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Proteste gegen Merkel-Besuch - Erste Festnahmen

Unmittelbar vor dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Athen haben erste Proteste in der griechischen Hauptstadt begonnen. Auf dem zentralen Omonia Platz versammelten sich mehrere hundert Anhänger der Kommunistischen Partei zu einer Demonstration.

Ärzte sollen bis zu 1,27 Milliarden Euro mehr bekommen

Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland sollen im kommenden Jahr bis zu 1,27 Milliarden Euro mehr verdienen. Das ist das Ergebnis der Honorarverhandlungen zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Krankenkassen-Verband, wie der Chef des Bewertungsausschusses, Jürgen Wasem, am Abend in Berlin nach mehrstündigen Verhandlungen mitteilte.

Unten links

Burgen aus Gewürzspekulatius thronen längst als untrügliche Zeichen in jeder Kaufhalle. Und in diesem Jahr will davon auch die Deutsche Bahn rechtzeitig Notiz genommen haben: Der Winter kommt. »Wir sind zunehmend besser vorbereitet«, versuchte Konzernchef Rüdiger Grube jetzt die abnehmend begeisterten Reisenden zu beruhigen, die es bei der Erinnerung an die letzte kalte Jahreszeit immer noch fröst...

ndPlusWolfgang Hübner

Hoffen und Beten

Am Montag trat der dauerhafte Euro-Rettungsfonds in Kraft, der ESM. Wolfgang Schäuble, der kühle, manchmal kalte Pragmatiker, kann auch nur beten, dass „die Märkte irgendwann begreifen“, dass „wir berechenbar, verlässlich sind“.

Martin Ling

Venezuelas Reifeprüfung

Es ging ums Eingemachte: Fortsetzung des bolivarianischen Prozesses mit Hugo Chávez oder Rückkehr der alten Oligarchie an die Regierung. Chávez' Basis war das bewusst, aber auch der Opposition: Davon zeugt die mit über 80 Prozent höchste Wahlbeteiligung in Venezuelas Geschichte.

Europa empfängt den ESM

»Das ist eine gute Nachricht für Europa«, sagte gestern Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker: Die Euro-Finanzminister hoben den Euro-Rettungsschirm ESM offiziell aus der Taufe. Bei der konstituierenden Sitzung in Luxemburg verabschiedeten die Minister die Satzung und bestellten das Direktorium. Der ESM, der das Hilfsprogramm EFSF ablöst, kann bis zu 500 Milliarden Euro Kredite an klamme Euro-Staaten vergeben - allerdings nur gegen strenge Sparauflagen.

Afghanistans Zusammenbruch befürchtet

Berlin (nd-Heilig). Geplagt von Streit und Korruption ist Afghanistan weit davon entfernt, die Sicherheitsverantwortung zu übernehmen, wenn sich die ausländischen Truppen im Jahr 2014 zurückziehen. Die renommierte International Crisis Group, die am Montag in Brüssel ihren jüngsten Bericht zur Lage am Hindukusch veröffentlichte, zeichnet ein zutiefst düsteres Bild von der Situation im Land und warnt vor einem kompletten Zusammenbruch des Staates.

ndPlusJürgen Vogt, Caracas

Chávez: Ein perfekter Sieg

»Comandante« Chávez hat es wieder geschafft. Er bleibt Präsident in Venezuela und Führungsfigur der Linken in Lateinamerika. Nach dem Wahlsieg vom Sonntag nimmt er nun Kurs auf sein 20-jähriges Amtsjubiläum.

Wolfgang Hübner

Mit Bismarcks Hilfe

Vaterlandsloser Geselle, Protestanheizer - Linke-Chef Bernd Riexinger sorgt mit seiner Teilnahme an den Protesten in Athen für Verärgerung. Mancher ist so sauer, dass die Begriffe misslingen: Riexinger habe die Kanzlerin düpiert, schreibt die "Welt" und könnte mal nachschlagen, was das bedeutet.

Zehntausende Griechen demonstrieren gegen Merkel

Höchste Alarmstufe in Athen: Zehntausende Griechen haben am Dienstag gegen den Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Sparkurs der griechischen Regierung protestiert. Das Regierungsviertel sowie die Zufahrtsstrecke wurden abgesperrt, rund 7000 Polizisten waren im Einsatz.

Deutscher Buchpreis geht an Ursula Krechel

Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises ist tief gerührt, wie sie gesteht. «Mir ist auch ein bisschen schwindlig», sagt Ursula Krechel in ihrer Dankesrede und spannt gleich den Boden zur Hauptfigur ihres preisgekrönten Romans «Landgericht».

Bernd Riexinger

Riexingers nicht gehaltene Rede

Der Vorsitzende der Linkspartei war am Dienstag bei den Protesten Zehntausender in Athen mit dabei. Anders als geplant konnte Bernd Riexinger jedoch nicht zu den Massen sprechen – die Demonstrationen waren verboten worden. Was der Gewerkschafter aus Stuttgart den Kollegen aus Griechenland sagen wollte:

Merkel zu Kurzbesuch in Athen eingetroffen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist zu ihrem ersten Besuch seit Beginn der Euro-Schuldenkrise in Griechenland eingetroffen. Ministerpräsident Antonis Samaras begrüßte Merkel am Dienstag auf dem Athener Flughafen mit militärischen Ehren.

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Olaf Standke

Die weltweit größte Waffenschmiede steht auf der Kippe

Morgen müssen die beteiligten Firmen nach den Londoner Börsenregeln mitteilen, ob sie ihre Pläne weiter verfolgen wollen: Die Megafusion der britischen Waffenschmiede BAE Systems mit dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS zum weltweit größten Rüstungsunternehmen ist ins Stocken geraten.

ndPlusWolfgang Kötter

Zweiter Anlauf in New York

Im New Yorker UN-Hauptsitz nahm am Montag der für Abrüstung und internationale Sicherheit zuständige Hauptausschuss seine Arbeit auf.

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Simon Poelchau

Die Geburt des Rettungsschirms

700 Milliarden schwer ist der EuroRettungsschirm. Hilfskredite gibt es von ihm nur gegen strenge Auflagen.

Widerstand gegen den Ausverkauf
ndPlusAnke Stefan, Athen

Widerstand gegen den Ausverkauf

In Zeiten der Krise besinnen sich immer mehr Griechen auf Selbstorganisation. Besuch eines besetzten Strandabschnitts im Süden von Athen.

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ndPlusRené Heilig

V-Leute-Mangel

Ganz schön dreist ist er, der neue Mann an der Verfassungsschutzspitze. »Im Gefolge der Indiskretionen aus Akten, die den Untersuchungsausschüssen vorliegen, dürfte es schwerer werden, menschliche Quellen zu gewinnen.« Wen will Agentenchef Maaßen dafür verantwortlich machen?

ndPlusSimon Poelchau

Brandmauer

Dicke Bertha, Bazooka oder jetzt der ESM: eine Brandmauer. Den unterschiedlichen Werkzeugen in Kampf gegen die Eurokrise werden oft martialische Namen gegeben, die häufig aus der Militärsprache stammen. Dabei fragt sich, auf was mit der Dicken Bertha und der Bazooka geschossen werden soll und was mit der Brandmauer vor wem geschützt werden soll.

Inzest und viele Fragen

Im Film geht es meistens »gut« aus. Junge und schöne Protagonisten nähern sich einander mit schmachtenden Blicken und den Zuschauer gruselt es schon wohlig, weil er längst weiß, dass es sich hier um Geschwister handelt. Doch unwiderstehliche Bewerber aus dem großen Lager der Nichtverwandten verhindern meistens den drohenden Inzest.

