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Unten links

Damit die Versorgung der Bevölkerung mit frischem Sprachabfall rund um die Uhr gesichert ist, entstehen stündlich neue hässliche Wörter: Absterberate, Kompromisskorridor, Behinderungsmobiliar. Das schönste, ja hinreißendste von allen aber lautet »Vereinzelungsanlage«, weil in ihm alles komprimiert scheint, was das moderne Deutschland ausmacht. Nicht nur wird einem allein beim Klang ganz rechtwi...

USA: Hoffnung für Millionen »Illegale«

Washington. Bis zu fünf Millionen illegal Eingewanderte können darauf hoffen, nicht aus den USA abgeschoben werden. Das sehen Pläne von US-Präsident Barack Obama vor, der am Donnerstag (Ortszeit) eine Reform des Einwanderungsrechts verkündete. Das bestehende Einwanderungssystem sei kaputt, sagte Obama in einer Fernsehansprache. Bei den Republikanern stoßen die Pläne auf scharfe Kritik. Der Spre...

Berliner Senat wieder vollständig

Berlin. Der designierte Regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller (SPD), hat am Freitag die Nachrücker für die Ressorts Finanzen und Stadtentwicklung vorgestellt. Finanzsenator soll der ehemalige Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, Matthias Kollatz-Ahnen (SPD), werden. Der Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, Andreas Geisel (SPD), wird das Mammutressort Stadtentwicklung und...

ndPlusFabian Lambeck

Es wird Zeit!

Vielen Kommunen Deutschlands geht es schlecht. Sie sind überschuldet, ihre Infrastruktur zerbröselt und ihre Hauptfinanzierungsquelle, die Gewerbesteuer, ist extrem konjunkturanfällig. Hinzu kommt, dass Bund und Länder in den vergangenen Jahren immer wieder Lasten auf die Kommunen abgewälzt haben. Etwa die Kosten der Unterkunft für Hartz-IV-Bezieher. Der »Kaiserslauterer Appell« ist ein H...

Fabian Lambeck

Klamme Kommunen rücken zusammen

»Für die Würde unserer Städte« heißt das Bündnis, dem sich bundesweit 40 Kommunen angeschlossen haben. In einer Resolution fordern sie mehr Hilfen von Bund und Ländern. Viele fühlen sich in ihrer Not alleingelassen.

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Martin Ling

Kosmetik statt Reparatur

Die Begünstigten werden es ihm danken: Mit der per Dekret gegen die tobenden Republikaner durchgesetzten Einwanderungsreform hat US-Präsident Barack Obama eines seiner zentralen innenpolitischen Reformversprechen aus dem Jahre 2008 endlich wenigstens in Teilen eingelöst. Rund fünf Millionen illegal im Lande lebende Einwanderer - zumeist Latinos - können nun ruhiger schlafen: Die drohende ...

Ines Wallrodt

Die Elternsprecherin

Wer wie Manuela Schwesig ein Familienwahlrecht unterstützt, gibt ohne Not ein demokratisches Grundprinzip auf: das der Wahlgleichheit, »one man, one vote«.

ndPlusWolfgang Hübner

Alles streng sachlich

Nachdem sich die Öffentlichkeit an den Gedanken gewöhnt hat, dass Thüringen demnächst wohl von einem Linken regiert wird, zieht in die Debatte darüber wieder Sachlichkeit ein. Oder auch nicht, wie die CDU zeigt.

ndPlusVelten Schäfer

Gestrauchelt

Die Wissenschaft von der Geschichte ist noch viel weniger »objektiv« als andere Disziplinen. Stets schreiben Historiker, ob eingestanden oder nicht, ihre politisch-moralischen Horizonte in die Forschung ein. Dennoch gibt es natürlich die Dimension des faktisch Richtigen und eben Falschen. Diese Unterscheidung kostet nun Manfred Kittel seinen Posten als Direktor der Bund-der-Vertriebenen-Stiftun...

