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UNTEN LINKS

Dass Michail Gorbatschow vor genau 25 Jahren mit seinem Diktum »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben« ausgerechnet Deutsche beglückte - die Weltmeister in Sekundärtugenden wie der Pünktlichkeit -, hat diese schwer getroffen. Gut, man weiß inzwischen, der Mann aus Moskau hat das im Original gar nicht so griffig formuliert, aber die Drohung saß. Zweimal wollten die Deutschen sich das nicht s...

ndPlusGabriele Oertel

Zweimal 16 Jahre

Bisweilen kann Politik tatsächlich auch amüsant sein. Das große Staunen und/oder Entsetzen über Helmut Kohls spät bekannt gewordene Auslassungen zu Freund und Feind zum Beispiel hat einen hohen Unterhaltungswert.

Bertelsmann übernimmt Verlag Gruner + Jahr

Gütersloh. Der kriselnde Hamburger Verlag Gruner + Jahr mit seinen Zeitschriften wie «Stern» und «Brigitte» gehört künftig komplett zu Bertelsmann. Der Medienkonzern kaufe den von der Jahr Holding gehaltenen Anteil von 25,1 Prozent und übernehme Gruner + Jahr damit vollständig, teilten die beiden Unternehmen am Montag in Gütersloh und Hamburg mit. Der neue Eigentümer ist seit 1969 an Gruner + J...

IS-Fahnen in Kobane gehisst

Suruc. Die syrische Kurdenstadt Kobane im Griff der Dschihadisten: Im Osten der umkämpften Grenzstadt zur Türkei sind am Montag zwei Fahnen der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) gehisst worden. Eine Fahne wehte auf einem Gebäude an der östlichen Stadtgrenze und eine weitere auf einem benachbarten Hügel, wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP von der türkischen Seite der Grenze aus beoba...

So essen
 die Ossis

Berlin. Noch einmal hat der Kanzler der Einheit zugeschlagen. Wenn auch unfreiwillig. Denn das Buch »Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle«, das am Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt wird, hätte er lieber nicht auf dem Markt gesehen. Verständlich. Was der Altkanzler nach seinem tiefen Sturz dem Journalisten Heribert Schwan über Nachfolger, Parteifreunde und politische Gegner ins Mikrofon diktie...

René Heilig

Rüstungsrisiken im Wert von 57 Milliarden

Externe Experten haben im Auftrag der Verteidigungsministerin die größten neun Bundeswehr-Rüstungsprojekte analysiert. Die aufgedeckten Versäumnisse sind gravierend.

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ndPlusJürgen Amendt

Mehr als ein neoliberaler Stichwortgeber

Ohne seine Stiftung ist der Bertelsmann-Konzern wenig. Die Stiftung hält rund drei Viertel der Aktien des Unternehmens, vor allem aber funktioniert die vom Unternehmensgründer Reinhard Mohn (1921 - 2009) vor 37 Jahren gegründete Denkfabrik als wirtschaftsliberaler Stichwortgeber für gesellschaftliche Debatten mit unmittelbarer Rückwirkung auf die Geschäfte des Konzerns. Das von der Stiftung ini...

Simon Poelchau

Das Ende einer Dynastie

Das Verlagshaus Gruner + Jahr gehört zu den wichtigsten Zeitschriftenverlegern Deutschlands. Ab November gehört es zu 100 Prozent dem Bertelsmann-Konzern.

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Karlen Vesper

«Lasst euch nicht wieder das Joch auflegen!»

Die Herzen sind beschwert. Kein Himmlischer Frieden in ihrem Land. Und kein irdischer. So fühlen viele Besucher der Berliner Gethsemanekirche im Jahr 1989. Am 7. Oktober schlägt die Polizei zu. Pfarrer Albani erinnert sich.

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ndPlusKurt Stenger

Hoffentlich Allianz finanziert

Sieben Prozent Rendite sollten es schon werden. Diese Latte legt der Chef der Lebensversicherungssparte des Allianz-Konzerns für eine Beteiligung an den von der Bundesregierung angedachten neuen Modellen zur Straßenfinanzierung.

Dieter Janke

Pfeifen im Walde

Die aktuelle Auftragslage ist für jedes Unternehmen ein Prüfstein seiner Zukunftsaussichten. Hängt doch von ihnen das Stimmungsbild in den Führungsetagen ab.

Olaf Standke

Warschauer Botschaft

Die erste offizielle Auslandvisite des neuen NATO-Generalsekretärs führte nach Warschau. Das will Jens Stoltenberg auch als Signal verstanden wissen, nicht nur an Polen. Es gehe um »eine dauerhafte Präsenz im östlichem Teil unserer Allianz«.

ndPlusMartin Ling

Kahlschläger

Er kam auf der Zielgeraden: Aécio Neves. Wochenlang lag der Präsidentschaftskandidat der rechtssozialdemokratischen PSDB bei den Umfragen bei gut zehn Prozent. Dass er nun mit knapp 34 in die Stichwahl gegen Rousseff am 26. Oktober einzieht, deutete sich allerdings in den vergangenen Tagen als Möglichkeit an. Neves ist kein unbeschriebenes Blatt und in der TV-Debatte vergangenen Donnersta...

ndPlusAndreas Koristka

Neid und Missgunst

Gönnen können will gelernt sein. Denn das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner, die Nachbarsgattin ist immer hübscher und ihr Mann erhält immer viel mehr Geld von der Versicherungslobby. Da fällt es vielen Deutschen nicht leicht, die Contenance zu wahren und zielstrebig der eigenen ersten Million mit harter, nervenaufreibender Bürotätigkeit entgegenzuarbeiten. Denn anstatt orde...

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ndPlusUwe Kalbe

Erbarmungslose Abneigung

Altkanzler Helmut Kohl bestimmt plötzlich wieder einmal die Schlagzeilen, unfreiwillig. Grund ist ein Buch, in dem er ausgiebig zitiert wird - mit unfreundlichen Kommentaren über seine Zeitgenossen.

Michael Bartsch

Die alte Tante und ihr jüngstes Kind

Am 7. Oktober vor 25 Jahren wurde die SDP Ost gegründet. In mehreren östlichen Bundesländern ist sie von »Westniveau« nach wie vor weit entfernt.

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ndPlusSilvia Ottow

Versprechen an der Geburtswanne

Der Berufsstand der Hebammen ist - etwas zugespitzt formuliert - vom Aussterben bedroht. Ob Bundesgesundheitsminister Gröhes Besuch im ältesten Geburtshaus Deutschlands das ändern wird?

ndPlusUlrike Henning

Der Patient interessiert nicht

Auf einer Anhörung der Bundestagsfraktion der LINKEN ging es gestern in Berlin um die Situation in der Pflege und die Befürchtung, die geplante Pflegereform werde ihren Anforderungen nicht gerecht.

René Heilig

Entmottung eines Oldtimers

Gut ein Jahr nach dem Scheitern des Aufklärungsprojektes EuroHawk will Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) eine neue Drohnen-Panne produzieren - und zieht »Triton« aus dem Zylinder.

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Brisante Mischung

Die wahlmüden Bulgaren straften die etablierten Parteien ab. Das bunt gemischte neue Parlament im ärmsten EU-Land birgt viele Konflikte.

ndPlusAndreas Behn, Rio de Janeiro

Ramponierte Rangfolge

Dilma Rousseff siegte bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien, steht aber vor einer schwierigen Stichwahl. Die Ex-Umweltministerin Marina Silva wurde nur Dritte.

Jan Keetman

Kurdenphobie und der Kampf um Kobane

Während die Terrormiliz »Islamischer Staat« die syrische Stadt Kobane einschließt, gibt die Politik der Türkei reichlich Fragen auf.

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ndPlusLaura Mannering, Hongkong

Barrikaden in Hongkong teilweise abgebaut

Die Studenten haben das Ultimatum erfüllt und Barrikaden geräumt. Die befürchtete Eskalation blieb aus. Jetzt gibt es ein Tauziehen um politische Gespräche. Wie lange werden die Proteste dauern?

Hans-Jörg Probst

Die Euphorie des Mittelstands ist vorüber

Die aktuellen Proteste in Hongkong haben sich am Modus für die Wahl 2017 entzündet. Die Konflikte der Stadt mit dem »Mutterland« haben jedoch noch eine Reihe anderer Ursachen.

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Dubiose Aktiendeals

Mit dem schnellen Kauf und Verkauf von Aktien sollen Banken und Kapitalanlagefonds den deutschen Fiskus um Milliarden gebracht haben. Die Ermittlungen ziehen immer weitere Kreise.

Michael Lenz

Artenschutz per Ablasshandel

Zwölf Millionen Dollar Schulden muss Indonesien nicht an die Vereinigten Staaten zurückzahlen. Für dieses Geld sollen Tiere gerettet und Regenwälder geschützt werden.

ndPlusJörn Boewe

Selbstverpflichtungen haben versagt

Miese Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und katastrophale Unfälle. In der globalen Arbeitswelt liegt vieles im Argen - nicht nur in Schwellenländern.

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ndPlusGuido Speckmann

Erfolg für das grüne Kapital

Wirrwarr in der Agrartreibstoff-Politik: Während die EU um die Reduzierung des sogenannten Biosprits ringt, soll diese Woche im Bundestag ein Gesetz verabschiedet werden, dass die europäische Politik konterkariert und auf mehr Agrosprit hinausläuft.

Catherine Wilson, Apia

Die Jugend verlässt Samoa

Touristen kommen in Scharen, um die Schönheit der Natur, die Strände und eine stressfreie Zeit zu genießen. Doch die jungen Leute des südpazifischen Inselstaates Samoa wollen vor allem eines: weg.Samoa hat eine Nettoemigrationsrate von 13,4 Prozent. Im Nachbarland Tonga sind es sogar 15,4 und im westpazifischen Mikronesien 15,7 Prozent. Das sind hohe Prozentsätze, wenn man bedenkt, dass die durchs...

ndPlusGerd Goertz, Mexiko-Stadt

Massaker mit staatlicher Hilfe

Mitglieder einer Verbrecherbande haben sich zu dem Mord an den Hochschülern in Mexiko bekannt - und bezichtigen die Polizei der Mittäterschaft. Es wäre sicher kein Novum.

Niklas Franzen, São Paulo

Moinho kämpft weiter

In Brasilien kommt es zur Stichwahl um die Präsidentschaft zwischen Dilma Rousseff und Aécio Neves. Die Kämpfe der Bewohner der Favela Moinho gegen die Räumung sind davon unberührt.

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Celestine Hassenfratz

Tausende Studierende ohne Heimplatz

Das Wintersemester steht in Berlin vor der Tür - viele neue Studierende sitzen noch auf der Straße, denn die Wohnungsnot ist in diesem Wintersemester noch größer als in den letzten Jahren.

ndPlusMartin Kröger

Ehrenamtliche sollen Schwimmbäder betreiben

Die Berliner Bäder-Betriebe (BBB) befinden sich in einer gefährlichen finanziellen Lage. Um die Probleme in den Griff zu bekommen, laufen Gespräche, um Schwimmbäder an Vereine zu übertragen.

Katrin Lompscher

Recht auf Stadt statt Olympia-Gigantismus

»Olympia? Lasst es einfach sein. Es gibt Wichtigeres zu tun.« Mit diesen Worten haben sich Ende August etliche stadtpolitische Initiativen zu Wort gemeldet, von den Prinzessinnengärten bis zum Mietenpolitischen Dossier. Was gibt es Wichtigeres? Wo will Berlin hin und was braucht Berlin - insbesondere als wachsende Stadt, die auch zukünftig eine soziale Metropole sein soll? Die Perspektive Berli...

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Hildebrandts Grab sieht ungepflegt aus

Brandenburgs SPD hat Kritik am Zustand des Grabes der früheren Sozialministerin Regine Hildebrandt (1941-2001) zurückgewiesen. Um die private Grabstätte in Woltersdorf bei Erkner kümmert sich die Familie.

Arztpraxis in Bereitschaft

Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) eröffnet am 8. Oktober an der Immanuel-Klinik Rüdersdorf ihre fünfte Bereitschaftspraxis.

ndPlusWilfried Neiße

Das große Stühlerücken

Die Grünen ziehen im Landtag in die alten Büros der FDP und machen so der AfD Platz. Die geschrumpfte Linksfraktion muss einige Räume abgeben.

Bernd Kammer

Lokschuppen als Markthalle

Seit Jahren will Kurt Krieger das Gelände des Pankower Güterbahnhofs bebauen. Montag informierte sich SPD-Fraktionschef Raed Saleh vom Stand der Dinge.

ndPlusSteffi Bey

Die Strickmädels aus Hohenschönhausen

Mützen für Frühgeborene, Pullover für Obdachlose oder Loopingschals für junge Leute: Die Strickmädels aus Hohenschönhausen fertigen unterschiedliche Wollartikel für Bedürftige.

Andreas Fritsche

Länger gemeinsam lernen und regieren

In dieser Woche wollen SPD und LINKE mit den Koalitionsverhandlungen fertig werden. An der Basis der Linkspartei weicht die Skepsis gegen die Fortsetzung von Rot-Rot.

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Umstrittene Gerichtsreform in Kraft

In Mecklenburg-Vorpommern wird die umstrittene Gerichtsstrukturreform seit Montag umgesetzt. Doch die Gegner der Reform wollen nicht locker lassen.

ndPlusSebastian Haak, Erfurt

JVA-Statistik und Rollenbilder

Man braucht keinen Diplomabschluss in Mathematik, um zu sehen, dass diese Zahlen ziemlich ungewöhnlich sind: Zwar leben im Freistaat etwa genauso viele Frauen wie Männer, doch im Gefängnis sitzen fast ausschließlich männliche Thüringer. Das liegt nicht nur daran, dass männliche Thüringer in der Regel in einer Haftanstalt innerhalb der Grenzen des Freistaates untergebracht werden, Thüringer Frauen ...

ndPlusCarsten Hoefer, München

Festgefahren in Bayern

Hubert Aiwanger, Landeschef der Freien Wähler in Bayern, stellt sich zur Wiederwahl. Seine großen Pläne blieben bislang unerfüllt: Regierungsbeteiligung in Bayern und der Einzug in die Bundespolitik.

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Eine Tafel für Oppenheim

An die Künstlerin Meret Oppenheim erinnert seit Montag eine Gedenktafel. Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) enthüllte die Tafel am Geburtshaus Oppenheims in Charlottenburg. Anlass war der 101. Geburtstag der 1985 verstorbenen Künstlerin. In den 30er Jahren war sie an etlichen Ausstellungen in Paris beteiligt, später erhielt sie zahllose Preise, darunter den großen Preis der Stadt Berlin...