Marlene Göhring

Weltenheiler

Der dritte Weg - hat er ihn gefunden? Gibt es tatsächlich noch etwas anderes als Kapitalismus und Sozialismus? Ist Robert Schmidtke vielleicht sogar der Heiland, den Nostradamus für die zweite Jahrtausendwende angekündigt hat? An Wunder glaubt der Vorsitzende der Partei »Frühling in Deutschland« jedenfalls. Er ist auch Kanzlerkandidat der neugegründeten Partei für die Bundestagswahl 2013. Wenn sie bis dahin ausreichend Unterstützer gewinnt, um zugelassen zu werden. Auch das wäre ein Wunder.

Die Welt im Zug

Wenn, wie letzten Dienstag, ein Zug der Deutschen Bahn mal wieder länger auf der Strecke bleibt als fahrplanmäßig vorgesehen, kann man sich erstens darüber ärgern und zweitens den Zustand dieser Welt auf engstem Raum kennenlernen. »Wegen eines Oberleitungsschadens im Großraum Naumburg«, von dem man gar nicht wusste, dass es über einen Großraum verfügt, wurden von Erfurt mehrere Züge über Sangerhau...

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Uwe Kalbe

Furcht vor Privilegienverlust

Nicht nur in Bananenrepubliken bestimmt der sprichwörtliche Filz zwischen Politik und Wirtschaft das tägliche Geschäft. Solche Verflechtungen sind auch in Deutschland regelmäßig Gegenstand von Kritik. Mit Peer Steinbrücks Nebentätigkeit als Vortragsreisender ist diese nur wieder etwas lauter geworden.

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99 Nazis mit Waffenkarte

Düsseldorf (nd-Meier). In Nordrhein-Westfalen besitzen 99 Neonazis eine waffenrechtliche Erlaubnis und dürfen dementsprechend legal Schusswaffen führen. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Piratenfraktion hervor. »Rechtsextremist« sei indes »kein waffenrechtlich definierter Begriff«. Vielmehr sei die für einen Waffenschein oder eine Waffenbesitzkarte erforderli...

Umstrittenes Inzestverbot bleibt erhalten

Straßburg (AFP/nd). Deutschland darf an seinem umstrittenen Inzestverbot festhalten. Ein entsprechendes Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom April ist rechtskräftig, wie eine Sprecherin am Montag mitteilte. Der Antrag des Klägers, den Fall zur Überprüfung an die Große Kammer zu verweisen, sei abgewiesen worden. Damit ist der Mann aus Leipzig, dessen Liebesbeziehung zu seiner...

NSU-Akten bleiben in Berlin

Ungeschwärzte Akten aus Thüringen zum Thema Rechtsextremismus sorgen für Kontroversen zwischen dem Bundesinnenministerium und dem Bundestagsuntersuchungsausschuss.

Markus Drescher

Der lange Weg zum Denkmal

20 Jahre vom Beschluss bis zur Realisierung: Am 24. Oktober will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas einweihen.

ndPlusHendrik Lasch, Dresden

Geblendet von der eigenen Doktrin

Sachsens Grüne wollen den Rechtsextremismus künftig durch Wissenschaftler beobachten lassen. Der Verfassungsschutz kann es nicht, lautet ihr Fazit aus Regierungsantworten.

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Gnadenappell an Papst

Rom (dpa/nd). Buchautor Gianluigi Nuzzi hat nach dem Urteil gegen den ehemaligen päpstlichen Kammerdiener einen Gnadenappell an den Papst veröffentlicht. »Ich bitte den Heiligen Vater um Gnade für seinen Ex-Mitarbeiter, der wegen Unterschlagung von Dokumenten verurteilt worden ist, von denen er Fotokopien dem Journalisten zukommen ließ, der hier schreibt«, heißt es in dem Appell Nuzzis, der am Mon...

Missbrauch in Heimen

Hunderte Kinder sind in niederländischen Heimen und Pflegefamilien oft jahrelang sexuell missbraucht worden. Das stellte eine Regierungskommission in einem am Montag vorgelegten Bericht über Missbrauch in staatlichen Heimen seit 1945 fest.

UN-Chef: Lage in Syrien katastrophal

Straßburg (dpa/nd). UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon hat vor »schwerwiegenden Konsequenzen« der Gewalteskalation an der türkisch-syrischen Grenze gewarnt. Die Lage in Syrien habe ein »katastrophales Ausmaß« erreicht, sagte Ban am Montag in Straßburg. Dies sei eine ernste Gefahr für die Stabilität der Nachbarländer Syriens und der Region. Besorgt äußerte er sich über fortdauernde Waffenlieferungen a...

Anne-Beatrice Clasmann (dpa), Tripolis/Istanbul

Wem die Stunde schlägt

In acht Monaten wurde Libyens Langzeitmachthaber Gaddafi gestürzt. Für den Übergang zur Demokratie braucht das Land länger. Das Parlament hat jetzt den Regierungschef abgesägt - und der wirkt sogar erleichtert.

ndPlusAnna Maldini, Rom

Die Seelen der Partei

In Italiens Demokratischer Partei hat der lange Prozess begonnen, in dem die Person gekürt werden soll, die bei den kommenden Parlamentswahlen als Spitzenkandidat antreten und danach eventuell die neue Regierung anführen wird. Es ist ein äußerst komplexes Verfahren, bei dem die verschiedenen Seelen der Partei noch einmal ganz klar hervorgetreten sind.

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Julian Bartosz, Wroclaw

»Tusk, verdammt, tu doch was!«

Obwohl bis zur nächsten Parlamentswahl in Polen noch drei Jahre vergehen, verhalten sich die rechten Matadoren im Kampf um die Macht so, als befänden sie sich bereits auf der Zielgeraden.

ndPlusLuz Kerkeling, San Cristóbal de las Casas

Zapatisten in Bedrängnis

Im südmexikanischen Chiapas haben Angriffe auf die linksgerichtete zapatistische Bewegung einen neuen Höhepunkt erreicht. Seit Wochen melden die zivilen Selbstverwaltungsräte der Befreiungsarmee EZLN, dass regierungsnahe Gruppierungen mit Gewalt gegen ihre Gemeinden vorgehen.

Roland Etzel

Zielgerichtete Iran-Sanktionen?

Nach Aussage der Bundesregierung treffen die von der EU und damit auch von Deutschland gegen Iran verhängten Wirtschaftssanktionen die »Stützen des dortigen Regimes«. Den Beweis dafür bleibt man aber schuldig.

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Air Berlin kooperiert mit Air France-KLM

Berlin/Paris (dpa/AFP/nd). Air Berlin verknüpft ihr Streckennetz künftig mit dem der französisch-niederländischen Air France-KLM. In die neue Partnerschaft ist auch der arabische Air-Berlin-Großaktionär Etihad eingebunden, wie Air Berlin am Montag mitteilte. Die drei Gesellschaften wollen ihre Flüge im sogenannten Codesharing gegenseitig unter eigenen Flugnummern vermarkten und ihren Kunden auf di...

Nord Stream: Strang 2 in Betrieb

Portowaja (AFP/nd). Über die Nord-Stream-Pipeline können künftig jedes Jahr rund 55 Milliarden Kubikmeter Gas von Russland nach Europa befördert werden. Am Montag wurde dazu die zweite Leitung in der Bucht von Portowaja nahe der Stadt Wyborg im Nordwesten Russlands feierlich in Betrieb genommen. »Der Bau des zweiten Strangs ist beendet und die Gaspipeline von Nord Stream erreicht jetzt ihre volle ...

Stromkosten werden weiter steigen

Berlin (AFP/nd). Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat sich gegen den Vorschlag der FDP ausgesprochen, die Stromsteuer zu senken. Er sei davon »noch nicht überzeugt«, sagte Altmaier am Sonntag der ARD. Er forderte FDP-Chef und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler auf zu sagen, wie die durch eine Steuersenkung entstehenden Löcher im Haushalt gestopft werden könnten. Zudem verwies er auf...

Haidy Damm

Ende der Erfolgslüge

Für die Beschäftigten kam die Meldung überraschend: Die Nachrichtenagentur dapd musste vergangene Woche Insolvenz anmelden.