Abgekaufte Demokratie

Liechtenstein sieht wie eine lebendige Demokratie aus, mit hoher Wahlbeteiligung, zahlreichen Referenden und gepfefferten Leserbriefdebatten in den beiden Tageszeitungen. Und doch trügt der Schein.

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Rima Hanano, SODI

Ernährung sichern durch Öko-Landbau

Im Bergdistrikt Dailekh in Westnepal leben 98 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft, trotzdem können die Menschen gerade mal den Bedarf an Nahrung für drei Monate im Jahr decken.

Lernen für die zweite Ernte
Maximilian Knoblauch, INKOTA

Lernen für die zweite Ernte

Mosambik gilt seit dem Ende des Bürgerkrieges 1992 für afrikanische Verhältnisse als Musterland für Frieden und Demokratie. Doch bbleibt noch viel zu tun. Die INKOTA-Partnerorganisation unterstützt Kleinbauern.

Starthilfe von Gleichaltrigen
ndPlusMartin Zint, Weltfriedensdienst

Starthilfe von Gleichaltrigen

Die Millionenstadt Recife im Nordosten Brasiliens weist die höchste Kriminalitätsrate des Landes auf. Hinter dieser Statistik verbergen sich vor allem Ausbeutung, sexueller Missbrauch, Prostitution und Gewalt.

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Umzugshilfe für die EZB

 Was: Demonstration und Aktion zivilen Ungehorsams gegen die europaweite Verarmungspolitik am neuen Sitz der EZB in Frankfurt am Main Motto: »Packen wir mit an« - EZB-Kritiker wollen beim Umzug in den Neubau »helfen« und bringen in Umzugskartons mit, »was auf den Müllhaufen der Geschichte gehört« Wann: Samstag, 22. November, 14 Uhr, Paulsplatz Hintergrund: Die Demo ...

Alice Bachmann, Bremen

Immer das Unmögliche denken

Holger Münch wird in Kürze das Bundeskriminalamt (BKA) leiten. Gegenüber einer Handvoll Journalisten gab der Chefkriminalist aus Bremen Auskunft über mögliche künftige Aufgaben.

Der Ausputzer der Eurogruppe

Am Samstag demonstrierte die Blockupy-Bewegung am neuen Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Deren Politik wird vor allem in Deutschland scharf kritisiert. Für den Grünen-Europaabgeordneten und Finanzexperten Sven Giegold ist die EZB der Hardliner in der Troika, die aber nur das ausführende Organ der EU-Mitgliedsregierungen ist. Mit dem 45-jährigen einstigen Attac-Gründer sprach Kurt Stenger.

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ndPlusAert van Riel, Hamburg

Kretschmann stellt sich der Basis

Regierungschef Winfried Kretschmann steht ein unruhiges Wochenende bevor. Auf dem Parteitag der Grünen in Hamburg will er seine Zustimmung zum sogenannten Asylkompromiss rechtfertigen. Heftige Debatten sind vorprogrammiert.

René Heilig

NH90 - ein fliegendes Sicherheitsrisiko?

Zu spät, zu teuer, nicht in der geforderten Qualität - das ist man gewohnt von Bundeswehr-Rüstungsprojekten. Nun aber kommt das Thema Sicherheitsrisiko hinzu. Beispiel: die NH90-Helikopter.

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Gerd Goertz, Mexiko-Stadt

Wo sind die 43 Studenten?

Angeführt von den Familien der mutmaßlich ermordeten 43 Studenten demonstrierten Zehntausende für Gerechtigkeit. In Mexiko-Stadt wurde der Wut von der Polizei mit Tränengas begegnet.