Hubschrauber messen Radioaktivität

Dresden/Erfurt. Strahlenmessung aus der Luft: Mit Hilfe von Hubschraubern wollen Experten drei Tage lang Sachsen und Thüringen auf radioaktive Belastungen untersuchen. »Damit soll der Fortschritt bei der Sanierung ehemaliger Uran-Abraumhalden dokumentiert werden«, teilten das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und die Bundespolizei am Montag mit. In diesem Jahr werden von Dienstag an Gebiete um Se...

Im Pop-Monster-Modus

Die Sängerin als Engel, als Barbarella mit Space-Bikini und Föhnwelle, als Vamp mit blonder Perücke in schillernder Haute Couture, als eine japanische Cosplay-Fantasie: Was Lady Gaga auf ihrer aktuellen Tournee so treibt, klingt nach genau den bösen Geistern, die sie eigentlich loswerden wollte - zumindest wenn man den momentan überall zu lesenden Bekenntnissen des 28-jährigen selbstgefertigten Ku...

Wenn der Wisent im Wald wildert

Schmallenberg. Eine ausgewilderte Wisentherde soll nicht länger frei durch das Rothaargebirge in NRW und angrenzende Gegenden laufen. Das entschied die zuständige Amtsrichterin in Schmallenberg. Geklagt hatte ein Waldbesitzer, der nicht hinnehmen will, dass die Tiere die Rinde in seinen Buchenwäldern anknabbern. Der Wisent-Verein kündigte an, in Berufung zu gehen. Die Herde war im April 2...

Frank Schirrmeister

Ostkreuz - der Film

Für die sieben Gründungsmitglieder der Ostkreuz-Fotoagentur, darunter damals schon anerkannte Fotografen wie Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Ute und Werner Mahler, war es eine kuriose Situation: Zeit ihres DDR-Lebens waren sie als Freiberufler Einzelkämpfer gewesen und gehörten damit zu einer verschwindenden Minderheit. Als sich der Staat 1990 jedoch anschickte zu verschwinden und die einst...

Jürgen Amendt

Die Diktatur des Digitalen

Am Heinrichplatz in Kreuzberg sorgte ein Kunstprojekt (»Wanna Play? Liebe in Zeiten von Grindr«) einige Tage lang für Ärger. Der aus den Niederlanden stammende Künstler Dries Verhoeven hatte dort mit Unterstützung des Theater Hebbel am Ufer (HAU) einen verglasten Container aufgestellt. In diesem chattete er mit schwulen Männern über die Dating-App »Grindr« und machte die Konversation auf einer ...

Heidrun Böger, Leipzig

Schränke für WBS 70-Wohnzimmer

Möbel stellen ein Stück Zeitgeschichte dar, die Art und Weise ihrer Herstellung auch. Doch warum wurde gerade in Sachsen die Möbelindustrie einst so bedeutsam?

ndPlusJasper Rothfels, Speyer

Das Geheimnis des »Barbarenschatzes«

Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen, ein Mann musste einen bedeutenden Schatz herausrücken, den er in der Südpfalz illegal ausgegraben hatte. Der Fund wird jetzt in Speyer gezeigt.

Volkmar Draeger

Privatnachlässe und Gruppengeschichte

Mit dem Fahrstuhl geht es ein Stockwerk tiefer. Klimatisiert auf frische 18 Grad ist es hier, wo die archivalischen Schätze des Schwulen Museums liegen. Die ganze Etage ist zum imposanten Stauraum unterkellert.

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Zuerst die Medizin

Der diesjährige Nobelpreisreigen startete am Montag mit der Bekanntgabe der Auszeichnung für Medizin. Sie geht an drei Hirnforscher. John O’Keefe sowie das norwegische Ehepaar May-Britt und Edvard Moser werden für die Entdeckung des inneren »Navigationssystems im Gehirn« ausgezeichnet. Am heutigen Dienstag wird der Physik-Nobelpreis vergeben, am Mittwoch der Preis für Chemie. Die Verleihung ...

Östlich von der DDR

Eine Open-Air-Ausstellung zur »friedlichen Revolution« eröffnet das Archiv Bürgerbewegung am Donnerstag in Leipzig. Unter dem Titel »Aufbruch nach Europa - Der ostmitteleuropäische Kontext der Friedlichen Revolution 1989 in der DDR« nimmt die Dokumentation acht ehemalige sozialistische Länder Europas in den Blick, wie das Leipziger Archiv mitteilte. Die Ausstellung wolle Anregungen für eine zivilg...

ndPlusHans-Dieter Schütt

Den Karton kaufen oder die Schuhe?

Denn Untergang ist Hoffnung - wo etwas endet, entsteht Freiraum. Über das »Rätsel der Freiheit« diskutierte eine dreitägige »Transatlantische Konferenz zur Bedeutung Heiner Müllers im 21. Jahrhundert«.

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Klimbim und starke Stimme

Der Schauspieler und Synchronsprecher Peer Augustinski (»Klimbim«) ist tot. Er starb am vergangenen Freitag im Alter von 74 Jahren. 2005 hatte Augustinski einen schweren Schlaganfall während einer Hörbuch-Produktion erlitten. Seitdem war er halbseitig gelähmt und pflegebedürftig. Dennoch kämpfte er sich zurück auf die Bühne. Bekannt wurde der gebürtige Berliner in den 1970er Jahren durch ...

Das Theater als Zelle des Widerstands

Die Theaterlegende Juri Ljubimow ist tot. Der international gefeierte Regisseur erlag 97-jährig einem Herzanfall. Ljubimow gilt als Russlands bedeutendster Theaterregisseur seiner Epoche. Er hatte 1964 das Moskauer Taganka-Theater gegründet, das er bis zu einem Zerwürfnis mit den dortigen Schauspielern im Jahr 2011 leitete.

Sabine Hunziker

Jugendjahre einer Revolutionärin

Gitarre, Maiskolben, die Sichel und ein Patronengurt - diese Gegenstände symbolisierten die mexikanische Revolution. Tina Modotti fotografierte und stellte ihr Können in den Dienst der revolutionären Bewegung ihrer Zeit.

ndPlusIrene Constantin

Und Cavaradossi stand nur herum

Der Sieger bekommt alles. Und der Sieger bzw. die Siegerin ist die Kinderbuchillustratorin und Bühnenausstatterin Kristine Jurjane. Sie erhält den Preis dieser Kritik für ihre Bildergeschichte »Tosca« nach der gleichnamigen Oper von Giacomo Puccin

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Thomas Blum

Murmeltiertag!

Alles neu macht der »Relaunch«, die »Erneuerung«. Bei der Tageszeitung »junge Welt« hat man, wie es im Blatt heißt, »Grafik und Struktur weiterentwickelt«: Im Zeitungskopf, dessen Buchstaben eine Spur niedriger und fülliger geworden sind, sowie in den Überschriften und Bildunterzeilen hat man die Typografie ausgetauscht. Die alte Typografie mit ihren eleganten, schlanken Buchstaben hat ausgedie...

ndPlusJan Freitag

Erklärung des Unerklärlichen

Es ist gut, dass die Leute nicht wissen, wie unser Banken- und Geldsystem funktionieren«, so sagte mal einer, der eben damit reich geworden war. »Andernfalls gäbe es eine Revolution, noch bevor der Morgen anbricht.« Der Mann hieß Henry Ford.

