Ausgabe vom 19.07.2008

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Unten links

Herr K, der sich zur Tarnung Brecht nannte, entdeckte irgendwann, warum die marxistische Lehre so viele Menschen abschreckt: weil die Marxisten auf alles eine Antwort wissen. Vorschlag von Herrn K.: »Könnten wir nicht im Interesse der Propaganda eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen?« Der Staat nickte freudig, verwechselte aber etwas: Nicht die Fragen kamen auf eine Li...

CSU dopt sich für die Landtagswahl
ndPlusGabriele Oertel

CSU dopt sich für die Landtagswahl

Mit zur Schau getragener Geschlossenheit haben am Freitag in Nürnberg die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und CSU-Chef Erwin Huber auf dem Parteitag der Christsozialen die Schwesterlichkeit beider Parteien beschworen – aber den Konflikt um die Pendlerpauschale nicht beendet.Die nachgereichte Geburtstagstorte, Standing ovation im Saal nach Merkels Grußwort, »Angie«- und Zugabe-Rufe und minutenl...

Kriegsgelöbnis für Obama
Otto Köhler

Kriegsgelöbnis für Obama

Ich habe mich über den zuständigen Sachbearbeiter des Grünflächenamtes Berlin-Mitte gefreut. Damit die »Würde dieses Ortes als optischer Vorbereich des Zentrums der deutschen Demokratie« gewahrt werde, wollte er die »Zahl der Genehmigungen« für Auftriebe vor dem Reichstag auf »einmalige Anlässe mit unmittelbarem Ortsbezug beschränken«. Oder, so formulierte es der bekannte Westerwelle: »Da darf nic...

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ndPlusTim Zülch

Reichstag wird zur Sicherheitszone

Nach zwei Jahren der Abstinenz findet an diesem Sonntag wieder eine GelöbNIX-Demonstration statt. Phantasievolle Aktionen können einen ritualisierten Ablauf vermeiden.

Frank Brendle

Balsam für die Militärseele

Die Bundeswehr fühlt sich nicht genug geschätzt in der Bevölkerung. Das Rekrutengelöbnis vor dem Reichstag soll für gute PR sorgen.

Begegnung der anderen Art
Fabian Lambeck

Begegnung der anderen Art

Ein Brief des Generalsekretärs sorgte am Anfang des Monats für Unmut bei den Gegnern des geplanten Bundeswehr-Übungsplatzes in der Kyritz-Ruppiner Heide. Am Donnerstag versuchte Heil vor Ort, die Wogen zu glätten.

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Eine Stadt kämpft um ihr Ansehen
ndPlusNissrine Messaoudi, Genthin

Eine Stadt kämpft um ihr Ansehen

Der Waschmittelhersteller Henkel hat in den vergangenen Jahren schon mehrere Sparprogramme hinter sich. Durch die Streichlisten der Jahre 2001 und 2004 wurden weltweit zunächst 2000 und dann 2500 Arbeitsplätze abgebaut. Bei der neuen Sparrunde geht es um 3000 Arbeitsplätze, davon 1000 in Deutschland. Besonders betroffen ist Genthin in Sachsen-Anhalt. Dort wird das Werk geschlossen. Der Konzern verlagert die Waschmittelproduktion an den Rhein.

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Hans-Dieter Schütt

Böse Beute-Kunst

Alarm im Hafen! Die Vereinten Nationen sitzen in Südafrika auf 80 000 Tonnen Lebensmittel für Somalia, weil am Horn von Afrika kein Reeder mehr fahren will. SOS-Rufe: Wer sorgt für Eskorten? Es grassiert die Furcht vor Piraten. Welches Jahrhundert kehrt da zurück? Es gibt keinen Kolumbus mehr, nur noch Traumschiffe. Ausfahrten und Aufbrüche beginnen gar nicht erst, weil ihr Ende absehbar ist: An n...

Detlef D. Pries

Steinmeier im Regen

Schlechtes Omen: Als Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und Georgiens Präsident Michail Saakaschwili in Batumi die Presse »brieften«, setzte strömender Regen ein. Das Unwetter verhinderte auch Steinmeiers Hubschrauberflug ins abtrünnige Abchasien und zwang zur Fahrt über Stock und Stein. Immerhin, gegen die Wetterkapriolen setzte sich der deutsche Chefdiplomat durch. Der Widerstand, den S...

ndPlusKurt Stenger

Folgenlose Steueraffäre

Bei den oberen Zehntausend gilt als dumm, wer seine Millionen auf dem Sparbuch anlegt, das vergleichsweise niedrige Zinserträge bringt, welche zudem versteuert werden müssen. Als clever gilt man dagegen, wenn man in Liechtenstein sein Finanzparadies sucht. Das erste Urteil in der Steueraffäre, die mit Durchsuchungen beim damaligen Postchef Klaus Zumwinkel begann, dürfte an dieser kriminellen Haltu...

Max Böhnel

Die Furchtlose

Seit dieser Woche haben die USA-Grünen eine eigene Präsidentschaftskandidatin: die ehemalige demokratische Kongressabgeordnete Cynthia McKinney. Mit der Aufstellung der 53-Jährigen aus Georgia verfügt die Grüne Partei wieder über eine national bekannte Persönlichkeit, die der Entwicklung zur relevanten Drittpartei neben Demokraten und Republikanern neuen Aufschwung geben könnte. McKinney war erstm...

Sicherheitsmängel bei der Bahn?

Sicherheitsmängel bei der Bahn?

ND: Nach der letzten Entgleisung in Köln wurden Vorsichtsmaßnahmen getroffen und viele ICE-3 Züge kontrolliert. Hat die Bahn jetzt aus ihren Fehlern gelernt? Wolf: Nein. Nach der Entgleisung fuhren die Züge mit Höchstgeschwindigkeit weiter. Da der Bahnvorstand nicht bereit war, umgehend die ICE-3-Flotte mit Ultraschall auf Rissbildung zu untersuchen, erließ das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) einen Besc...

