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Menschen sollen nicht im Meer sterben

Martin Xuereb von der Rettungsorganisation MOAS über die Hilfe auf hoher See und die Rolle von Nichtregierungsorganisationen

MOAS ist seit August 2014 an der Seenotrettung im Mittelmeer beteiligt. Was ist Ihre Motivation?
Die gegenwärtige Lage. Obwohl wir im 21. Jahrhundert leben und das Mittelmeer quasi unser Hinterhof ist, sterben dort Menschen. Und die Situation wird zunehmend schlechter. Die Menschen machen sich in den Wintermonaten, bei schlechtem Wetter und rauer See auf den Weg - und viele von ihnen verlieren dabei ihr Leben.

Ihr Schiff ist eines von vielen, die zur Überwachung im Mittelmeer unterwegs sind. Ist der Einsatz von Küstenwachen und Marinen nicht ausreichend?
MOAS erfindet das Rad nicht neu. Seit Beginn der Flüchtlingsbewegung wurden Menschen im Meer gerettet. Wir versuchen uns in enger Abstimmung mit den staatlichen Behörden - die eine rechtliche und moralische Verantwortung für die Seenotrettung tragen - einzubringen. Wir sagen: Wir haben ein 40 Meter langes Boot, Drohnen, ein professionelles Team - wir stehen damit zur Verfügung. Bisher reagierten die Behörden sehr aufgeschlossen auf uns. Wir hoffen nun, dass wir das, was wir im Mittelmeer erreicht haben, auch in Südostasien schaffen können.

Wie stehen Sie dazu, dass Sie Aufgaben erledigen, für die eigentlich Staaten verantwortlich sind?
Nichtregierungsorganisationen sind seit Jahrzehnten im Einsatz. Es gab sie lange vor der Idee eines starken Staates. Das Verständnis vom Staat als Einheit, der alles für alle macht, ist ein jüngeres. Dem gegenüber steht, dass auch Menschen etwas für andere tun. Denken wir nur einmal an die Royal National Lifeboat Institution. Diese britische Seenotrettungsorganisation ist eine gemeinnützige Freiwilligenorganisation, die seit dem 19. Jahrhundert aktiv ist - weit bevor sich in Großbritannien der keynesianistische Gedanke eines Sozialstaats verbreitete. Das ist Teil der Nachkriegsgeschichte.

Unsere Mission ist also keine streng europäische, sie speist sich vielmehr aus dem US-amerikanischen Bewusstsein individuellen Eingreifens. Ohne Zweifel müssen der Staat und die internationalen Organisationen die Führung im Mittelmeer übernehmen - die Lebensrettung auf See an sich ist aber Aufgabe eines jeden, sei er Mitglied einer Nichtregierungsorganisation oder der Seefahrergemeinschaft. Wir sehen uns als Teil einer globalen Gemeinschaft, die sagt: Menschen sollten nicht auf See sterben.

Spiegelt sich dieses Verständnis auch in der Unterstützung für MOAS wider?
Ja, wir bekommen Geld aus der ganzen Welt von Privatpersonen und Organisationen. Aus Deutschland beteiligte sich zum Beispiel die Caritas mit einer Spendenaktion, bei der 250 000 Euro zusammenkamen. Aber auch Einzelpersonen engagieren sich. Unternehmer wie Jürgen Wagentrotz spenden einen Teil ihres Vermögens. Er fühlte sich an seine eigene Flucht aus der DDR erinnert. Für uns gehören sie alle dazu - die Großmutter, die fünf Euro gibt und eine andere Person, die sich leisten kann, 30 000 Euro im Monat zu spenden. Durch diese Möglichkeit zu helfen wird - um den militärischen Begriff zu benutzen - die »Koalition der Willigen« gestärkt und vergrößert.

Apropos Militär: Sie arbeiten nicht nur mit den Behörden zusammen. Oftmals werden Seenotrettungen von Militärschiffen und Soldaten durchgeführt. Sie haben zu ihnen keine Berührungsängste? Schließlich sind die auch mit der sogenannten Sicherung der EU-Grenzen beauftragt.
Auf See, bei der Seenotrettung, gibt es ein Geheimnis und das lautet: Kooperation und Koordination mit jedem Einzelnen, der dort hilft. Wir arbeiten mit Handelsschiffen, mit anderen NGOs, mit Küstenwachen, mit der Marine zusammen - wir unterscheiden nicht. Wir sehen uns nicht auf der einen oder anderen Seite des Zauns. Wir sind eine NGO des Dritten Weges - der Idee des Soziologen Anthony Giddens folgend, die er später Tony Blair vorschlug und die so in die Politik des Dritten Weges mündete. Wir verorten uns zwischen den staatlichen Einrichtungen und den klassischen NGOs.

Und wie läuft die Zusammenarbeit insbesondere mit den staatlichen Akteuren?
Bisher funktionierte es fantastisch. Ich erhielt erst unlängst einen Brief vom Chef der italienischen Küstenwache, in dem er uns für unsere Professionalität dankte. Als wir unsere Aktivität in die Ägäis verlagerten, haben wir ebenfalls Kontakt zu den Behörden aufgenommen, um das, was wir hier im zentralen Mittelmeer schafften, zu wiederholen. Der Erfolg wird nicht davon bestimmt, wie viele Klicks wir auf unserer Homepage verzeichnen, sondern er hängt davon ab, inwieweit wir es schaffen, mit denen zusammenzuarbeiten und uns zu koordinieren, die die Pflicht haben, Menschenleben auf See zu retten.

Welche Entwicklung erwarten Sie im Mittelmeerraum?
Ich bleibe hoffnungsvoll. Denn die große Mehrheit der Menschen, die wir retten, berichtet uns immer wieder dasselbe: Wenn ich zu Hause die Möglichkeit hätte, meine Kinder in die Schule zu schicken, genug Essen auf den Tisch stellen könnte, mich sicher fühlen könnte, dann würde ich dort bleiben. Ich hoffe also, dass die, die in der Lage sind, zu kommen, auch kommen dürfen, dass sie hier erfolgreich sind und dann ihr Heimatland voranbringen können. Das bedeutet aber auch, dass die Ursachen der Flucht angegangen werden müssen. Denn wir sind alle aus dem selben Holz geschnitzt. Das, was ich in meinem Leben für mich und meine Familie anstrebe, ist genau dasselbe wie der Herr aus Eritrea oder der aus Syrien. Wir müssen uns also auch um Integration kümmern. Das gilt selbst dann, wenn man Flucht und Migration nur durch die ökonomische Brille sieht. Denn aufgrund der demografischen Entwicklung gibt es auch einen Bedarf an Migration nach Europa.

Wie sieht die Zukunft für Ihre Organisation aus? Es ist zwar im Moment nicht absehbar, aber würden Sie Ihr Engagement auch dann fortsetzen, wenn die Zahl der Bootsflüchtlinge zurückgehen sollte?
Solange es diese Art der Migration gibt und zwischen den Herkunfts- und den Ankunftsländern nur die große blaue See liegt, werden wir auf diesem Meer unterwegs sein. Weil wir davon überzeugt sind, dass es niemand verdient hat, dort zu sterben.

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