weder die dominikanischen noch die haitianischen Behörden wollen Verantwortung für diese Menschen übernehmen. So ist eine außergewöhnliche humanitäre Situation entstanden, die bisher keine angemessene Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft bekommt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln