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Unten links

»Ob der Festungsbau und viele andere Vorkehrungen, die täglich von Herrschern angewendet werden, nützlich sind oder nicht«, ist ein Kapitel in Machiavellis »Il Principe« betitelt, in dem es um die »Kunst des Regierens« geht. Einmal angenommen, CDU, CSU und SPD planen zurzeit keine Burgen, bliebe die Frage, ob die beim Sondieren eingesetzten »anderen Vorkehrungen« nützlich sind. Verneint werden ...

Machtprobe

Abdelfattah al-Sisi hat sich kürzlich für eine baldige Wiederherstellung der Demokratie in Ägypten ausgesprochen. Der Übergangsprozess müsse schnell ein Ende finden, so der Militärchef. Nur, wann ist das gegeben? Wenn Thomas Cook und Alltours ihre Reisen ans Rote Meer wieder aufnehmen? Mit wie vielen Toten darf so eine Rückkehr belastet sein? Auf über 60 stieg am Montag die Zahl der Toten nach ...

Göring-Eckardt und Hofreiter - die neue grüne Fraktionsspitze

Zweieinhalb Wochen nach der Bundestagswahl haben die Grünen eine neue Fraktionsspitze gewählt. Die ehemalige Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt und der Verkehrsexperte Anton Hofreiter folgen auf das bisherige Führungsduo Renate Künast und Jürgen Trittin.

Vera Macht

»Ich wollte meine Freiheit ohne Bedingungen«

Mahmoud Sarsak, ein palästinensischer Fußballer, wurde 2009 verhaftet und verbrachte drei Jahre ohne Anklage in sogenannter Administrativhaft im israelischen Gefängnis. Er trat in einen Hungerstreik und wurde nach 94 Tagen ohne Nahrung mit Hilfe internationaler Solidarität entlassen.

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ndPlusIrmtraud Gutschke

Branche im Umbruch

Am Dienstag wird die Frankfurter Buchmesse eröffnet. Auf der weltgrößten Bücherschau präsentieren sich rund 7100 Aussteller aus 100 Ländern und rund 300 000 Besucher. Ihnen wird ein vielseitiges kulturelles Rahmenprogramm geboten. Ehrengast ist Brasilien.

ndPlusMichael Kegler

Ein Land voller Stimmen

Dass Brasilien zum zweiten Mal Gastland einer Frankfurter Buchmesse ist, war zu Hause nicht unumstritten. Millionen Dollar, Euro, Reais werden in Imagepflege investiert, während Millionen Menschen nicht lesen und schreiben können. Das Bildungssystem gilt als katastrophal, von Gesundheitsversorgung, Personennahverkehr, Sicherheit zu schweigen.

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Fabian Lambeck

Wohnen im Grenzbereich

Wer arbeitslos wird und dann Hartz IV beantragt, kann sich nie sicher sein, ob das Amt Miete und Heizkosten in voller Höhe übernimmt. »Bedarfe für Unterkunft und Heizung werden in Höhe der tatsächlichen Aufwendungen anerkannt, soweit diese angemessen sind«, heißt es dazu im Sozialgesetzbuch II.

ndPlusVolker Stahl

Traumrenditen mit Schrottimmobilien

In Hamburg-Wilhelmsburg machen dubiose Vermieter bei »Zielgruppen mit besonderen Schwierigkeiten« richtig Kasse. Die Stadt Hamburg zahlt. Überprüfungen fallen wegen Personalmangels oft aus.

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Unsicherheit und Interessen

Prognosen sollte man nie hundertprozentig trauen. Wenn wie jetzt zwei Wirtschaftsinstitute, nämlich das gewerkschaftsnahe IMK und das arbeitgebernahe IW, Konjunkturvorhersagen machen, dann können sie einem zwar sagen, wie sich die Wirtschaft wahrscheinlich entwickelt, doch ihre Schätzungen sind immer mit Unsicherheiten verbunden. Die größte Unsicherheit heißt derzeit US-Haushaltsstreit. N...

Logisch: Genf 2

Die Festlegung der Außenminister Russlands und der USA auf eine Genf 2-Friedenskonferenz zu Syrien Mitte November liegt in der Logik der Ereignisse. Zum Umgang mit dem Chemiewaffenarsenal gab es ja statt der kriegerischen eine Verhandlungslösung. Darf auch gestritten werden, welchen Eindruck die Androhung militärischer Gewalt auf Damaskus gemacht haben mag - die Vernichtung seiner C-Waffen war ...

Festung Deutschland

Die Festung Deutschland schottet sich bereits an den Außengrenzen Europas gegen Flüchtlinge ab. Dazu finanziert sie großzügig die Grenzschutzagentur FRONTEX und bildet deren Mitarbeiter aus. Dadurch hat sich das Mittelmeer zu einem Massengrab für Flüchtlinge entwickelt. Auch um diejenigen, die die Überfahrt dennoch schaffen oder aus dem Meer gefischt werden, kümmert sich Deutschland nicht. Darü...

Katja Herzberg

Käuflich

»Ex-Verteidigungsminister wegen Bestechung und Geldwäsche schuldig gesprochen« - das Urteil gegen den Griechen Akis Tsochatzopoulos hat am Montag niemanden überrascht. Nach allem, was über ihn schon bei Anklageerhebung bekannt war, musste dieser Prozess mit einem Schuldspruch enden. Bereits am 4. März wurde der 74-Jährige in einem anderen Verfahren zudem wegen Steuerhinterziehung zu acht Jahren...

Rückwärts nimmer?
ndPlusBrigitte Zimmermann

Rückwärts nimmer?

Mit zeitlichen Rückverweisen ist es so eine Sache. Auch in diesem Blatt. Unlängst kam ein Autor in seiner Rezension der neuesten Goethe-Biografie unversehens auf das Politbüro zu sprechen, und man rieb sich ein wenig die Augen. Daher keine Entschuldigung, wenn jetzt gleich wieder vom kürzlich verblichenen deutschen Osten die Rede sein wird. Immerhin liegt das Ableben Goethes schon gut 181 Jahre...

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SPD und CDU dementieren Treffen mit Seehofer

CSU-Chef Horst Seehofer heizt Spekulationen an, dass sich die Union bereits für eine Große Koalition entschieden habe. Er behauptet, dass es ein Treffen der Spitzen von Union und SPD an diesem Freitag geben soll.

ndPlusAert van Riel

Etwas links von den Realos

Der designierte Fraktionschef der Grünen-Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, gilt als Kandidat des linken Flügels seiner Partei. Besonders in der Steuerpolitik will er einiges anders machen als Vorgänger Jürgen Trittin.

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Ermittlungen gegen Backhaus eingestellt

Die Staatsanwaltschaft Rostock hat die Ermittlungen gegen den Landwirtschaftsminister Mecklenburg-Vorpommerns, Till Backhaus (SPD), wegen einer Auseinandersetzung mit einem Autofahrer eingestellt. Auch gegen den Fahrer werde nicht weiter ermittelt, so die Behörde am Montag.

Hannover verbietet »Zigeunerschnitzel«

Hannover (epd/nd). Kein »Zigeunerschnitzel« mehr in Hannover: Die Stadt Hannover will dieses nach einem Streit um den Begriff von den Speisezetteln ihrer Gastronomie streichen. Dies betreffe nicht nur die Rathauskantine, sondern auch das Hannover-Congress-Centrum, das neben eigener Gastronomie auch als Caterer auftritt, wie die »Neue Presse« berichtet. Das Forum der Sinti und Roma in Hannover h...

ndPlusPhilipp Hedemann, Addis Abeba

Tödliche Flucht ins Paradies

Ein eritreischer Flüchtling berichtet über die Umstände seiner Flucht aus dem Elend. Für die Menschenhändler sind er und unzählige andere Schutzsuchende nur eine Ware. Und so werden sie auch behandelt.

