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Auf Korsika wachsen den Nationalisten Flügel

Neue Inselregierung provoziert mit ihrer Ablehnung französischer Symbole und wirft Frage der Unabhängigkeit auf

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
»Korsika den Korsen« - radikale Nationalisten auf der Mittelmeerinsel wittern nach dem jüngsten Wahlsieg der Separatisten Morgenluft.

Die Atmosphäre war spannungsgeladen, als die zwei Korsen Gilles Simeoni und Jean-Guy Talamoni an diesem Montag von Frankreichs Premierminister Manuel Valls empfangen wurden. Es handelt sich schließlich nicht um irgendwelche Inselbewohner, sondern um die Präsidenten des Regionalrats und der Exekutive Korsikas, die ihre Forderungen an die Regierung vorbringen wollen. Die Vertreter des Bündnis Pè a Corsica fühlen sich durch ihren überraschenden Sieg bei den jüngsten Regionalwahlen Anfang Dezember 2015 förmlich »Flügel wachsen«.

Entsprechend selbstbewusst geben sie sich, auf eine Provokation mehr oder weniger kommt es da nicht an. So hat Simeoni seine erste Rede vor dem neugewählten Regionalrat auf Korsisch gehalten und dabei vor allem die Anerkennung des korsischen Volkes durch Paris gefordert. Korsisch soll neben Französisch gleichberechtigte Amts- und Unterrichtssprache auf der Insel werden. Zu den ersten Ansprüchen, die Simeoni erhob, gehörte auch eine Generalamnestie für die »politischen Häftlinge« aus Korsika einschließlich Yvan Colonna. Der hatte 1998 den Präfekten, den Vertreter der Regierung vor Ort, ermordet.

Simeonis Parteifreund Talamoni hat aus seinem Arbeitszimmer als erstes die französische Fahne und das Bild von Staatspräsident François Hollande entfernt. »Ich bin nicht gewählt worden, um die Marseillaise zu singen«, sagt er. »Mein Land ist Korsika.« Beide sind sich jedoch bewusst, dass die Nationalisten mit ihren 37 Prozent der Stimmen nur einen relativen Sieg errungen haben, weil die Rechten wie die Linken auf Korsika zersplittert sind.

Die Unabhängigkeit steht für die Nationalisten - noch - nicht auf der Tagesordnung. »Bei einer entsprechenden Volksabstimmung würden wir nicht die Mehrheit bekommen«, räumt Talamoni ein. »Wir sind Demokraten. Wir wollen nicht die Unabhängigkeit durchsetzen, solange viele Korsen sie nicht wollen. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Mehrheitsmeinung ändern wird«, sagt Talamoni.

Das Echo aus Paris war klar und deutlich. »Ich kenne keine korsische Nation, sondern nur eine französische, und die Republik hat nur eine Sprache - Französisch«, erklärte Premier Valls als Reaktion auf die ersten Provokationen von der Insel. »Es gibt auch keine politischen Häftlinge, sondern nur Kriminelle, die Straftaten verübt haben und ihre dafür verhängte Strafe verbüßen.«

Als es kurz nach der Wahl in einer Sozialwohnsiedlung in Bastia zu blutigen Zusammenstößen von Jugendlichen mit Feuerwehrleuten und der Polizei kam, reagierten gewaltbereite Korsen, die offenbar durch den Sieg der Nationalisten Morgenluft witterten, mit einer »Strafexpedition« gegen die zumeist muslimischen Einwohner der Siedlung und der Verwüstung ihres Gebetsraums. »Araber raus«, tönte es und »Korsika den Korsen«. Den nationalistischen Politikern sind diese Ausschreitungen peinlich. Da hilft auch nicht ihr Verweis auf den 2014 durch die Unabhängigkeitsbewegung FLNC erklärte Verzicht auf den bewaffneten Kampf.

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