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Kleiner Kalter Balkankrieg

Die alten Kriegsgegner Kroatien und Serbien bedrohen sich gegenseitig mit Raketen, die sie noch nicht haben

  • Von Thomas Roser, Belgrad
  • Lesedauer: 3 Min.
Aufrüstungsdrohungen überschatten die Beziehungen zwischen den einstigen Kriegsgegnern Kroatien und Serbien. Zagreb soll vom NATO-Partner USA ausrangierte Raketen erhalten, Belgrad will russische.

Wenn Serbien vor 17 Jahren über das Raketenabwehrsystem S-300 verfügt hätte, wäre es 1999 sicher nicht von der NATO bombardiert worden, verkündete in dieser Woche Russlands Vize-Premier Dimitri Rosogin. Danach überreichte er Serbiens Regierungschef Aleksander Vucic in Belgrad lächelnd ein Modell des Raketenwerfers. Vucic kündigte scheinbar entschlossen »Verhandlungen« über den Ankauf des für den bitterarmen Balkanstaat unerschwinglich teuren Kriegsgeräts an: »Wir werden für niemanden ein leichtes Ziel sein.«

Das bizarre Waffengeklirr der Ex-Kriegsgegner Serbien und Kroatien lässt seit Wochen den bilateralen Blätterwald kräftig rauschen. Anlass des Nachbarschaftsärgers der beiden künftigen EU-Partner sind Raketen, die noch gar nicht stationiert sind. Wegen der Absicht des EU- und NATO-Mitglieds Kroatiens, die eigene Armee mit von den USA ausrangierten Raketenwerfern des Typs M-270 zu »modernisieren«, fühlt sich der EU-Beitrittskandidat Serbien wegen deren 300-Kilometer-Reichweite bedroht - und kündigt im kleinen Kalten Balkankrieg erzürnt die Aufrüstung der eigenen Streitkräfte an.

Niemand könne erwarten, dass Serbien »den Hals seiner Bürger auf das Schafott legen und die Exekution abwarten« werde, verkündete am Donnerstag martialisch Serbiens Präsidentensprecherin Stanislava Pak. Als »lächerlich« hatte zuvor Kroatiens Verteidigungsminister Ante Kotromanovic die Vorwürfe Belgrads bezeichnet, das militärische Gleichgewicht in der Region aus der Balance bringen zu wollen. Serbiens heutiger Staatschef Tomislav Nikolic, Premier Vucic und Außenminister Ivica Dacic seien schon in den 90er Jahren maßgeblich für die Bürgerkriege in Jugoslawien verantwortlich gewesen: »Sie waren führend in vier Kriegen - und reden jetzt über irgendwelchen Frieden.«

Das Ende des Kroatienkriegs liegt mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Doch noch immer sind sich die Nachbarn in tiefen Misstrauen verbunden. Die ebenso rasselnden wie überflüssigen Paraden ihrer altersschwachen Armeen in Belgrad (2014) und Zagreb (2015) schienen auch als Signal an den Nachbarn gedacht. Zu einem neuerlichen Waffengang sind die beiden wirtschaftlich angeschlagenen Ex-Gegner zwar weder fähig noch willens. Doch sobald bei einem der Nachbarn ein Stimmenstreit ansteht, wird die Erinnerung an die Kriegsschrecken von den politischen Gladiatoren auch zur eigenen Selbstprofilierung nach Kräften reaktiviert.

Waren es 2015 die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Kroatien, die mit patriotischem Wahlkampfgetöse die Nachbarschaft belasteten, sind es nun Urnengänge in Serbien, die sich vor allem Belgrad im eher rhetorischen Rüstungswettlauf üben lassen. Serbien plane überhaupt keine russischen Waffenkäufe, dafür fehle es an Geld, berichtet die Belgrader Zeitung »Danas« mit Verweis auf eine anonyme Quelle im Verteidigungsministerium. Viel Phantom-Waffenrauch um nichts.

Die beiden Nationen seien noch »nicht erwachsen« und noch immer »in der Situation der deutschen Stunde null«, analysiert 21 Jahre nach Kriegsende ernüchtert der kroatische Schriftsteller Slobodan Snajder.

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