Johanna Treblin

Kein Handlungsbedarf?

Weil Europa sich abschottet, endet für viele Schutzsuchende die Reise im offenen Meer. Deutschland soll mehr Flüchtlinge aufnehmen, um Mittelmeerstaaten zu entlasten, fordert nun EU-Parlamentspräsident Martin Schulz.

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Abspaltung spaltet Indien

Proteste gegen die Schaffung eines neuen Bundesstaates in Indien haben am Wochenende chaotische Zustände im Südosten des Landes ausgelöst.

Teheran baut auf Berlin

Teheran baut nach Worten von Präsident Hassan Ruhani in den bevorstehenden Verhandlungen um Irans Atomprogramm auf Deutschland.

Syrien-Konferenz soll im November stattfinden

Syrien-Friedenskonferenz soll Mitte November stattfinden. Die Nachrichtenagentur RIA Nowosti zitierte den russischen Außenminister Sergej Lawrow am Montag nach Gesprächen mit seinem US-Kollegen John Kerry in Indonesien, sie hätten sich über die »nötigen Schritte« geeinigt.

Martin Lejeune

Schüsse in Sanaa - Jemen im Fokus

Der Mord an einem deutschen Sicherheitsbeamten rückt den Krisenstaat Jemen wieder einmal in den Fokus der internationalen Berichterstattung.

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Terror gegen Impfen

Peshawar (AFP/nd). Im Nordwesten Pakistans sind bei einem Anschlag auf Mitarbeiter einer Impfkampagne zwei Menschen getötet worden. Unter den Opfern des Bombenanschlags in einem Vorwort von Peshawar sei ein Polizist, der die Mitarbeiter der Anti-Polio-Kampagne schützte, sagte ein Polizeivertreter am Montag AFP. Zudem seien zwölf Menschen verletzt worden. Ein anderer Polizeibeamter sagte, die Mi...

Ausverkauf in Mexiko

Mexiko-Stadt (AFP/nd). Tausende Mexikaner haben gegen Pläne der Staatsführung demonstriert, den staatlichen Ölkonzern Pemex für ausländische Investoren zu öffnen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen beteiligten sich am Montag mehr als 12 000 Menschen an den Protesten. Die Opposition unter Führung des Linkspolitikers Andrés Manuel López Obrador wirft Präsident Enrique Peña Nieto den Ausverkauf d...

ndPlusIan King, London

Daily Mail hetzt gegen Milibands Familie

Nach Labours erfolgreichem Parteitag war mit persönlichen Angriffen gegen Oppositionsführer Ed Miliband in der Tory-Presse zu rechnen. So folgten Beschimpfungen gegen Milibands toten Vater, den jüdischen Flüchtling und marxistischen Akademiker Ralph Miliband.

ndPlusDaniel Kestenholz, Bangkok

Kunterbuntes Kandidatenkarussell

Afghanistan wählt in einem halben Jahr - während die ISAF-Truppen den Hindukusch verlassen - den Nachfolger des Präsidenten Hamid Karzai.

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WWF legt bei OECD Beschwerde ein

Die Umweltschutzorganisation WWF hat bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Beschwerde gegen die Ölfirma Soco International PLC eingereicht. Sie wirft dem Konzern vor, Umwelt- und Menschenrechtsrichtlinien der OECD zu unterlaufen.

Aldis bleiben die reichsten Deutschen

Düsseldorf/Hamburg (dpa/nd). Die größten Vermögen in Deutschland beruhen auf Discountangeboten. Auch 2013 verteidigte nach einer Rangliste des »Manager Magazins« der Aldi-Gründer Karl Albrecht seinen Platz als reichster Deutscher. Mit einem Vermögen von 17,8 Milliarden Euro sei er inzwischen der »am längsten amtierende Reichste eines Landes auf der Welt«, berichtete die Zeitschrift am Montag. A...

Marcus Meier, Bochum

Letzter Gruß vom Fließband

Am Opel-Standort Bochum gehen nach und nach die Lichter aus. Am Montag wurde in Werk II das letzte Getriebe gebaut. Die Noch-Mitarbeiter sollen wählen können zwischen einer Abfindungszahlung, dem Wechsel in eine Transfergesellschaft oder an einen anderen Opel-Standort.

ndPlusSimon Poelchau

Deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle

Zwei Wochen ist die Bundestagwahl her. Die Sondierungsgespräche sind im vollen Gange. Da machten sich am Montag gleich zwei Wirtschaftsinstitute auf, einer der dringendsten Fragen vieler Menschen zu beantworten: Wie wird es mit der Wirtschaft weiter gehen?

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Nord-Süd - Termine

HEUTE IN BERLIN - »Schuften für den Weltmarkt - Ausbeutung bei der Orangensaftherstellung«. Über die Hälfte des weltweit konsumierten Orangensaftes stammt aus Brasilien. Der größte Importeur des Getränkes ist die Europäische Union, die etwa zwei Drittel der Exporte aufnimmt. Plantagenarbeiterin Cícera Coltro und Arbeitsrechtsanwalt Márcio Propheta Sormani Bortulucci berichten über die Zustände ...

Ausbeutung von Migranten

Trotz einer Flut von Berichten, wonach Arbeitsmigranten aus dem Süden in reichen Staaten wie Sklaven ausgebeutet werden, nimmt die Zahl der internationalen Migranten immer weiter zu. Die internationale Migration hat mit 232 Millionen Menschen, die außerhalb ihrer Herkunftsländer leben, ein Rekordhoch erreicht. Die für Entwicklungsländer wie Indien, Bangladesch, Marokko, Mexiko, Sri Lanka,...

Migranten fördern die Entwicklung
ndPlusMartin Ling

Migranten fördern die Entwicklung

Sie werden als Wirtschaftsfaktor immer bedeutender: die Migranten aus dem Globalen Süden. Von Jahr zur Jahr überweisen sie mehr Geld aus ihren Zufluchtsländern in ihre Herkunftsländer. Laut einem aktuellen Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist die weltweite Summe mit fast 400 Milliarden Euro mittlerweile gut drei Mal so hoch wie die offizielle ...

Land ist ein Synonym für Macht

Land ist ein Synonym für Macht

Pater Alberto Franco arbeitet für die kirchliche Menschenrechtsorganisation »Gerechtigkeit und Frieden«. Der katholische Seelsorger ist 53 Jahre alt. Wegen seines Engagements sieht er sich immer wieder massiven Morddrohungen ausgesetzt. Mit ihm sprach für »nd« Knut Henkel.

Antje Krüger

Barrick Gold stößt auf Eis

Chilenische Indígenas und Umweltschützer war der Plan des Bergbaukonzerns Barrick Gold, am Gletscher Pascua Lama eine Goldmine zu errichten, schon immer ein Dorn im Auge. Sie befürchten eine Grundwasserverschmutzung, die die Landwirtschaft untergräbt. Das Projekt liegt weiter auf Eis.

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Straßensheriffs unterwegs

Das Problem ist eklatant, daran gibt es nichts zu relativieren oder zu beschwichtigen: Autos parken Bürgersteige zu, Autos parken Kreuzungen zu und Autos parken Radwege zu, am liebsten die vor Ampeln, wenn man gerade rechts abbiegen will. In meiner passiv aggressiven Fantasie habe ich in solchen Momenten einen überdimensionalen Dosenöffner dabei. In Zukunft reicht das Smartphone.

