Von Peter Schaber, Nusaybin

Wir wollen, dass sie verschwinden

Ankaras brutaler Krieg gegen die Kurden wird Langzeitwirkung haben

PKK-Terroristen kamen aus den Bergen, haben Städte im Südosten der Türkei besetzt und terrorisieren die Bevölkerung. Deshalb sind Zehntausende Sicherheitskräfte im Einsatz, die unter größter Rücksichtnahme auf Leib und Leben von Zivilisten die besetzten Gebiete säubern. Ds istv die vorgegebene Betrachtungsweise der Regierung in Ankara, die so auch von den ihr hörigen Massenmedien verbreitet wird.

Die Realität des als »Anti-Terror-Operation« verbrämten Krieges, der gerade in den kurdischen Landesteilen der Türkei stattfindet, hat mit dieser Propaganda kaum zu tun. Was in Orten wie Diyarbakir, Cizre, Silopi und Sirnak passiert, ist ein brutaler Feldzug, der darauf ausgerichtet ist, die kurdische Befreiungsbewegung - und zwar ihre bewaffneten wie unbewaffneten Teile gleichermaßen - zu zerstören.

In Regionen, in denen die linke kurdische Demokratische Partei der Völker bei Wahlen über 70 Prozent der Stimmen für sich verbuchen kann und für die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unendlich mehr Respekt vorhanden ist als für die Zentralregierung, greift Ankara daher häufig zur kollektiven Bestrafung der Bevölkerung. Die gesamte politische Demografie der Region soll gleichsam durchgepflügt werden. Menschen werden aus ihren Häusern vertrieben, in Stadtteilen mit Zehntausenden Einwohnern wird die Versorgung unterbrochen, Wasser, Nahrung, Strom werden knapp. Die permanente Gegenwart von Panzern, Soldaten und dubiosen Sondereinsatzeinheiten, die Geräuschkulisse aus Explosionen und Gewehrfeuer sollen die Menschen einschüchtern, ihren politischen Willen brechen. Die Auswirkungen dieses Krieges auf die sozialen Beziehungen und die psychische Verfassung der Menschen sind drastisch.

»Ich kann doch jetzt keine Menschen malen«

»Zuerst habe ich mich sehr über dieses Bild gefreut, weil alle anderen Kinder nur Soldaten, Tote und Gefechte gemalt haben«, erzählt eine Lehrerin aus Nusaybin und hält die Bleistiftzeichnung einer Siebenjährigen hoch, die zwei Häuser, eine Sonne und eine Straße zeigt. »Aber dann habe ich gefragt, warum sie denn keine Menschen gemalt hat. ›Ich kann doch jetzt keine Menschen malen. Es ist Ausgangssperre. Die dürfen nicht auf die Straße gehen‹, hat sie gesagt.« Schon die Kleinsten bekommen mit, dass etwas nicht stimmt. Warum werden wir bestraft? Warum dürfen wir nicht auf die Straße, fragen sie sich.

Die Jugendlichen haben die Antwort auf diese Frage der Kinder gefunden. »Wir werden bestraft, weil wir Kurden sind und Selbstbestimmung wollen«, bekommt man von jenen, die Gräben ausheben, Barrikaden bauen und diese mit Gewehren und Panzerfäusten verteidigen, immer wieder zu hören. Es sind vor allem junge Frauen und Männer, die hier kämpfen. In ihnen materialisiert sich die Geschichte eines seit Jahrzehnten ungelösten Konflikts. Denn in all den urbanen Gegenden, in denen jetzt Kämpfe aufflammen, leben Menschen, die bereits während der Eskalation des Konflikts in den 90er Jahren vertrieben wurden. Damals aus den Dörfern in eben jene Städte, in denen sie nun leben. »Wir gehen hier nicht weg. Niemals wieder gehen wir irgendwohin«, ruft eine Frau in traditionellem Gewand, die auf einer Wiese hinter den Barrikaden des Stadtteils Firat in Nusaybin sitzt. »Und wenn sie uns töten, auch egal. Das ist unser Land, es sind unsere Häuser.«

»Wir wollen nur, dass sie verschwinden«

Diese Erfahrung ihrer Familien, auch da, wo die Jugendlichen noch zu jung sind, um sie selbst bewusst erlebt zu haben, ist für sie prägend. Sie treten den Selbstverteidigungskräften (YPS) bei, von ihnen geht der Impuls aus, solange zu kämpfen, wie es notwendig ist. Hoffnung auf Frieden, so sehr sie ihn sich wünschen, haben die Menschen hier kaum noch. »Wir glauben nicht, dass es mit dieser Regierung Frieden geben kann. Denn jedesmal, wenn die PKK sich zum Frieden bereit erklärt hat, haben sie das ruiniert. Immer und immer wieder«, erklärt Semsettin Ertan, ein junger Kämpfer der YPS aus Firat.

Diese Worte hört man oft. Vor allem während der Verhandlungen mit der Regierung hat die kurdische Bewegung große Zugeständnisse gemacht, ohne dafür etwas zurückzubekommen. Dann kamen die Attentate von Suruc und Ankara, hinter denen die meisten hier den Staat vermuten. Ankara kündigte den Waffenstillstand auf, begann die PKK zu bombardieren und hob den bewaffneten Konflikt mit der Besetzung kurdischer Städte auf das Niveau eines Bürgerkriegs.

Die türkische Führung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Premier Ahmet Davutoglu mag es nicht bemerken. Aber indem sie der kurdischen Bevölkerung hier zum Erhalt der eigenen Macht einen barbarischen Krieg aufzwingt, kappt sie zugleich die letzten, ohnehin fragilen Beziehungen dieser Region zum türkischen Staat. »Was machen die hier, warum kommen die hierher?« fragt eine Kurdin in Dicle (Nusaybin). »Wir wollen nichts von ihnen. Nicht einmal Hilfe. Wir wollen nur, dass sie verschwinden.«

So denken hier viele. Und zugleich wird durch das Grauen des Tötens und Sterbens eine ganze Generation erzogen. Sie wird nicht mehr bereit sein, viele Kompromisse zu machen, weil sie zu oft betrogen und erniedrigt wurde.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken