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Die Überraschung vom Dorf

Tennisprofi Anna-Lena Friedsam steht bei den Australian Open im Achtelfinale

  • Von Ulrike Weinrich, Melbourne
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei ihrer ersten Pflichtaufgabe als Überraschungssiegerin bekam Anna-Lena Friedsam gleich die nächste Gänsehaut. Nachdem die Weltranglisten-82. in Melbourne erstmals in ihrer Karriere ins Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers eingezogen war, reichte ihr ein Offizieller noch auf dem Court einen Filzstift. »Ich musste auf der Linse der TV-Kamera unterschreiben. Das fand ich schon cool, weil ich so etwas vorher noch nie gemacht hatte«, beschrieb Friedsam das Ritual der Stars. Nach dem 0:6, 6:4, 6:4 bei den Australian Open gegen Roberta Vinci aus Italien durfte sie nun selbst mal ran.

Zuvor hatte die 21-jährige Friedsam vor 10 000 Zuschauern in der Hisense Arena einige nervenaufreibende Momente erlebt. Ihren ersten Matchball schien sie schon verwandelt zu haben, als Vinci nach einem eigenen Fehler doch noch einmal den Videobeweis bemühte. »Das war ein komischer Moment. Und ich dachte plötzlich: Scheiße, der Ball war drin«, sagte die deutsche Meisterin.

War er aber nicht - und die Spielerin aus dem 300-Seelen-Dorf Oberdürenbach, die am Sonntag auf die an Nummer vier gesetzte Agnieszka Radwanska (Polen) trifft, durfte sich über den Vorstoß in unbekannte Grand-Slam-Welten freuen. Da es an diesem Samstag in der dritten Runde zum Duell zwischen Annika Beck und Laura Siegemund kommt, stehen in Melbourne mindestens zwei Deutsche im Achtelfinale. Zudem hat ebenfalls am Samstag auch Angelique Kerber (Kiel) noch die Chance auf den Sprung in die Runde der letzten 16. Drei DTB-Starterinnen im Achtelfinale der Australian Open hatte es zuletzt 1988 gegeben.

Bundestrainerin Barbara Rittner freute sich dann auch, dass die zweite Reihe hinter Kerber, Andrea Petkovic und Sabine Lisicki allmählich ins Rampenlicht rückt. »Das sind gute, anständige Mädels, die ihre Zeit brauchen. Sie sind keine Überflieger und wachsen da jetzt rein«, sagte Rittner. Und plötzlich hat die 42-Jährige bei der Nominierung für das anstehende Fed-Cup-Duell mit der Schweiz am Anfang Februar in Leipzig die Qual der Wahl.

Auch von Friedsam war Rittner tief beeindruckt. »An ihr werden wir noch sauviel Freude haben«, prophezeite sie. Gegen die erfahrene Vinci, die im Halbfinale der US Open im September sensationell Serena Williams (USA) besiegt hatte, steckte Friedsam sogar eine »Nullnummer« im ersten Satz weg. »Ich habe mir danach einfach gesagt: ›Auf Anna! Du hast nichts zu verlieren. Bewege Dich einfach besser und genieße es.‹«

Sogar ihre chronische Schulterverletzung brachte die deutsche Nummer neun nicht vom Erfolgsweg ab. Nun soll das Märchen von Down Under für die bodenständige Frau aus der Eifel weitergehen. »Ich habe im Achtelfinale nichts zu verlieren, das Turnier ist noch nicht zu Ende«, meinte Friedsam angriffslustig.

Für die Rechtshänderin mit den blonden Locken stellen die Reisen durch die große weite Tenniswelt ein Kontrastprogramm zu ihrem idyllischen Zuhause da. »Bei uns im Dorf gibt es Null-Komma-Null. Keinen Bäcker, kein Lokal, kein Geschäft«, erzählte Friedsam schmunzelnd. Wenn die Oberdürenbacher ihre wohl bekannteste Mitbewohnerin in diesen Tagen im TV sehen wollen, geht es zum gemeinsamen Public Viewing in ein Lokal nach Niederzissen. Friedsam liebt die Abgeschiedenheit ihrer Heimat. »Ich finde es schön, vom Vogelgezwitscher geweckt zu werden«, sagt sie.

Der Zeitunterschied von zehn Stunden zwischen Melbourne und Oberdürenbach hat allerdings einen Nachteil: Den Triumph gegen Vinci konnten wohl nicht viele daheim sehen. »Die haben bestimmt alle noch geschlafen«, sagte Friedsam. SID/nd

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