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7,5 Millionen Euro hinterzogen

Im ersten Prozess der Liechtenstein-Steueraffäre ist ein Immobilienkaufmann zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer der höchsten Geldauflagen in der Geschichte der Bundesrepublik verurteilt worden.

ndPlusHendrik Lasch, Magdeburg

Schulkombinate und Polizei in weiter Ferne

In Sachsen-Anhalt soll die Zahl der Lehrer und Polizisten drastisch sinken. Das plant zumindest der Finanzminister. Seine Kabinettskollegen sind allerdings wenig amüsiert.

Ina Beyer

Langer Weg zum Mindestlohn

Neuer Knatsch der Koalitionspartner beim Mindestlohn kündigt sich bei der Zeitarbeitsbranche an. Die CDU will diesen noch verhindern.

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ndPlusMatthias Gärtner

Gera wehrt sich gegen Neonazis

Am heutigen Samstag wollen zum mittlerweile sechsten Mal Neonazis durch die thüringische Stadt Gera ziehen. Dagegen mobilisieren der Runde Tisch für Toleranz und Menschlichkeit und antifaschistische Gruppen.

Keine Politik zu Lasten der Nachbarn

Keine Politik zu Lasten der Nachbarn

Westdeutsche Großstadtlinke und ostdeutsche Pragmatiker in einem Flächenstaat – wie geht das zusammen? Mit der Hamburger Fraktionschefin Dora Heyenn und dem Bremer Fraktionschef Peter Erlanson sprach ND-Mitarbeiter Velten Schäfer.

Seite 7
ndPlusTobias Müller, Amsterdam

Leterme, der fliegende Belgier

Die belgische Krise nimmt bizarre Ausmaße an: Anstatt den Rücktritt der Regierung zu akzeptieren, schickt König Albert II. drei neue Vermittler ins Rennen. Ende Juli sollen sie Ergebnisse vorweisen können.

Seite 8
Karin Leukefeld

Seltene Eintracht in Libanons Politik

Angesichts der Rückkehr derer, die Israel im Zuge des jüngsten Gefangenenaustauschs an Libanon zurückgab, herrschte im Zedernstaat seltene Eintracht. Libanesen und palästinensische Flüchtlinge gleichermaßen feierten die Rückkehr ihrer »Helden«, der »Kinder Libanons«.

ndPlusAbida Semouri, Algier

Merkel trat in Algier aufs Gaspedal

Deutschland und Algerien wollen ihre Wirtschaftsbeziehungen trotz verkrusteter Strukturen in dem öl- und gasreichen Land weiter intensivieren.

Ralf Klingsieck, Paris

Pendlerin zwischen den Kontinenten

Kaum war Ingrid Betancourt nach mehr als sechsjähriger Gefangenschaft im kolumbianischen Dschungel frei, erinnerte sie an jene, die dort noch immer als Geiseln der FARC-Guerilla festgehalten werden. Um die Öffentlichkeit für deren Befreiung zu mobilisieren, lud sie mit Unterstützung des Pariser Bürgermeisters Bertrand Delanoe für Sonntag zu einem großen Solidaritätskonzert auf die Trocadero-Esplanade in Paris ein.

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Peter Nowak

Warnstreiks bei Gate Gourmet

Warnstreiks bei der deutschen Niederlassung der für die Verpflegung im Flugzeug zuständigen Firma Gate Gourmet haben am Freitagmorgen zu Verspätungen im Luftverkehr geführt. Rund 350 der knapp 650 Beschäftigten des Caterers waren dem Aufruf der Gewerkschaft ver.di gefolgt und legten befristet die Arbeit nieder. Der Schwerpunkt der Aktionen lag in Zeppelinheim bei Frankfurt am Main, wo sich die grö...

Aureliusz Pedziwol, Prag

Krone eilt von Rekord zu Rekord

Die tschechische Krone wurde in diesem Jahr an den Devisenmärkten so stark in die Höhe getrieben wie keine andere Währung. Wirtschaftsvertreter sehen Spekulanten am Werk.

ndPlusWilliam Hiscott

Lockangebote für Investoren

Autohersteller und Zulieferer aus aller Welt haben sich in den Südstaaten der USA angesiedelt. Dort locken zahlreiche Standortvorteile.

Seite 10
Tom Mustroph, Nimes

Auch Piepoli entlassen

Obwohl die spanische Equipe von Saunier Duval die Tour de France längst verlassen hatte, bestimmte sie auch nach dem positiven Dopingtest ihres Kapitäns Riccardo Ricco das Geschehen. Nach dem 24-jährigen Jungstar entließ das Team auch den 37-jährigen Edelhelfer Leonardo Piepoli. Der Etappensieger von Hautacam hatte laut Auskunft des Teammanagers Mauro Gianetti gegen den Ethik-Code verstoßen. Worin...

Volldampf auf dem Beetzsee
ndPlusManfred Hönel, Beetzsee

Volldampf auf dem Beetzsee

Fitze Bollmann, die alte Sagenfigur des Brandenburger Beetzsees, hätte gestern seinen Freude gehabt. Der deutsche Rudernachwuchs zeigte sich bei den U23-Weltmeisterschaften von seiner besten Seite. Bei den heutigen Halbfinals stechen in 19 von 20 Bootsklassen deutsche Boote in See.»Bis auf den Frauen-Vierer ohne Steuermann haben wir alle Crews ins Halbfinale bekommen. Das ist mehr als wir erwartet...

Freistoß für Hoyzer

Robert Hoyzer ist wieder auf freiem Fuß. Der wegen Manipulation von Fußballspielen verurteilte ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter wurde am Freitag nach 14 Monaten Haft vorzeitig aus der Berliner Justizvollzugsanstalt Hakenfelde entlassen. Aufgrund guter Führung und seines stabilen sozialen Netzes sei die Haftstrafe von insgesamt zwei Jahren und fünf Monaten zur Bewährung ausgesetzt worden. Erleic...