Bäcker fordern faire Löhne

(dpa). Mit einem Flashmob auf dem Pariser Platz wollen Beschäftigte von Berliner und Brandenburger Bäckereien am Dienstag für höhere Löhne demonstrieren. Unterstützt wird die Aktion »Gutes Brot braucht gute Löhne« von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Derzeit verhandelt die NGG mit der Berliner Bäckerinnung über einen neuen Tarifvertrag. Die Gewerkschaft will erreichen, dass fü...

Ben Mendelson

Ruhe von 22 bis 6 Uhr

Seit über zwei Jahren ruft die Friedrichshagener Bürgerinitiative (FBI) zum wöchentlichen Protest gegen Nachtflüge in Berlin auf. Dabei geht es der FBI neben der Demonstration um eine Unterschriftensammlung, ihre Volksinitiative läutet den Schlussspurt ein.

Bernd Kammer

Kabeldiebe »rotzfrech«

24. September: Nichts geht mehr auf der S-Bahn-Linie 1. Diebe hatten in der Nacht zwischen den Bahnhöfen Schöneberg und Yorckstraße die Kabel herausgetrennt. Gut eine Woche zuvor war dies die Ursache, weshalb Fahrgäste der S 25 lange auf ihre Bahnen warten mussten.

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ndPlusTom Mustroph

Tanz in eine Lücke

Der zeitgenössische Tanz erobert neue und und ungewöhnliche Orte in Berlin. Die mexikanische Botschaft am Rande des Tiergartens etwa. Oder das geschichtsträchtige Hotel »Bogotá« in der Schlüterstraße. Dank des Festivals »Plataforma Berlin« wurde Ende September auch das Foyer des Kunstquartiers Bethanien, das nach seiner Renovierung zu einem Administrationszentrum der Künste mutiert ist und sein...

Tom Mustroph

Eine Welt zum Entdecken

nd: Silvia Brendenal, wie oft haben Sie kulturelle Bildung unter jenen Theatergängern, Theatermachern und Kulturentscheidern betreiben müssen, die Puppen-, Figuren- und Objekttheater einfach nicht ernst nehmen wollen? Brendenal: Das zieht sich durch mein ganzes Theaterleben. Ich muss immer wieder von vorn anfangen. Immer wieder beginnt es beim Kasper. Er ist ja einer der großartigsten Helden,...

Kurznachrichten:

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Kaligrube noch für Tage geschlossen

Unterbreizbach (dpa). Nach dem Grubenunglück mit drei toten Bergleuten im thüringischen Unterbreizbach bleibt das dortige Kaliwerk auch in den kommenden Tagen weiter geschlossen. Die Grubenwehr arbeite nach wie vor an der Lüftung der Grube, um diese von Kohlendioxid zu befreien, sagte ein Unternehmenssprecher von K+S am Montag der dpa. Zwar seien inzwischen einige Bereiche des weit verzweigten ...

Sarah Liebigt

Rechnung ist Betriebsgeheimnis

Der neue Großflughafen wird nicht fertig, Tegel ist immer noch in Betrieb und verärgert die Anwohner, und wann der ganze Spuk ein Ende hat, ist längst nicht abzusehen. Die Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus hat in mehreren kleinen Anfragen in Sachen Finanzen nachgehakt.

ndPlusKathrin Zeilmann und Christoph Trost, dpa

Gerangel um Seehofers Heimatamt

Zwischen Frankens Städten ist ein Wettstreit ausgebrochen. Es geht um das Heimatministerium, das Bayerns Regierungschef Horst Seehofer schaffen und in Nordbayern ansiedeln möchte, wie er vor der Landtagswahl versprochen hat.

Hagen Jung

Hannovers SPD verteidigt OB-Sessel

Stefan Schostok setzt die Tradition der SPD-Oberbürgermeister in Hannover fort: Der Politprofi gewann am Sonntag die Stichwahl. Für Niedersachsen Ex-Innenminister Uwe Schünemann (CDU) war der Tag dagegen bitter. Er scheiterte bei der Landratswahl in seinem Heimatkreis.

ndPlusChristin Odoj

Straßensheriffs auf dem Fahrrad

Berlins Radfahrer kennen das. Mehr oder weniger gemütlich ist man im Rausch der Geschwindigkeit unterwegs und dann so was: Der gleichförmigen Bewegung stellt sich ein eher unbequemes Hindernis in den Weg und das auch noch völlig zu Unrecht, denn man ist auf dem Radweg unterwegs. Der dreist abgestellte Pkw hat dort eigentlich nichts zu suchen. Jetzt bleiben drei Optionen: ausweichen, ärgern, anz...

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ndPlusNeiße

47 Mal Einspruch gegen Zensus

Potsdam (nd-Neiße). In Brandenburg haben 47 Gemeinden gegen den Bescheid zur amtlichen Feststellung der Einwohnerzahl protestiert und Widerspruch eingelegt. Diese haben aufschiebende Wirkung, bestätigte Innenminister Ralf Vogelsänger auf Anfrage. Hintergrund ist, dass weniger Einwohner auch geringere Zuweisungen für die Gemeinden bedeuten. Von den 419 Gemeinden Brandenburgs haben 313 in W...

Bikersaison geht zu Ende

Potsdam (dpa/nd). In den ersten neun Monaten des Jahres waren knapp 1300 Motorradfahrer in Unfälle in Brandenburg verwickelt. 20 Menschen starben, sagte der Sprecher des Brandenburger Polizeipräsidiums, Dietmar Keck. Um etwa zehn Prozent seien die Unfallzahlen zurückgegangen. Nach vorläufigen Angaben wurden von Januar bis September 800 Menschen verletzt, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren...

Neuralgische Punkte

Magdeburg (dpa/nd). Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) will als Konsequenz aus den Nazischmierereien in Salzwedel noch in diesem Jahr die Videoüberwachung im Land ausweiten. »Die Kameras sollen zunächst an neuralgischen Punkten zum Einsatz kommen, so an Erinnerungsstätten an den Holocaust«, sagte der Minister am Montag. Die Führungsspitze der Polizei im Ministerium, die drei...

Friedrichs »Schwarze Kasse«

Potsdam (dpa/nd). Von wegen sparsam: Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) hat über eine »Schwarze Kasse«, die eigentlich rot war, seine Liebe zu Kostbarkeiten finanziert. Rechnungen belegten, dass der Monarch große Summen für wertvolle Tabaksdosen ausgab, teilte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg am Montag mit. Ausgewertet wurden Dokumente unter anderem mit dem Ge...

Neue Chefin an der Filmhochschule

Potsdam (dpa/nd). Nun ist Susanne Stürmer auch offiziell Präsidentin von Deutschlands ältester Filmhochschule. Am Montag wurde die 49-Jährige in Potsdam von Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos) in das Amt eingeführt. Zugleich würdigte die Ministerin die Verdienste von Vorgänger Dieter Wiedemann, der sich zum Jahreswechsel in den Ruhestand verabschiedet hatte. Wiedemann hatte die 195...

ndPlusGudrun Janicke, dpa

Zwischenstopp in Brandenburg

Potsdam (dpa/nd). Für Vogelfreunde ist jetzt der Zeitpunkt für Beobachtungen günstig: Kraniche ziehen derzeit in wärmere Gefilde und machen in Deutschland Station. »Etwa 300 000 Kraniche stoppen hier«, sagte der Vogelschutzexperte des Naturschutzbundes Nabu, Lars Lachmann. »Das ist eine rekordverdächtige Zahl.« In den 70er Jahren seien es nur etwa 40 000 Vögel gewesen. Derzeit können bei zahlre...

