Ausgabe vom 13.03.2009

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Unten links

Der Energiekonzern Vattenfall will in zwei neuen Kraftwerken in Berlin Biomasse verbrennen. Damit könnte ein Problem gelöst werden, mit dem bislang weder Plan- noch Marktwirtschaft fertig wurden: die Beseitigung von Hundescheiße. Pro Tag fallen bis zu 60 Tonnen Exkremente der geliebten Vierbeiner auf Berlins Boden. Energie pur. Nur die Erfassung müsste geregelt, ein Anreiz müsste gesetzt werden. B...

Steueroasen werden kooperativ

Vaduz/Andorra la Vella (dpa/ND). Der internationale Druck auf Steuerparadiese zeigt Wirkung. Liechtenstein und der Pyrenäen-Kleinstaat Andorra kündigten am Donnerstag ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit an. So will das Fürstentum Liechtenstein sein striktes Bankgeheimnis teilweise aufheben. Die Regierung in Vaduz bietet nach eigenen Angaben interessierten Staaten Abkommen über die Zusammenarbeit ...

ndPlusOliver Händler

Standpunkt

15 Waffen hat der Vater des Todesschützen von Winnenden in seinem Haus gelagert. Legal, als Mitglied eines Schützenvereins. Warum darf jemand in diesem Land nach Erfurt und Emsdetten noch 15 Waffen zu Hause bunkern? Wozu benötigt man überhaupt 15 Waffen? Zu Recht wird wieder eine Verschärfung des Waffengesetzes gefordert, doch sollte sie dieses Mal wirklich verschärfend wirken.Ein Verbot von Waffe...

Amoklauf: Kein Licht im Dunkel

Am Tag nach dem Amoklauf in Winnenden sind erste Informationen über die Umstände der Bluttat an die Öffentlichkeit gelangt. Vor allem aber beschäftigt die Frage nach dem Warum die Öffentlichkeit.

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ndPlusOlaf Standke

Die Tür der Allianz ist offen für weitere Mitglieder

Vor zehn Jahren startete die damals 16 Mitgliedstaaten zählende NATO mit der Aufnahme von Polen, Tschechien und Ungarn ihre Osterweiterung. Inzwischen bis an die Grenzen Russlands vorgerückt, will man weiter expandieren, wie Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer gestern bei einer Feierstunde zum Minijubiläum in Budapest nachdrücklich unterstrich.

Julian Bartosz, Wroclaw

»Seien wir doch keine US-Söldner«

Seit zehn Jahren gehört Polen der NATO an, seit sieben führt es an der Seite der USA Kriege – und zwar tausende Kilometer entfernt vom Bündnisterritorium. Doch gibt es auch Kritik an dieser Politik.

ndPlusRalf Klingsieck, Paris

Sarkozy will Einfluss auf die NATO-Strategie

Die Rückkehr in die militärische Kommandostruktur der NATO soll Frankreich mehr Einfluss auf die strategische Ausrichtung der Allianz bringen, betonte Präsident Nicolas Sarkozy am Mittwoch in Paris auf einem Kolloquium zur Zukunft des Paktes. Auf dem nächsten Gipfel Anfang April werde er den Beschluss zur Rückkehr offiziell übermitteln.

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Steueroasen – das Spiel ist aus

Steueroasen – das Spiel ist aus

Der internationale Druck auf Steueroasen wächst. Wenn sich die G20-Länder Anfang April in London treffen, wird dieses Thema oben auf der Agenda stehen. Darauf hat nicht zuletzt John Christensen über Jahre hingearbeitet. Der Entwicklungsökonom ist Direktor des internationalen »Tax Justice Network« mit Sitz in London und berät Entwicklungsorganisationen sowie Regierungen weltweit. Geprägt haben ihn seine Erfahrungen als Steuerspezialist auf der Kanalinsel Jersey.

Kofferpacken in der Krise
Heidi Diehl und Michael Müller

Kofferpacken in der Krise

»Die Krise treibt uns in eine Rezession, deren Ende niemand absehen kann«, sagt Talib Rifai, der Generalsekretär der Welttourismusorganisation. »Die Reisebranche wird gestärkt aus der Krise hervorgehen«, sagt Klaus Laepple, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft. Für beide Sichten lässt sich auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) noch bis Sonntagabend das eine oder andere Argument finden. Und vielleicht auch die Lücke fürs ganz persönliche Reiseschnäppchen 2009.