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Turnerinnen verpassen das WM-Finale

Nanning. Deutschlands Kunstturnerinnen haben bei den Weltmeisterschaften in Nanning das Finale der besten acht Riegen verpasst. Schon vor dem letzten Qualifikationsdurchgang lag das Team von Bundestrainerin Ulla Koch lediglich auf dem neunten Platz. »Bei uns war ein bisschen der Wurm drin. Eigentlich können die Mädchen sehr ausgeglichen turnen. Dass so viele Fehler passieren, damit war nicht zu...

Platz neun mag ich nicht

Nach zwei gegen Belgien und Aserbaidshan landeten die deutschen Volleyballerinnen bei der Weltmeisterschaft auf Platz neun. Bundestrainer Giovanni Guidetti sprach nach dem Ausscheiden mit Lars Becker über die verpasste Medaillenchance.

ndPlusFrank Hellmann, Frankfurt

Weite Wege nach Berlin

In der europäischen Königsklasse trachten zwei deutsche Teams nach dem Finale in der Hauptstadt. Doch zum Auftakt stehen erst einmal Flüge bis an die Grenzen des Kontinents auf dem Programm.

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»Phanfone« wütet in Japan

Tokio. Mit Geschwindigkeiten bis zu 180 Stundenkilometern und begleitet von heftigem Regen ist der Taifun »Phanfone« am Montag über Japans Hauptinsel Honshu mit der Hauptstadt Tokio hinweggefegt. Über 600 Flüge wurden gestrichen, Dutzende Hochgeschwindigkeitszüge angehalten und hunderttausende Menschen aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Sieben Menschen kamen vermutlich um, unter ihnen...

ndPlusAnne Gonschorek, Kapstadt

121 Tote an einem Tag

Die Ebola-Epidemie hat an nur einem Tag in Sierra Leone 121 Menschenleben gefordert. Die Regierung hält Hilfslieferungen zurück, weil diese von der Opposition organisiert worden sind.

Marc Schäfer, London

Londoner staunen Bauklötze

David oder Mona Lisa: Der Amerikaner Nathan Sawaya baut Meisterwerke der Kunstgeschichte mit Legosteinen nach. 80 Skulpturen sind derzeit in London zu sehen.

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ndPlusIrmtraud Gutschke

Ein paar Beschwörungen

Die Hexe Louhi hat Sonne und Mond aus ihrer Gewalt gelassen, nicht ganz freiwillig zwar. In Gestalt eines Habichts überbringt sie die Botschaft, und der Schmied Ilmarinen sagt sogar »Danke«. Könnte jetzt gar Frieden zwischen Nordland und Südland sein? Es ist eine der letzten Episoden aus dem finnischen Nationalepos »Kalevala«, das Kat Menschik auf ihre ganz besondere Weise illustriert hat. Eine...

Katja Herzberg

Gar nicht so »cool«

Die finnische Literaturwelt ist verglichen mit denen anderer Länder relativ klein, viele Geschichten von Autorinnen und Autoren aus dem hohen Norden Europas sind aber deshalb nicht minder lesenswert. Im Gegenteil, oft sogar sind sie fesselnd. Das liegt nicht so sehr an den Gedanken, die sie behandeln - Liebe, Familie, Krieg, Tod und Lebensträume sind genauso Thema wie überall sonst auf der Welt...

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ndPlusMartin Hatzius

Abschied von Hermann

Über weite Strecken dieses Buches, das eher eine ausgedehnte Erzählung ist als ein Roman, geschieht so gut wie nichts. Nun weiß man aber von André Kubiczek, dass dieser Autor fähig ist, packende, komplexe, klug durchkomponierte Prosa zu schreiben. Von seinem Debüt »Junge Talente« (2002) bis zu seinem meisterlichen Familienepos »Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn« (2012) - Dreh...

Hans-Dieter Schütt

Wenn das Geld müde wird

Die Dichtung ist ein Parasit. Sie sitzt dem Dichter im Nacken. Sie speist sich von seiner Flucht aus dem Material. Sie nährt sich von dem, was ihn auffrisst. Heiner Müller zum Beispiel. Er wird nach dem Untergang der DDR zum großen lyrischen Monologisten, denn er steht einsam im Gelände, das ihm ein Leben lang Stück-Werk war: verloren der dramatische Stoff, der ihn jagte; getrocknet der blutige...

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ndPlusMarlene Göring

Das Glück der »Wende«-Menschen

Die »Wende« war ein Versprechen. Als die Mauer zwischen Ost und West am 9. November 1989 fiel, begann eine neue Ära. Die Bürger der DDR hatten sich eine friedliche Revolution erkämpft, in den Folgemonaten herrschte überall Aufbruchstimmung. Die Menschen konnten ihr Glück kaum fassen, feierten taumelnd ihre neugewonnene Freiheit. So wird die Zeit um 1990 gern erzählt. Nichts war mehr, wie ...

Jenny Becker

Was bleibt?

Ein Mann schleicht durch das ehemalige Haus der Boxlegende Max Schmeling, mitten im Wald. Ein Sachbearbeiter: Er soll entscheiden, was damit passiert. Die Möbel, die Pokale, alles ist noch da. Vielleicht sogar Schmelings berühmter Bademantel. Der Mann heißt ebenfalls Max. Mit dem einstigen Profisportler verbindet ihn mehr als nur der Name. Inmitten der Dinge, mit denen das Haus angefüllt ist, n...

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Matthias Biskupek

Das Kriminalistenleben, es entwickelt sich

Deutsche Krimis heutzutage leben vom Lokalen. Man sollte Tatorte, Kneipen, Landsleute, Redensarten und vielleicht auch die Polizeipräsidien wiedererkennen können. So fehlt denn in Henner Kottes Krimi, der mitten in Leipzig und an seinem Seen-Südrand spielt, der Satz von der zufälligen Handlung und den nicht wirklichen Personen. Kotte hat zwei Kriminalfälle um einen Schwarm von Ermittlern ...

Björn Hayer

Hochstapler Gustav Bülow

Vorsicht vor diesem Münchhausen: Was hat der gleichnamige Tausendsassa in Wolf Kampmanns »Gustav« nicht alles in seinem Dasein erlebt? Hitlerjugend, Wehrmachtseinsatz im Osten, später als DDR-Dissident die heikle Flucht in den Westen. Dazwischen Schwarzmarktschiebereien, Auftritte bei einer Wanderbühne und Anstellungen bei Theaterhäusern in Dresden und Düsseldorf. Aber all dies wäre noch zu lan...

ndPlusFokke Joel

Blinder Fleck Kindheit

Hinter dem Titelblatt, auf der ersten Seite von Esther Kinskys Roman »Am Fluss«, befindet sich ein altes sepiabraunes Foto. Darauf ist ein Mädchen zu sehen, zehn, elf Jahre alt. Nur die Mitte des Bildes, dort, wo das Mädchen steht, ist scharf. Der Rest ist unscharf, wodurch der Eindruck entsteht, alles strebe von ihr fort, »wie von einem rasenden Sog ergriffen, der nur diesen stillen Mittelpunk...