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ndPlusIvet Gonzáles

Kuba baut auf erneuerbare Energien

Von Ivet González, Havanna (IPS) Kuba hat im letzten Jahr gerade einmal 3,8 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien bezogen. 1979 waren es noch 18 Prozent gewesen. Der gravierende Rückgang lässt bei Experten die Alarmglocken schrillen. Sie empfehlen den Ausbau von nachhaltigen Energiequellen wie Wasser-, Wind- und Sonnenkraft. »Ein unzureichender Zugang zu Elektrizität bedeutet einen ...

Martin Ling

Niebel vernachlässigt Grundbildung

Förderung ländlicher Entwicklung und von Bildung und Ausbildung: Mit diesen beiden zu Schwerpunkten erklärten Bereichen konnte Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) anfangs selbst bei ihm skeptisch Gegenüberstehenden Vorschusslorbeeren ernten. In Sachen Grundbildung sind sie bereits verwelkt. Das ist das eindeutige Fazit einer Studie der Nichtregierungsorganisation Oxfam, die gerade aus Anlas...

ndPlusStefan Mentschel, Delhi

»Den Staat an seine Verpflichtungen erinnern«

Auch nach einem halben Jahrhundert Entwicklungszusammenarbeit kämpft die Welthungerhilfe gegen die Armut. In Indien unterstützt sie dabei auch Organisationen, die Druck auf die politisch Verantwortlich ausüben.

Selbstverwaltung ist die Ausnahme

nd: Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat die Wiederwahl am 7. Oktober geschafft. Was bedeutet das für den von Chávez propagierten Prozess hin zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts?García: Viel. Venezuela war über Jahrzehnte ein Zweiparteienregime mit abwechselnden Regierungen der eher christdemokratischen COPEI und eher sozialdemokratischen AD. Ein Wendepunkt war 1989, als die AD-Regierung Massenpr...

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Wohnungen nicht gebaut

(dpa). Jede fünfte in Berlin genehmigte Wohnung wird nicht gebaut. Das habe ein Vergleich von Baugenehmigungen und Neubauten der Jahre 2004 bis 2011 gezeigt, teilte der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen gestern mit. Nur der Anstieg der Baugenehmigungen sei kein Grund zur Entwarnung, erklärte Vorstand Maren Kern. Von 34 200 genehmigten Wohnungen seien nur rund 26 800 gebaut worde...

Wie bei Rodney King

53 Sekunden ist die wackelige Videosequenz lang, die im Internet kursiert. Zu sehen sind mehrere Polizisten, die einen auf den Boden liegenden Mann malträtieren. Mit Pfefferspray, mit Tritten, mit Schlägen und einem Polizeihund. Im Vergleich erinnern die Berliner Bilder vom Wochenende fatal an den Fall Rodney King aus den USA

Andreas Jacob

Woche des Sehens gestartet

Zum elften Mal veranstaltet ein Aktionsbündnis die deutschlandweite »Woche des Sehens«. Im Mittelpunkt steht seit Montag bis zum 15. Oktober das Erleben von sehbeeinträchtigten und blinden Menschen. Das aktuelle Motto lautet: »Wir sehen uns!« In der Hauptstadt engagiert sich unter anderem das Blindenhilfswerk Berlin (BHW). Mit der Fotoausstellung »Die Sicht der Anderen« versuchen die Veranstalt...

Martin Kröger

Heftige Kritik nach Polizeieinsatz

Die Bilder des Handyvideos sind schockierend. Im Zentrum des Geschehens liegt ein Mann, der über Minuten von mehreren Polizisten mit Schlagstöcken, Tritten und Pfefferspray traktiert wird. Ein Beamter springt dem Mann ins Genick. Am Ende des von einem Passanten gedrehten Clips verbeißt sich dann sogar ein Polizeihund in den Arm des 50-jährigen Mannes.

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Panorama der Antike schließt

(dpa). Nach gut einem Jahr Laufzeit wird am kommenden Sonntag das riesige Rundbild der antiken Stadt Pergamon auf der Museumsinsel geschlossen. Das teilten die Veranstalter am Montag mit. Das 360-Grad-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi in einem begehbaren Rundturm hat weit mehr als eine Million Besucher angezogen. Die damit verbundene Ausstellung im Pergamon-Museum war schon vor zwei Wochen...

Sammlung zurückgegeben

(dpa). Nach jahrelangem Streit hat der Erbe des jüdischen Sammlers Hans Sachs dessen berühmte Plakatsammlung vom Deutschen Historischen Museum (DHM) zurückerhalten. Die rund 4300 Plakate, die von den Nazis beschlagnahmt worden waren, seien dem in den USA lebenden Erben Peter Sachs überreicht worden, sagte der Anwalt Matthias Druba am Montag. Druba hatte den Sohn des Berliner Zahnarztes im Rechtsst...

»Jedermann«-Ensemble vorgestellt

(dpa). Zehn Tage vor Beginn der traditionellen »Jedermann«-Festspiele in Berlin hat sich am Montag das diesjährige Ensemble vorgestellt. Die Titelrolle in dem Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal übernimmt diesmal der Schauspieler Francis Fulton-Smith. Als Buhlschaft wird Barbara Wussow auf der Bühne stehen, Peter Sattmann schlüpft in die Rolle des Teufels. Die Festspiele in der Inszenierun...

Lucía Tirado

Kulturschock in Schwarzweiß

Humor und Witz seien bei den Arbeiten auf den zweiten oder dritten Blick erkennbar, sagt Ulrich Domröse, einer der Kuratoren der Ausstellung »Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989« in der Berlinischen Galerie. Im Vergleich zu Geschriebenem, bei dem in der DDR zwischen den Zeilen zu lesen vermochte, wer es vermochte, könnte man das, was er meint, jetzt wohl »zwisc...

ndPlusVolkmar Draeger

Keine Angst vorm Ländle

Dass gleiche geografische Herkunft kein Qualitätssiegel ist, beweist eine Ausstellung im ARD-Hauptstadtstudio. Fünf Künstler mit Herkunft aus Schwaben, vier von ihnen indes mit Wohnsitz in Berlin, zeigen Arbeiten, die zwischen 1993 und 2011 entstanden. »Schwaben-in-Berlin: Positionen« will Podium sein für einige derer, die im Lauf der Zeit Ländle gegen Metropole eingetauscht haben. Ob Berlin in An...

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Neue Halle an der Brücke

(nd). Wenn man vom S-Bahnsteig die Treppe und den breiten Steg zur Warschauer Straße läuft, liegt vor einem ein Berlinpanorama, das mit seiner breiten Bahngleisschneise mehr nach Industriebrache aussieht denn wie schillernde Großstadt. Der stete Strom des Berufsverkehrs fließt hier direkt in die Masse der Partygänger und Feierabendkneipenbesucher, die zur U 1 laufen oder über die Oberbaumbrück...

Meist nette Antworten auf Kinderbriefe

(dpa). Dem Image der unfreundlichen Berliner werden Unternehmen in der Hauptstadt in ihren Antworten auf Kinderbriefe nicht gerecht. Ausgesprochen gut schneiden etwa der Zoo, die Feuerwehr, die Stadtreinigung oder die Nationalgalerie ab, wie der am Montag vorgestellte Sammelband »Tut der Dax sich weh, wenn er fällt?« der Journalistin und früheren Pressesprecherin Marion Uhrig-Lammersen und des Pub...