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Union bleibt hart bei Hartz IV

Berlin (dpa/ND). Die Unionsfraktion im Bundestag lehnt nach Angaben ihres Arbeitsmarktexperten den Vorstoß der SPD ab, die Altauto-Abwrackprämie auch Arbeitslosengeld-II-Empfängern zugute kommen zu lassen. »Ich sehe hier keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf«, sagte der arbeitsmarktpolitische Sprecher Ralf Brauksiepe (CDU) der »Berliner Zeitung«. Dies sei die Meinung der gesamten CDU/CSU-Frakti...

Von Obama lernen
Fabian Lambeck

Von Obama lernen

Wie bekommt man Protest und Mitgliederwerbung unter einen Hut? Die LINKE wagt den Spagat mit ihrer Kampagne »Ein Schutzschirm für Menschen«, die am Donnerstag mit bundesweiten Aktionen vor Arbeitsämtern und Großbetrieben begann.

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Bis zur Geburt von Behörde malträtiert

Berlin (ND). Der Fall einer aus Kamerun geflüchteten jungen Frau sorgt für Empörung. Die 17-Jährige, die in Frankfurt (Main) eingereist war und in der Flüchtlingsunterkunft des Flughafen festgehalten wurde, war Opfer des Misstrauens der Behörden geworden wie Tausende andere auch. Jedoch ist ihr Fall ein besonders krasser Verstoß gegen internationale vertraglich geregelte Standards, weil sie nicht ...

Kiel: Zwei Männer fordern eine Frau heraus
ndPlusDieter Hanisch, Kiel

Kiel: Zwei Männer fordern eine Frau heraus

Die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein ruft 191 141 Wahlberechtigte an die Urnen. Am Sonntag erfolgt die Stimmabgabe für ein neues Stadtoberhaupt von Kiel. Amtsinhaberin Angelika Volquartz (CDU) will noch einmal sechs Oberbürgermeisterjahre dranhängen. Herausgefordert wird sie von Torsten Albig (SPD) und Raju Sharma (LINKE).

Hendrik Lasch, Dresden

Kein hartes Rechnen mehr für Taschenrechner

Lernmittel sind in Sachsen laut Verfassung kostenlos. Tatsächlich müssen Eltern von Schulkindern aber jährlich etwa 150 Euro dafür berappen. Die LINKE will das jetzt ändern.

Martin Sommer, Saarbrücken

Politik, ähnlich wie bei der Caritas

Ende August wird im Saarland ein neuer Landtag gewählt – gute Chancen für ein erstes rot-rotes Bündnis in Westdeutschland. Zwei Monate vorher wählt der Kreis Saarbrücken seinen »Regionalverbandsdirektor« – ein wichtiger Stimmungstest für den landesweiten Urnengang. LINKEN-Chef Lafontaine hat jetzt den Spitzenkandidaten präsentiert – den parteilosen Klaus-Eckhard Walker.

Seite 6
ndPlusSteffen Schmidt

Wir Klimaflüchtlinge

Die Prognosen, die auf der Kopenhagener Tagung von Klimaforschern vorgestellt werden, erfüllen zweifellos alle Voraussetzungen für ein Horrorszenario. Ob nun der ansteigende Meeresspiegel oder ein Temperaturanstieg um mehr als vier Grad bis zum Jahre 2099 – alles zusammen wäre geeignet, 80 Prozent der heutigen Landwirtschaftsflächen unbenutzbar zu machen. Das würde dann auch Spanier, Franzos...

ndPlusMartin Ling

Schurkenstaaten

Die Schurkenstaaten der Finanzwelt sind in Bewegung: Andorra kündigt die Aufhebung seines Bankgeheimnisses an und Liechtenstein zeigt sich kooperativ, um seine Steuerstreitigkeiten mit Deutschland und Großbritannien beizulegen. Dabei ist Steuerstreit reichlich euphemistisch: Die Steueroasen nehmen sich bisher die Freiheit, andere Länder am Vollzug ihrer Steuergesetze zu hindern und leisten bereitw...