Seite 25
ndPlusJosephine Schulz

Mit Humor und guter Küche auf der Spur eines Jahrhunderträtsels

Verlorene Erben französischer Monarchen, alte Flüche und ein eiskalter Mord. Stoff, der nach Hollywood klingt und eine internationale Verschwörung à la Dan Brown vermuten lässt. Weit gefehlt, denn der Tatort in Katharina Schendels Kriminalroman ist nicht London oder Paris, sondern das beschauliche Thüringen. Genauer: die einstige Residenzstadt Hildburghausen, wo man beim Bäcker schon mal eine S...

Hans-Dieter Schütt

Schnauze und Schlager

In der Geburtsstunde der DDR fiel er in Ohnmacht, vor Hunger. SED-Funktionär Hermann Axen sah, wie man ihn aus dem Saal trug und schüttelte den Kopf: »So achtet ihr auf eure Kader!« Da war Wolfgang Kohlhaase Reporter der Berliner Jugendzeitschrift »Start« (später »Junge Welt«) und sollte vom Akt der Staatsgründung berichten. Der Bericht fiel aus - gewiss wäre er nicht so scharf ausgefallen wie ...

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Jörn Friedrich Schinkel

Und du, wozu bist du imstande?

Shalom Nagar trug die Kippa, er hatte Schläfenlöckchen, die Gottesfurcht zeigten. Zum Zeitpunkt des Eichmann-Prozesses war er 26 Jahre alt. Seitdem hat sich ein Schatten über sein Leben gelegt. Davon erzählt er in diesem Buch zwei jungen Freunden. Moshe und Ben hören ihm zu, Tag um Tag, Nacht für Nacht. Astrid Dehe und Achim Engstler, die Autoren dieses Romans, haben die beiden Freunde er...

ndPlusInes Wallroth

Freiheit und Risiko

Juli Zeh ist mit gerade 40 Jahren ein altmodischer Mensch. Anders als die meisten Schriftstellerkollegen ihrer Generation hält sie nichts von der bequemen Pose, stets über den Dingen zu stehen, für nichts wirklich Partei zu ergreifen und selbst von nichts ergriffen zu werden. Zeh will sich nicht raushalten, sondern einmischen. Sie ist sich nicht zu schade, mit selbst gemalten Schildern und eine...

Seite 27
ndPlusWerner Jung

Die Gaunerrepublik

Er habe ein Land porträtieren wollen, »in dem Clans regieren, die aus alten wirtschaftsorientierten Verbindungen der Staatssicherheit entstanden sind, in dem es zynische Lobbyisten, seltsame Sicherheitsagenturen, versteckte Kameras und geheime Abhöranlagen gibt«, schreibt der tschechische Schriftsteller Michal Viewegh in einer Anmerkung zum Ende des Textes. Sein Roman beschäftige sich mit einem...

ndPlusMatthias Biskupek

Kommunismus mit Schwebebalken

Sie stand nur eine historisch kurze Zeit an der Spitze einer Sportart, doch ihr Ruhm währt bis heute. Ruhm: Vielleicht sollte man das französische Wort Ondit dafür einsetzen. Nadia Comaneci war ein Turnwunder der ausgehenden siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zwischen 1975 und 1980 holte sie Sieg auf Sieg - auch mit der rumänischen Mannschaft - um in jungen Jahren zurückzutreten, und für...

Sabine Neubert

Zerstörte Kindheit - ein vielstimmiger Chor

»Ich habe gesehen, was kein Mensch sehen sollte ... nicht sehen darf ... Und ich war noch klein ... Ich habe gesehen, wie ein Soldat läuft, dann scheinbar stolpert. Hinfällt. Sich lange in der Erde festkrallt, sie umarmt ... Ich habe gesehen, wie unsere Kriegsgefangenen durch unser Dorf getrieben wurden ... Ich war noch klein.« Acht Jahre war Jura Karpowitsch damals gerade erst, als er mi...

Seite 28
Walter Kaufmann

Der Mann mit den Schlüsseln

Dem Journalisten und Kolumnisten Phil Hogan aus dem englischen Hertfordshire muss schon in seinem ersten Roman Phantasie bescheinigt werden. Wie er den noch jungen, früh erfolgreichen Immobilienmakler Heming auf die vielfältigste Art zu den Schlüsseln fremder Häuser gelangen lässt, damit er dort eindringen und die Intimsphäre der Besitzer erforschen kann, ist erstaunlich. Und kühn wirkt, dass s...

Lilian-Astrid Geese

Trügerische Idylle

Vielleicht ist das Leben in kleinen Städten, zumal im US-amerikanischen Mittelwesten, wirklich so beengend, wie Romane, die in Kleinstädten spielen, es vorführen. Doch Elizabeth Strout, Bestseller-Autorin aus Portland, Maine, zeichnet nicht nur die bedrückende Beschaulichkeit im fiktiven Neu-England-Örtchen West Annett nach. Sie wirft Blicke in die Abgründe der menschlichen Seele. Ihre gelegent...

ndPlusFriedemann Kluge

Wenn Yankele vor Liebe vergeht

Vanessa Fogels zweiter Roman verlangt dem Leser zunächst ein wenig Geduld ab: Die verschiedenen Handlungsorte (New York, Berlin, Caracas) erschließen sich, ebenso wie die zahlreichen Personen in ihrem Unter-, Mit-, Gegen- und Durcheinander, erst allmählich. Diese Geduld aber wird mit einer wunderbaren Geschichte belohnt! Da gibt es einen betagten, erfolgreichen, sozial denkenden Kaffee-Unterneh...

ndPlusReiner Oschmann

Die Schönheit der Dissonanz

Ein echter Powers geht, zum Beispiel, so: »Der Mund eines zehnjährigen Kindes beherbergte doppelt so viele Bakterien, wie es Menschen auf Erden gab.« Der US-Amerikaner Richard Powers (57), Cellist, Ex-Physikstudent, Ex-Computer-Programmierer und für »Das Echo der Erinnerung« 2006 mit dem National Book Award ausgezeichnet, bringt wie kaum ein anderer Natur- und Geisteswissenschaften, Verstand un...

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Harald Loch

Wohlgefühl auf der Schippe

Ein Franzose, noch dazu einer aus der Bretagne, schreibt einen »amerikanischen Roman«. Der Untertitel des neuen Buchs von Tanguy Viel klingt nach einem neuen Genre. Es ist ein doppelt gelungener Zwitter. So gekonnt und unterhaltsam wie der 1973 in Brest geborene Autor das Typische am amerikanischen Roman auseinandernimmt, merkt der Leser erst nach einiger Zeit, dass er sich in diesem gerade auf...

Walter Kaufmann

Ballade von Liebe, Verlust und Tod

Früh schon wird in dem groß angelegten Roman der Jhumpa Lahiri in Kalkutta der junge Revolutionär Udayan Mitra von der Polizei gestellt und aus dem Sumpf geholt, wo er sich versteckt hatte. Triefend steht er auf dem Platz, vor den Augen seiner jungen Frau Gauri, vor den Augen der Eltern und der Nachbarn werden ihm Handschellen angelegt. Er wird abgeführt und gleich wieder freigelassen, damit si...

ndPlusIrmtraud Gutschke

Schnippeln und stopfen

»Als ich sieben Jahre alt wurde, kam niemand zu meiner Geburtstagsfeier.« - Wir verstehen: Der Ich-Erzähler war ein einsames Kind. Ein Junge, der sich am liebsten mit einem Buch in sich selbst zurückzog. Über das Geschenk der »Narnia«-Bände von C. S. Lewis freute er sich sehr. »Die Chroniken von Narnia«: Der britische Autor Neil Gaiman, der inzwischen in Massachusetts lebt, wird die siebe...