Jürgen Drewes, dpa

Nischenprodukt Petersilie

Petersilie ist im Anbau in Deutschland selten geworden. In Mecklenburg-Vorpommern etwa gibt es nur noch zwei größere Erzeuger.

ndPlusValentin Gensch, dpa

Stadt im Gelb-Fieber

So gut wie kein Tourist verirrt sich nach Neustadt im Schwarzwald (Baden-Württemberg). Menschen und Geschäfte ziehen weg, die Innenstadt verödet. Das möchte der Maler Albi Maier ändern. Mit viel gelber Farbe und seiner Initiative »Hello Yellow«.

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Der ewige Spieler

Regisseur Egon Günther wagte mit Filmen wie »Der Dritte« oder »Lotte in Weimar« einen Aufbruch zu einem neuen Kino und durchbrach die Strukturen des DEFA-Films. Die Biografie »Ich war immer ein Spieler. Egon Günther« von Ingrid Poss und Dorett Molitorin beleuchtet nun Leben und Werk des Filmemachers. Das Buch wird heute, 19 Uhr, in der Hochschule »Konrad Wolf« in Potsdam vorgestellt. nd...

»Ich werde überleben«

Die Filmschauspielerin und Regisseurin Isabella Rossellini will sich langsam von der großen Bühne zurückziehen. Sie sei inzwischen im Ruhestand, gesundheitlich angeschlagen und habe auch keinen Agenten mehr, sagte die 61-Jährige am Sonntagabend im Deutschlandradio Kultur. »Ich kann nicht mehr allzu viel arbeiten«, erklärte sie. Auf die Frage, ob es Anlass zu echter Sorge gebe, sagte sie: »Ich w...

Akut, aber nicht hoffnungslos

Krieg, Zwangsheirat, Vergewaltigung: In Kabul setzt das am Wochenende eröffnete Menschenrechts-Filmfestival in diesem Jahr auf kontroverse Themen. Die rund 75 Beiträge befassen sich unter anderem mit Gewalt, sozialer Ungleichheit und Diskriminierung. Sie beleuchten darüber hinaus etwa den täglichen Kampf der wenigen weiblichen Autofahrerinnen in Kabul sowie der afghanischen Flüchtlinge im Ausla...

Sabine Neubert

Die letzten Tage Alexander Schmorells

Es müssen kalte Februartage unter stahlblauem Himmel gewesen sein, die zwischen der letzten Flugblattaktion der Geschwister Scholl und ihrer Hinrichtung am 22. Februar 1943 lagen. In einem Schnellverfahren verurteilte sie der berüchtigte Oberste Richter des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, zusammen mit Christoph Probst zum Tode und ließ sie sofort hinrichten. Wir kennen jetzt die Aktio...

»Das ist meine Geschichte«

Das jüngste Werk von Rithy Panhs, der Film »Das fehlende Bild« über Kindheit im Lager erhielt in Cannes den Preis »Un Certain Regard«. Der Film läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr als deutschsprachige Erstausstrahlung auf Arte. Mit Rithy Panhs sprach Eric Breitinger.

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ndPlusRoberto Becker

Starke Frau von heute

Es ist keine Wiederholung des spektakulären Coups geworden, den der Hallesche Opernintendant Axel Köhler als Regisseur mit der Ausgrabung von Jaromir Weinbergers »Schwanda, der Dudelsackpfeifer« an der Semperoper gelandet hat. Aber zu Recht bejubelt wurde jetzt in Dresden auch seine »Carmen«. Im Unterschied zur Ausgrabung des unter die Räder der Nazibarbarei gekommenen Hits vom Ende der Zwanzig...

Hans-Dieter Schütt

Weltreise nach Schabbach

Schön ist, was beweint werden kann. Deshalb beeilt sich Schönheit fortwährend darum - zu vergehen. Vergehen, das ist ein anderes Wort für: sterben. Existenz summiert sich aus unablässigen Toden. Also Anlässen zum Weinen. In diesem Film gipfelt das in dem Satz: »Es ist des Menschen Natur, Abschied zu nehmen, denn jeden Tag unseres Lebens werden wir nie mehr wiedersehen.« Der Satz greift. E...

Seite 17
Elfi Schramm

Mal langsam

Von einer Bewegung, die klein begann und mittlerweile weltumspannend ist, handelt die Slow Food Story. Sie gab einem Kinofilm ihren Namen. Der bewusste Umgang mit Lebensmitteln und die Liebe zum Essen stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Getragen wird sie von der alten Garde, die diese sanfte Revolution einst ins Leben rief - allen voran Carlo Petrini. Angefangen hat es in der kleinen St...

Warnhinweise und Wechselwirkungen

Schrift zu klein, Zettel zu lang, Informationen unverständlich - auf viele Patientinnen und Patienten wirkt der Beipackzettel eines Medikaments abschreckend, obwohl er wichtige Informationen enthält. Heidi Günther, Apothekerin bei der BARMER GEK, erklärt wichtige Begriffe.

Andrea Tebart

Darf ich bitten?

Weder Tango noch Wiener Walzer, aber beschwingte Musik stand auf dem Programm, als Neurowissenschaftler eine Gruppe von Senioren aufs Tanzparkett baten, um die Auswirkungen von musikalischer Bewegung auf Körper und Geist älterer Menschen zu untersuchen.

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Steffen Schröer und Peer Lasse Korff, SID

Die Legende kehrt zurück

Mit 13 Jahren wurde Robby Naish jüngster Weltmeister der Windsurf-Geschichte, mit 50 feiert er Ende Oktober beim Weltcup vor Maui auf Hawaii sein Comeback. Als 1976 ein schmächtiger Junge bei den Weltmeisterschaften der Windsurfer am Strand der Bahamas aufkreuzte und selbstbewusst sein Board in die Brandung schleppte, schmunzelten die Zuschauer. Sie ahnten nicht, dass sie Zeugen eines his...

Wer gut ist, darf für uns spielen

Seit 2005 steht Thomas Weikert dem DTTB vor, und vor einer Woche wurde er zum ersten Stellvertreter des Weltverbandspräsidenten ernannt. Mit nd-Redakteur Oliver Händler spricht Weikert über die vielen gebürtigen Chinesinnen in der erfolgreichen deutschen EM-Auswahl.

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Chinesen flüchten vor »Fitow«

Wegen des Taifuns »Fitow« haben an der Ostküste Chinas Hunderttausende ihre Häuser verlassen müssen. In der Provinz Zhejiang wurden vorsorglich 600 000 Menschen in Sicherheit gebracht, in Fujian fast 200 000, wie die Agentur Xinhua berichtete. Durch den Sturm, der am Montag mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometern auf Land traf, kamen mindestens drei Menschen ums Leben. Bere...

Jens Mattern, Warschau

Betrunkene werden alleine gelassen

Polen hat kein Herz für seine Trinker. In Ausnüchterungszellen der Polizei sterben sie, vorgesehene Stationen sind zu teuer. Auch für den Staat ist der Unterhalt kostspielig. Bürgerrechtler machen jetzt auf den Missstand aufmerksam.

Andrea Klingsieck, Paris

Frankreich übt Gastfreundschaft

Eine ehrenamtliche Bewegung von Stadtführern soll bei Touristen den Ruf von nicht besonders gastfreundlichen Franzosen aufpolieren.

Seite 29

Der Geist im Wasser

Kann jemand in einem Kaffeefilter verschwinden, in den er eben noch Wasser gegossen hat? Antonio war mit seinem Bruder in der Küche gewesen, hatte nur für einen ganz kurzen Moment die Augen geschlossen, und plötzlich war Nico nicht mehr da.

ndPlusMichael Kegler

Augenblicke, in denen alles möglich ist

Eine Katze versucht sich im 15. Stock eines Wohnhauses als Schamane. Ein Mann steigt in einen Briefumschlag, adressiert an sich selbst und landet als unzustellbar im Regal der Postfiliale. Einer zieht um, weil er die Nachbarschaft nicht mehr erträgt, ruft die Polizei, weil vor seiner Wohnung ein gestohlenes Auto abgestellt wurde, und wird schließlich selbst festgenommen. Und der Frieden, der is...