Kurt Stenger

Chaos der Krisenpolitik

Die Gläubigerbanken, allen voran die Commerzbank, lassen Schaeffler nicht fallen. Neue Kreditmittel sollen dem taumelnden Autozulieferer, der sich an der Conti-Übernahme verhoben hat, bis zu einem dauerhaften Finanzierungskonzept über Wasser halten. VEB-Commerzbank rettet Schaeffler? So ist es natürlich nicht, aber ein Körnchen Wahrheit steckt doch drin: Der teilverstaatlichte Hauptgläubiger kann ...

Al Timm
Velten Schäfer

Al Timm

Der Theologe Gottfried Timm, von 1998 bis 2006 Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, zählte nicht immer zu den Lieblingen der Umweltschützer. Noch im vergangenen Oktober bezog er Prügel von der »Klima-Allianz«, nachdem die große Koalition die Volksinitiative gegen das Steinkohlekraftwerk in Lubmin niedergestimmt hatte: Der umweltpolitische Sprecher der SPD, schrieben die Kraftwerksgegner, habe...

Sozialismus ante portas?
Christa Luft

Sozialismus ante portas?

Von Umfragen beflügelt, wettert FDP-Chef Westerwelle gegen mögliche Bankenverstaatlichungen. Ihm schwant eine »DDR light«. Parteikollege Solms sieht in einer Enteignung von Aktionären der Hypo Real Estate ein Instrument sozialistischer Planwirtschaft. Wiederholt versuchten die Freidemokraten, Artikel 15 aus dem Grundgesetz zu tilgen. Der lässt Vergesellschaftung von Grund und Boden, Naturschätzen ...

Seite 7

EVP-Fraktion verliert Mitglieder

Straßburg (AFP/ND). Im Europaparlament wollen die britischen Konservativen und die Mitglieder der tschechischen Regierungspartei ODS aus der konservativen Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) ausziehen. Sie wollten nach der Europawahl im Juni gemeinsam mit sieben Vertretern der rechtskonservativen polnischen Partei »Recht und Justiz« (PIS) eine neue Gruppe in der EU-Volksvertretung bilden, ...

Europa ohne Barrieren
ndPlusIlja Seifert

Europa ohne Barrieren

»Das Motto der tschechischen Ratspräsidentschaft ›Europa ohne Barrieren‹ bezieht sich nicht auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, sondern betrifft Fragen der grenzüberschreitenden Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Gemeinschaft.« So die Antwort von Staatsminister Gernot Erler (SPD) vom 13. Februar 2009 auf meine Anfrage im Bundestag. Hat die UN-B...

ndPlusAnton Latzo

Auf Knien vor dem Währungsfonds

Am Mittwoch ist eine Abordnung des Internationalen Währungsfonds in Bukarest eingetroffen. Innerhalb eines zweiwöchigen Aufenthalts in Rumänien sollen die wirtschaftliche Lage Rumäniens eingeschätzt und ein Programm für Rumänien vorbereitet werden, das Bestandteil eines multilateralen Finanzpakets sein soll. Dieses wird von Europäischer Union, Weltbank und anderen internationalen Finanzinstitutionen unterstützt.

Kay Wagner, Brüssel

Rechte wollen wieder nach »Europa«

Rechtsextreme Parteien entdecken immer mehr die EU als Handlungsraum. Im Europaparlament konnten sie 2007 zeitweise eine eigene Fraktion bilden. Eine Neuauflage dieses Vorgehens scheint nach den Juni-Wahlen möglich.

Seite 8

KDVR bekräftigt ihre Pläne

Seoul (dpa/ND). Ungeachtet aller Warnungen hat die Koreanische DVR (Nordkorea) offiziell den Start eines Fernmeldesatelliten für Anfang April angekündigt. Das Land habe die Internationale Schifffahrtsorganisation (IMO) gemäß internationalen Vereinbarungen über die Pläne informiert, sagte der Sprecher der UN-Sonderorganisation Lee Adamson am Donnerstag in London. Er bestätigte südkoreanische Medien...

Papst räumt Fehler im Fall Pius ein

Rom (epd/ND). Papst Bene-dikt XVI. hat Reaktionen aus der katholische Kirche gerügt, in denen er wegen der Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen der Pius-Bruderschaft kritisiert wurde. Es habe ihn betrübt, »dass auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten», schreibt das Kirchenoberhaupt in einem am D...