Christian Schulz, dpa

Invasion der Grundeln

Sie sind unscheinbar und nur einige Zentimeter groß: Grundeln. Fünf Arten dieses Fisches breiten sich massiv gerade in Rhein uns Mosel aus - auch Rh. Nach Einschätzung eines Experten könnten dadurch gravierende Probleme entstehen.

ndPlusStephan Scheuer, dpa

Nicht die Markenschuhe machen glücklich

Ein Gruppe von Kindern tobt wild durch den kleinen Garten. Lachend kabbeln sie sich, wer auf der kleinen Schaukel sitzen darf. Nichts scheint sie zu unterscheiden - doch der Eindruck trügt. »Wer arm ist, will das nicht zeigen«, sagt Saniye Acikel. Die Pädagogin sitzt im Büro und kann vom Fenster aus die Kinder im Garten der Kindertagesstätte in Kreuzberg beobachten.

ndPlusWilfried Neiße

Brandenburger Zerrbilder

Gerade in Brandenburg haben sich die großen Agrarbetriebe bis zum heutigen Tag behauptet - was mancher Politiker bedauert, zum Beispiel Axel Vogel, der Grünen-Fraktionschef im brandenburgischen Landtag. Die Agrarexpertin Kornelia Wehlan von der LINKEN korrigierte dieser Tage Vogels agrarpolitische Thesen in einem Medienbeitrag.

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Wieder rechte Übergriffe in Zossen

Zossen (dpa). Nach einer längeren Pause beobachtet die Bürgerinitiative »Zossen zeigt Gesicht« wieder verstärkt rechtsextremistische Anschläge in der Stadt. »Es gab eine Reihe von Hakenkreuz-Schmierereien und rechten Parolen«, sagte ihr Vorsitzender Jörg Wanke am Montag. Auch einen Anschlag auf sein Haus schreibt er der rechten Szene zu. Wie die Polizei berichtete, wurde in der Nacht zum Sonntag g...

Entführt: Opfer befreit sich selbst

Frankfurt (Oder) / Potsdam (dpa/nd). Nach qualvollen Stunden in der Hand seines Entführers ist einem Berliner Geschäftsmann die Flucht gelungen. Die Polizei sucht nun fieberhaft nach einem äußerst brutalen Täter und sieht Zusammenhänge zu Angriffen auf eine Berliner Unternehmerfamilie. Um ein Lösegeld in Millionenhöhe zu erpressen, hatte der Kidnapper den 51-Jährigen Familienvater am vergangenen F...

Marion van der Kraats, dpa

Problem der Mitte

Die Bekämpfung von Antisemitismus und Rechtsextremismus wird durch das Internet deutlich erschwert. Dies beklagt der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. »Das Internet ist ein entscheidendes Medium, das Vorurteile transportiert. Darin lauern neue Gefahren«, sagte der Historiker der dpa anlässlich der Tagung »Rechtsextremismus in Brandenburg. Rückblicke, Bestandsaufn...

ndPlusWilfried Neiße

Medizinstudium durch die Hintertür

Weil es in Brandenburg nirgends eine Ausbildungsmöglichkeit für Humanmedizin gibt, dürfte sich - nach klassischem Verständnis jedenfalls - eigentlich keine Universität des Landes tatsächlich Universität nennen. Bislang hat sich die Landesregierung mit dem Verweis auf die vielfältigen Medizin-Ausbildungsgänge in Berlin gegen die Einrichtung des Medizinstudiums in Brandenburg gestemmt. Nun ist im Ge...

Anika von Greve-Dierfeld, dpa

Letzte Trommelwirbel

Das beschauliche Geschäft der Waschsalons, so wie man es auch aus französischen Filmen oder amerikanischen Romanen kennt, gibt es in Deutschland kaum noch. Von den noch rund 300 Waschsalons hierzulande sind die meisten voll automatisierte Dienstleistungs-Ladenlokale - ohne Personal. Aber es gibt auch Ausnahmen - Beobachtungen aus dem Süden Deutschlands.

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Graffiti

Ein millionenschweres Gemälde des Künstlers Mark Rothko ist in der Londoner Tate Modern mit Graffiti beschmiert worden. Die Polizei suchte am Montag nach einem Mann im Alter um Ende 20, der auf das Gemälde geschrieben haben soll, hieß es von Scotland Yard. Der Vorfall war am Sonntagnachmittag passiert. Nachdem der schwarze Schriftzug in der unteren Ecke des Bildes entdeckt worden war, wurde das Mu...

Protest

Kriege und Krisen dieser Welt spiegeln sich in diesem Jahr stark im Programm des Leipziger Dok-Film-Festivals. Wie Festival-Direktor Claas Danielsen in Leipzig sagte, hätten sich viele Filmemacher den Themen Protest, Widerstand und Globalisierung zugewendet. Vom 29. Oktober bis 4. November werden 360 Filme aus 62 Ländern gezeigt. DOK Leipzig gilt als eines der weltweit renommiertesten Festivals fü...

Faust II

Nach der Pause: Ein Anderer hat inszeniert, auch andere Protagonisten nun. Regisseur Günter Krämer folgt Stefan Pucher. Und Wolfgang Michael ist jetzt Faust, ein Melancholie-Wolf - wie der sich den Kopf quasi schief auf die Schulter legen kann; selbst im Schweigen wähnt man ihn im wehmütigsten Jaulen! Einem jeden Wort sind dieses Mannes Lippen Gefängnistore, die sich nur mühsam und wie unter Z...

Faust I

Das Spiel um Dr. Faust mutet hier an wie das Spiel um Dr. Mabuse. Der Raum expressionistisch, kubistisch verkeilt. Steile Treppchen. Säulen als Klettersteige. Etagenwelt mit Luken. Marc Oliver Schulzes haarsträhniger, ungelenk aufschießender Faust hält sich bläkend am Lesepult fest. Schräger Abend. Aber kein Stummfilm. Hardrock. Und Videos: Wahn und Wille als Bilderflirren. Schmähvideos gegens ...

ndPlusReinhard Schwarz

So stand es nicht im Drehbuch

Vier Monate lang verhandelte die Große Strafkammer 8 beim Hanseatischen Oberlandesgericht gegen eine leitende Redakteurin. Der Vorwurf: Bestechlichkeit und Untreue. Jetzt fällte das Gericht ein - mildes - Urteil: Ein Jahr und zehn Monate Haft zur Bewährung für die ehemalige NDR-Redakteurin Doris J. Heinze. Die Staatsanwaltschaft hatte vor wenigen Tagen noch drei Jahre Haft und eine Geldstrafe von ...

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ndPlusEric Breitinger

Kaiserschnittepidemie

Jede dritte Schwangere gebärt in Deutschland inzwischen per Kaiserschnitt. Dabei ist dieser nur in fünf bis zehn Prozent aller Schwangerschaften medizinisch nötig. Die US-Soziologin Barbara Katz Rothman kritisiert den Boom der Kaiserschnitte aus feministischer Sicht als einen »Sieg männlicher Medizin über den weiblichen Körper«. Sie verweist auf zahlreiche Studien, denen zufolge Gynäkologen überdu...

ndPlusBarbara Driessen

Reife Mama - gesundes Kind

Nicht der Zeitpunkt der Schwangerschaft, sondern der Bildungsgrad der Mutter beeinflusst die Gesundheit des Nachwuchses, so die Demografen.

Angela Stoll

Judasohr statt Zuchtchampignon

Ihr Gehalt an wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen hat Pilze in den USA zum »superfood« aufsteigen lassen. Da sie zu den wenigen Lebensmitteln gehören, die Vitamin D enthalten, könnte ihre Bedeutung auch hierzulande noch steigen.

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Jürgen Reents, Marseille

Frankreich unbezwingbar

Zum zehnten Mal in Folge hat Frankreich die Pétanque-Weltmeisterschaft gewonnen. Die Equipe Tricolore schrieb sich in Marseille damit bereits zum 27. Mal in die Goldliste des Präzisionssports ein. Henri Lacroix, Philippe Suchaud, Dylan Rocher und Bruno Le Boursicaud legten und schossen sich überlegen durch das Turnier. Mehr als fünf von erforderlichen 13 Punkten erreichte kein Team gegen die überz...

ndPlusFrank Hellmann, Hannover

Wunden lecken reicht nicht mehr

Der deutsche Fußballmeister Borussia Dortmund verliert auch in Hannover Punkte. Vor allem Jürgen Klopp bringt das auf die Palme, doch findet er meist die falschen Schuldigen.