Seite 30

Alte Lieder

»Der Mond ist aufgegangen/, die goldnen Sternlein prangen/ am Himmel hell und klar ...« - Das Gedicht von Matthias Claudius ist berühmt, und die Melodie von Johann Abraham Peter Schulz werden viele im Ohr haben. Trotzdem: Wie viele Lieder gibt es, die man irgendwann hörte und sogar selber sang und die man inzwischen fast vergessen hat. Volkslieder oder Schlager aus den 20er bis 50er Jahre...

ndPlusWerner Liersch

Chaos der Gefühle

Das Ereignis ist historisch und liegt sechzig Jahre zurück, was ihm im Roman angehängt wird ist Fiktion à la mode. Das Faktische: Im August 1954 folgt Thomas Mann mit Frau Katia einer Einladung nach Düsseldorf, um aus dem »Felix Krull« zu lesen. Er weilt zwei Tage dort. Das Fiktive: Autor Pleschinski lässt Thomas Mann im Düsseldorfer »Breidenbacher Hof« jenem Klaus Heuser wiederbegegnen, ...

ndPlusWerner Jung

Gier nach Schicksal

Unter dem Titel »Woldsen oder es wird keine Ruhe geben« ist Ingrid Bachérs Roman 1982 erstmals erschienen. Nun hat die Autorin ihren Text »neu redigiert und ergänzt« unter dem veränderten Titel »Theodor Storm fährt nach Würzburg und erreicht seinen Sohn nicht, obwohl er mit ihm spricht« herausgegeben. Vielleicht hat dies auch mit einer Einstellungsänderung der Autorin zu tun. Denn der erste Ein...

Klaus Bellin

Immer nur Elisa

Sie liebten sich, und ganz Europa wusste es. Ein reizendes, überall bewundertes Paar: er Prinz Wilhelm von Preußen, Sohn der jung verstorbenen Königin Luise und Wilhelm III., und sie Prinzessin Elisa, bezaubernde Tochter des polnischen Magnaten Fürst Radziwill.

Seite 31
Hans-Dieter Schütt

Snowboarden auf Fallhöhen

Er ist der Expressionist der deutschen Literatur. Er jagt Sprengsätze unter die Temperaturfelder - das Heiße sprengt sich so hinüber ins Eisige, und das Kalte explodiert herüber ins Glühende. Der Thriller totentanzt sich mit der Poesie in höchsten Rausch.

Seite 32
Mona Grosche

Philosophische, Liebeshummer

Haben Sie auch schon einmal gedacht: »So was lese ich nie!«? Vielleicht ist es an der Zeit, diesen Satz zu überdenken, wenn er sich auf Gedichte über Fische bezieht. Denn auch ich fand bis vor kurzem, dass Fische so ziemlich die letzten Kreaturen sind, über die man Gedichte lesen möchte. Zum Leidwesen meines Liebsten, der erst gestern zwei wunderbare Doraden für uns grillte - »sind die ni...

ndPlusWerner Jung

Stille Post durchs Existierende

Man begegnet alten Bekannten aus Brigitte Kronauers früheren Romanen und Erzählungen wieder. Nur heißen sie jetzt anders. Der Ort, wo sie sich zusammenfinden, ist das Sprechzimmer der Krankentherapeutin Elsa Gundlach. Allerdings nicht wirklich.

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ndPlusUli Gellermann

Begehren in der Abendröte

Wenn schon eine Weltenflucht, dann auf eine Insel in der Elbmündung. Und wenn schon Flucht vor dem Bank-rott, dann nicht in das Hartz-Vier-Gefängnis für die vielen, sondern in den Dienst als Vogelwart. Den Software-Unternehmer Eschenbach in Uwe Timms Buch »Vogelweide« hat es dekorativ in die Inseleinsamkeit verschlagen. Die Stadt fällt von ihm ab, die Abendröte seiner Geschichte senkt sich auf ...

Irmtraud Gutschke

Merkwürdige Tiere

»David Schalko ist als Erzähler auch nicht rücksichtsloser als das Leben. Aber deutlich komischer.« - Das Statement des Verlags ist ein Understatement. Denn der Roman dieses Autors ist von so schonungsloser Schwärze, dass man nur immer staunen kann: Was für Verrücktheiten im Leben vorkommen, du zählst sie nicht. Und hier sind alle verrückt, und alle sind auch irgendwie traurig und sehnsuchtsvol...

Alice Werner

Lügengespinste

Vor acht Jahren erschien der Ausnahme-Bestseller »Die Vermessung der Welt«. Jetzt endlich legt er ein neues Großwerk vor. »F« schildert das Schicksal dreier Brüder als vieldeutiges Zauber- und Verwirrspiel. Die Abenteuer-Frequenz im Leben dieser drei Brüder ist bedauernswert niedrig.

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Walter Kaufmann

Diesseits von Afghanistan

»Krieg« - Jochen Rausch führt uns die Zerrüttung einer Familie vor Augen, deren Sohn freiwillig in den afghanischen Krieg gezogen war. Von dort schickte er zunehmend düstere Berichte, bis sich dann das längst Befürchtete bewahrheitete. Zwei fremde Männer in dunklen Anzügen tauchen in der Straße auf, sie orientieren sich und läuten schließlich an dieser und keiner anderen Tür ... Danach is...

ndPlusAlfons Huckebrink

Tod des Verdingkinds

Dieser Einstieg hat es in sich: Isabelle, im empfundenen biografischen Abseits zwischen 40 und 50, kaum genesen von einer Gallenstein-OP und unterwegs zur Freundin in Italien, wird im Bahnhof Zürich-Oerlikon von einem distinguierten Herrn angesprochen. Der trägt ihren Koffer ans Gleis 4, wo die S-Bahn zum Flughafen abgeht. Als sie sich bedankt, bricht der Unbekannte zusammen. Tot, wie Isabelle,...

ndPlusEberhard Reimann

Die Tochter als Chronistin der Mutter

Eine Mutter, eine Tochter und eine unvermutet abgründige Lebensbeichte. Daraus macht Sarah Stricker einen wunderbaren Debütroman mit ganz eigener, verblüffender Tonalität. »Meine Mutter war sehr hässlich. Alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt«, lauten die ersten Sätze. Das spitze Kinn und einen noch spitzeren Mund, bleiche Haut auf einem dürren Körper, fast blind, was auch die dicke...

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Günther Drommer

Spreu und Weizen

Kürzlich fiel mir eine aktuelle Emnid-Umfrage in die Hände, in der deutschen Staatsbürgern die Frage gestellt wurde, wie sie das Leben in der DDR rückblickend beurteilen. Die Hälfte unter jenen, die damit eigene Erfahrungen verbanden, entschied sich für mehr gute als schlechte Seiten. Der überwiegende Teil der Westdeutschen hingegen sah das umgekehrt. Sie glaubten offenbar zu wissen, wie misera...

ndPlusMarie Bauer

Überleben, nicht verrecken

Juni in Deutschland. Stechende Sonne, flirrende Unbestimmtheit. Wie überall deutschlandweit erhalten auch junge Männer in Sachsen - Jungen eigentlich noch mit ihren kaum 17, 18 Jahren - ihre Einberufung: »Sie haben sich am 3. Juni 44, bis 18 Uhr, in Zeithain über Riesa, Hauptlager einzufinden …!« Es folgen hektisches Packen, der Abschied von besorgten Eltern, Mitschülern und Lehrern und e...