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EU beschließt Reduktion von Plastiktüten

Brüssel. Ein paar Minuten benutzt, dann weggeworfen: Einwegplastiktüten soll es in der Europäischen Union künftig seltener geben. Die Botschafter der 28 EU-Mitgliedsstaaten nahmen am Freitag einstimmig einen Gesetzentwurf dazu an. Damit steht den neuen Regeln nun nichts mehr im Weg, obgleich die EU-Kommission in letzter Minute noch Bedenken angemeldet hatte. Das Gesetz sieht vor, dass jeder Eur...

ndPlusRainer Balcerowiak

Das Märchen vom Stromengpass

Braucht es wegen der Energiewende viele neue Stromautobahnen von Nord- nach Süd? Der BUND meint: nein. Die Große Koalition könnte ihre jahrelangen Planungen sofort beenden, sagen die Umweltschützer.

Hermannus Pfeiffer

Sanktionen treffen EU-Finanzwelt

Die EU-Sanktionen gegen Russland im Finanzbereich treffen nicht nur Moskauer Geldgeber, sondern auch Banken in der Europäischen Union. Die gegenseitigen Verpflechtungen sind einen dreistelligen Milliardenbetrag schwer.

ndPlusSven Eichstädt, Leipzig

Durchbruch für den Dampf

Die Hoffnungen der Tabakindustrie in die E-Zigarette könnten sich erfüllen. Das Bundesverwaltungsgericht hat am Donnerstag mit drei Grundsatzurteilen Hindernisse aus dem Weg geräumt.

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Mike Nichols gestorben

Der US-amerikanische Film- und Theaterregisseur Mike Nichols ist tot. Der Oscar-Preisträger (»Die Reifeprüfung«) starb am Mittwoch im Alter von 83 Jahren. Nach Presseinformationen erlitt Nichols einen Herzstillstand.Nichols wurde 1931 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren. Seine Großmutter mütterlicherseits, Hedwig Lachmann, übersetzte das Libretto von Richard Strauss’ Oper »Salome«. D...

Laufenberg statt Meese

Der Intendant des Hessischen Staatstheaters, Uwe Eric Laufenberg, wird 2016 in Bayreuth die Wagner-Oper »Parsifal« neu inszenieren. Ursprünglich sollte der Skandalkünstler Jonathan Meese die Oper auf die Bühne bringen. Die Festspielleitung trennte sich jedoch vor einer Woche von ihm - angeblich, weil sein Konzept nicht finanzierbar gewesen sein soll.Das sehe bei Laufenbergs Ideen anders aus: »Sein...

Tobias Riegel

Die Mutmaßliche Armee Fraktion

Stille statt des Schusses - sie empfängt die Besucher der RAF-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Es hätte auch anders kommen können: Die Ausstellungsmacher hätten die Schau nämlich gerne »mit einem Knall begonnen«

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Martin Hatzius

Reim auf die Woche

Dem Herbst gehen eilig die Farben aus,
 Dem Reimer die heilenden Verben,
 Ein Bulldozer rollt in ein Reihenhaus,
 Was lebt, ja was lebt, muss nun sterben. Es naht jetzt die Zeit, wo nur Schwarz noch und Weiß
 Weiß Auge um Aug zu erkennen,
 Wie kalt ist der Wind und der Winter wie heiß, 
Wenn Kinder, wenn Kinder verbrennen. Hier ist es,...

Zurück an ursprüngliche Museen?

Die frühere Bundesverfassungsgerichts-Präsidentin Jutta Limbach möchte die von den Nazis 1937 als »entartet« beschlagnahmten Kunstwerke an jene deutschen Museen zurückgeben lassen, denen sie vor knapp 80 Jahren genommen wurden. Das zugrundeliegende NS-Gesetz sei unwirksam. Dies sagte Limbach der »Süddeutschen Zeitung« (Donnerstag). Limbachs Vorschlag ist radikal. Würde er umgesetzt, könnte das ein...

Jan Freitag

Kammerspiel auf Knopp-Kanal

Was wurde nicht alles rund um Hitler verfilmt: seine Helfer, Frauen, Opfer, Taten. Es gibt sogar das Gerücht, Hitlers Hunde seien Teil einer Doku gewesen. Erstaunlich, dass es im Folterkeller der Geschichte noch unentdeckte Leichen gibt.

ndPlusHans-Dieter Schütt

Mit Feinsinn gegen das Gröbste

Mit der friedlichen Revolution vor fünfundzwanzig Jahren berührten, beäugten, vermischten sich zwei deutsche Bevölkerungen, man stolperte gegeneinander, prallte voneinander ab, um erneut zueinander gewirbelt, gestoßen, gelockt zu werden. Was von der DDR blieb, sind nach wie vor lauter Ungleiche - den einen wurde mit dem gesellschaftlichen Verlust die Geschichte zum Sturzfeld, während die andere...

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Alexander Ludewig

Die falschen Fans gejagt

V-Männer in Fankurven? Nichts Neues. Anfang 2013 gab Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland zu, verdeckte Ermittler in der Fanszene einzusetzen. Der jüngste Fall stammt aus Potsdam.

ndPlusPeter Nowak

Paradoxe Folgen des Widerstands

Der Auftauchen der »Hooligans gegen Salafisten« in Köln hat viele überrascht. Auch Antifaschisten und linke Fußballfans. Über Erklärungen und Gegenstrategien wurde am Donnerstag in Berlin debattiert.

Jörg Mebus, Monaco

Das eigene Doping geleugnet

Heike Drechsler und Marita Meier-Koch sind seit Freitag die ersten beiden Deutschen in der »Hall of Fame« der Leichtathletik. Nicht wenige halten das für einen Skandal.

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Ostderby als Premiere in Liga drei

Ein schlimmer Traum wird wahr. Erstmals jenseits von Bundesliga und zweiter Liga stehen sich am Sonnabend Energie Cottbus und der F.C. Hansa Rostock in der Drittklassigkeit gegenüber: Die Gastgeber mit Aufstiegshoffnungen, der Gast von der Küste voller Abstiegsangst. Energies Trainer Stefan Krämer ist vorsichtig optimistisch: »In dieser 3. Liga kann jeder jeden schlagen. Deshalb wird die Aufgabe g...

Seltsamer Boykott gegen RB Leipzig

Die Fans fast aller Zweitligisten verweigern die Reise zu den Spielen bei RasenBallsport Leipzig. Am Sonntag spielt der FC St. Pauli in Leipzig, für die Anhänger des Hamburger Kiezklubs war der Boykott-Mainstream kein Thema.

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Martin Kröger

Mehr Output wagen

Die personellen Vakanzen sind zumindest erst einmal abgeräumt. Michael Müllers Senatsteam, das am 11. Dezember noch vom Abgeordnetenhaus bestätigt werden muss, ist komplett. Wie sich die neuen Senatoren bewähren werden, bleibt abzuwarten. Der politische Anstand gebietet es, Matthias Kollatz-Ahnen und Andreas Geisel eine Einarbeitungszeit einzuräumen. Mit der Ernennung Geisels, das kann ma...

Martin Kröger

Müllers Gesamtkunstwerk

Mit Andreas Geisel (Stadtentwicklung) und Matthias Kollatz-Ahnen (Finanzen) ziehen zwei neue Senatoren in den Senat ein. Dilek Kolat (Arbeit) und Sandra Scheeres (Bildung) machen in ihren Ressorts weiter.

Mehrere Tausend bei Silvio-Meier-Demo

Aktionen eines breiten Bündnisses aus Parteien, Gewerkschaften und antifaschistischen Gruppen haben einen rassistischen Aufmarsch gegen Flüchtlingsunterkünfte in Hellersdorf erfolgreich gestört.

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Kerstin Ewald

Rassismus: Kranke Gesellschaft - blinde Justiz?

Nach der rassistischen Beleidigung eines Berliners lehnte die Staatsanwaltschaft Berlin eine Strafverfolgung ab. Betroffenen-Anwalt und die »Initiative Schwarze Menschen« (ISD) äußern scharfe Kritik.

ndPlusMarlene Göring

Hostel, Heim, Gefängnis

Auch am Flüchtlingsheim in der Gürtelstraße hagelt es Kritik. Sein Betreiber wird trotzdem bald ein neues eröffnen - wieder in einem ehemaligen Hostel, das nicht gut lief.