Versöhnlichere US-Töne

Nach der Verstimmung zwischen China und den USA wegen einer Konfrontation auf hoher See schlagen beide Seiten wieder versöhnlichere Töne an.

Hamas gegen Raketen

Gaza/Tel Aviv (dpa/ND). Die im Gaza-Streifen herrschende Hamas will militante Palästinenser notfalls mit Gewalt dazu zwingen, ihre täglichen Raketenangriffe auf Israel einzustellen. In einer Mitteilung der Innenbehörde in Gaza vom Donnerstag heißt es: »Die Raketen werden zu einer falschen Zeit abgefeuert, und wir bestätigen, dass die Sicherheitskräfte gegen jene vorgehen, die hinter den Angriffen ...

Gerhard Dilger, Porto Alegre

Noch ein »historischer Einschnitt«

Brasiliens Verteidigungsminister Nelson Jobim demonstrierte Härte: »Wenn die FARC-Guerilla in brasilianisches Territorium eindringt, wird sie mit Kugeln empfangen«, erklärte er am Mittwoch in Brasília nach einem Treffen mit seinem kolumbianischen Kollegen Juan Manuel Santos. Zur besseren Grenzsicherung habe man sich geeinigt, dem Nachbarland jeweils 50 Kilometer des eigenen Luftraums für Überflüge zuzugestehen.

Seite 9

30,8 Milliarden für Freddie Mac

Washington (dpa/ND). Der unter staatlicher Kontrolle stehende US- Hypothekenfinanzierer Freddie Mac benötigt weitere 30,8 Milliarden Dollar (24 Milliarden Euro) aus dem Rettungspaket der US-Regierung. Das Institut begründete den Bedarf am Mittwoch mit Verlusten in Höhe von 23,9 Milliarden Dollar im vierten Quartal 2008. Im November hatte Freddie Mac vom Staat 13,8 Milliarden Dollar erhalten, um ei...

Schaeffler darf durchatmen

Berlin (ND-Stenger). Der angeschlagene Autozulieferer Schaeffler bleibt laut einem Zeitungsbericht vorerst liquide. Die Gläubigerbanken hätten dem fränkischen Familienunternehmen weitere Kapitalhilfen zugesichert, berichtete die »Welt« unter Berufung auf Insider. Im Grundsatz habe man sich auf eine Zwischenfinanzierung geeinigt. Damit bekomme die Schaeffler-Gruppe Luft bis Anfang 2010.Der Autozuli...

Wer rettet die HRE besser?

Der Vorstoß von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) für ein neues Bankenrettungsmodell sorgt für erheblichen Unmut in den SPD-geführten Ministerien für Finanzen und Justiz. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) lehnt den Vorschlag einer »eingeschränkten Insolvenz« ab, mit dem Guttenberg eine Enteignung der Hypo Real Estate (HRE) vermeiden will.

ndPlusJohann Martens

Die Lage wird immer heißer

In Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen ging am Donnerstag eine hochkarätige Klimakonferenz zu Ende. Mehr als 2000 Wissenschaftler aus 80 Ländern tauschten sich über den neuesten Stand in ihren Fachgebieten aus. Vor allem wollten sie eine dringende Botschaft an die Regierungen schicken, deren Vertreter sich in zehn Monaten hier zur UN-Klimakonferenz versammeln. Dort soll ein neuer Klimavertrag ausgehandelt werden.

Seite 10

Trauriger Rekord

Seit Einführung der Hartz-Gesetze ist die Zahl der Klagen gegen Hartz IV-Regelungen Jahr für Jahr sprunghaft gestiegen.Jedes Jahr vermeldet das Bundessozialgericht (BSG) neue Rekordzahlen von Klagen zum Sozialgesetzbuch II (SGB II) – also zu Hartz IV. Im Januar dieses Jahres schlugen die obersten Sozialrichter jetzt endgültig Alarm: Fast 175 000 neue Klagen in erster Instanz im Jahr 2008.»Re...