Martin Hatzius

Eva und der Schatz

1990 notierte der Dichter Peter Hacks: »P.H. hat, sein Eheweib Anna Elisabeth Wiede ausgenommen und vorausgesetzt, drei Frauenspersonen geliebt: Eva-Maria Hagen, Sibylle Belicke und Karin Gregorek.« Eva-Maria Hagen hat jetzt Zeugnisse dieser Liebschaft in einem Büchlein gebündelt.

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ndPlusChristina Matte

Wer ist Sofia?

Zuerst erfahren wir etwas über Sofias geheimnisvollen Onkel Grischa. Wir erfahren etwas, das die Ich-Erzählerin Sofia erst am Ende wissen wird - zum Beispiel, dass Grischas Mutter, Sofias Großmutter, diesem Sohn verfallen war, obwohl er ihr Angst machte. Wer außer Grischa alberte denn schon in der Schule bei der Trauerfeier für Stalin herum? Wer außer Grischa malte Schüler mit kleinen Köpfen un...

Karlheinz Kasper

Wie die Sowjetmenschen damals dachten und lebten

Nach Kurkows Roman »Der wahrhaftige Volkskontrolleur« brachte der Haymon Verlag jetzt die Fortsetzung: »Der unbeugsame Papagei« erschien in der Übersetzung von Sabine Grebing. Ein dritter Teil unter dem Titel »Die Kugel fand den Helden« ist noch zu erwarten.

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ndPlusFokke Joel

Langweiliger Alltag? Mitnichten!

Unermesslich ist die Anzahl menschlicher Geschichten. Unter jedem Grabstein, so sagt man, liegt eine; aber auch jeder noch lebende Mensch hat seine Geschichte. Viele dieser Geschichten aus fremden Ländern und Sprachen sind als Literatur ins Deutsche übersetzt worden. Und doch kommt es immer wieder vor, dass eine Geschichte, ein Buch untergeht. »Der gleiche Weg an jedem Tag« von Gabriela Adamest...

Lilian-Astrid Geese

Aber der Zweifel ...

»Als Dan London erstmals seine Freundin Willa zu den Gilberts zum Sabbatmahl mitbrachte, bekundete Willa ihren Wunsch, zum Judentum zu konvertieren, und fragte, was sie dafür alles lernen müsse. Lawrence scherzte: ›Ach, da ist wirklich nicht viel dabei. Im Prinzip lässt sich jeder jüdische Feiertag so erklären: Man hat versucht, uns umzubringen. Vergeblich. Lasst uns essen.‹« Klischee? Üb...

ndPlusGerd Prokot

Stuhl der Erinnerung

Das Buch vom »Ewigen Juden«, 1602 gedruckt, erzählt vom Schuhmacher Ahasver aus Jerusalem. Dieser habe Jesus, als der das Kreuz nach Golgatha trug, verwehrt, sich an die Wand seines Hauses zu lehnen, um ein wenig auszuruhen. Als Strafe für seine Hartherzigkeit sei er dazu verdammt, bis ans Ende seiner Tage ruhelos durch die Welt zu wandern ... Auch die Helden in Eshkol Nevos großartigem R...

Seite 38
Manfred Loimeier

Piraten

Der somalische Autor Nuruddin Farah, im südafrikanischen Kapstadt lebend, widmet sich in seinen Romanen stets der Geschichte am Horn von Afrika. Sein jüngstes Buch »Gekapert« hat die Piraterie vor der somalischen Küste zum Thema und ergänzt den westlichen Blick um die Sicht der Menschen vor Ort. »Gekapert« überzeugt aus mindestens zweierlei Sicht. Erstens inhaltlicher Art: In der Tat konz...

ndPlusAlice Werner

Narben auf der Seele

Mann, Frau, zwei Kinder: Das ist die Familie Sweet aus Vermont, USA. Süß und liebenswert sind die vier aber alle nicht, im Gegenteil. Mr. Sweets Liebe zu Mrs. Sweet hat sich nach aufreibenden Ehejahren in Hass verwandelt. In bösartigen, archaischen Rachefantasien sieht er ihren Kopf abgehackt auf der Küchenplatte liegen. Die Frau, die er einst so aufregend fand, weil sie über Kleinigkeiten - ei...

Uwe Stolzmann

Angst und Abscheu, Hass und Selbsthass

Ein Hauch Antike weht durch den Text, durch ein Drama um Schuld, Opfer, Inzest, Sühne. Der Ort: eine Fazenda in Brasilien, Bundesstaat Rio de Janeiro. Die Protagonisten: zwei Mädchen, später Frauen, Clarice und Maria Inês. Die Zeit: unbestimmt. In Schleifen, Ellipsen über Jahrzehnte, in jähen Sprüngen vor und zurück nähert sich die Autorin ihrem Stoff. Adriana Lisboa, 1970 in Rio geboren, hat i...

Seite 39
Sabine Neubert

Malaysia mon amour

Schilderungen des fernen, exotischen Landes, Bilder einer nachgetragenen Liebe - die Autorin hat selbst ihre Kindheit in Malaysia verbracht. Den »Zauber der damaligen Schauplätze zu bewahren«, ist Dinah Jefferies voll und ganz gelungen - ob sie den tropischen Dschungel mit seinen Geistern, die Pfahlbauten der Einheimischen oder die Kolonialvillen der englischen Oberschicht schildert, ob sie die...

ndPlusChristin Odoj

Langer Abschied von der Mutter

Es war September, als es passierte. Die Mutter war einfach eingeschlafen, und hatte vergessen, wieder aufzuwachen. Kein Leiden, kein Verfall, nur Stille. So wie man sich den eigenen Tod wünscht. Und trotzdem ist der Schmerz unerträglich für die Tochter, die zurückbleibt. Fast täglich kommt sie in das Haus der Mutter, an nahezu jedem Gegenstand kleben Erinnerungen, am schlimmsten aber ist ...

ndPlusPeter L. Zweig

Des Malers letzte Liebe

Der Maler M. ist zum Einsiedler geworden. Er versteht die Welt nicht mehr: Hatte er nicht seinen Durchbruch als Künstler in Berlin erreicht? Hat ihm Goebbels nicht einen bewundernden Brief geschrieben? Trotzdem haben die Nazis seine Bilder als »entartet« aus den Museen verbannt.

Seite 40
Eva Peter

Brav ist gefährlich

»Ein Buch für Kinder, die auch einmal ungehorsam sind und ungehorsam sein wollen«, wirbt der Verlag. Aber wollen Eltern ihre Kleinen nicht lieber brav? - Wer von den Erwachsenen das Buch gelesen hat, wird nachdenklich werden: Denn brav kann auch manchmal gefährlich sein. Das will uns Franz Fühmann sagen, indem er Grimms Märchen von den sieben Geißlein auf seine Weise erzählt. Auf den zart...

ndPlusKatja Eichholz

Gegensätze ziehen sich an

Ein bisschen komisch sieht er schon aus, der Zapperdockel: Er ist klein, gelb, weder dick noch besonders dünn. Ganz besonders auffällig ist aber der Bart des Zapperdockels, den er so gern zwirbelt. Eigentlich steht der blaue Wock dem Zapperdockel in Sachen Merkwürdigkeit in nichts nach. Wocks sind niemals freundlich: »Sonst wäre er kein Wock«, und dazu sehen sie auch noch aus wie eine Reg...