Wilfried Neiße

Minister nicht mehr Präsident

Eine Interessenkollision wird vermieden, ein Imageschaden für Turbine Potsdam ausgeschlossen. Der neue Bildungsminister Günter Baaske bleibt nicht Präsident bei dem Frauenfußballvereins.

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Tod und Katastrophe in Chemnitz

Chemnitz. Todesbilder der Pop-Art-Ikone Andy Warhol (1928-1987) sind von Sonntag an in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. Es sei nicht nur »die erste museale Präsentation der bedeutendsten Werkgruppe Andy Warhols in Europa«, sondern auch die erste Ausstellung des US-amerikanischen Künstlers im östlichen Teil Deutschlands, teilten die Kunstsammlungen am Freitag mit. Unter dem Titel »Death and D...

Elektriker aus Bayern baute Bunker

Kelheim. Aus Angst vor einem Angriff Russlands hat ein Elektriker im niederbayerischen Kelheim in seinem Keller einen Atombunker gebaut und mit Dutzenden Waffen, Sprengstoff, Munition und Lebensmitteln ausgestattet. Das durch eine Strafanzeige alarmierte Bayerische Landeskriminalamt entdeckte bei dem 59-Jährigen zwei Maschinenpistolen, 80 Langwaffen, 60 Handfeuerwaffen, 20 000 Schuss Munition und ...

Sekretär der IG BAU gewinnt vor Gericht

Frankfurt am Main. Der Wiesbadener Gewerkschaftssekretär Veit Wilhelmy bleibt Angestellter der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Dies ist nach Mitteilung von mehreren Zuhörern, die die Verhandlung am Freitag vor dem Arbeitsgericht Frankfurt direkt im Saal verfolgten, das Ergebnis eines seit Februar schwelenden Konflikts.Der IG BAU-Bundesvorstand hatte in den vergangenen Monaten ge...

ndPlusHendrik Lasch, Stendal

CDU bringt Briefwahl in Misskredit

In Stendal stehen CDU-Politiker im Verdacht, die Stadtratswahl im Mai gefälscht zu haben. Die Briefwahl wurde schon wiederholt. Ob der Fall damit erledigt ist, bleibt offen.

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Kunst und Kult der DDR

Ein Stück Berliner Mauer oder eine Lampe aus dem Palast der Republik: Bei einer Versteigerung des Berliner Auktionshauses Auctionata kamen Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR-Zeit unter den Hammer. Bei der Online-Auktion »Kunst und Kult der DDR« standen am Freitagabend mehr als 100 Objekte zum Verkauf. Highlight war das sechsteilige Ensemble bemalter Original-Mauerstücke. Kunstwerke von Willi...

Bund: Berlin ist am Zug

Nach der Bewilligung von 200 Millionen Euro für ein Museum der Moderne sieht der Bund nun Berlin am Zug. »Das Land ist aufgefordert, jetzt die Grundstücksfrage zügig zu klären«, sagte Hagen Philipp Wolf, Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), der Deutschen Presse-Agentur. »Für den Bund steht fest, dass mit der Entscheidung des Haushaltsausschusses die Standortfrage entschieden ...

Lucía Tirado

Schmerzhaft komisch wie das Leben

Herr Bösel und Herr Fellner, die im ursprünglichen Stück »Indien« von Josef Hader und Alfred Dorfer vom Fremdenverkehrsamt beauftragt in der niederösterreichischen Provinz Pensionen überprüfen, reisen in der Inszenierung des Clubtheaters Berlin von Stefan Neugebauer im Stadtbad Steglitz durchs Berliner Umland und die Umgebung von Hannover. Heinz Bösel testet missmutig das Essen. »Da schreib’...

ndPlusMarcus Meier

Grünröcke wollen nicht öko werden

Nordrhein-Westfalens Jäger versuchen, ein geplantes »Ökologisches Landesjagdgesetz« des grünen Umweltministers vom Tisch zu bekommen. Die Grünröcke laufen Sturm. Rot-Grün knickte nun vor der mächtigen Interessenvertretung ein.

