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»Programme sind für mich wie Pinsel«

Der römische Künstler Quayola algorithmisiert Alte Meister wie Botticelli, Rubens und Caravaggio

Der Medienkunstguru Peter Weibel beklagte jüngst bei einer Reflexion über sein Mega-Ausstellungsprojekt »Globale« am ZKM Karlsruhe, dass dem menschlichen Sehsinn im Laufe der Evolution leider nur das Vermögen gegeben wurde, innerhalb des Frequenzbereiches zwischen rotem und violetten Lichts operieren zu können und er »blind« ist für alle darüber oder darunter liegenden Wellen. Eine jüngere Künstlergeneration schafft da gegenwärtig Abhilfe. Sie operiert mit Infrarotfotografie, Röntgenstrahlung oder Magnetresonanztherapie und setzt Analyseverfahren ein, wie sie bei der militärischen und geologischen Auswertung von Landschaftsaufnahmen verwendet werden. Quayola, ein in Italien geborener und seit langem in London lebender Künstler, gehört zu dieser Strömung der Künstler, Programmierer und Wissenschaftler der zeitgenössischen Kunst. Derzeit stellt er einzelne Werkgruppen in der Galerie NOME in Friedrichshain aus.

Ausgangsmaterial waren Gemälde von Botticelli, Rubens, Caravaggio und anderen Meistern der Renaissancekunst. »Ich bin in Rom geboren und inmitten all dieser Werke aufgewachsen. In London habe ich dann aber eine ganz andere Perspektive auf sie gewonnen«, erklärt der 33-Jährige im nd-Gespräch. Eine sehr technische Perspektive, bei der allerdings selbst wieder überraschend eindrucksvolle Werke entstehen. Wie etwa die Serie der Aluminium-Gravierungen nach Gemälden zum Thema Judith und Holofernes. 60 dieser Gemälde hat Quayola untersucht; eine Auswahl von zehn Arbeiten ist in Berlin ausgestellt. Auf schwarzem Untergrund ist ein Gewirr von durch Linien verbundenen Punkten zu sehen - ein filigranes Netzwerk. An manchen Stellen ist es sehr dünn. An anderen häufen sich die Punkte und Linien, das Netzwerk wird dichter, Konstellationen entstehen, denen das Auge selbst wieder Umrisse von Figuren zuschreibt. Quayola hat die Gemälde nach Kriterien wie Helligkeit und Dichte von Farbeindrücken analysiert. »Die Bereiche, die mich am meisten interessierten, weisen entsprechend mehr Daten auf«, erklärt er die variierende Konzentration von Zeichen. Vergleicht man seine Werke mit den Originalen (der Ausstellungskatalog erlaubt den Vergleich), dann erkennt man, dass ihn der Kopf des Holofernes und die Gestalt der Judith am stärksten faszinierten.

Einen völlig anderen Charakter hat die Serie, die nach Sandro Botticellis Schlüsselwerk »Die Anbetung der Heiligen drei Könige« entstanden ist. Eine schiere Explosion von Farben und Formen trifft das Auge. Geometrische Muster aus Vielecken verschiedener Gestalt und Größe erzeugen einen fast plastischen Eindruck. Die Abstraktion geht in die Tiefe. Die Daten zu diesem Werk stammen aus der Analyse von Details des Originals. Auch hier waren Helligkeit und Farbigkeit einige der Untersuchungsparameter.

Quayola legt Wert auf die Feststellung, dass er nicht einfach die Programme arbeiten und dann das Ergebnis von Druckern ausgeben lässt. »Viele der Programme sind extra für diesen Zweck angefertigt oder zumindest angepasst. Sie sind für mich wie Pinsel, mit denen ich male, indem ich kontrolliere, welche Effekte sie auslösen. Und als Ergebnis möchte ich wieder ein physisches Werk schaffen, in das sich der Betrachter hineinversenken kann«, erläutert er. Demzufolge sind die Arbeiten dieser Werkserie eben nicht für Computerbildschirme gedacht, sondern weisen auch die Dimension großer gerahmter Leinwände auf.

Am deutlichsten ist die Beziehung zwischen Original und Analysebild bei Quayolas Verarbeitung von Rubens’ »Venus und Adonis«. Kopf und Teile des Oberkörpers der beiden Gestalten sind zu erkennen. Der Rest des Bildes ist aufgelöst in einem rhythmisierten Feld aus goldfarbenen Formen.

Zwar wird nicht jede Maschine die Alten Meister auf die Art sehen, wie Quayola sie präsentiert. Doch man bekommt einen Eindruck davon, was entsteht, wenn Gemälde aus ihrem historischen Kontext enthoben werden und die dargestellten Figuren nicht mehr im Fokus der Betrachtung stehen, sondern eher technische Parameter und materialspezifische Komponenten interessieren. Auf jeden Fall aber wird unser Wahrnehmungsbereich durch Arbeiten wie die von Quayola erweitert. Und Peter Weibel kann damit getröstet werden, dass die Prothesen, die die Wissenschaft bereitstellt, in Zukunft in der Kunst weiter Fuß fassen und auch dort zu einem Sehen jenseits von Infrarot und Ultraviolett führen werden. Mit Quayolas Ausstellung »Iconographies« kann man erste Schritte auf dieses Feld wagen.

»Iconographies« - Quayola. Galerie NOME, Dolziger Str. 31, Friedrichshain, bis 5. März

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