Ergebnis umstritten

(ND-Damm). Nach dem Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst (Länder) Anfang März tagen heute abschließend die Tarifkommissionen der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Beide haben in den vergangenen zwei Wochen ihre Mitglieder befragt. Bei denen ist der Abschluss umstritten.Das Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di ruft die Mitg...

ndPlusHolger Marcks

Nicht ohne die Kollegen

Es gibt nichts schönzureden am Tarifergebnis im Öffentlichen Dienst (Länder). Nicht nur wegen des Ergebnisses. Die Gewerkschaftslinke muss sich generelle Fragen stellen zu ihrer Lohnpolitik und ihren Strategien. Diese Fragen berühren den Kern der Gewerkschaftskonzeption selbst. Dass die Gewerkschaften im Länderbereich weder über Masse noch Kraft verfügen, ist allerseits bekannt: Ein kellertiefer O...

Velten Schäfer

Zweiter Anlauf zur Koalitionsfreiheit

Der »Employee Free Choice Act« würde es Arbeitern in den USA drastisch erleichtern, sich von einer Gewerkschaft vertreten zu lassen. Entsprechend umkämpft ist die Vorlage.

Hans-Gerd Öfinger

Fahrt durch die Geschichte mit Manfred Schell

So richtig ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gekommen ist Manfred Schell erst im 65. Lebensjahr und auf der Zielgerade seiner Karriere – als der Autovermieter Sixt bundesweit Anzeigen mit seinem Gesicht und der Aufschrift »Danke, Manfred Schell!« schaltete und die Deutsche Bahn den damaligen Chef der Lokführergewerkschaft GDL in ganzseitigen Zeitungsannoncen aufforderte: »Stoppen Sie diesen Wahnsinn, Herr Schell!«

Seite 11
Klaus Bellin

Der noble Poet

Gute zwei Wochen hat er geschwiegen, aber am 14. Februar 1933 schlägt er wieder sein Tagebuch auf, um ihm einige Sätze hinzuzufügen. »Viel Entsetzliches hat sich ereignet«, beginnt er. »Am 30. Regierungsbildung mit Herrn Hitler als Reichskanzler.« Fünf Tage später die Notiz: »Möglicherweise muß ich zu Grunde gehen. Die Nerven halten nicht mehr.« Am 11. April der Satz: »Eine entsetzliche Zeit der L...

Wundersame Auferstehung
ndPlusKarlen Vesper

Wundersame Auferstehung

So viel DDR war noch nie. Noch nicht einmal in der DDR. Da gab es eine »Illustrierte Geschichte der DDR«, ein Auftragswerk der Partei. Und einen »Abriss« zur Geschichte der SED, bei dem Honecker federführend war. Viel mehr nicht. Eine wahre Schwemme von Büchern über den verblichenen anderen deutschen Staat erlebt die diesjährige Leipziger Buchmesse. Kein deutscher Verlag, der nicht wenigstens eine...

»Wohlstandsverwahrlosung«
ndPlusHans-Peter Waldrich

»Wohlstandsverwahrlosung«

Den Pokal in der Rechten, in der Linken die Urkunde – so zeigt sich Tim K. bei der Siegerehrung eines Tischtennisturniers auf einem Foto aus dem Jahre 2004. Ein ganz normaler Junge. Weshalb erschoss dieser Knabe 15 Menschen? Wie kriminologische Forschungen zeigen, handelt es sich beim typischen Schulamokläufer in der Regel um einen eher introvertierten Einzelgänger, der nach außen hin als ga...

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Quergelesen

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir! Mit dieser an einen Ausspruch des römischen Philosophen Seneca angelehnten Weisheit versuchen seit Generationen Lehrer ihre Schüler zu Bildungsanstrengungen zu motivieren. Lernen, so die Botschaft, genügt keinem Selbstzweck, sondern orientiert sich an einem für die Welt »da draußen« verwertbarem Interesse. Welcher Gestalt dieses Interesse ist, darübe...

Bildungssplitter

München (ND). Berlin und Hamburg sind die Gewinner einer gestern veröffentlichten Untersuchung zur Gleichberechtigung der Geschlechter im Bildungswesen. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen landen in der vom Aktionsrat Bildung verfassten Studie auf den letzten Plätzen. »Kein Land kann in allen Untersuchungsfeldern geringe Geschlechterdifferenzen aufweisen«, betonte der...