Silvia Ottow

Querstreifen für das Zebra

Wer dieses gottseidank sehr dicke Buch aufklappt, bekommt es mit einem Autor zu tun, dem eine Hummel manchmal morgens einen Tee bringt. Nur jemand wie Gieseking kann sich Geschichten wie diese ausdenken: Es unterhalten sich zwei Kleestängel.

ndPlusIrmtraud Gutschke

»Als würde sie schweben«

Verstörend mag dieses Buch sein, wenn jemand nicht dafür bereit ist. Dafür bereit sein muss indes nicht unbedingt heißen, die Trauer um einen Toten schon selber erlebt zu haben. Womöglich ist es sogar leichter, sich dieser wunderschönen, wundersamen Geschichte des niederländischen Autors Jef Aerts zu öffnen, wenn der Schmerz noch nicht zugebissen hat. Die Verarbeitung dieses Schmerzes ist nämli...

Seite 41
ndPlusDaniel Schumach

Der Weg nach Europa

Die Wunden sind längst nicht verheilt, die der Zerfall Jugoslawien den Völkern des Balkans geschlagen hat. Vor Ort tätige Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung wissen dies. Die SPD-nahe Stiftung harrte dort auch während der Kriege um Kosovo, Kroatien und Bosnien aus. Sie versuchten, so gut es ging, den Kampf »authentischer Oppositioneller« zu unterstützen, gleichwohl sie erkennen mussten, da...

ndPlusKarlen Vesper

Wer ist hier überflüssig?

Die Welt ähnelt zunehmend den Zügen in Indien. Einige Menschen sitzen bequem in der 1. Klasse, weniger Privilegierte sind in der 2. und 3. Klasse untergebracht, beengt zwar, aber immerhin mit einem Dach über dem Kopf, vor Sonne und Regen geschützt - im Gegensatz zum Großteil der Passagiere, die auf den Dächern der Waggons hocken, an den Türen hängen oder zwischen den Wagen kauern. Gelegentlich ...

Seite 42
ndPlusWladislaw Hedeler

Alltag im Gulag

Nun ist das Buch endlich erschienen. Sonja Friedmann-Wolf (1923 - 1986), Tochter des auf der Flucht vor den Nazis 1934 in die UdSSR emigrierten Ärzteehepaars Martha und Lothar Wolf, hat sich ebenso lange wie vergeblich um die Drucklegung ihrer Lebensgeschichte bemüht. Die Niederschrift der Erinnerungen mit dem Arbeitstitel »Vom Jahrmarkt der Gerechtigkeit« hatte sie unmittelbar nach ihrer Ankun...

Seite 43
ndPlusMartin Hardt

Ist Gott tot?

»Bei jedem Treffen mit ihm entdeckte ich eine neue Welt und lernte ein neues Denken. Ich habe vor allem gelernt, Fragen über mich selbst, meine Kultur und mein Leben zu stellen, ohne Hemmungen, mit einer bedingungslosen Offenheit«, schreibt Rachid Boutayeb in seinem Vorwort. Es ist ein weiter Weg, den der Schriftsteller und Philosoph aus Marokko mit dem An-thropologen, Filmemacher und bekennend...

Jürgen Reents

Wünsche am offenen Feuer

Dieses Buch zu lesen, ist mühsam: Es verlangt eine große Bereitschaft, ein Labyrinth zu durchwandern, in dem die vielfältigen Widerspiegelungen gesellschaftlicher Realitäten verwirren. Es handelt von empörter Jugend und aktiven Alten, von Kranken, Arbeitslosen, Niedriglöhnern, Migranten und Künstlern, von metallenen Zäunen und geistigen Fesseln, von verlorenen Seelen in Russland und den Zurückb...

Gerhard Feldbauer

Das Imperium des Geldes

Auch wenn in den meisten Beiträgen des hier anzuzeigenden Buches von Revolution wenig die Rede ist, geht es doch recht revolutionär zu. Die Autoren, darunter führende Politiker der deutschen Linkspartei, diskutieren die Krise der Europäischen Union, fordern ein anderes, sozial gerechtes, antikapitalistisches Europa, das sich der Diktatur des Finanzkapitals verweigert und Rechtsextremismus entsc...

Seite 44
ndPlusVelten Schäfer

Krise in Formeln und Prosa

Der Ökonom Heinz-J. Bontrup, Professor am Recklinghauser Standort der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, kann als ein ausgemachter Außenseiter seiner Zunft gelten. In Deutschland, wo Faktoren wie die historisch bedingte Inflationsangst oder das tief sitzende ideologische Klischee des Wirtschaftens nach Art der »Schwäbischen Hausfrau« für eine besonders widerspruchsfreie Verinnerlichung des...

Jörg Roesler

Was schert sie das Leid der anderen?

Bekannt dürfte allgemein sein, dass die Einkommensunterschiede im seit 1990 größeren Deutschland in einem Maße und in einem Tempo gewachsen sind wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Nur in Bulgarien und Rumänien sei die Einkommenskluft im letzten Jahrzehnt rascher gestiegen, ergänzt Michael Hartmann. Dieses gewaltige Auseinanderdriften hierzulande führt der renommierte Soziologie...

Seite 45
Norbert Podewin

Ein großer Name

Der Familienname ist untrennbar mit deutscher Zeitgeschichte verbunden. Wo immer sich der Autor erstmals namentlich vorstellt, kommt die unvermeidbare Gegenfrage: »Sind Sie ... ?« Ja, Georg Ebert ist Enkel des Weimarer Reichspräsidenten und Sohn des Berliner Nachkriegs-Oberbürgermeisters. Und auch er selbst machte eine »professionelle« Parteikarriere. Diese begann 1955 und führte ihn über die A...

»Für immer verfolgt dein Schatten mich«

Im Unterschied zu seinem Bruder Marek, der erst nach dem Tod Rudi Dutschkes im Frühjahr 1980 geboren wurde, hat Hosea-Che den Vater fast zwölf Jahre seiner Kindheit erlebt. Ist Zeitzeuge genau jener Zeit, da der Wortführer der westdeutschen Studentenbewegung tapfer mit den schmerzhaften wie bedrückenden Folgen eines Attentates vom April 1968 rang, die Weihnachten 1979 zu seinem Tode führten. Ha...

ndPlusRosi Blaschke

Friedensware

»Wer genau wissen will, was er wert ist, kann das also nur von der Öffentlichkeit erfahren und muss sich folglich ihrem Urteil stellen«, rät der französische Philosoph der Aufklarung Claude Adrien Helvetius. Harald Müller, Sachse, einst Grundschullehrer, Pionier- und FDJ-Funktionär, Produktionsarbeiter und Kulturleiter eines Betriebes, Dokumentarfilmer und Pressestellenleiter, Öffentlichkeitsar...

Seite 46
Karl-Heinz Gräfe

Wächter des Vaterlands?

Nicht nur im Westen Europas, auch im Osten mutierte Ende des 19. Jahrhunderts der traditionelle christliche Antijudaismus zum »modernen« Antisemitismus. Klaus Richter untersuchte diese neue Form der Judenfeindschaft in der weitgehend agrarischen Re-gion an der westlichen Peripherie Russlands. In dem 1919 entstandenen litauischen Staat stellten Juden 14 Prozent der Bevölkerung. Sie lebten mehrhe...

Mit den Waffen des Geistes

Es mag verwundern: Just in dem Jahr, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, kam es zur Gründung des »Kulturbundes Deutscher Juden«, der ab 1935 unter dem Namen »Jüdischer Kulturbund« firmierte, bis er 1941 zwangsaufgelöst wurde. Eine tatsachengesättigte Darstellung der jahrzehntelang beschwiegenen Geschichte dieses Vereins verdanken wir der freischaffenden Journalistin Gabriele Frits...

ndPlusMarianne Walz

Auf Schindlers Liste

Sie gehen auf die Hundert zu oder sind bereits verstummt: Menschen wie Hilde und Rose Berger, die als einzige aus ihrer Familie den Holocaust überlebten. Reinhard Hesse hat die Berichte der beiden klugen und standhaften Frauen aufgezeichnet. Das Vorwort zum Buch schrieb Berthold Beitz, der vor kurzem verstorbene westdeutsche Industriekapitän, der dereinst Juden rettete wie Oskar Schindler. ...