Hagen Jung

Bissige Worte wider den Wolf

Wölfe sollten wieder ausgerottet werden. Diese Forderung klingt aus dem Brief eines Schäfersprechers an Niedersachsens Regierung. Die aber verteidigt »Isegrim«. Auch dieser habe ein Recht auf Leben.

ndPlusKlaus Hammer

Das graue Berlin

Nach 25 Jahren Mauerfall gibt die Galerie Joachim Pohl einen Rückblick auf das geteilte Berlin und zeigt drei Berliner Künstler, die in der Monochromie der dunklen Farben - dem Reichtum an Grauwerten - viel Gemeinsames zu haben scheinen und die sich doch wesentlich voneinander unterscheiden. Bei Klaus Roenspieß, der seine Heimatstadt Berlin als seinen »Erlebnisraum« bezeichnet hat, wird das Bildge...

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Sieben Tage, sieben Nächte

Neulich hielt das »neue deutschland« wieder einmal eine sprachliche Entdeckung bereit. »Welch mühsame Leichtigkeit des Seins, welch leichthinnige Mühe des Nicht-Seins«, stand da in einem langen gelehrten Artikel über ein Theaterstück. Leichthinnig. Da merkt man auf. Es stand im Feuilleton, geschrieben von einem renommierten Autor. Womöglich handelt es sich um ein sprachliches Versehen, könnte j...

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ndPlusKnut Henkel

Der Fluch der Roya

Die Kaffee-Ernte hat 
begonnen. Die Bauern 
in Mittelamerika stehen vor einem existenziellen Problem: Roya, Kaffeerost. 
In Mexiko und Guatemala sind bis zu 70 Prozent 
der Anbauflächen mit dem Pilz, der die Blätter der Kaffeesträucher befällt, 
infiziert. Die Ursachen werden auch im Klimawandel gesehen. Steigende Temperaturen bringen 
den Pilz in die höher 
gelegenen Anbauregionen der edlen Arabica-Kaffeebohne. Ein Besuch im Nordwesten Guatemalas.

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Nachrufe

Heinz Dietrich / 28. 1. 1927 - 11. 11. 2014 Geboren und aufgewachsen ist er im heutigen Polen, begraben wird er in Berlin. Der Nazifaschismus und der Zweite Weltkrieg haben auch das Leben von Heinz Dietrich geprägt. Der ehemalige Sportfunktionär der DDR verstarb am 11. November 87-jährig, wie erst jetzt bekannt wurde. Nachdem er die Volksschule besucht und eine Bäckerlehre absolvier...

ndPlusSebastian Haak

Die Schnellläuferin

Wenn Bodo Ramelow seinen relativ sicheren Job gut macht in den nächsten Monaten, dann wird er das Gesicht von Rot-Rot-Grün sein; und nicht mehr wie bislang das Gesicht der LINKEN in Thüringen. Versprochen hat Ramelow, seinen möglichen Job als Ministerpräsident anständig zu machen. Und als Regierungschef des Freistaates die Koalition aus LINKER, SPD und Grünen insgesamt zu repräsentieren. Wer da...

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ndPlusFranz Josef Hinkelammert

Götterdämmerung bei Ludwig Feuerbach und Karl Marx

Selbstbewusstsein ist also zu verstehen als das Bewusstsein des Menschen von sich selbst, das er von sich im Lauf des realen Lebens gewinnt. Eben dieses Selbstbewusstsein wird nun zum Kriterium, mit dessen Hilfe man die Götter unterscheiden kann: Es formuliert das Urteil gegen alle himmlischen und irdischen Götter, die nicht anerkennen, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist. Mi...

