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»Wir bereuen gar nichts«

Whistleblower Witali Stepanow sagte gegen Russlands Sportelite aus und muss nun mit seiner Familie an einem geheimen Ort leben

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Witali Stepanow, Ex-Mitarbeiter der russischen Antidoping-Agentur
RUSADA, brachte mit seiner Frau, der Leichtathletin Julia Stepanowa, als Whistleblower mit versteckter Kamera den Dopingskandal in Russland ins Rollen. Die Enthüllungen der WADA-Kommission gehen auf sie zurück. Mit Jörg Mebus sprach er nun über das Leben seiner Familie an einem geheimen Ort fernab der Heimat, ständig beschimpft und bedroht, ohne festes Einkommen, aber doch mit viel Hoffnung.

Wie häufig sind Sie umgezogen, seit Sie und Ihre Frau sich entschlossen, in Ihrer Heimat Russland gegen Doping zu kämpfen?

Achtmal.

Wurden Sie bedroht?

Wir versuchen, direkte Konflikte zu meiden. In der russischen Internetgemeinde sind wir oft als Verräter oder Bastarde beschimpft worden. Uns werden viel Hass und verbale Aggression entgegengebracht. Jemand schrieb sogar ein Gedicht, in dem stand, dass Gott unseren Sohn dafür bestrafen werde, dass er Eltern wie uns hat. Natürlich herrscht Meinungsfreiheit, aber der Autor des Gedichts (Maxim Karamaschew, d. Red.) will gerade neuer Präsident des russischen Leichtathletikverbandes werden.

Sie leben an einem geheimen Ort. Wieso bewerten Sie Ihre Situation als derart bedrohlich, dass Sie keine Details über Ihren Aufenthaltsort preisgeben?

Ich habe dem russischen Sportminister (Witali Mutko, d. Red.) und dem russischen Leichtathletikverband meine Hilfe angeboten, um den russischen Sport zu säubern. Ich habe keine Antwort erhalten. Stattdessen lese ich immer wieder viele Lügen, die von Sportfunktionären und Politikern verbreitet werden, was unsere Motive betrifft. Diese Leute bedrohen meine Frau öffentlich über die Medien. Ich wäre ein Idiot, wenn ich meine Familie nicht schützen würde.

Sie mussten Ihr Heimatland verlassen. Haben Sie noch Kontakt zur Familie und Ihren Freunden? Haben Sie überhaupt noch Freunde?

Von Zeit zu Zeit haben wir Kontakt zu unserer Familie. Sie wissen also, dass wir sicher sind, sie wissen aber nicht, wo wir sind. Wir haben Menschen in Deutschland und anderen Ländern kennengelernt, sie sind jetzt unsere neuen Freunde.

Sie und Ihre Frau sind arbeitslos. Wie bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?

Spenden helfen uns. Wir sind sehr dankbar dafür, so ein bescheidenes Leben führen zu können. Ich hoffe aber, dass ich Geld durch ehrliche Arbeit verdienen kann. Ich suche einen Job, wenn möglich im Sport oder noch besser: in der Antidopingarbeit.

Haben Sie erwartet, was Ihre Aktivitäten und die Ausstrahlung der ARD-Dokumentation ausgelöst haben?

Wir hatten gehofft, dass es bis zu einem gewissen Grad Auswirkungen auf die Leichtathletik haben würde, dass sie auch sauberer wird. Aber die weltweiten Reaktionen kamen für uns unerwartet.

Haben mittlerweile der Leichtathletikweltverband und dessen Präsident Sebastian Coe oder IOC-Präsident Thomas Bach Kontakt zu Ihnen gesucht?

Nein, bislang gab es keine Reaktion von Coe oder Bach. Ich kann mir auch vorstellen, dass diese Leute andere Dinge zu tun haben als mit einer kleinen Familie aus Russland zu sprechen. Ich habe aber vor Kurzem immerhin Folgendes gelesen: »Die IAAF begrüßt den Mut von Whistleblowern (einschließlich der eigenen Mitarbeiter), die geholfen haben, das im Bericht der WADA-Kommission beschriebene Fehlverhalten aufzudecken.«

Wann würden Sie Ihr Leben, das Ihrer Frau Julia und Ihres Sohnes wieder als normal bezeichnen?

Meine Frau müsste wieder in Wettkämpfen starten dürfen, mein Sohn geht in den Kindergarten, und ich habe einen Job.

War es das alles wert? Sind Sie noch immer stolz darauf, was Sie getan haben, oder sind Sie mittlerweile auch ein wenig verbittert?

Nein, wir bereuen gar nichts. Ich glaube, wir haben das Richtige getan. Wenn es nötig ist, würden wir dasselbe noch einmal tun. Wir wollen einen dopingfreien Sport ohne korrupte Funktionäre.

Was muss passieren, damit Whistleblower im Sport nicht mehr in die Situation kommen, in der Sie sich gerade befinden?

Wir werden sehen, was mit uns noch passiert. Einige Menschen wollen uns gerade helfen. Das ist wirklich eindrucksvoll und herzerwärmend. Aber generell ist es wohl schwierig für Whistleblower im Sport, denn ein Programm, das Zeugen unterstützt, gibt es bislang nicht. Jeder von ihnen muss wissen, dass es Leute gibt, die es nicht schätzen werden, wenn andere Menschen die Wahrheit sagen. Und dass man ein Risiko eingeht, wenn man es trotzdem tut. SID/nd

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