Größere Wirkung mit weniger Risiko

Größere Wirkung mit weniger Risiko

Das EPO-Testverfahren zeitigt ungeahnte Erfolge. Im Urin von drei Fahrern der Tour de France wurden Spuren des Hormons Erythropoetin, eines Wachstumsfaktors zur Bildung roter Blutkörperchen, gefunden. Kurz vor der Tour hatte allerdings eine Studie dänischer Wissenschaftler eine nur unzureichende Wirkung gegenwärtiger Nachweisverfahren konstatiert. Die Antidopingwelt war dadurch in helle Aufregung ...

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Peking-Terror gegen Zuschauer
Thomas Wieczorek

Peking-Terror gegen Zuschauer

Der Knigge für Zuschauer von den Pekinger Machthabern hat die Menschenrechtler aller Industrienationen in helle Aufregung versetzt. Es fängt damit an, dass Babys, Pitbulls und Zwergkaninchen nicht zu den Veranstaltungen mitkommen dürfen und so um olympische Eindrücke gebracht werden. Typisch ist auch die Einschränkung des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit: Auf den Tribünen darf man we...

Mark Wolter

Hoch gewonnen, kaum gefordert

Trainer mahnen selbst bei deutlichen Ergebnissen gerne Vorsicht an. Der Übungsleiter der Fußballer von Hertha BSC, Lucien Favre, aber lehnte sich wohl kaum zu weit aus dem Fenster, als er nach dem Hinspiel der ersten Qualifikationshürde zum UEFA-Cup wie selbstverständlich meinte: »Wir stehen in der zweiten Runde.« 8:1 endete am Donnerstagabend im Berliner Jahn-Sportpark die Partie gegen den moldaw...

ndPlusKlaus Bergmann und Inga Radel

Mission Olympiagold

Deutschlands Fußball-Weltmeisterinnen haben beim Comeback von Renate Lingor Selbstvertrauen für die »Operation Gold« bei den Olympischen Spielen geschöpft. Im letzten Heimspiel vor der Abreise nach China besiegte die DFB-Auswahl am Donnerstagabend England in Unterhaching deutlich mit 3:0 (1:0). Die Tore erzielten Sandra Smisek (15.), Rekordnationalspielerin Birgit Prinz (55.) sowie Melanie Behring...

Einst Fährmann, heute Tschukin
ndPlusWolfgang Schilhaneck

Einst Fährmann, heute Tschukin

Sie hießen Rautenberg, Fährmann, Trettin, Tatarczinsky und Michael Buchmann, der jetzige Sportwart des Vereins, und sammelten DDR-Meistertitel im Tennis am Stück. Sie spielten dereinst für den TC Orange-Weiß Friedrichshagen. Dieser rührige Verein im Berliner Bezirk Köpenick feiert in diesen Tagen sein 100-jähriges Jubiläum.Mit 450 Mitgliedern ist er einer der größten Tennisvereine des Fachverbande...

Seite 12

Chemieunfall bei Bosch: 101 Verletzte durch Ätzdämpfe

Bei einem Betriebsunfall im Bamberger Bosch-Werk sind am Freitag insgesamt 101 Arbeiter verletzt worden. Nach ersten Ermittlungen der Polizei führte die Rostschutzbehandlung von Metallteilen zu einer unerwarteten chemischen Reaktion, deren Dämpfe die Augen reizten sowie Übelkeit und Kopfschmerzen verursachten.In den frühen Morgenstunden sei dem ersten Nachtschichtarbeiter am Fließband schlecht gew...

Seite 13
ndPlusF.-B. Habel

Raubein mit leisen Tönen

Nun beginnen im deutschen Fernsehen die Götz-George-Festspiele. Der beliebte Schauspieler wird schon 70. Der RBB widmet ihm heute einen ganzen Abend, und das Bayerische Fernsehen zeigt zum Jubiläum einen 50 Jahre alten DEFA-Film (»Alter Kahn und junge Liebe«, Sonntag um 13.55 Uhr). Doch auch neue Produktionen mit dem Altstar können sich sehen lassen. Weit über 40 Mal war Götz George Horst Schimans...

Tom Mustroph

Die verschwundene Fotografin

Fotografien werden gemacht, um den Augenblick festzuhalten. Das jedenfalls ist die heutige Anwendung der in Telefone und Computer, bald wohl auch in Schlüsselanhänger und Kühlschränke eingebauten Kameras. Ein knappes Jahrhundert zuvor war Fotografie noch Inszenierung von Realität – einerseits, um sie über die Grenzen von Ort und Zeit hinweg erfahrbar zu machen, andererseits sollte das durch ...

Seite 14
PLATTENBAU
Karin Paul

PLATTENBAU

Im Sommer haben wir an Lagerfeuern, in Nord- und Ostseedünen, in Freizeitlagern und vor den Zelten die lieb gewonnene Mundorgel rauf- und runtergespielt. Dazu sangen wir die Songs unserer Helden Donovan und Dylan, aber auch wieder neu entdeckte Volkslieder. Wer eine Gitarre spielen konnte, war der Held.« So beginnen die Erinnerungen des Kopfes der Folkband Schnappsack, Peter Braukmann (Gesang, Git...

ndPlusSabine Neubert

Das Leben ist ein Pub

Ab und zu geht Jamal zur »Göttin« ins Bordell. Einmal fragt sie ihn, was er beruflich tue, und er antwortet ihr, er verkaufe wie sie seine Zeit. Beide seien »in einer Branche tätig, die Intimität mit Fremden verlange«. Oft sei er von Patienten mit einer Prostituierten verglichen worden. »Vielleicht sind wir beide Müllkippen. Die Leute laden bei uns ab, was sie loswerden möchten oder nicht kapieren...