Ingolf Bossenz

Bergoglios Wort, Pikettys Beitrag

Vor einem Jahr veröffentlichte Papst Franziskus das Schreiben «Evangelii gaudium». Die Debatte um 
«Das Kapital im 21. Jahrhundert» von Thomas Piketty zeigt, dass der Pontifex aus Argentinien das 
herrschende System radikaler kritisiert als der 
Professor aus Frankreich.

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ndPlusHans-Dieter Schütt

Ab-Gründe

Birgit Lahann ist fasziniert von der Entschiedenheit. Wie sie ins Leben eines Menschen tritt. Ihn aufjagt oder niederwirft. Ihr Buch erfasst tragische Schicksale, die in Gasherden enden oder an Zentralheizungsrohren oben an der Decke, unten der umgekippte Schemel. Lebensläufe, zum Schluss gebracht in Flussläufen. Cassirer und Kirchner, Woolf und Hemingway. Nachdenken über Erich Loest und den Jo...

Hans-Dieter Schütt

Gruß aus der Zukunft

Totensonntags schweigen wir. Und keiner wünscht einen Mauerfall herbei: Ja, Friedhofs Steinwall - halt stand gegen die Wellen Lärm von draußen! Hier drinnen, bei den Gräbern, umwuchert Natur alte Grabsteine, es ist, als fände ein Verschmelzen des Leblosen mit dem Lebendigen statt und man wachse nun gemeinsam und webe vereint am Geheimnis des Ortes. Die Toten selber haben kein Geheimnis. S...

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Franz Schandl

Das Nichts nichtet nichts

I. »Wann wohl kann ein Toter die Strahlen der Sonne sehen«, heißt es im Gilgamesch-Epos. - Das Leben ist das Leben, und ein Leben außerhalb des Lebens gibt es nicht. Nicht im Tod, nicht mit dem Tod, nicht durch den Tod und schon gar nicht nach dem Tod. Der Tod ist der Tod. Nicht mehr und nicht weniger. II. Tod und Leben, das ist keine dialektische Einheit, das ist eine metaphy...

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Folge 42: Deutscher Schulpreis, der; Substantiv, maskulin

Deutscher Schulpreis, der; Substantiv, maskulin. Seit 2006 werden jährlich sechs Schulen mit dem Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung und der Heide-Stiftung ausgezeichnet. In erster Linie werden Schulen bedacht, die am Anfang ihrer Entwicklung stehen und neben der Wissensvermittlung Wert auf individuelle Entwicklung unter Berücksichtigung sozialer und schöpferischer Fähigkeiten legen....

Nicht nur sentimentaler Kitsch

Man kann zurecht behaupten, die Bambi-Verleihung sei vor allem eines: Kitsch. Und Kitsch ist sentimental, vielleicht auch trivial. Jedenfalls bedient der Kitsch Sehnsüchte. Eine unserer vielen Sehnsüchte besteht darin, etwas Gutes tun zu können. So passt die Verleihung des Integrationspreises an die SchlaU-Schule aus München, einer Einrichtung, die sich unbegleiteter Flüchtlingskinder ann...

ndPlusLena Tietgen

Goethe in München

Der diesjährige Bambi-Integrationspreis ging vor Wochenfrist an Michael Stenger, den Vorstandsvorsitzenden der Münchner »SchlaU-Schule«. Deren Name steht für »Schulanaloger Unterricht« für junge Flüchtlinge und ist zugleich Programm. 2000 gründete der Verein und heutige Trägerkreis Junge Flüchtlinge e.V. die Schule, um unbegleiteten, minderjährigen und jungen Flüchtlingen die Teilhabe an Bildun...

Isidor Grim

Die Weber des Wissens

Von den fünftausend Demonstranten, die Ende Oktober durchs Pariser Zentrum in Richtung Parlament ziehen, werden einfahrende Radler freudig begrüßt. Sie treffen nach einer dreiwöchigen Sternfahrt von allen Enden Frankreichs zu diesem Protesttag in der Hauptstadt ein. Es herrscht eine positive Stimmung der Gemeinsamkeit. Marianne Devereux, die das Banner mitträgt, ist Dozentin an der Polytechnisc...