»Ex oder Jude!«
Jürgen Amendt

»Ex oder Jude!«

»Wenn einer was zu Trinken hat und das austrinken soll, dann sagen wir ›ex oder Jude!‹‹, erklärt der 16-jährige Selcuk in dem Film »Koscher – gibt's das nicht auch im Islam?«. Der Film läuft im TV-Kanal der »Deutschen Welle«. Der Auslandssender hat jüdische und muslimische Schüler zusammengebracht und sie über gegenseitige Klischees und Ressentiments reflektieren lassen....

Lena Tietgen

Der Traum ist aus

Auf dem Landesparteitag der Berliner Linkspartei Ende März werden die Delegierten auch über die Zukunft des Modellprojekts Gemeinschaftsschule (GemS) debattieren. Während sich die Parteispitze nach wie vor von dem Projekt einen Einstieg in ein eingliedriges Schulsystem erhofft, hat Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner mit seinem zweigliedrigen Schulmodell die Linkspartei längst ausgebremst.

»Was man sieht, glaubt man«
ndPlusKai Walter

»Was man sieht, glaubt man«

Zeitzeugen sind ein probates Mittel, um historische Dimensionen eines Themas authentisch näher zu bringen. In Berlin bietet ein außerschulischer Bildungsträger Unterstützung für die Gestaltung des Unterrichts zu den Themen Entwicklungspolitik, Globalisierung und Entwicklungsländer.

Seite 13

»Schlechter dran als die RAF«

Seit mehreren Monaten läuft in Stuttgart-Stammheim ein 129b-Verfahren gegen fünf vermeintliche Mitglieder der marxistisch-leninistischen DHKP/C aus der Türkei. Die Gruppe ist in Deutschland seit 1998 verboten, weil sie als Ersatzorganisation der verbotenen Devrimci Sol gilt, die in der Türkei mehr als 200 Anschläge verübte. Der Schriftsteller und Rechtsanwalt Peter Chotjewitz, der in den 70er Jahren das RAF-Mitglied Andreas Baader in Stammheim verteidigte, hat einen der türkischen Gefangenen besucht. Über seine Eindrücke sprach mit ihm Peter Nowak.

Kein Platz für Arme

Bundesweit wird innenstadtnaher Sozialwohnraum zugunsten von Luxuswohnungen vernichtet. In Münster kämpft ein linkes Zentrum gegen seinen Abriss.

Bewegungsmelder

Nazischläger wieder frei (ND-Öfinger). Der vor zwei Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung im Zusammenhang mit dem Überfall auf ein Camp der hessischen Linksjugend ['solid] verurteilte Neonazi Kevin S. ist wieder auf freiem Fuß. Er war im vergangenen Sommer in ein Zelt eingedrungen und hatte eine 13-Jährige mit einem Spaten fast totgeschlagen. Dafür war er Anfang 2009 zu 27 Monaten Haft ohne ...

Die NATO – der alte Feind
ndPlusGerhard Hanloser

Die NATO – der alte Feind

Zuletzt waren Anti-NATO-Kampagnen in den 80er Jahren in der radikalen Linken angesagt. Sie machte damals besonders auf die Rolle der Bundesrepublik aufmerksam, die in der traditionellen Friedensbewegung unterbelichtet gewesen sei. Diese Botschaft ist heute Allgemeingut.

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Streitfrage: Taugt die Marxsche Theorie zur Analyse der aktuellen Wirtschaftskrise?

Die aktuelle Rezession ist seit rund 80 Jahren die schwerste Krise der kapitalistischen Ökonomie. Ihre Auswirkungen sind bisher erst in Ansätzen erkennbar, die Probleme bei Banken und in der Automobilindustrie scheinen erst der Anfang zu sein. Anlässlich des Todestages von Karl Marx, der sich morgen zum 126. Mal jährt, versucht ND, den Nutzen der Arbeiten von Marx für die Analyse der aktuellen Wir...

Die Notwendigkeit der Krise
Michael Heinrich

Die Notwendigkeit der Krise

Dr. Michael Heinrich, 1957 geboren, ist Mathematiker und Politikwissenschaftler. Er ist Redakteur von PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft und lehrte an der FU Berlin und der Universität Wien. Zur Zeit unterrichtet Michael Heinrich an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Zuletzt veröffentlichte er »Wie das Marxsche Kapital lesen?« (2008) und »Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung« (2004).