Eberhard Reimann

Merk-würdig war es allemal

Als der sehr sorgfältig erarbeitete Protokollband des Neuwieder Friedrich-Wolf-Symposiums Ende 1990 erscheint, bleibt ihm Anerkennung versagt. Wen interessierte noch, was sich im Zusammenhang mit dem 100. Geburtstag des Weltbürgers aus Neuwied insbesondere 1988 in beiden deutschen Staaten ereignete. Wer wollte noch wissen, welch herausragende Rolle diese gemeinsame Veranstaltung im Kontext deutsch...

Seite 15
ndPlusTobias Riegel

Kontrollverlust

Sorgen über Finanzsenator Thilo Sarrazins (SPD) Selbstkontrolle, formulierte der stellvertretender Landesvorsitzender der LINKEN, Wolfgang Albers. Anspielend auf die jüngsten Einlassungen Sarrazins zu Sozialarbeitern, die zu faul seien »über die Straße zu latschen, um mit den immer gleichen Jugendlichen zu sprechen«, diagnostizierte Albers eine »chronifizierte Affektinkontinenz« beim Finanzsenator...

Jörg Meyer

Mehr Aufgaben, wenig Personal

»Sarrazin hat nichts verstanden.« Mit deutlichen Worten kritisierte Oliver Schruoffenegger, haushaltspolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, im Pressegespräch am Freitag die jüngsten Äußerungen von Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) zur Finanz- und Personalausstattung der Bezirke. Der hatte dem »Berliner Kurier« gesagt, dass er vermute, dass sich »ein Teil der Sozialarbeiter in die Ve...

Karin Nölte

Wirtschaft nicht über den Berg

Wirtschaftssenator Harald Wolf (LINKE) bleibt »moderat« optimistisch. Bei der Vorstellung des Berliner Wirtschafts- und Arbeitsmarktberichts 2007/8 konstatierte er am Freitag einen fortschreitenden Konsolidierungskurs der Wirtschaft, sie sei aber noch nicht »über den Berg«. 2007 wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt um 2,0 Prozent und damit am stärksten seit 1993, in diesem Jahr rechnet Wolf »zuver...

Michael Müller

»Wer verarmen will, und weiß nicht wie ...«

Ehe das Wismarer Panorama von See her immer konturierter wird, mit seinen drei dominanten gotischen Kirchtürmen über der Stadt und den beiden neuen Fabrikschloten sowie der ebenso neuen Werfthalle links und rechts der Hafeneinfahrt davor, taucht backbords die Insel Poel auf. Ob er sich täusche oder ob der Leuchtturm da vielleicht nicht tatsächlich etwas aus dem Lot geraten sei, fragt einer den Sch...

Seite 16
ndPlusPeter Nowak

Klinikkomfort nicht für alle

Die Mitarbeiter sind mit ihrer Geduld am Ende. Auf einer Versammlung verfassten sie einen offenen Brief an den Senat, in dem die Beschäftigten des zur Vivantes GmbH gehörenden Klinikums Neukölln scharfe Kritik an ihren Arbeitsbedingungen und der Berliner Gesundheitspolitik üben.Bereits die Rechtsform der GmbH bedeute für das Unternehmen Vivantes den Zwang zum ständigen Vergleich mit privaten Krank...

Markus Drescher

Auf Schleichwegen durch die Stadt

Zum Inbegriff des passionierten Fußgängers wurde 1960 Gottlieb Sänger alias Heinz Erhardt, der als »Der letzte Fußgänger« dem Trubel der Stadt in den Schwarzwald entflieht, um ungestört vom verhassten Verkehr seiner Passion zu frönen: dem gepflegten Zu-Fuß-Gehen. Doch man muss gar nicht in die Ferne schweifen, um abseits von Hauptverkehrsadern und Straßenlärm auf ruhigen Pfaden – zumeist auc...

Schief, schiefer, Suurhusen!
ndPlusHeidi Diehl

Schief, schiefer, Suurhusen!

Rund 800 Jahre lang ging in Suurhusen alles seinen beschaulichen Gang, sieht man mal von regelmäßig wiederkehrenden Sturmfluten und kriegslüsternen Haudegen ab, die das ostfriesische Dörfchen nahe Emden in grauen Vorzeiten überrollten. Vor beiden flüchteten sich die Bewohner in ihre Kirche, die wie eine feste Burg auf einer Warft, einer künstlich aufgeschütteten Erhebung, stand und den Bewohnern S...

Seite 17
Hansdieter Grünfeld

Perlentaucher und Nazi-Dichter

Wer das Wort »Wassermusik« hört, denkt vielleicht an einen preisgekrönten Roman, der die Geschichte des schottischen Afrikaforschers Mungo Parks erzählt. Doch wird »Wassermusik« auch als Titel für ein neues Sommerfestival vom Haus der Kulturen der Welt genutzt. Noch bis 27. Juli gibt es dort zu musikalischen Begriffen wie »Surf« oder »Seemannslieder« Konzerte mit Rahmenprogramm, abgepolstert mit L...

ndPlusLucía Tirado

Auf Nahrungssuche für die Seele

Die Frau auf dem Bild »100% Coton« ist auf weißes Tuch gesunken. Versunken scheint sie in ihren Gedanken. Ruft sie beim Aufwachen, noch halb im Traum, in Erinnerung, was sie glücklich erlebte? Denkt sie darüber nach, was sie eventuell falsch gemacht hat? Frauen sind oft Perfektionisten. Sie analysieren ihr Tun, sind mit sich oft unzufrieden, hätten manches besser machen wollen ... Aber das alles b...

Zwischen Kiez und Kino
Lilian-Astrid Geese

Zwischen Kiez und Kino

Knallhart« steht in arabischen Buchstaben auf dem T-Shirt, das Kida Ramadan trägt, als wir uns am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer treffen. Erinnerung an den Film, den Detlev Buck 2006 bei den Filmfestspielen in Berlin präsentierte. »Knallhart« zeigt die Gewalt auf den Straßen und den Frust der Ghettokids aus Berlin-Neukölln ungeschminkt und roh. Kida trägt das T-Shirt mit subtilem Stolz. Er spielte i...

