Mehr als eine Nische

Neues Buch versammelt Berichte über Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz

Den Begriff gibt es seit Langem. Doch erst in den vergangenen Jahren boomt die Solidarische Landwirtschaft. Sie gilt als eine Antwort auf die Agrarindustriekrise.

»Zur solidarischen Landwirtschaft gehört auch die Solidarität mit der Landwirtschaft.« Dieser Satz in dem Buch »Gemeinsam auf dem Acker - Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz«, geschrieben von Bettina Dyttrich, bringt es auf den Punkt. Es geht um die Wechselwirkung bei der »Community supported agriculture«, kurz CSA. Die Autorin hat sich besonders Projekte in der Schweiz vorgenommen, dort sei das Ganze »mehr als ein Nischenphänomen«. Auch wenn der Anteil insgesamt noch gering ist, mehrere tausend Menschen beteiligen sich an selbstorganisierter Versorgung mit Lebensmitteln.

CSA und ähnliche Modelle gibt es heute an vielen Orten. Während in ärmeren Ländern eher Familiengärten und Kleinbauernhöfe üblich sind, etablieren sich CSA-Projekte in Europa, Nordamerika und Japan. Die Modelle unterscheiden sich im Detail, gemeinsam ist ihnen, dass die Gesellschaft - also Stadtbewohner oder eine Gemeinde - mit verantwortlich ist für die Landwirtschaft.

Das Buch - eindrucksvoll bebildert von Giorgio Hösli - gibt zunächst eine Übersicht: Geschichte, Organisationen, Hintergründe und Beispiele aus den Nachbarländern des Alpenstaates. In der Folge geht es in die Praxis. 15 Projekte werden vorgestellt, darunter die Gemeinde Yverdon im Waadtländer Mittelland, in der knapp 30 000 Menschen leben. Während es meist zuerst die Höfe sind, die sich eine andere Wirtschaftsweise überlegen, kam hier der entscheidende Anstoß aus dem Rathaus. Quasi als Folge das Handlungsprogramms Lokale Agenda 21, das 1992 in Rio de Janeiro definiert wurde. Heute können sich die Menschen der Gemeinde über einen Verein mit einer Mischung aus Abo und Direktverkauf versorgen. »Regional essen und damit die Bauern unterstützen, das spricht viele Leute an«, sagt Initiatorin Marie Kolb.

Auch im Tessin versorgt die Solidarische Landwirtschaft rund 1600 Haushalte - über eine Genossenschaft. Rendite wird nicht erwartet, stattdessen bestimmt das Vertrauen den Handel. Ergänzt werden die Beispiele durch praxisnahe Tipps im letzten Kapitel. Hier kann nachgelesen werden, welche Hürden zu beachten sind - allerdings sind die Tipps sehr kurz geraten und können nicht mehr geben als eine Übersicht.

In Deutschland steckt die Bewegung noch in den Anfängen. Trotzdem ist die Zahl in den vergangenen fünf Jahren von fünf auf rund 70 Höfe angewachsen, die weder Wachstum noch Industrie mit Landwirtschaft verbinden, sondern die Versorgung mit Lebensmitteln. Hierzulande liegt der Schwerpunkt meist darauf, die Produktion zu finanzieren - anders etwa als in Frankreich oder Japan, wo Konsumenten in erster Linie Geld für Produkte geben.

Der Blick ins Nachbarland zeigt, Solidarische Landwirtschaft kann erfolgreich sein. In diesem Sinne ist das Buch ein echter Schmöker, auch wenn es an einigen Stellen zu begeistert geraten ist. Kritik und Auseinandersetzungen kommen nicht vor - dabei würde genau diese Auseinandersetzung wohl auch Neueinsteigern helfen.

Bettina Dyttrich, Giorgio Hösli: »Gemeinsam auf dem Acker - Solidarische Landwirtschaft in der Schweiz«; Rotpunktverlag Zürich; 288 S.; 34 Euro.

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