Seite 15
Roland Jabs, 14612 Falkensee

Wiederbegegnung mit dem pfiffigen Lehrling

Alte Schäfer hatten viele Erfahrungen, über das Wetter, über Tiere und vor allem über Menschen! Anfang der 60er Jahre. Mein Vater, Jahrgang 1905, Schäfermeister in Thüringen, wurde während der Landwirtschaftsausstellung in Leipzig-Markleeberg über Jahre als Preisrichter und Mitglied der Zuchtkommission für Schafe und Rinder eingesetzt. Einmal brachte er ein Gruppenfoto der genannten Kommission mit...

ndPlusHeidi Diehl

Ab Montag hat die Jury die Qual der Wahl

Jetzt wird's aber höchste Zeit! Wenn Sie vorhaben, am 7. ND-Lesergeschichten-Wettbewerb unter dem Motto »Mein 1989 – Geschichten die bewegten« teilzunehmen, dann müssen Sie sich beeilen. Am Sonntag ist Einsendeschluss!

Sehnsucht nach Heimat
ndPlusKathrin Miehle, 39113 Magdeburg

Sehnsucht nach Heimat

Ich war 17, als uns zu Beginn der Ausbildung gesagt wurde: »Die Besten von euch werden im Ausland studieren«. Ausland: Das waren die Sowjetunion, Ungarn, die Tschechoslowakei, Polen. Meine Neugier und meine Unternehmungslust waren grenzenlos. Drei Jahre später saß ich im Zug nach Moskau, fuhr dem Unbekannten entgegen. Fünf Jahre genoss ich das Studentenleben in vollen Zügen. Meine sowjetischen Mit...

In einer mexikanischen Kneipe sah ich die Berliner Mauer fallen
Dr. Benedikt Behrens, 22049 Hamburg

In einer mexikanischen Kneipe sah ich die Berliner Mauer fallen

Ab dem Wintersemester 1988/89 studierte ich in Hamburg Geschichte mit dem Schwerpunkt Lateinamerika. Von der DDR kannte ich aus direkter Anschauung nur das Wenige, was ich durch zwei jeweils eintägige Besuche in Ostberlin in den 70er und 80er Jahren und einem Kurzausflug von meinem ersten Studienort Marburg aus im Sommer 1988 aufzunehmen vermochte. Nach zwei Semestern in Hamburg entschloss ich mic...

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Daniel Böhm überrascht

Daniel Böhm fühlte sich auf dem »Podium der Außenseiter« sichtlich wohl. Nach seinem überraschenden zweiten Platz beim Biathlon-Olympiatest im kanadischen Whistler genoss der 22-Jährige vom SC Buntenbock den Coup des ersten Weltcup-Podestplatzes seiner Laufbahn. Wie er standen nach dem 20-km-Einzelrennen auch der 23-jährige Tagessieger Vincent Jay (Frankreich), der 19 s vor Böhm lag, und der berei...

ndPlusJürgen Holz

Keine Angst vorm Bruderduell

Wie immer, wenn eine Meisterschaft in die vorentscheidende Phase geht, werden alle möglichen Statistiken bemüht. Das ist auch jetzt beim Eishockey-Titelkampf so, wo heute die Viertelfinal-Play-offs beginnen. Die Berliner Eisbären sind nicht nur der Titelverteidiger, sie gehen nach 1998, 2003, 2004 und 2006 zum fünften Mal als Erster der DEL-Vorrunde in die Play-offs der besten acht. Und das noch d...

Tom Mustroph, Rom

Ciao ciao, Italia!

Francesco Totti weint. José Mourinho bockt. Und Italien ist am Ende, fußballerisch gesehen zumindest. Zwar haben sich Inter Mailand und AS Rom besser geschlagen als noch vor einem Jahr. Auch hat die neuformierte Juventus-Truppe, die jetzt ohne Schiedsrichterhilfe auskommen muss, Moral bewiesen. Doch wie schon vor zwölf Monaten haben die Vertreter der Serie A das Dreifachduell gegen den englischen ...

Seite 17

Gesicht gewahrt

Die Lichtenberger und die ganze Stadt können auf- und irgendwann vielleicht auch durchatmen. Der Widerstand aus der Politik, von Bürgerinitiativen und Klimaschutzvereinigungen gegen Vattenfalls Pläne, eine alte Dreckschleuder durch eine neue zu ersetzen, hat dazu geführt, dass der Energieriese klein beigibt und bei der Umsetzung der hiesigen Klimaschutzziele sogar noch – Verzeihung – e...