Seite 18
Wilfried Neiße

Berlin rettet die märkische Statistik

Berlin ist nach wie vor eine Quelle des Lebens für Brandenburg. Von der Hauptstadt siedeln noch immer viele Menschen in den Speckgürtel über. Ohne dies würde das Land Brandenburg die negativste Bevölkerungsbilanz aller Bundesländer haben.Wie Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) mitteilte, zogen im vergangenen Jahr 28 582 Berliner nach Brandenburg, während im Gegenzug 24 073 Menschen aus Brandenburg ...

ndPlusBernd Zeller

Verdrossenheiten

Hatte man schon in den letzten Jahren von Politikverdrossenheit gehört, so ist dieses Problem mittlerweile gelöst oder zumindest in den Hintergrund gedrängt worden dadurch, dass sich immer mehr Menschen als demokratieverdrossen bezeichnen. Das Volk war schon öfter unzufrieden, aber zum ersten Mal mit sich selbst. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, was für politische Verantwortungsträger es he...

Protest-Picknick im Park Babelsberg

ND: Als die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten im Januar die Barrieren an den Eingängen der Schlossparks abgebaut hat, deutete alles auf einen Kompromiss zwischen Potsdamer Bürgern und der Stiftung hin. Doch jetzt sind alte Konflikte wieder aufgebrochen. Warum? Bittcher: Die Schlösserstiftung will einen Babelsberger Park wie zu Kaisers Zeiten und lässt sich davon auch nicht abbringen. Dafür ...

Keine Angst vor dem Verlangen
Kurt Starke

Keine Angst vor dem Verlangen

Frauen jenseits der letzten Regelblutung wird gern nachgesagt, sie verlören schnell die Lust am Sexuellen. »Der Augen Feuer weichet, die Brunst wird Eiß.« So heißt es in einem Gedicht von Martin Opitz von vor 380 Jahren. Diese Frauen, so wird angenommen, sähen sich selbst nicht mehr als Sexualwesen und sinnliche, liebesfähige Frauen und wären, von Leiden aller Art geplagt, untauglich fürs Küssen u...

Seite 19
Leben und Tod am Blinddarm
Horst Matthies

Leben und Tod am Blinddarm

Anlass war eine Veranstaltung mit Klaus Bednarz in der Kirche zu Zickhusen. Er hatte aus seinem Reisebericht über Karelien gelesen, einige Schnurren aus seiner Zeit als Korrespondent der ARD in Moskau erzählt, von den Erfahrungen mit Behörden und Vertretern der großen und der kleinen Macht in dem von ihm immer wieder kreuz und quer durchreisten Land, das Sowjetunion hieß und sich nun wieder Russla...

ndPlusRoland Rottenfusser

»... denn Sie waren gut««

Sind Angela Merkel oder Kurt Beck, Günther Beckstein oder Raimund Bütikofer die weisesten Männer und Frauen in unserem Land? Intelligent, gewieft und durchsetzungsstark – gewiss. Belesen, sachkundig und ausgebuffte Meister des politischen Handwerks – sicherlich. Aber weise?Müsste man diese Frage mit »nein« beantworten, so stellt sich eine zweite Frage: Mit welchem Recht beanspruchen di...

Seite 20

WochenChronik

20. Juli 1933: Der Vatikan schließt mit dem Deutschland einen Vertrag, der die Rechte der Kirche regeln soll; das Konkordat ist die erste Anerkennung des Naziregimes. 21. Juli 1773: Papst Klemens XIV. löst den Jesuitenorden auf Druck von Frankreich, Portugal und Spanien auf, wo dieser starken Einfluss erlangt hatte; 1814 wird das Verbot wieder aufgehoben. 22. Juli 1933: Der US-Pilot Wiley Post wir...

Martin Stolzenau

Irma Eckler

Am 15. Juli 1938 wurde August Landmesser von den Nazis ein zweites Mal verhaftet und abgeurteilt. Irma Eckler, seine Lebensgefährtin, brachte die Gestapo am 18. Juli 1938 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Der Vorwurf gegen beide lautete: »Verstoß gegen die Nürnberger Rassengesetze«. Irma Eckler starb 1942 in einer als Duschraum getarnten Gaskammer in der berüchtigten Euthanasie-Anstalt...

ndPlusWolfram Adolphi

Dass niemals ein Chinese es wagt ...

Olympia ist zu Gast in Beijing. »Neues Deutschland« begleitet die Spiele mit einer Artikelserie. Den Auftakt bildet ein Blick auf das deutsche Chinabild.

Rosemarie Schuder

»Sagt nicht, das Lied ist aus ...«

Am Anfang war Mainz. Als Ludwig Bamberger hier am 22. Juli 1823 zur Welt kam, gehörte seine Familie zu den angesehenen jüdischen Bürgern der Stadt. Es schien, als sei er in eine gewisse Geborgenheit hineingewachsen, jedenfalls in seinen frühen Jahren spürte er keine Ausgrenzung wegen seiner Herkunft. Auf den ersten Seiten der Erinnerungen, die Bamberger am Abend seines Lebens (er starb am 14. März...

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Software für Tsunamiwarnung

Bremerhaven (dpa/ND). Mit einem neuen Tsunami-Frühwarnsystem sollen künftig Bewohner in Risiko-Gebieten früher als bislang vor einer der gefürchtetsten Naturkatastrophen geschützt werden. Ein Softwaresystem zur schnellen Information über potenzielle Tsunami-Ereignisse wurde am Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) entwickelt. Im Unterschied zu bisherigen Tsuna...

Humanoide Roboter ernster genommen als PC

Aachen/San Francisco (dpa/ND). Menschen nehmen einen menschenähnlichen Roboter als Spielpartner viel ernster als einen bloßen Computer. Das hat ein Versuch am Universitätsklinikum Aachen gezeigt. 20 Probanden spielten dort gegen einen Computer, zwei unterschiedlich menschenähnliche Roboter und einen Menschen. »Je stärker der Grad der Menschlichkeit, desto mehr Spaß hatten die Probanden«, sagte Pro...