Jan Mies und Marten Schirmer, SID

Messi und Ronaldo dominieren Clásico

Nach dem spektakulären 2:2 im Clásico von Barcelona gegen Real Madrid bleibt alles beim Alten. Gewonnen hat nur das Publikum - mit einem deutlichen Zeichen an Spaniens Regierung.

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Fliegende Eiscreme für Astronauten

Die Ära der Testflüge ist vorbei: Der erste private Raumtransporter der Geschichte ist mit Eiscreme an Bord am Sonntagabend (Ortszeit) zu seiner Jungfernmission ins All gestartet. Die unbemannte »Dragon«-Transportkapsel hob mit einer Falcon 9-Rakete um 20.35 Ortszeit (2.35 Uhr MESZ) vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida ab. Sie bringt 455 Kilogramm Forschungsmaterial zur Internationalen Ra...

Reiner Oschmann

Amerika verliert seine Taille

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben dicke Chancen, zu den Verfetteten Staaten von Amerika zu werden. Je mehr die USA wirtschafts- und machtpolitisch zum Land der begrenzten Möglichkeiten schrumpfen - sozialpolitisch werden sie seit jeher oft zu Recht belächelt -, desto problematischer ihre nicht ganz neue Führungsrolle im internationalen Fettleibigkeitswettbewerb: Eine neue US-weite Untersuc...

ndPlusRené Heilig

Mit Mach 1 im freien Fall

Voraussichtlich am heutigen Dienstag gegen 14 Uhr Mitteleuropäischer Zeit wird der Salzburger Extremsportler Felix Baumgartner vom Himmel fallen.

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Irmtraud Gutschke

Der Ort Kurawaka

Bill Manhire, der Herausgeber, hält sich im Hintergrund. Obwohl er in seiner Heimat ein bekannter Lyriker und Autor von Short Storys ist, hat er bei der Zusammenstellung dieses Bandes 18 Schriftstellerkollegen den Vortritt gelassen. Und er hat sich für Texte entschieden, die eben nicht jenen Klischees entsprechen, die einem durch den Kopf geistern, wenn man an Neuseeland denkt. »Ein anderes Lan...

ndPlusLilian-Astrid Geese

Maori, Pakeha und allerlei Lebensdramen

Etwa fünfzehn Prozent der neuseeländischen Bevölkerung sind Maori. Ihre Sprache heißt Te Reo Maori, und das Land, das sie sich mit den europäischstämmigen Pakeha teilen, nennen sie Aotearoa. Das klingt exotisch genug, um neben Peter Jacksons genialer Verfilmung von Tolkiens »Herr der Ringe« das Neuseelandbild vieler zu prägen. So wundert es nicht, dass mit Blick auf den Frankfurter Ehrengast gleic...

Seite 22
Hans-Dieter Schütt

Wie malt man Licht?

Fast am Schluss des Bandes steht die fragende Zeile: »Ist Lebensfreude nicht ein Mysterium?« Am Anfang seiner Seiten hatte das Buch gefragt, was auf dieser Welt denn überhaupt Gewissheit sei, wenn doch »Existenz der reine Zufall ist und Existieren/ Die Quadratur der Zufälle mittels Atemzügen«. Tolles Bild, du stehst sofort im Elend. Begreifst, dass Atmen nichts mit Freiheit zu tun hat, es ist Zwan...

ndPlusFritz Rudolf Fries

Ein Phantom auf dem Potsdamer Platz

Er ist wieder da. Falls wir ihn vermisst haben, das Fernsehen hat ihn uns ins Haus gebracht. In unendlichen History-Serien konnten wir ihn, begleitet vom ironisch-nachsichtigen Lächeln des Moderators, von allen Seiten betrachten. Der Führer als verkannter Künstler, der Führer und die Frauen, der Führer führt seine Heimat Österreich heim ins Reich, der Führer und seine Sekretärin, des Führers letzt...

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ndPlusKatrin Greiner

Ganz schön schräg

In abgelegenen Alpendörfern geht es gemütlich zu, gesittet und allseits wohlgefügt. Die Menschen bleiben am liebsten unter sich, wittern hinter allem Fremden das diabolische Übel und pflegen neben ihrer eigenen Sprache noch immer ihre christlich überformten heidnischen Rituale. Soweit das Klischee. Und soweit auch die klar umrissene Welt, die Vea Kaiser, 24-jährige Studentin der Philologie in ...

Gunnar Decker

Eine Frage der Beleuchtung

Nicht jung gestorben zu sein, ist ein Hauptgewinn. Der Preis dafür ist bekanntlich das Älterwerden.« Wenn Jutta Voigt das am Anfang ihres Erfahrungsberichts über das Leben im Angesicht der Goldenen Hochzeit notiert (man hat jung geheiratet in der DDR), dann darf man auf die Form des Dementis gespannt sein. Jutta Voigt kultiviert die Objekte unerwarteter Einsichten wie eine leidenschaftliche Großst...

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Pechvögel und Glückspilze

Ein Topf voll Gold - aus Dummheit verloren und wiedergewonnen aus Versagen und Versehen. »Der Frieder und das Katerlieschen«: Kein Wunder, dass dieses Märchen nicht zu den bekanntesten der Brüder Grimm gehört. Denn die Moral der Geschicht' ist nicht leicht zu fassen. Ein gutmütiger Mann und eine Frau, so einfältig, dass sie alles, aber auch alles verpatzt. Das lässt sich als Trost lesen. Auch dem ...

Florian Schmid

Mysteriöse Fluchten

Die Rätsel fangen schon beim Autor an. P.M., 1947 geboren, arbeitet in Zürich und schreibt seit Jahrzehnten unter seinem Pseudonym, das er von den am häufigsten im Züricher Telefonbuch der 80er Jahre vorgekommenen Initialen abgeleitet hat. Ein Rätselspiel auch sein Roman »Manetti lesen«. Darin geht es um das zwölfbändige, 2400 Seiten umfassende Tagebuchwerk eines gewissen Roberto Manetti und mehr ...

ndPlusKlaus Funke

Der fremde Koffer

Ich stelle mir vor: Der Autor sitzt in seinem »Schreibstübchen« unterm Dach und ringsum stehen Blechbüchsen, darin die Zutaten für seine Bücher, die er gerne verwendet: Ein oder zwei Löffelchen geheimnisvolle Frau, eine Prise deutsche Vergangenheit, ein paar Krümel Spurensuche, zwei Schuss Familiensaga und in einer schwarzen Büchse eine Handvoll Hass auf den verflossenen Staat. Das alles finden...

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Monika Melchert

Charme und Mutterwitz

Stellen Sie sich eine Pariser Concierge vor in ihrer Pförtnerloge unten in den eleganten fünfstöckigen Immeubles, und dazu die traditionelle Berliner Hauswartsfrau mit Schürze und Scheuereimer - da haben Sie treffende Pendants für Berlin und Paris, wenn auch nicht frei von Klischees. Zwei total unterschiedliche Städte - da überraschen immer wieder die Gemeinsamkeiten, die die Autorin Unda Hörner f...

Hans-Dieter Schütt

Lebens Werk

Der Handke-Leser ist jemand, dem das von Wissen starrende Ich abhanden kam. Nicht die Stunde der Wahrheit schlägt mehr, sondern »Die Stunde der wahren Empfindung«, wie eines seiner Bücher heißt. Das ist das Abenteuer Peter Handke. Er hat »Versuche« über die Jukebox, die Müdigkeit und den geglückten Tag geschrieben, er hat sein »Gedicht an die Dauer« befragt, was das sei, Dauer - eines Nachtwinds, ...

ndPlusSabine Neubert

Ruhm und Niedergang

Ein Roman über Berlin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat womöglich schon von vornherein das Interesse der Leser. In diese Zeit gehört auch die Erfolgsgeschichte des »großen Aschinger« mit seinen zahlreichen »Bierquellen«, den Bierwürsten, der berühmten Erbsensuppe und den kostenlosen Schrippen. »Beste Qualität bei billigstem Preis« war das Erfolgsmotto der Unternehmens-Gründer gewesen, ...