Berliner Schüler gedenken Opfer von Winnenden

dpa). Trauer und Hilflosigkeit in Berlin nach dem Blutbad von Winnenden: In den Schulen der Hauptstadt stand der Unterricht am Donnerstag in zweiter Reihe. Das sagte die Referatsleiterin der Schulverwaltung für Gewaltprävention, Ria Uhle. Die Schüler gedachten der 16 Opfer eines 17-jährigen Amokläufers in der baden-württembergischen Kleinstadt und besprachen ihre Ängste mit Schulpsychologen und Le...

Vattenfall wird klimaschön
Jörg Meyer

Vattenfall wird klimaschön

Jetzt ist auch offiziell, was die Spatzen seit Tagen von den Dächern pfiffen: Die Pläne des Energiekonzerns Vattenfall, ein 800 Megawatt-Steinkohlekraftwerk in Rummelsburg zu bauen, sind vom Tisch. Der Konzern stellte gestern sein Energiekonzept für Berlin vor. Bis zum Jahr 2020 will Vattenfall seinen absoluten CO2 Ausstoß um 50 Prozent reduzieren, von 13,3 Millionen Tonnen im Jahr 1990 auf 6,4 Mi...

Seite 18

Freikorps kannte kein Pardon

(ND). Heute vor 90 Jahren starben Fritz und Albert Gast, Erich Renk, Rudolf Lebede, Georg Pormann, Gustav Schnick, Julian Kuklinsky, Karl Friedrich und drei unbekannte Matrosen. Sie wurden an der Mauer des damaligen Gemeindefriedhofs an der Möllendorffstraße erschossen. Zwei Tage zuvor hatten sich an der Frankfurter Allee Offiziere der Freikorps Lützow und Hülsen für ein Standgericht einquartiert....

Yvonne Jennerjahn

»Das Unheimliche ist diffus«

Der Reaktor liegt mitten im Berliner Idyll. Die noblen Seegrundstücke am Kleinen Wannsee sind nicht weit, die Pfaueninsel, die Ausflugsgebiete im Südwesten, das Glienicker Schloss. Vor 50 Jahren, am 14. März 1959, wurde im West-Berliner Stadtteil Wannsee das »Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung« (HMI) eröffnet.Der Atomreaktor mit einem medizinballgroßen Behälter mit Flüssigbrennstoff und 50 Ki...

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Lilly unter den Linden im neuen Grips
ndPlusAnouk Meyer

Lilly unter den Linden im neuen Grips

Nur jeder zweite Brandenburger Schüler weiß, wann die Mauer gebaut wurde, nur jeder dritte, wer sie baute. Das ergab 2007 eine umstrittene Umfrage der Freien Universität Berlin unter Zehnt- und Elfklässlern. Nicht viel besser stehe es um das Wissen der Schüler in Berlin und Nordrhein-Westfalen. Das Grips-Theater will das ändern: Mit dem Stück »Lilly unter den Linden«, einer deutsch-deutschen Famil...

Seite 20
ndPlusWilfried Neiße

Geschenkter Gaul mit Pferdefuß

Die Geschenke aus dem Konjunkturpaket II bergen auch für die brandenburgischen Kommunen einen Pferdefuß: Viele der Millionen werden auf der anderen Seite wieder abgezogen. Finanzminister Rainer Speer (SPD) erklärt, dass es neben den in Aussicht gestellten Investitionsmitteln für die Kommunen viele weiteren Maßnahmen gebe, welche den Konjunktureinbruch abfedern sollen. Dazu gehören Regelungen für d...

Andreas Fritsche

Jeder Zehnte will die DDR zurück

Die Brandenburger sind mit ihrem Leben zufrieden: 4 Prozent sogar sehr zufrieden, 36 Prozent einfach nur zufrieden und 45 Prozent immerhin teilweise zufrieden. Unzufrieden sind nur 13 Prozent, sehr unzufrieden 2 Prozent. Weniger zufrieden sind die älteren Menschen und die Arbeitslosen. Dies ist eines der Ergebnisse eines Sozialreports für das Bundesland. Der Report wurde gestern präsentiert. Das S...