Steffen Schmidt

Forscher verlassen Elfenbeinturm

Als Wissenschaftsjournalist hört man nicht selten die skeptische Frage, ob die Herren Professores und Doktores denn überhaupt mit einem reden. Und tatsächlich wird zuweilen noch geschimpft, dass »die Medien« alles unzulässig vereinfachen und entstellen. Allerdings – so der Eindruck des Autors – schlägt diese Abneigung nur noch wenigen Medien so deutlich entgegen. Die individuelle Erfah...

Martin Koch

Wettlauf zum absoluten Kältepol

Zehntausende von Jahren war der Fortschritt der Menschheit an die Beherrschung des Feuers geknüpft. Ab dem 19. Jahrhundert jedoch hing die Entwicklung der Zivilisation immer öfter von der Erzeugung künstlicher Kälte ab. So konnte der Südwesten der USA überhaupt erst großflächig besiedelt werden, nachdem es Klimaanlagen und Kühlgeräte gab. »Die Zunahme der Kühlmöglichkeiten und das Wachstum des ame...

Seite 22

»Wollen wir denn die 50er Jahre wiederhaben?«

Was unterscheidet 1968 von 2008? »Heute sind wir gesellschaftlich derartig unterversorgt mit einem Krisenbewusstsein wie die 68er ersichtlich überversorgt waren«, behauptet Albrecht von Lucke. Der 1967 geborene Politologe und Journalist diskutierte im Hamburger Literaturhaus mit der WDR-Redakteurin Irmela Hannover und dem Schriftsteller Peter Schneider über das symbolhafte Jahr. Welche Bedeutung besitzt die studentisch geprägte Bewegung vier Jahrzehnte danach? Was verrät der Rückblick auf 1968 über die Gegenwart? Hannover, Jahrgang 1954, engagierte sich 1968 in der Bremer Schülerbewegung, Schneider (*1940) war in Westberlin politisch aktiv. Die Diskussion, die wir in Auszügen wiedergeben, leitete Claus Richter (*1948) vom ZDF-Politmagazin »Frontal 21«. Der Ort der Debatte, eine spätklassizistische Villa in Hamburg-Uhlenhorst, erlebte ihr 1968 übrigens noch als Mädchenheim. Erst seit 1989 dient das Gebäude als Literaturhaus.

Seite 23
Jochen Fischer

Wisente in freier Wildbahn

Die Wisente kehren nach Deutschland zurück. Fast 650 Jahre nachdem das letzte frei lebende Exemplar der Gattung in der Region erlegt wurde, hat man sie vor vier Jahren auf Usedom wieder angesiedelt. Doch bald schon sollen sie auch anderswo in Deutschland wieder grasen dürfen.

Grüne Insel am Gelben Meer
ndPlusSören Urbansky

Grüne Insel am Gelben Meer

Glockengeläut dringt herunter aus dem hölzernen Dachstuhl – ungewohnte Töne in einem Land, das kaum Kirchenglocken kennt. Im Turm der evangelischen Christuskirche im chinesischen Qingdao (Tsingtau) halten sich einige Besucher die Ohren zu. Die alte Turmuhr kündet von einer vergangenen Zeit. »J. F. Weule« steht in goldenen Buchstaben auf dem mechanischen Uhrwerk geschrieben. Ein Mann fotograf...

Seite 24

Testspiel

Wer schrieb es? Wer keine üblen Gewohnheiten hat, hat wahrscheinlich auch keine Persönlichkeit. Was war es? Was gelang einem Wiener Ärzteteam am 19. Juli 2003 erstmals in der Welt? Welcher war es? Welchen berühmt gewordenen Schritt machte am am 21. Juli 1969 der US-Amerikaner Neil Armstrong? Wer war es? Wer gründete am 22. Juli 1847 am nordamerikanischen Great Salt Lake einen Staat, der seit 1896 ...

ndPlusUdo Bartsch

Gold ohne Schuhe

Bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom gewinnt ein völlig Unbekannter den Marathon, Abebe Bikila aus Äthiopien. Und das Verblüffendste: Er läuft barfuß. Wer ist dieser Mann, der noch nie zuvor an einem internationalen Wettbewerb teilgenommen hat, der aus dem Nichts einen Weltrekord aufstellt und als erster Afrikaner eine olympische Medaille erringt? Akribisch und einfühlsam nähert sich Paul Ramba...

Ein echte Lektion
Carlos García Hernández, Schachlehrer

Ein echte Lektion

Der 18-jährige ukrainische Großmeister Serhij Karjakin hat der Schachlegende Nigel Short (England, 43) kürzlich eine echte Lektion erteilt. Beide waren beim Kiewer Schnellschachturnier (3. - 7. Juli) aufeinander getroffen. Das Endergebnis hätte eindeutiger nicht sein können: 7,5 Punkte für Karjakin, 2,5 für Short. Es war also quasi bereits ein Klassenunterschied. Der wurde auch in den direkten Par...

Wie machen Sie's?

Kürzlich hatten wir Freundinnen und Freunde von Sudoku zu einem Erfahrungsaustausch aufgerufen. Anlass bot die Nr. 142 (ND vom 21./22.6.). Das Echo war enorm. In unserer Ausgabe vom 5./6. 7. hatten wir die ersten Werkstattberichte abgedruckt, heute setzten wir sie fort. Sie, liebe Freundinnen und Freunde von Sudoku, bestimmen mit Ihren Zuschriften, in welchem Umfang wozu und wie oft das Sudoku-Forum an dieser Stelle weitergeführt wird.