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Klaus Bellin

Literarische Großmacht

Er wäre gern Dichter geworden, ein großer, ein berühmter. Schon in der Schulzeit hatte er in seine Hefte Verse geschrieben, aber er war noch jung und unsicher, er probierte dies und jenes, studierte Philosophie und Naturwissenschaften, entschied sich dann für die Medizin und geriet durch Freunde an ein politisch-literarisches Blatt, den »Globe«, der auch für den alten Goethe zur unverzichtbaren...

ndPlusChristin Odoj

Voller Rachsucht

Skandinavien: ein familienfreundliches Möbelhaus, Strickpullover, klare Seen, Einsamkeit und Schönheit - meist in blond. Aber auch diese scheinbar ewig anhaltende Dunkelheit im Winter, eine stechende, blau-schwarze Kälte, die Natur ist und deshalb auch den Menschen befällt und so eine existenzialistische Schwermut befördert, mit der sich in skandinavischen Kriminalromanen der Ermittler durch di...

Florian Schmid

Pilze und Monster

Der derzeitige Science-Fiction-Boom bei den Literaturverlagen hält an. Kunstmann München bringt nun in kurzer Abfolge die Romantrilogie des 1968 geborenen preisgekrönten Fantasy- und Science-Fiction-Autors Jeff Vandermeer heraus. »Auslöschung« heißt der erste Teil, »Autorität« und »Akzeptanz« folgen im Januar und März 2015. Die Geschichte um eine abgeschlossene phantastische Zone, in der die gä...

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ndPlusLilian-Astrid Geese

Gefahr droht, doch woher?

»Im Leben einer literarischen Übersetzerin fangen viele Geschichten in der Mitte an«, sagt Nili, und es ist, als sei damit der Roman als Ganzes charakterisiert. Hila Blum erzählt von Nili und Nati, die als frisch verliebtes Paar aus Israel nach Paris reisen und dort von einem Millionär namens Duclos aus einer peinlichen Situation befreit werden. Viele Jahre später kommt Duclos nach Jerusa...

Marlene Göring

O, Marina!

O Marina, was tust du bloß, che cosa fai? Zum Haareraufen ist es, wie lange sie vor dem Spiegel steht, wie exaltiert sie ihre furchtbare Garderobe aussucht und falschen Träumen hinterherrennt. Wie sie die Menschen um sich herum vor den Kopf stößt und sich selbst im Weg steht. »Marina Belleza« ist die Anti-Heldin im gleichnamigen Roman von Silvia Avallone. Eine, der man sich nicht entziehe...

Irmtraud Gutschke

Vaters Tochter

Unter den Zitaten in diesem Buch ist eines von dem argentinischen Autor Guillermo Saccomanno: »Meine Großmutter hat mir beigebracht: ›Die Erinnerung ist wie eine Zunge, sie geht immer zu dem Zahn, der am stärksten wehtut.‹« Was tut Claudia Piñeiro weh, dass sie dieses Buch geschrieben hat? Wir werden nicht alles erfahren, manches werden wir erahnen müssen, manches wird sie auch ganz für sich be...

Seite 32
ndPlusMarion Pietrzok

Glück - ganz nah

Manchmal möchte man unbemerkt im Kinderzimmer mithören, was sich die lieben Kleinen so alles erzählen, möchte Mäuschen spielen. Nämlich dann, wenn sie ungewöhnlich piepsmäuschenleise sind. Im neuesten Buch von Marcus Pfister sind es tatsächlich kleine Mäuse, deren Gespräch wiedergegeben wird. Bei denen geht es wie bei Menschen zu: Die vermeintlich einfachen Fragen, die Kinder stellen, vierjähri...

ndPlusMartin Hatzius

Er hatte einen Vogel

Mozart war ein lustiger Kerl, und wer Kinder für seine famose Musik begeistern will, könnte ihr Interesse ja einmal mit dieser Information zu wecken versuchen: »Zu Faxen ist er immer aufgelegt und Pupsen macht ihm auch Spaß!« Die Geschichte, die Kristina Dumas über die Entstehung der »Kleinen Nachtmusik« erzählt, ist so unterhaltsam, dass sie die Pups-Pointe nur beiläufig einzustreuen braucht. ...

Christina Matte

Schönstes Bartgelock

Um pünktlich an ein Ziel zu gelangen, sollte man rechtzeitig aufbrechen. Sich wegducken kann so manches Mal Rettung, Stolz dagegen tödlich sein. Klugheit ist wichtiger als Aufputz ... Gute Ratschläge. Nutzlos und langweilig. Merke: Die Fabeln des französischen Klassikers Jean de La Fontaine (1621-1695) mögen Belehrungen enthalten, aber wie charmant und intelligent kommen sie daher. Welch ...

Silvia Ottow

Der gerissene Bumpam

Der Bumpam vom Hannes ist etwas höchst Merkwürdiges. Er ist struppig und rund, kein Bär, kein Wolf, kein Hund. Braun und rot gefärbt, schaut er lustigen Blicks und auf tapsigen Pfoten aus dem Bilderbuch von Mira Lobe und Susi Weigel, als wollte er sagen: Hallo, da bin ich. Und ich habe viel zu erzählen. Man fragt sich ja wirklich, wo so ein seltsames Wesen herkommt und wer ihm diesen komi...

Seite 33
ndPlusPeter Nowak

Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Wie hält es die Linke mit der Gewalt? Diese Frage wird wieder verstärkt diskutiert, sind doch in jüngster Zeit einige politische Aktionen und Demonstrationen nicht ganz friedlich verlaufen. Doch die Debatte ist älter. Einen profunden Überblick über die Diskussionen zur Rolle der Gewalt in den unterschiedlichen Spektren der Linken in den letzten 150 Jahren liefert ein Dokumentenband, den d...

André Brie

Schafft der Wind mehr als der Sturm auf den Winterpalast?

Jeremy Rifkin ist überzeugt, dass die Durchsetzung von Sonnenenergie, die Produktion über 3-D-Druck und der Übergang zu einer neuen internationalen Allmende, das er als Umstieg von privatem Eigentum zum Zugang aller zu Eigentum und zu kollaborativem Gemeingut charakterisiert, das Ende des Kapitalismus bedeuten. In seinem neuen Buch »Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft« schreibt er gleich zum Begi...

Seite 34
ndPlusMichael Eckardt

Auf der Suche nach der Individualität

Er war Architekt, Stadtplaner, Möbeldesigner, Innenarchitekt sowie Entwickler der beiden wichtigsten Wohnbauserien »P2« und »WBS 70«. Der gelernte Tischler Willfried Stallknecht war seit den 1950ern am zentralen Projekt des DDR-Bauwesens beteiligt: den Übergang von der traditionellen zur industrialisierten Bauweise zu bewerkstelligen. Erstes Ergebnis waren die Typenentwürfe der Eigenheim&...

Jürgen Reents

Der Kriminelle und der Wehrmachtsflieger

Das Buch erzählt die Geschichte zweier Brüder. »Du hattest es besser als ich. Du hattest die Mutter«, sagt Gustav Nonnenmacher. Der bitteren Bilanz widerspricht Ernst: »Du hattest keine finanziellen Sorgen, weil man für dich gesorgt hat. Du hattest es besser als ich.« Beide, deren verschiedene Väter die Mutter wegen der Geburt im Stich ließen, lernen sich erst in höherem Alter kennen. Ihre Lebe...