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ndPlusUli Gellermann

Freiheit kann man nicht essen

Er hat etwas »James-Bondisches«, der Roman »Die eiskalte Jahreszeit der Liebe« von A. D. Miller. Auch der relativen Spannung wegen, die sich in einem Moskau der Korruption, der Huren und der russischen und ausländischen Bisnesmeny rund um den englischen Rechtsanwalt Nick entwickelt. Natürlich ist Nick »jung und erfolgreich«. Schon in der Beschreibung seiner Klamotten wird das Outfit-Bewusstsein de...

ndPlusWalter Kaufmann

Gesprengte Fesseln

Seit dem Erscheinen von Alexander Solschenizyns »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« im zweiundsechziger Jahr ist eine umfangreiche Lagerliteratur entstanden, reiht sich Buch an Gulag-Buch, viele davon zutiefst erschütternd. Sergej Lochthofens »Schwarzes Eis«, der Lebensroman seines Vaters, hebt sich von allen wegen seines kraftvollen Grundtons ab. Der junge Flüchtling aus Nazi­Deutschland, d...

Karlheinz Kasper

Asylbewerber im »Legoland«

Ein Quäntchen Lebenserfahrung des Schriftstellers Andrej Iwanow steckt mit Sicherheit in Sid, dem Erzähler seines Romans. Übersetzerin Friederike Meltendorf zeigte feines Gespür für den unbeschreiblichen, deftigen Slang, den alle Figuren des Buches sprechen. Sie suchen Asyl in Dänemark, sind gerade illegal eingereist, bereits als Asylbewerber anerkannt oder mit dem Ablehnungsbescheid von Abschiebu...

Seite 27
ndPlusMona Grosche

Spurensuche in Albanien

Lodja möchte in ihrer »sozialistischen Musterstadt« D. in Albanien ganz zu Hause sein. Doch ihre Mutter schwatzt nicht mit den anderen Frauen, und Lodja selbst darf nie mit den Kindern draußen spielen. Stattdessen betrachtet sie das Leben vom Fenster aus, hört auf die Stimmen, beobachtet die Außenwelt und versucht zu verstehen, warum das so ist. Nur einmal scheint das Glück auch für sie zum Greife...

Uwe Stolzmann

Revoluzzer mit Handgranate

Limonow. Ach, wenn man solch einen Namen hätte. Hell, sauber, kraftvoll, kühn, er duftet, er erfrischt. Mit diesem Namen käme man groß heraus, im Schwatzzirkel der Literaten, im Männerbund der Politik, auf jeder Bühne für Selbstdarsteller. Man hätte eine Website in edlem Schwarz (www.limonow.de) und auf der Website diese Zitrone, geteilt und saftig glänzend. Bei stärkerem Mitteilungsdrang würde ma...

Irmtraud Gutschke

Herzenslächeln

Auf Seite 204 taucht die Autorin selber auf, nippt in der Maria-Theresia-Bar des noblen Hotels »Imperial« in Wien an einem »Kosmonautencocktail«. Und neben ihr, sich schon kaum mehr auf ihren Barhockern haltend, die beiden wichtigsten Figuren des Romans: Luka Stepanowitsch Lewadski aus der Ukraine, 96 Jahre alt, Lungenkrebs, mit seinem Zufallsbekannten, Herrn Witzturn aus Österreich, der womöglich...

Seite 28
ndPlusGerhard Feldbauer

Der Vater des »Leoparden«

Im Jahre 1962 erregte ein Film von Luchino Visconti in Italien außergewöhnliche Aufmerksamkeit. Der bereits berühmte Regisseur, zuletzt »Rocco und seine Brüder«, verfilmte den 1958 von Feltrinelli veröffentlichten Roman Giuseppe Tomasi di Lampedusas »Der Leopard« mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon. Visconti gestaltete ein farbiges geschichtsträchtiges Gemälde über die Herstellun...

Walter Kaufmann

Was du nie vergisst

Noch einmal, wohl das letzte Mal, reist Janine di Giovanni nach Sarajevo, wo sie fünfzehn Jahre zuvor, als die Stadt belagert war, den Mann ihrer großen Liebe kennengelernt hatte, den Kriegsfotografen Bruno Giridon. Während sie in der Stadt nach Nusrat fahndet, einem Roma, den sie, als er noch Kind war, ins Herz geschlossen hatte, tun sich vor ihrem inneren Auge alte Schreckensbilder auf: Ein Hund...

ndPlusAlice Werner

Ehekrach mit einem Geist

Der Liebesgeschichte zwischen Aaron und Dorothy muss man sofort verfallen - selten hat man von einem so kratzbürstigen wie hilflos-komischen Pärchen gelesen. Beide sind waschechte Antihelden: Aaron, 43, leicht körperlich behindert, ungeschickt, aber einsatzfreudig, arbeitet als Lektor im familieneigenen Verlag und publiziert Handbücher mit Titeln wie: »Gewürzschränkchen für Anfänger« und »Baby-Kol...

Seite 29
ndPlusUte Evers

Das Schweigen, die Angst

Terror und soziales Elend auf den Straßen von Port-au-Prince: Die Bewohner haben sich schon lange mit der »Hölle unter freiem Himmel« arrangiert. Dort wohnen Angélique, Joyeuse und Fignolé auf engstem Raum mit ihrer Mutter, Angéliques Sohn Gabriel und dem Hilfsmädchen Ti Louze. Väter gibt es keine ... Nach einer durchwachten Nacht - stundenlang hatte sie von fern das Rattern eines Maschinengewe...

Sabine Neubert

Geschehen am Tewe Mojun

Nie hörten wir vom »Tewe Mojun«, dem »Kamelhals«, wie ihn die Tuwa nennen. Es ist ein Berghang im Lande der Fünf Flüsse, nahe dem Tal des Gelben Sees, tief in der Mongolei am Fuße des Altaigebirges. Wenig wissen wir von dem nomadischen Bergvolk hier. Aber das Wenige wissen wir von Galsan Tschinag, dessen Heimat die mongolische Bergsteppe ist, der in die Welt ging und »nach langen Jahren Lakaiendas...

Reiner Oschmann

Unglück als beglückende Erfahrung

Wie das Leben so spielt! Der 15-jährige Dell und Zwillingsschwester Berner haben liebevolle Eltern und werden von ihnen doch aus dem Gleichgewicht gebracht. Vater Bev, »ein großer, gewinnender, lächelnder, gutaussehender Einsdreiundachtziger«, hat im Zweiten Weltkrieg bei der US-Luftwaffe gedient, doch in seinen wechselnden zivilen Jobs nicht mehr die Treffsicherheit, die er als Bombenschütze über...

Seite 30

Bunte Blätter

»Der Herbst steht auf der Leiter« - so begann Peter Hacks sein Gedicht, und so heißt auch das Bilderbuch, das Annika Huskamp so farbenprächtig illustriert hat. Der Herbst - ein »lustiger Waldarbeiter« und »froher Malersmann« - auf einer Seite hat er sogar einen Papierhut auf dem Kopf, der aus einer russischen Zeitung gefaltet ist. Als Begrüßung vielleicht für Väterchen Frost (Eulenspiegel, 12 S., ...