Seite 29
ndPlusReiner Braun

Aufstehen gegen den Krieg

Am 7. und 8. Juni fand in Hannover der internationale Afghanistankongress der Friedensbewegung »Dem Frieden eine Chance – Truppen raus aus Afghanistan« statt. Mehr als 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 11 Ländern diskutierten auf diesem größten Afghanistankongress den Krieg in und die prekäre Lage um Afghanistan und besonders die Rolle der NATO sowie der Bundesregierung. Bemerkenswerte ...

Seite 30
Clemens Ronnefeldt

Was wird am Hindukusch verteidigt?

Im Mai 2008 befanden sich nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr ca. 8000 Soldaten weltweit im Einsatz: In Kosovo, Bosnien-Herzegowina, Georgien, Afghanistan, Usbekistan, Libanon, am Horn von Afrika (Dschibuti), in Äthiopien, Eritrea, Sudan und in Sudan-Darfur. Zwischen 1992 und 2007 waren ca. 200 000 Soldaten im Auslandseinsatz. Bis Ende 2007 wurden 69 Soldaten der Bundeswehr be...

Seite 31
ndPlusMatin Baraki

Durchhalteparolen helfen nicht

Der 11. September 2001 wurde zum Anlass des Krieges gegen Afghanistan, obwohl dieser schon lange vorher geplant war, denn bereits im Juni 2001 hatte die Bush-Regierung ihren regionalen Verbündeten Pakistan über solche Pläne informiert. Ende September 2006 erklärte auch der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, einen Krieg gegen Afghanistan geplant zu haben. Sowohl dieser Krieg als auch der gegen Ir...

Seite 32

Keine Sicherheit ohne Entwicklung

Die Autorin dieses Beitrags, Dr. Elaheh Rostami Povey, gebürtige Iranerin, lehrt Entwicklungsstudien an der School of Oriental and African Studies der University of London. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Situation von Frauen in Afghanistan. Sie ist aktiv in einer Kampagne gegen einen Angriff auf Iran und in der britischen Antikriegsbewegung.

Seite 33
James Gilligan

»Der totale Overkill«

Wir hatten nie einen menschlichen Blick für die Menschen in Afghanistan oder in Irak. Ich habe so oft die Entmenschlichung der Bevölkerung vor Ort gesehen. Ich erinnere mich an einen Zwischenfall, als wir drei afghanische Männer festnehmen sollten. 15 Marinesoldaten standen bereit, zwei Lastwagen mit Bewaffneten, die Deckung gaben, zwei Flugzeuge, zwei Helikopter, von denen einer bewaffnet war. Ic...

ndPlusJoseph Gerson

Ein Feldzug ohne Zukunft

Im vergangenen November hat der Nationale Sicherheitsrat der USA erklärt, dass Washingtons Ziele im Afghanistankrieg nicht erreicht würden und die Gesamtsituation am Hindukusch sich trotz Siegen auf dem Schlachtfeld verschlechtere. Die Bush-Regierung besaß mehrere Ziele, als sie den Krieg gegen die Taliban begann. Wie wir von Insidern wissen, wollte Bush nach dem 11. September 2001 unbedingt »jem...

Seite 34

»Wir sterben vor Hunger«

Zoya (geb. 1978) ist Mitglied der RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan), einer humanitären und politischen Organisation, die sich seit 1977 friedlich für die Frauenrechte und säkulare Demokratie in Afghanistan einsetzt. Seit dem Erscheinen ihrer Lebensgeschichte »Zoya. Mein Schicksal heißt Afghanistan« (2002) ist sie, die wie ihre Mitstreiterinnen im Untergrund lebt und ihren wirklichen Namen aus Sicherheitsgründen geheim hält, international bekannt. 2001 erhielt RAWA für ihr mutiges Engagement den Mona-Lisa-Preis des ZDF. Mit Zoya sprach Heike Hänsel, Bundestagsabgeordnete der LINKEN.

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ndPlusKatja Maurer

»Warlords« wurden nicht entwaffnet

Sieben Jahre nach der Bombardierung Afghanistans ist das Land das, was es auf leidvolle Weise schon ein Mal war: ein Pufferstaat. Diente es Ende des 19. Jahrhunderts dem Britischen Empire als Trennlinie zum zaristischen Russland, sind es heute die hegemonialen Interessen des von den USA geführten Westens, die Afghanistan auf eine Pufferrolle zwischen dem aufstrebenden China, den instabilen asiatis...

Shaima Ghafury

Seit 30 Jahren im Krieg

Afghanistan befindet sich seit 30 Jahren im Krieg. Das ganze Land ist sowohl materiell als auch moralisch zerstört. Die Frage stellt sich, ob die internationale Gemeinschaft tatsächlich will, dass in Afghanistan ein stabiler Friede herrscht, oder ob man in dieser Region der Welt ein so unruhiges Land sogar braucht? Die US-Armee hat die Taliban (Koranschüler) 2001 entmachtet und stattdessen den »gr...

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Fragen Sie Ihren Abgeordneten!

Mit der Demonstration in Berlin und Stuttgart am 20. September soll der Protest gegen den Krieg in Afghanistan seinen Höhepunkt finden. Allein mit einer Demonstration wird man die Abgeordneten des Bundestages jedoch nicht umstimmen. Nur eine Vielzahl von Veranstaltungen und unterschiedlichen Protestformen kann Stimmungen erzeugen, die es vielen Menschen zu einem Bedürfnis machen, ihren Protest geg...

60 Jahre NATO sind genug

Teilnehmer des Afghanistankongresses in Hannover diskutierten auch über Aktivitäten zum 60. Jahrestag der NATO, der im Mai 2009 in Straßburg und Kehl gefeiert wird. Sie stellten fest: »60 Jahre NATO sind genug. Die NATO treibt den globalen Krieg gegen den Terror an. Die NATO steht für Raketenabwehrschild, Militärbasen in der ganzen Welt, Nuklearwaffen, Militäreinsätze und Militärausgaben. Die NATO...