Christian Baron

Eichhörnchen im Widerstand

Wie amüsant politischer Protest doch sein kann. Und wie leicht die Staatsmacht auf die Palme zu bringen ist! Mit einem Einrad bei einer öffentlichen Bundeswehr-Übung die Rekruten im Slalom zu umfahren und selbige anzupfeifen, führt schon zu einer brutalen Festnahme durch die Polizei. Was daraus zu lernen ist? Cécile Lecomte, eben jene lustige Einradfahrerin, erklärte es: »Auf dem Lüneburger Mar...

Seite 35
Hans-Jürgen Lamm

Stolz und Scham

Er ist eigentlich gelernter Buchhändler, der 1930 im Sudetenland geborene Autor. 1946 in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands geflüchtet, zwang ihn die Not, einen landwirtschaftlichen Beruf zu ergreifen. Von einem Freund wurde er 1950 zum Eintritt in die Volkspolizei überredet. Zunächst war Rudolf Höll Schutzpolizist. Nach zwei Jahren wurde er an die Offiziersschule delegiert. Er w...

Günter Vogler

»Fruchtbares Land, an Schätzen reich, gibt erst Dasein den Künsten.«

Die Hohenzollern sind wieder präsent, durch den Wiederaufbau des Stadtschlosses in Berlin und der Garnisonkirche in Potsdam. Was sich im 16. Jahrhundert in der Kurmark Brandenburg ereignete und welche Rolle die Dynastie spielte, dürfte weniger bekannt sein. Der eine oder andere weiß vielleicht um die Gründung der Universität in Frankfurt an der Oder 1506 oder um die Fehde des Pferdehändlers Han...

ndPlusJörn Schütrumpf

Ein scheues Reh

Nach den vielen Büchern über die DDR, den gehässigen wie den beschönigenden und manchem wissenschaftlichen auch, nun also eins über die Akademien. Nicht über die Gelehrtenvereinigungen, sondern über die Forschungsakademien, in der deutschen Wissenschaftsgeschichte einzigartig - und nach 1990 einzigartig zerstört. Obwohl hier Insider reden, ziert den Band keine der üblichen unsichtbaren Trauersc...

Seite 36
ndPlusKlaus J. Herrmann

Euromaidan - Revolution in den Untergang?

Mit verträumtem Blick auf den Kiewer Maidan wurde vor noch nicht einmal Jahresfrist der friedliche Aufstand der ukrainischen Zivilgesellschaft gegen ein korruptes Regime, für ein besseres Leben und die freie Wahl des Entwicklungsweges gefeiert. Als der Blumenvorhang zerriss, öffnete sich der Blick auf ein ganz anderes Geschehen. Es war doch so schön, »bis uns dann alles um die Ohren flog«...

Harald Loch

Eine geheimnisumwitterte Organisation entzaubert

Ägypten spielt eine wichtige Rolle im Nahen Osten. Der bevölkerungsreiche Staat kontrolliert den Suezkanal, ist ein Schlüsselland für den Frieden mit Israel und als Nachbar der Krisengebiete Libyen im Westen und Sudan im Süden von allen Seiten gefordert. Seit dem Sturz Mubaraks taumelt das Land einer ungewissen Zukunft entgegen. Der Diktator hatte außenpolitisch verlässlich mit dem Westen kolla...

ndPlusRudolf Walther

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

»Je länger man Europa vernünftig anschaut, desto unvernünftiger schaut es zurück.« Der Soziologe und Philosoph Hauke Brunkhorst dreht einen Satz Hegels um, der noch der Meinung war, man müsse nur vernünftig in die Geschichte zurückschauen, dann würde sie auch vernünftig erscheinen. In Europa, d. h. in der Europäischen Union läuft vieles von Anfang an verkehrt, auch wenn die europäische Ei...

Seite 37

Sa schto? - Warum?

Ein Haus klagt an. Ein Grabstein fragt: »Sa schto?« (Warum?) Bis heute habe er keine »ehrlichen Entschuldigungen für das gnadenlose Bombardement« gehört, sagt Nikolic und betont, an die Adresse der Regierenden im vereinten Europa gerichtet: »Erwarten Sie nicht von mir, dass ich vergesse, was bei der 78 Tage und Nächte andauernden Aggression vor 15 Jahren gegen unser Land angerichtet wurde.« An ...

Ludi Lodovico

Nuova Resistenza

»Operaismo« nannte sich eine in Italien operierende und anderswo nachgeahmte, gegen Kapital- wie Staatsmacht gerichtete Bewegung. Der nicht übersetzbare Name geht auf das italienische Wort für »Arbeiter« (»operaio«) zurück. An sie erinnert ein neuer Band der verdienstvollen Reihe »Bibliothek des Widerstands« des Hamburger Laika-Verlages. Cesare Bermani skizziert die Geschichte des Operais...

ndPlusMichael Müller

Gute und Böse

Um festzustellen, dass die ARD in ihren Hauptsendungen weitgehend ohne Vorbehalte und Beweise antirussisch über den Ukraine-Konflikt berichtet, braucht es eigentlich keine Tiefenanalyse. Nunmehr ist diese offenkundige Generallinie sogar dem ARD-Programmbeirat aufgefallen. Es werde teilweise »tendenziell gegen Russland und die russischen Positionen« berichtet, monierte er laut Medienberichten. W...

ndPlusUwe Sattler

Debattenanstoß

Literatur über »Europa« - was zumeist mit der Europäischen Union gleichgesetzt wird - gibt es in Hülle und Fülle: Lehrbücher über Aufbau und Funktionsweise der EU, geschichtliche Abrisse, Ratgeber, wie man an Brüsseler Fördertöpfe kommt, oder Analysen zu den einzelnen Bereichen und Themen der Europapolitik. Braucht es da noch weiterer Literatur? Ja. Denn es fehlt nach wie vor die breite u...

Martin Ling

Eindrücke aus der Folterhölle

Sie war eine der grausamsten Militärdiktaturen Lateinamerikas: die Argentiniens in der Zeit von 1976 bis 1983, die Videla-Viola-Bignone-Galtieri-Diktatur, denn diese vier Militärs lösten sich in den sieben Jahren der Schreckensherrschaft ab. Keiner beschrieb ihr Motto prägnanter als General Ibérico Saint-Jean, Gouverneur der Provinz Buenos Aires: »Zuerst werden wir alle Untergrundkämpfer umbrin...

Seite 38
ndPlusGerd Fesser

Belgien im Würgegriff

Während des Ersten Weltkriegs war fast ganz Belgien von den deutschen Truppen besetzt. Es wurde ein rigides Besatzungsregime errichtet und das Land ökonomisch ausgeraubt. Das offizielle Deutschland wollte nach 1918 von alldem nichts wissen. Da erschien 1921 Heinrich Wandts Buch »Etappe Gent«. 1928 folgte sein Buch »Erotik und Spionage in der Etappe Gent«. Der »kriegsverwendungsunfähige« Journal...