Ralf Hutter

Shakespeare mit Musik

Für die musikpädagogische Erklärung eines Orchesterstückes ist es eine schöne Vorlage, wenn das Stück die Vertonung einer Geschichte voller königlicher Liebespaare, Tollpatsche, Verwechslungen und vor allem Elfen mit Zauberkräften ist. Dieser Stoff ist das Gerüst von Shakespeares Komödie »Ein Sommernachtstraum«, die von Felix Mendelssohn Bartholdy vertont wurde. Marko Simsa hat ein Kinderbuch v...

ndPlusKatja Eichholz

Kein Bedarf mehr fürs Popeln

Sibylle von Schwanstein ist gesunde und stolze Burgbewohnerin. Eigentlich könnte für die Siebenjährige alles gut sein, wäre da nicht ein kleines Problem: Sie sieht schlecht. Im Matheunterricht erkennt sie die Zahlen an der Tafel nicht, wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie Gespenster und beim Blick in den Spiegel begrüßt sie ein Vampir. Frustriert von ihrer Lage bessert sich Sibylle ihre Laun...

Silvia Ottow

Emmeline und der Kapitän

Die Kunksmuhme mit ihren zerzausten Haaren und der langen, knochigen Gestalt lebt auf einem Eiland und hat bei ihrer ganzen Hexerei ziemlich seltsame Eigenschaften angenommen. Kranksein bereitet ihr beispielsweise ein Riesenvergnügen. Bauchweh, Husten und Fieber versetzten sie in helle Begeisterung, und sie nimmt sich jedes Mal vor, längere Zeit krank zu sein und dies so richtig auszukosten. Aber ...

ndPlusIrmtraud Gutschke

Lust am Kochen und am Essen

Kinder würden viel früher in der Küche helfen, wenn man sie nur ließe, meint Carola Ruff. Die ganz Kleinen sind von Töpfen und Pfannen, Kochlöffeln und Schneebesen fasziniert, ab 18 Monate kann man sie schon Quark rühren lassen, ab drei können sie sogar Kartoffeln schälen. Ab fünf sind sie bereits in der Lage, Spiegeleier und Pfannkuchen zuzubereiten. Das kann, nach eigenen Aussagen, nicht mal jed...

Seite 31
Florian Schmid

Klassenkrieg

Vor Kurzem feierte Occupy den ersten Jahrestag der Wall-Street-Besetzung. Nachdem anfänglich selbst die bürgerliche Presse positiv berichtete, ist nunmehr das Interesse erlahmt. Von New York über Boston bis hin zum kalifornischen Oakland sind alle Camps geräumt worden, zum Teil von einer brachial vorgehenden Polizei. Über 6000 Menschen sind im Lauf eines halben Jahres nach Beginn der Proteste in d...

ndPlusJörg Roesler

Es bleibt nicht mehr viel Zeit

Vor vier Jahren gab es einen Moment, in dem die meisten US-Amerikaner die Kühnheit besaßen, zu hoffen. Es schien möglich zu sein, Trends, die seit mehr als 25 Jahren anhielten, umzukehren. Stattdessen verschlimmerten sie sich.« Diese kritische Bilanz der Präsidentschaft Obamas verknüpft der US-amerikanische Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften zugleich mit der Warnung: »Uns bleibt nicht ...

Seite 32
ndPlusCristina Fischer

Optimistin

Man darf niemals die Hoffnung aufgeben«, sagte mir einst die damals bereits 90-jährige Lore Krüger, »nur der Tod ist endgültig.« Pessimismus war der humorvollen alten Dame fremd. Bis zuletzt war sie in der VVN-BdA sowie im Verband DRAFD aktiv, hat Jugendlichen ihre Erfahrungen und Erlebnisse vermittelt. Geboren am 11. März 1914 als Tochter einer jüdischen Familie in Magdeburg, war sie 1933 aus...

ndPlusWladislaw Hedeler

Stolz, Schmerz, Trauer

Welch grauenhafte Ironie«, konstatiert David King, »dass der tödliche Blick der Geheimpolizei solch sensible Porträts hervorbringen konnte. Im Gegensatz zu westlichen Polizeifotos entstanden diese Aufnahmen ohne künstliches Licht. Mit einer längeren Belichtungszeit und natürlichem Licht blickte die Person direkt in die Kamera, wodurch eine Vielfalt von Gefühlsregungen sichtbar wurde.« Der Betr...

Gerd Fesser

Eine dämonische Kraft

Das Leben und Wirken Otto von Bismarcks hat deutsche und angelsächsische Historiker und ihre Leser immer wieder fasziniert. Im vorigen Jahr erschien nun das Buch »Bismarck. A Life« des US-amerikanischen Historikers Jonathan Steinberg. Es fand in den USA und England begeisterte Rezensenten, darunter US-Ex-Außenminister Henry Kissinger. Nun liegt die deutsche Übersetzung vor. In den meisten Bisma...

Seite 33
Hans Rehfeldt

Wider die Normalisierung

Es war ein ruinöses riesiges Firmengelände, das »Chaoten« - wie die Erfurter Justiz urteilte - besetzten, um sich selbstbestimmend so zu entfalten, wie sie es für richtig hielten. Die Besetzung des Geländes, auf dem zur Nazizeit von der Firma »Topf & Söhne« Krematorien und Gasöfen für die Konzentrationslager hergestellt wurden, durch eine Gruppe politisch engagierter Autonomer im April 2001 ma...

Jörg Staude

Millionenfache Armut

Dies ist ein Buch über den gesellschaftlichen Klimawandel, der gemeinhin mit dem Ausglühen des rheinischen Kapitalismus, der neoliberalen Abkühlung und seit 2005 mit dem frostigen Wort Hartz IV identifiziert wird. Wer Aufklärung über den sozialen Paradigmenwechsel sucht, wird hier fündig. Das Buch soll die Augen öffnen für diese »ungeheure Ungleichheit« zwischen sehr arm und sehr reich, schreibt S...

ndPlusJörg Roesler

Paradoxe Verhältnisse

Der New Yorker Paul Mattick, fast zwei Jahrzehnte lang Herausgeber einer renommierten Ökonomenzeitschrift, sagte 2007 voraus, dass die neue Wirtschaftskrise nicht wie im Falle der Großen Depressionen von 1873 bis 1893 (Gründerkrise) sowie 1929 bis 1939 (Weltwirtschaftskrise) rasch wieder von einer Konjunktur abgelöst werde, vielmehr würde diesmal eine lange Stagnationsphase folgen. Womit er, wie w...

Seite 34
Heinz-Dieter Winter

Ein irrationaler Horror

Seit den frühen 90er Jahren, als dem Westen das Feindbild im Osten verloren ging und die NATO ein neues im »Krisenbogen des Südens« (BRD-Verteidigungsminister Wörner) ausmachte, hat sich ein Gespinst aus Angst vor dem und Hass auf den Islam tief »in die Poren der Gesellschaft eingenistet«, bemerkt Werner Ruf und belegt dies faktenreich. Der irrationale Horror erkläre auch die Popularität von Publi...

ndPlusUli Gellermann

Die blinden Hetzer

Selten ist eine dumme und gewissenlose Öffentlichkeit einer Kriegswarnung blinder begegnet als eben jener, die Günter Grass in ein Gedicht gepackt hatte. Mitten in die gefühlige Debatte des Ach-was-sind-wir-doch-für-tapfere-Israel-Freunde erscheint das kühle und analytische Buch von Michael Lüders über einen »falschen Krieg«. Das hatten wir doch alles schon mal, in den Kriegen gegen Afghanista...

ndPlusFrank-Rainer Schurich

Epochales Versagen

Dies ist ein wichtiges Buch. Es folgt nicht nur akribisch der Blutspur des Terror-Trios von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, das sich »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) nannte. Die Autoren haben die mittlerweile schon verwirrende Fülle der Fakten und Ereignisse in eine Chronologie gebracht. Sie stützen sich auf Akten und Interviews, auch mit Angehörigen der Opfer und Aussteige...