Lehren der deutschen Geschichte

Vera Morgenstern, Leiterin des Bereichs Frauen- und Gleichstellungspolitik in der ver.di-Bundes- verwaltung, stellte auf dem Kongress die Friedensbeschlüsse des Bundeskongresses der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft 2007 vor. Darin heißt es:

Dem Frieden eine Chance, Truppen raus aus Afghanistan!

Mit dem sieben Jahre andauernden Krieg in Afghanistan wurde keines der vorgeblichen Ziele erreicht. Im Gegenteil: Gewalt, Terror und Drogenhandel prägen den Alltag. In den meisten Regionen Afghanistans herrschen Warlords und Drogenbarone. Die Bevölkerung lebt in ständiger Angst und unter unwürdigen sozialen Bedingungen. Menschenrechte werden weiterhin mit Füßen getreten. Die Alphabetisierungsrate ...

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»Die dicksten Bretter bohren«

Über die Situation in Afghanistan und die deutsche Friedensbewegung diskutierte ND-Mitarbeiter Christian Klemm mit Reiner Braun, Geschäftsführer der deutschen Sektion der International Association Of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA), der Linksparteipolitikerin Christine Buchholz, dem Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsgegnerInnen, Monty Schädel ,und Laura von Wimmersperg, Friedensaktivistin aus Berlin (v. l. n. r.).

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ndPlusPeter Strutynski

Kein Mandat für mehr Militär

Mitte Juni diskutierte der Deutsche Bundestag zum wiederholten Mal über die gegenwärtige Afghanistan-Politik – ein euphemistisches Wort, wo es sich doch um Krieg und nicht mehr um Politik handelt – der Bundesregierung. Schnell waren die grundsätzlichen Standpunkte ausgetauscht: Hier das Regierungslager, das sich verzweifelt mühte, die Erfolge des Militäreinsatzes in Afghanistan zu feie...

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ndPlusHorst Schmitthenner

Es lohnt, sich einzumischen

Wollen Friedensbewegung und Gewerkschaften gemeinsam etwas tun, um für Frieden und gegen Militäreinsätze aktiv einzutreten, stellt sich zunächst die Frage, ob sie nahe zusammenliegende, gar gemeinsame friedenspolitische Positionen haben. Das haben IG Metall und Friedensbewegung. So hat die IG Metall auf ihrem Gewerkschaftstag im November 2007 die Leitlinien für ihre Politik beschlossen. In der Ent...

Niels Annen

Außenpolitik braucht einen langen Atem

Mit der Entscheidung über die Verlängerung der Afghanistan-Mandate übernehmen die Mitglieder des Bundestages große Verantwortung – für die Sicherheit der Soldaten und des zivilen Personals, aber auch für die afghanische Bevölkerung. Denn die internationale Gemeinschaft hat mit dem Einsatz für Stabilität und Wiederaufbau in Afghanistan der expliziten Aufforderung der afghanischen Repräsentant...

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ndPlusWolfgang Gehrcke

Endlich die Wahrheit sagen

»Deutschland wird am Hindukusch verteidigt«, diese Idee stammt vom heutigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck. Wahr ist hingegen: Deutschland führt Krieg am Hindukusch. Das hat die Linke der Bundestagsmehrheit immer wieder entgegengehalten. Peter Struck benutzt den Verteidigungsbegriff, um dem Artikel 26 des Grundgesetzes – Verbot der Beteiligung an Angriffskriegen – zu entgehen. ...

Wolfgang Strengmann-Kuhn

Außenpolitik für den Frieden

Im Folgenden soll Außenpolitik breit als internationale Politik verstanden werden, Außenpolitik für den Frieden mehr umfassenen als nur Sicherheits- oder Anti-Kriegspolitik. Grundsätzlich ist eine Art der Außenpolitik notwendig, die wegkommt vom Ziel der vorrangigen nationalen Interessenvertretung hin zu einem multilateralen, globalen Ansatz, bei der internationale Politik als Weltinnenpolitik ver...

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Christine Buchholz und Peter Strutynski

Besatzung ist das Problem, nicht Teil der Lösung

Ob es nicht Chaos und Bürgerkrieg geben würde, wenn die ausländischen Truppen abzögen – diese unbeantwortete Frage hindert viele Menschen daran, sich für den sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan zu engagieren. Anknüpfend daran gibt es sogar Stimmen aus der Friedensbewegung, die für eine »Exitstrategie« plädieren. So meint etwa Christoph Hörstel – nicht unbedingt ein Vertrete...

ndPlusAndreas Buro

Kabul braucht zivile Strategie

Die zivile Strategie für Afghanistan, die hier als Grundlage für weitere Diskussionen vorgeschlagen wird, ist in hohem Maße ein politisches und nicht ein technokratisches Projekt. Die Friedensbewegung muss ihren Ansatz mit ihrem übergreifenden Ziel verbinden, militärische Interventionspolitik zurückzudrängen und zivile Konfliktbearbeitung zur gängigen Praxis werden zu lassen. Das heißt: Frieden ...

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Arielle Denis

Die Mehrheit in Europa sagt Nein zu NATO und Krieg

Mouvement de la Paix, die Friedensbewegung in unserem Land, ist wie die Mehrheit der französischen Bevölkerung (laut Umfragen 65 Prozent) sehr besorgt und empört wegen der Entscheidung ihres Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, neue Truppen nach Afghanistan zu schicken. Dieser Beschluss ist kontraproduktiv und gefährlich, nicht nur für Afghanistan, sondern auch für Frankreich und den Weltfrieden. Da...

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ndPlusBrunhild Müller-Reiss

Von Hannover an den Hindukusch

Die 1. Panzerdivision ist nicht irgendeine Division. Hervorgegangen ist sie aus der 1. Grenadierdivision, 1956 zeitgleich gegründet mit der Bundeswehr. Sie war also eine der allerersten Truppenteile, die gegen den massenhaften und massiv kriminalisierten Widerstand der westdeutschen Bevölkerung aufgestellt wurde. Im Zuge der (Neu)Konzeption der Bundeswehr 2004 wurde sie die Eingreifdivision des de...