Frank Brendle

Angst, Schrecken, Müdigkeit

In gewisser Weise hat der Erste Weltkrieg das Briefeschreiben erst populär gemacht: Millionen Männern, weit entfernt von ihrer Heimat, blieb nur die Feldpost, um mit ihren Lieben in Kontakt zu sein. Fast 29 Milliarden Sendungen transportierte die Deutsche Reichspost 1914 bis 1918 zwischen Front und Heimat. Schon während des Krieges erschienen die ersten Sammelbände mit sorgfältig ausgewäh...

Seite 39
Regina Stötzel

Retten? Nein, danke

Schöne Wörter kann es nicht genug geben: »Wegsperrfeminismus« ist eines, das man nach der Lektüre von Melissa Gira Grants Buch »Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit« sicher im Kopf behält, auch wenn die Autorin es von der Soziologin Elizabeth Bernstein übernommen hat. Treffender lässt sich kaum die Einstellung jener beschreiben, die zuletzt etwa mit ihrem »Appell gegen Prostitution« von sich ...

ndPlusHalina Wawzyniak

Immer stärker, immer schneller, immer schwerer?

Beim Titel denkt vielleicht mancher, dass sich das Buch mit Erd- und Welt- oder Landeskunde befasst. Weit gefehlt, es geht um die Frage, wie wir leben. Das Buch ist Wachstums- und Kapitalismuskritik, populär, aber nicht populistisch, kommt ohne erhobenen Zeigefinger und paternalistische Vorschläge aus. Jörg Schindler sagt, was ist. Am Anfang eines jeden Kapitels wird über einen »Aussteige...

Seite 40
ndPlusHorst Helas

Mit Hakenkreuz in den Himmel

Es ist der Großvater des Autors. Fritz Beckhardt war am Ende des Ersten Weltkrieges einer der höchstdekorierten Militärflieger Deutschlands. Am Rumpf seines Flugzeuges prangte - im Gegensatz zu den Maschinen von Manfred von Richthofen, Hermann Göring, Bruno Lötzer oder Oswald Boelcke - ein Hakenkreuz. »Meine deutsche Familie« titelte Lorenz S. Beckhardt diese ungewöhnliche Lebensgeschichte. Die...

ndPlusGerd Kaiser

Amor Omnia Vincit

1943, die Schlacht um Stalingrad ist entschieden. In der Haftanstalt Berlin-Moabit reißen junge polnische Frauen Fäden aus ihren abgetragenen Kleidern, um der vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilten Kameradin Krystyna ein Zeichen des Trostes und der Solidarität zu schenken. Es ist ein unauffälliges Taschentuch, in dessen Saum sticken sie eine verschlüsselte Botschaft, die von der sie eini...

Harald Loch

Militärisch inneffizient und ethisch verwerflich

Bei diesem Titel muss man an Olaf Groehler denken, den 1995 viel zu früh verstorbenen Bombenkriegsexperten der DDR. Und siehe da, der britische Historiker Richard Overy stützt sich in seinem neuen Buch auf dessen Forschungen, nennt in seinem Literaturverzeichnis zwei Bücher Groehlers: »Bombenkrieg gegen Deutschland« und »Geschichte des Luftkrieges«. Das ist man von bundesdeutschen Historikern n...

Seite 41
ndPlusJens Grandt

Granpa Mohr in Algier

Dass Karl Marx als 64-jähriger Seniorreisender zwei Monate in Algier zugebracht hat, erwähnt fast keine Biografie, und wenn, wie die von Francis Wheen, dann nur sehr knapp. Es ist den Recherchen der Journalistin Marlene Vesper zu danken, dass dieser Aufenthalt in hellem Licht vor uns steht (»Marx in Algier«, Bonn 1995). Der Soziologe und Kritiker des 0,1-Prozent-Imperiums der Milliardäre Hans J...

Ernst Reuß

Unerschrocken gegen Folterknechte und Mörder

Geboren wurde sie 1921 als Ellen Pinkus in Berlin. Sie wuchs gut behütet in bürgerlichen Verhältnissen auf und war gerade mal achtzehn, als sie ohne ihre Eltern auf einem der letzten Passagierschiffe mit viel Glück vor den Nazis nach Argentinien entkam. Die meisten Staaten hatten ihre Grenzen für Juden schon dicht gemacht, auch Ellens Einreise stand auf der Kippe. Eigentlich wollten ihre ...

Seite 42
ndPlusWerner Abel

Ermordet, aber nicht vergessen

Wie lange er noch auf dieser Erde herumzuwandeln gedenke, hatte im Juli 1934 im KZ Oranienburg ein SS-Rottenführer den Häftling Erich Mühsam gefragt. Noch sehr lange, antwortete dieser, worauf er den Rat erhielt, sich in den nächsten drei Tagen aufzuhängen, denn sonst würde es die SS besorgen. Mühsam dachte nicht im entferntesten daran, den eigenen Henker zu spielen. In der KZ-Haft monatelang m...

Daniel Hackbarth

Eine üppige Werkzeugkiste

»Wenn ich Dich wieder in den Armen halte, werde ich von meinen Gefühlen so überwältigt sein, dass es weh tun wird. Liebe Julka, Du bist mein ganzes Leben. Bevor ich Dich liebte, habe ich nicht gewusst, was Leben bedeutet: etwas Großes und Schönes, das jeden Augenblick und jede Regung des Daseins erfüllt.« Dies schrieb Antonio Gramsci aus Wien an seine Frau Julia Schucht, die er in Moskau, als V...

Seite 43
ndPlusDaniela Fuchs

Kinder mit Bonbons gelockt - und dann erschossen

Beim Lesen des Titels könnte man meinen, der nicht unumstrittene ZDF-Historiker Guido Knopp sei aus dem Ruhestand zurückgeholt worden. Das ist nicht der Fall. Autorin ist die 1965 geborene US-amerikanische Geschichtsprofessorin Wendy Lower. Sie berichtet über 13 Frauen, die in den von den Nazis besetzten Gebieten Polens und der Sowjetunion Augenzeuginnen oder Komplizinnen der Judenvernichtung o...

Klaus Eichner

Nicht mehr streng geheim

Anfang der 1980er Jahre bestellte der Leiter der HVA einige Offiziere der Abteilung Gegenspionage zu sich. Im »Westfernsehen« war eine Reportage über das BND-Objekt in Pullach angekündigt worden. Aber der Informationswert war äußerst gering. Die Journalisten hatten von der Isartal-Bahn aus einige Aufnahmen vom Objekt gemacht, das brachte etwas mehr Einblick als von der Straße aus - aber das war...

Seite 44
Gerhard Jaap

Mord und Totschlag

Das Interesse an Tötungsverbrechen ist wegen der außergewöhnlichen Schwere der Taten ungebrochen und wird durch die moderne Informationsindustrie permanent wachgehalten. In das grausige Universum der Gewalt, von Boulevardblättern und Medien fortwährend mit neuem Stoff versorgt, treten die Zeitgenossen auf der ganzen Welt täglich millionenfach ein. Und damals in der DDR? Gab es überhaupt Mörder ...

ndPlusFrank-Rainer Schurich

Suizid, um zu Sirius zu reisen

»Es muss nicht einmal eine Leistung sein, aus der die Welt Nutzen zieht«, schrieb der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar 1929 in »Schwarz auf Weiß«, »ein schönes Verbrechen, eine Torheit größeren Stils, ungewöhnliches Pech oder ein Rekord geben Zutritt in das Interesse der Allgemeinheit.« Der Jurist Ernst Reuß hat ein kluges Buch über solche Verbrechen geschrieben. Klar, die Ger...