Seite 35
Franka Friedensburg

Mitgefühl statt Mitleid

Die Welt einer Drogenstation ist eine bewegte Welt, ein Mikrokosmos, in welchem sich vieles abbildet, was auch in der Welt ›draußen‹ geschieht«, stellt Roland Wölfle eingangs klar. Der Arzt und Psychotherapeut spricht an, was in der Öffentlichkeit noch immer vielfach ein Tabu ist respektive gern verschwiegen wird. Sogar bei Zunftkollegen: »Psychiatrische Störungen sind in der Welt der Medizin geri...

Karlen Vesper

Hitler sells

Bereits Mitte der 70er Jahre sprach die US-amerikanische Publizistin Susan Sontag vom »faszinierenden Faschismus«. Von einer regelrechten Besessenheit für Hitler & Co. ist in Deutschland vor allem seit Mitte der 80er Jahre zu sprechen, als Guido Knopp die ZDF-Redaktion »Zeitgeschichte« übernahm und jedes Jahr mindestens eine, oft drei, vier Dokumentationen über den Hitler, seine Helfer, Kriege...

ndPlusJürgen Meier

Die vier großen »S«

Was ist und was kann Psychoanalyse eigentlich? Sie ist nicht zu verwechseln mit Psychotherapie und ist auch nicht Anpassung »an die Gesellschaft noch an die Wirtschaft, geschweige denn an den Therapeuten, höchstens an das eigene Selbst«, klärt Thomas Auchter auf. Die Psychoanalyse als Heilkunde, die beim Autor des hier vorzustellenden Bandes ganz in der Tradition von Freud und Winnicott steht,...

Seite 36
ndPlusKurt Pätzold

Gottes Gebote und die Revolution

Ein Kommunist gegen den Einheitskandidaten der bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie: 1949 kandidierte Erwin Eckert im damals zur französischen Besatzungszone gehörenden Mannheim für das Wahlamt des Bürgermeisters der Stadt. Eine Christin fragte ihn, wie denn das zusammenpasse, 1931 Pfarrer gewesen und Mitglied der KPD geworden zu sein. Sie erhielt zur Antwort, das sei möglich, weil die K...

ndPlusHeinz-Dieter Winter

Talibanisierung?

Besorgnis erregende Ereignisse in Pakistan, wie die Besetzung der Roten Moschee in Islamabad 2007 oder der Angriff auf das Hauptquartier der Armee im Oktober 2009 durch militante islamistische Gruppen oder auch die jüngsten antiwestlichen Massendemonstrationen gegen den Anti-Mohammed-Film haben Befürchtungen einer »Talibanisierung« und eines möglichen Zerfalls des Landes geschürt. Pakistan gil...

Arne C. Seifert

Absurde Antiterrorstrategie

Al-Qaida, Bin Laden, terroristische Dschihadisten; 11. September, Irak, Abu Ghraib, Afghanistan, Soldatensterben, Verkrüpplungen, Zerstörung; Menschenschlachten, Guantanamo, Waterboarding - ein Jahrzehnt »War on Terror«. Lässt sich darüber emotionslos berichten? Wenn also Zorn über Verbrechen gegen die Menschlichkeit kein allein taugliches Kriterium für den Umgang mit solch schwieriger Materie ist...

Seite 37
ndPlusHans-Georg Schleicher

Leymahs Geschichte

Die Friedensnobelpreisträgerin von 2011 ist eigentlich zu jung für Lebenserinnerungen, doch die knapp vier Jahrzehnte ihres bisherigen Lebens, die sie mit Unterstützung von Carol Mithers schildert, haben es in sich. Hintergrund und Handlungsmittelpunkt ist der 14 Jahre währende Bürgerkrieg in ihrer Heimat Liberia, der das westafrikanische Land in einer Flut von Gewalt, Zerstörung und Hoffnungslosi...

Hermann Klenner

Interventionsvehikel?

Der Lebensweg der Autorin ist beeindruckend: Nach ihrer Dissertation über die Menschenrechtspraxis der Vereinten Nationen und die Rechtsstellung der Frau in der Schweiz arbeitete Gret Haller für die Europäische Menschenrechtskonvention im Eidgenössischen Justizdepartement, war vier Jahre Mitglied der Berner Stadtregierung, dann Mitglied des Schweizer Nationalrates und sogar dessen Präsidentin. Sie...

Seite 38
ndPlusAlexander Amberger

Versachlichung

Es sind durchweg junge Wissenschaftler, um 1980 und zumeist in der DDR geboren, die hier ihre Forschungsergebnisse präsentieren. Ihr Blick ist erfrischend anders als der ihrer älteren Kollegen. Vanessa Ganz kritisiert, dass die heutige DDR-Geschichtsschreibung Gefahr laufe, »ein dualistisches Weltbild zu konstruieren und eine historische Teleologie zu suggerieren, der zufolge die deutsche Geschich...

Kurt Wernicke

Die vergessene Revolution

Wenn von der Revolution 1848/49 in deutschsprachigen Landen die Rede ist, dann werden seit jeher vor allem die Städte Berlin, Wien und Frankfurt am Main oder die Regionen Sachsen, Pfalz, Baden und allenfalls noch Westfalen genannt. Die marxistische Historiographie hat zu 1848 - mit Recht - noch Köln hinzugefügt. Aber die Erschließung und engagierte Auswertung von über lange Zeit nicht zur Kenntnis...

Seite 39

DDR-Alltag

Sie sind mitunter noch heute auf Straßen und in Parks zu sehen, die Kinderwagen aus der DDR, mit denen Krippenerzieherinnen bequem die Jüngsten durch Städte und Dörfer kutschierten. In diesem hier sitzt (Mitte) der Sohn des Fotografen Manfred Beier, dem ein wunderschöner Bildband zu verdanken ist über den »Alltag in der DDR: So haben wir gelebt«. Die von Nils Beier herausgegebenen Fotografien sein...

ndPlusTom Strohschneider

Aktiver Mobilisierungskern

Gerade haben die ostdeutschen Spitzen der LINKEN einen Brief an die Vorsitzenden ihrer Partei geschrieben. »Mehr Respekt« für den »ostdeutschen Erfahrungsvorsprung« wird da gefordert. So berechtigt der Hinweis auf die wichtigen Lernprozesse seit der Wendezeit und die Tradition der PDS sein mag - im Westen ballte mancher die Faust in der Tasche. Das liegt einerseits an aktuellen Auseinandersetz...

Stefan Bollinger

Lust auf Freiheit und Sozialismus

Kapitalismuskritische Bewegungen, vor allem »Occupy«, haben verabsäumt, sich einer theoretischen Analyse des Kapitalismus und den Wegen seiner Überwindung zu stellen und ebenso darauf verzichtet, sich sozial und politisch wirksam zu organisieren. Im Umfeld dieser Bewegungen, aber auch bis in die bürgerliche Publizistik hinein, geistert ein Wiederentdecken von Marx als Kapitalismusanalytiker und vo...

Seite 40
ndPlusHarald Loch

Ein Lesegenuss

Glaubt man dem Stammtisch, können Juristen weder verständlich noch elegant schreiben. Dieses Vorurteil ist seit römischen Zeiten tausendfach widerlegt, und wer - um nur ein Beispiel zu nennen - des Juristen Franz Kafkas »Amtliche Schriften« zur Hand nimmt, wird selbst in der spröden Materie des Unfallversicherungsrechts nicht nur Verständliches sondern auch stilistisch Glänzendes finden. Und d...

Frank-Rainer Schurich

Der Kobold-Staubsauger

Der große amerikanische Zyniker Ambrose Bierce berichtete 1870 in der Zeitung »News Letter«, dass in San Francisco ein Opfer mit eingeschlagenem Schädel und einer Brechstange im Bauch untersucht wurde. Er wurde aber kurz vorher bei guter Verfassung gesehen, so dass im Leichenschauhaus sein Tod auf »Herzversagen« zurückgeführt wurde. Solche Verhältnisse haben wir in Deutschland noch nicht. Denno...