Herzlichen Glückwunsch!

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 2 Min.

Ich bekam zum Geburtstag keine Geschenke, keine, über die ich mich ärgerte; keine Bücher über lustige Fußballspieler. Stattdessen schenkte ein mir weitestgehend unbekannter Rocker mir einen Christstollen, zwar nicht zum Geburtstag, sondern aus, ich sag mal, geschäftlichen Gründen. Mein Geburtstag war ihm egal, deshalb platzierte er in seinem Lokal auf meinem Stehtisch unvermittelt einen Stollen neben meinem Bier, weil er von meiner Vorliebe für Backwaren, die ab Mitte Dezember nur als Bückware zu haben sind, gehört hatte und dank seiner Kontakte locker einen klar zu machen wusste. Ich hatte wenig Vertrauen und sah nach seinem Pferdefuß, worauf er knurrte, der Stollen sei nicht gespritzt. Kann ich im Nachhinein bestätigen.

Meine eigentlichen Geburtstagsgeschenke, die waren alle dufte, weil musikalischer Natur. Von Umlandfreunden gab es eine Tonbandkassette aus dem Hause Oi! The Nische, von der Gruppe Frühstückspause. Deutschsprachiger Punkrock aus den Weiten Brandenburgs. Höre ich gerne, wenn mein Nachbar anfängt zu bohren. Die Kassettenveröffentlichungsfeier soll am Silvestertag in einem China-Imbiss stattgefunden haben, deshalb gab es für jeden Besucher einen Glückskeks dazu, mit einer Zahl auf einem Zettel. In meinem fand sich die 196. Glück gehabt, und einen Keks, zumal es nur 200 Exemplare gibt.

Mein Vierzehnjähriger schenkte mir eine LP, eine ziemlich schöne, denn die Musikrichtung, auf die wir uns gerne einigen, heißt Reggae. Im Vinylmüsliladen kaufte er die Scheibe mit der fröhlichsten Hülle. Vor blauem Hintergrund ist unter einem roten Borsalino-Hut ein schwarz-gelb kariertes Gesicht zu sehen. The Blue Beaters, »Everybody Knows«. Auf der Platte sind sommerliche Cover-Versionen von Kraftwerks »Model«, von The Smiths’ »Girlfriend in a coma« und überhaupt, diese LP hätte ich nie gesucht und gefunden. Sein erster LP-Kauf darf als gelungen gelten. Erziehungsauftrag erfüllt.

Prima auch die astronomisch teure Karte für das Konzert von The Cure, für die meine Schwester bei ihren Lieben sammelte. Jetzt habe ich am 18. Oktober schon was vor. Eigentlich ignoriere ich seit etwa 20 Jahren diese Konzerthallen, wo sie für den Eintritt ein Fünftel meiner Monatsmiete verlangen. Das Publikum verhält sich in diesen ICC-mäßigen Bauten oft entsprechend reserviert und die minderbemittelten Fans bleiben draußen. Hat was vom 1. Mai in Kreuzberg, wo betuchte Touristen im Café sitzen und warten, dass übermütige Einheimische flambierte Mülltonnen auf die Fahrbahn schieben.

Doch The Cure werden fetzen, auch das Publikum, denn es wird überwiegend aus Freaks bestehen, die irgendwann eine Karte geschenkt bekamen. Wenn nicht, höre ich per Walkman die Frühstückspause-Kassette.

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