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Eine Flugshow im Grenzbereich

WM am Kulm zwischen Siegerpodest und Rollstuhl: Zum Abschluss der Titelkämpfe gewinnt die deutsche Skiflugmannschaft Silber

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Der entthronte Champion wurde nach seiner Landung stürmisch gefeiert. Nachdem Titelverteidiger Severin Freund bei der Skiflug-WM am Kulm im Einzel nur Sechster geworden war, entschädigte er sich am Sonntag im Teamspringen.

Bad Mitterndorf. Der entthronte Champion wurde nach seiner sicheren Landung im Flockenwirbel stürmisch von seinen Teamkollegen umarmt. Gemeinsam feierten die deutschen Skispringer mit Silber im Teamwettbewerb ein Happy End einer Skiflug-Weltmeisterschaft im Grenzbereich bei turbulenten Wetterbedingungen. Ganz oben auf dem Siegerpodest stand Norwegen mit Johann Andre Forfang, der trotz einer Knieblessur und starken Prellungen geflogen war.

Forfang war im Einzelwettbewerb am Vortag bei der Landung seines Flugs auf 240 Meter schwer im weichen Schnee gestürzt. Doch der wilde Flieger sprang sofort auf und riss euphorisch beide Arme in den Flockenwirbel. Tags darauf war er Weltmeister. Es waren diese Szenen, die die Titelkämpfe am Kulm in Österreich auf den Punkt brachten. Die insgesamt 60 000 Zuschauer erlebten in atemberaubenden Flügen die ganze Faszination dieses Sports im Grenzbereich - und im weichen Neuschnee auf dem Aufsprunghang die Schattenseiten mit gefährlichen Stürzen.

Der Österreicher Lukas Müller ist nach seinem Crash beim Einfliegen für die Titelkämpfe »inkomplett querschnittsgelähmt« und muss sein Leben möglicherweise im Rollstuhl verbringen. Aus diesem Blickwinkel geriet zur Nebensache, dass Severin Freund als Sechster des Einzelwettkampfes seinen Titel als Skiflug-Weltmeister an Peter Prevc (Slowenien) abgeben musste.

»Beim Einzel war ich einfach nicht stark genug, aber jetzt ist die Freude extrem groß. Beim Skifliegen ist alles eine Nummer größer. Und das wir hier den silbernen Erfolg von vor vier Jahren wiederholt haben, ist extrem geil«, kommentierte Severin Freund.

In dem Teamwettkampf bei wechselnden Winden war das deutsche Quartett zwischenzeitlich auf Platz fünf zurückgefallen, kämpfte sich jedoch noch auf Platz zwei mit stolzen 110,4 Punkten Rückstand auf die überragenden Norweger nach vorn. Auch dank eines starken 202-Meter-Fluges von WM-Neuling Stephan Leyhe, dem diese erste Medaille »ewig in Erinnerung bleiben wird«.

»Es freut mich, dass sich die Jungs mit Silber belohnt haben. Das ist super für uns. Es sind nicht alle Wünsche in Erfüllung gegangen«, kommentierte Bundestrainer Werner Schuster und atmete tief durch: »Es war eine tolle Show bei dieser WM, und ich bin als Trainer auch froh, dass alle heil runtergekommen sind.«

Ausgerechnet Andreas Wellinger, der schon im vergangenen Winter im finnischen Kuusamo schwer gestürzt war und Monate pausieren musste, war am Samstag im Probedurchgang bei der Landung gestürzt. Genau wie der schon von mehreren Knieverletzungen gebeutelte Norweger Kenneth Gangnes. Beide blieben von schweren Verletzungen verschont, Teamweltmeister Gangnes holte sich direkt nach dem Sturz mit einem mutigen Flug Silber im Einzel.

»Beim Fliegen musst man sein Hirn ausschalten«, sagte Gangnes danach. Er lag nach drei Wertungssprüngen im Einzel - der vierte wurde wegen der turbulenten Wetterbedingungen abgesagt - 3,3 Punkte hinter dem neuen Weltmeister Peter Prevc. Der Slowene krönte sich nach seinem Triumph bei der Vierschanzentournee zum »König dieses Winters« - weil er noch ein bisschen tollkühner war. Erst 243,5 Meter am Freitag, dann 244 Meter am Samstag: Zweimal verbesserte Prevc mit mühevoll gestandenen Flügen den Schanzenrekord am Riesenbakken. Ganz nach dem Motto seines Trainers Goran Janus, der ihn über Funk gefragt hatte: »Bist du schon gelandet oder fliegst du noch?«

Prevc entthronte völlig verdient Severin Freund. »Severin war einfach nicht mehr so fit, er hat die Strapazen der letzten Wochen gespürt. Seit seinem Sturz in Innsbruck hat er sich viel mit Physiotherapie beschäftigen müssen«, sagte Schuster.

Das Thema Stürze war auch am Kulm ein großes - der fatale Müller-Crash warf einen Schatten auf das perfekt organisierte Event. Die Ursachen für die Zunahme der Unfälle im Skifliegen sind vielschichtig. Zum einen werden die Wetterbedingungen durch den Klimawandel zunehmend turbulenter - wie auch am Kulm zu erleben. Dann helfen auch alle technischen Verbesserungen der Schanzen wie bei der WM mit der Installierung einer Eisspur wenig. Zudem bietet das Stabbindungssystem aerodynamische Vorteile in der Luft, macht aber die Landung wesentlich komplizierter. Trotzdem benutzen sie alle Springer. Genau wie fast alle Flieger auf die optionalen Rückenprotektoren verzichten, weil sie keine aerodynamischen Vorteile bringen. Die Einführung von Nackenairbags bringen nichts.

»Das ist eine Sportart im Grenzbereich«, sagt Werner Schuster. »Am Ende muss jeder selbst entscheiden, ob er sich dem Risiko aussetzt.« Landen kann man auf dem Siegerpodest oder im Krankenhaus.

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