Seite 47

Was ist der Mensch?

»Immer dann, wenn ein wirklich historisch zu nennendes Ereignis den Zeitenlauf ins Wanken bringt, heißt es wieder einmal, sich seiner eigenen Identität aufs Neue bewusst zu werden. Und so gibt es auch heute in einer Zeit tiefgreifender globaler Krisen ein wiedererwachtes Interesse an der Philosophie«, heißt es im Vorwort dieses überaus spannenden Büchleins, das große Denker vorstellt. Gerade in...

Auf einen Schelmen anderthalbe

Die Hauptstücke unserer Zeit werden hinter den Kulissen gespielt, während die Clowns einer bezahlten Presse den politischen Pöbel im Parterre mit drolligen Lügen unterhalten. Dieses bissige Bonmot stammt vom Dichter Georg Herwegh. Nachzulesen ist es im jetzt erschienenen vierten Band der von Ingrid Pepperle herausgegebenen Werkausgabe, der Herweghs Prosatexte von 1849 bis zum Todesjahr 1875 ent...

Seite 48
ndPlusPeter Nowak

Anregungen für Linke

Anarchismus wird häufig mit Chaos, Gesetzlosigkeit und Gewalt in Verbindung gebracht. Der Historiker Lucien van der Walt und der Journalist Michael Schmidt möchten dieses Vorurteil ausräumen. Die beiden südafrikanischen Autoren wollen »eine wirkliche und globale Geschichte des Anarchismus und Syndikalismus« von deren Aufkommen in den 1860er Jahren bis in die Gegenwart bieten. Den großen Anspruc...

Johnny Norden

Ein heroischer Aufbruch

Rechtzeitig zum 40. Jahrestag des konterrevolutionären Staatsstreichs in Chile am 11. September hat der Laika-Verlag in seiner Reihe »Bibliothek des Widerstands« zwei neue Bände vorgelegt. Wissenschaftler und Zeitzeugen, Journalisten, Filmemacher und Politiker berichten über die chilenische Revolution 1970 bis 1973 und den Kampf gegen die Pinochet-Diktatur. Auch die Vorgeschichte der Regierung ...

Das ewige Land der Zukunft?

Brasilien, Brasilien, Brasilien. Das Land ist in aller Munde, und dass der südamerikanische Gigant dieses Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, hat sicher nicht nur mit literarischen Kriterien zu tun, sondern auch mit dem wachsenden Gewicht des Landes in der Welt. Brasilien ist das wirtschaftliche Schwergewicht des südamerikanischen Subkontinents und gehört der einflussreichen Schwellenl...

Seite 49

Das Schweigen des Papstes

Auf dem Cover ist der Papst mit ausgestreckten Armen, einem Kruzifix gleich, zu sehen. Er steht auf Gleisen, die in ein deutsch-faschistisches Vernichtungslager führen. Ein unerhört starkes Bild. Das seine Berechtigung hat. Über Pius XII. und sein ambivalentes Verhältnis zum deutschen und italienischen, ja auch spanischen Faschismus ist bereits viel publiziert worden. In der Bundesrepubli...

Der Mensch sei keinem Menschen untertan

Wer ermächtigt eigentlich Regierungen, anderen Staaten mit Gewalt zu drohen oder aber mit Waffen Zerstörung in ihren Ländern anzurichten? Schon im 13. Jahrhundert wagten Christen in Europa, untermauert mit biblischen Argumenten, ihren Fürsten, Königen und dem Kaiser das Recht abzusprechen, im Namen Gottes Gewalt auszuüben - sei es durch Unterdrückung und Ausbeutung oder Krieg. Obrigkeit und Kir...

Seite 50
ndPlusMatthias Biskupek

Mit der Lanze der Sprache

Für die Geschichtsforschung war es ein Glück, dass Reinhold Andert, Liedermacher mit Segen des FDJ-Zentralrats, 1979 aus der führenden Partei ausgeschlossen wurde. Er begann auf eigene Faust zu forschen, über das Thüringerreich im sechsten Jahrhundert, Ausgrabungen, das Mittelalter. Jetzt werden diese Anstrengungen nach und nach zu Büchern, das dritte ist soeben erschienen. Ob professione...

ndPlusDaniela Fuchs

Der Mut Verzweifelter

Es war der Mut der Verzweiflung, der am 14. Oktober 1943 jüdische Frauen und Männer den nahezu aussichtslosen Versuch wagen ließ, aus dem NS-Vernichtungslager Sobibór auszubrechen. Gegen den sicheren Tod durch Entkräftung, Folter oder Gaskammer bot die Flucht eine winzige Chance, am Leben zu bleiben. Bei einem Misslingen starb man wenigstens in Würde. Sobibór war wie Treblinka und Beł...

Manfred Weißbecker

Täter auf der Couch?

Wer den Film »Der gewöhnliche Faschismus« des sowjetischen Dokumentaristen Michael Romm aus dem Jahr 1964 kennt, der weiß, dass sehr viele Hände nötig gewesen waren, um die ungeheuer große Zahl an Naziverbrechen überhaupt begehen zu können. Früher vertretene Vorstellungen, allein Hitler und Leute seines engeren Umfeldes seien am Genozid an den europäischen Juden und an anderen Völkern schuldig,...

Seite 51
Armin Jähne

Mutig und eigenwillig

Der Titel ist unglücklich gewählt, klingt antiquiert, auch wenn die Frauen, über die im vorliegenden Büchlein berichtet wird, damals so bezeichnet wurden. Damals - das ist für Deutschland die Zeit der gegen die napoleonische Fremdherrschaft gerichteten Befreiungskriege. Nun kennt die Geschichte nicht wenige Beispiele, ob in der Frühzeit, dem Mittelalter oder später, dass Frauen, wenn der ...

ndPlusKurt Wernicke

Das Volk kämpfte, die Fürsten siegten

Zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig präsentiert der aus der DDR als Fachmann für die napoleonische Ära bekannte Helmut Bock ein Bündel von Essays zu einem geschichtsträchtigen Jahrzehnt. Der Historiker lotet das Spannungsfeld zwischen Usurpation und Fortschritt aus, zeigt auf, welche Früchte der Französischen Revolution der Eroberer nach Deutschland brachte, und konzen-triert sich...

Seite 52

Die Empörten

»Alle jene, die einem Zynismus der Apathie huldigen, rechtfertigen ihre Haltung - besser gesagt: ihre Nicht-Haltung - meist mit zwei Argumenten: Es gebe keine Alternative und es gebe keinen Widerstand, Dies beklagt der Schriftsteller Ilja Trojanow. Um sodann vehement zu widersprechen: Alternativen gibt es zahlreiche und Widerstand en masse, weltweit. Das Buch, zu dem er das Vorwort schrieb, bes...

Wasser Macht Geschichte

Das Wort »Jahrhunderthochwasser« erlitt in den vergangen 20 Jahren eine starke Inflation. Anders als das Wort suggeriert, kommen derartige Überflutungen immer häufiger. Mitteleuropa traf es nach 2002 im vergangenen Sommer schon wieder. Klimaforscher rechnen bis zum Ende des Jahrhunderts mit einer Verdopplung bis Verdreifachung solcher Flutereignisse. Und das in Ländern, die in der Vergangenheit...