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Mit »Caribou« durch Eiseskälte

In Québec City gibt’s den größten und schönsten Karneval Nordamerikas

  • Von Ekkehart Eichler
  • Lesedauer: 5 Min.

Jean-Pierre geht dieser Tage am Stock. Nicht, weil ihm das Laufen schwerfiele. Nein, hier und heute dient die Spazierhilfe ganz anderen Zwecken. Alle paar Minuten nämlich schraubt der fröhliche Geselle den Knauf ab, führt das Gerät zum Mund und nimmt einen kräftigen Schluck aus der seltsamen Pulle. Im Laufe des Abends wird er dabei immer lustiger und ausgelassener. Und weil er ein guter Kumpel ist, lässt er den Gast aus Berlin erst regelmäßig teilhaben an seinem Gute-Laune-Spender und verführt ihn später sogar zum Erwerb eines eigenen Stöckchens.

Diese originellen Gehhilfen kommen jedes Jahr von Ende Januar bis Mitte Februar massiv zum Einsatz. Denn dann tobt bei klirrender Kälte in Québec City, der Hauptstadt der gleichnamigen kanadischen Provinz, der größte und schönste Karneval Nordamerikas. Rund um das historische Hotel »Chateau Frontenac« - das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt hoch über dem St.-Lorenz-Strom - verwandeln sich dann die Straßen und Gassen in festliche Bühnen für Paraden und Wettkämpfe, für Musikkapellen und Schlittschuhartisten, für Schneekünstler und Eisskulpteure.

Letztere haben schon Tage zuvor ihr Bestes gegeben. Überall begegnen wir ihren fantasievollen Gebilden: der riesige Indianer vor der Kunstgalerie, ein gallischer Hahn neben der Büste von Louis XIV. auf der Place Royale; monströse Halloweenkürbisse und Harlekinköpfe, teils überlebensgroße Märchenfiguren und Zauberwesen - alles aus Eis gefräst und gehobelt für das fröhliche Fest.

Maskottchen des närrischen Treibens ist ein zwei Meter großer Schneemann mit roter Zipfelmütze, wie sie Holzfäller und Bauern in Ostkanadas größter Provinz traditionell tragen. 14 Tage lang regiert »Bonhomme Carnaval« über Québec City und residiert in einem Schloss aus Eis, das für die Tage des Festes gegenüber dem Parlament der Provinz errichtet wird. Und überall, wo sich das Riesenmaskottchen sehen lässt, bilden sich Trauben von Menschen, die dem Winter gewaltig einheizen und ihm eine Nase drehen wollen.

Denn die Winter in Québec haben es in sich. Von Anfang Dezember bis Ende April herrscht Väterchen Frost mit eisigem Zepter. Fährt den Kühlschrank doch radikal runter auf minus 25 bis minus 30 Grad. Er verzuckert die Wälder und versiegelt die Seen. Zaubert Schneekappen auf Dächer und Monstereiszapfen an Wasserfälle und Regenrinnen.

Im Februar haben sie hier die Nase voll davon. Das Ende des Winters naht und will gebührend gefeiert werden. Und so wie bei den Cariocas in Rio oder beim Mardi Gras in New Orleans geht dann die Post richtig ab - nur eben mit bis zu 70 Grad weniger auf dem Thermometer.

Den kälteerprobten Einwohnern von Québec scheint das nichts auszumachen. Stundenlang verharren sie draußen und absolvieren das umfangreiche Festivalpensum mit unbändiger Feierfreude. Sowie unter enormem Verbrauch von »Caribou«. So nämlich heißt der heiße Zaubertrank aus den Spazierstöcken, den man an vielen Ständen einfach nachtanken kann. Ein hochprozentiges Elixier aus Brandy, Wodka, Sherry und Portwein, das die Gesichter zum Glühen und die Beine zum Wackeln bringt.

»Nimm noch einen Schluck«, grinst Jean-Pierre, »der Abend wird lang.« Doch daran kann ich mich als in dieser Tradition Ungeübter nur noch lückenhaft erinnern - die Nachtparade soll sehr schön gewesen sein.

Der folgende Morgen. Das typische und enorme kanadische Holzfällerfrühstück mit Pfannkuchen, Speck und Ahornsirup gibt Kraft und Energie für die nächsten Stunden Aufenthalt im Freien - auf dem Plan steht das wohl größte Spektakel des Karnevals. Und so ist am Sonntagnachmittag auch ganz Québec City auf den Beinen, um sich das Finale des legendären Kanurennens auf dem St.-Lorenz-Strom anzuschauen.

Punkt 13.30 Uhr: »Bonhomme Carnaval« gibt das Startsignal und gut 20 Teams stürzen sich ins Abenteuer, den knapp einen Kilometer breiten Strom zwischen Québec City und der gegenüberliegenden Stadt Lévis so schnell wie möglich zu überqueren.

Mit herkömmlichem Kanufahren allerdings hat das Ganze nun überhaupt nichts zu tun. Der Strom steckt voll tückischem Treibeis. Fußballfeldgroße Schollen driften in seiner Mitte langsam Richtung Meer. An den Ufern wiederum erzeugen die Gezeiten einen Gegenstrom und pressen die Eisbrocken also entgegengesetzt an den Hafenmauern entlang.

Diese sich stetig verändernden Barrieren, aber auch Wind, Strömungen und Strudel machen den Männern und Frauen in den leichten Fiberglasbooten das Vorwärtskommen enorm schwer. Wer hier durch und gewinnen will, braucht starke Arme, schnelle Beine und verdammt gute Augen. Ganz zu schweigen von einer gehörigen Portion Glück.

Wo immer ein freies Fleckchen Wasser sich zeigt, wird gerudert. Blockiert eine Eisscholle den Weg, heißt es Abspringen und das Boot bis zum nächsten Wasserloch zerren. Rein und raus, wieder und wieder. Zweimal müssen die Männerteams hin und zurück, die Besten schaffen die Tortur in einer reichlichen Stunde. Manche brauchen die doppelte Zeit, und einige bleiben völlig erschöpft im Treibeis sitzen, bis sie irgendwann von Eisbrechern erlöst werden.

Jean-Pierre strahlt. Sein Cousin ist Dritter geworden. Das muss gebührend gefeiert werden. Und so ziehen alle wieder los ins Karnevalsgetümmel mit einem langen und kalten Abend vor der Brust. Aber nur von außen. »Caribou« sei Dank!

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