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Wochen-Chronik

20. November 1979 Während der Haddsch besetzen 500 schwer bewaffnete Islamisten unter Dschuhaiman al-Utaibi die Kaaba und die Große Moschee in der heiligen Stadt Mekka. Die Rückeroberung durch saudi-arabische Truppen bis zum 4. Dezember fordert 330 Todesopfer unter den Geiselnehmern, Geiseln und Sicherheitskräften. Nach dem blutigen Ereignis schränkt der bis dahin liberale saudische Staat ...

Ralf Höller

Mathilde Anneke

»Vor einer Legion, ich weiß nicht mehr vor welcher, ritt eine üppige Weibsperson, eine rote Feder auf dem Hecker-Hute, Brille auf der Nase, angetan mit einem Reitkleide aus schwarzem Samt, im roten Gürtel zwei Pistolen, an der Seite einen Schleppsäbel und - hinter ihr reitend - ein badischer Dragoner als Ordonnanz!« Die so martialisch beschriebene Mathilde Franziska Anneke nahm zwar am badisch-...

ndPlusHermann Klenner

»Ein herrlicher Sonnenaufgang«

Unter dem werbewirksamen Titel »Tugend und Terror« hat der gewesene Feuilletonchef der »Süddeutschen Zeitung« und nun in Paris lebende Johannes Willms, Autor bereits mehrerer Monografien, besonders über bedeutende Franzosen, eine Gesamtdarstellung von Frankreichs Großer Revolution vorgelegt. Ein in jeder Beziehung gewichtiges, übrigens mehr als ein Kilo schweres Werk. Die ein Jahrzehnt wä...

Seite 26
ndPlusAndreas Göbel

Regenwürmer und Klee im Kampf gegen Hochwasser

Dass Wissenschaft nicht immer im Elfenbeinturm gemacht wird, davon kann Christine Fischer ein Lied singen. Vor drei Jahren stand sie über mehrere Monate immer wieder auf den weitläufigen Versuchsfeldern von »Jena-Experiment«, einer Anlage zur Untersuchung der Biodiversität der Thüringer Universitätsstadt. »Wenn am Horizont graue Wolken aufzogen, wusste ich, dass ich noch ziemlich genau zwei Min...

Martin Koch

Wanderer zwischen den Welten

Eine der wichtigsten Frage der Philosophie lautet: »Was ist der Mensch?« Neben vielen ausführlichen Beschreibungen dessen, was ein menschliches Wesen ausmacht, gibt es auch einige griffige Kurzbezeichnungen, die sich bevorzugt des lateinischen Wortes »Homo« für Mensch bedienen. Wie »Homo sapiens« (der weise Mensch), »Homo faber« (der schaffende Mensch) oder »Homo ludens« (der spielende Mensch)....

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Dieter B. Herrmann

Unser Wasser ist älter als die Sonne

Etwa 30 bis 50 Prozent des Wassers in unseren Ozeanen und sogar 
etwa 60 bis 100 Prozent des Wassers in den Kometen müssen schon in jener Molekülwolke entstanden sein, aus dem das Planetensystem später hervorging.

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ndPlusCarlos García Hernández

Echt Schach

Der Baseler Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen (1482 - 1531) und seine Familie beten kniend neben einer Madonna mit Kind. Der Kunstwissenschaftler Adolf Bayersdorfer (1842 - 1901) steht vor zwei Bildern, die beide diese Szene festhalten, und er fragt sich, welches wohl das Original von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem 16. Jahrhundert und welches wohl die Kopie von Bartholomäus Sarburgh aus de...

Udo Bartsch

Ratloser Ritter

Klein fängt an, wer später ein großer Brettspieler werden will. Und als Knappe startet, wer eine Laufbahn als Ritter anstrebt. Anfänger wären mit dessen Aufgaben allzu schnell überfordert: den Räuber soll er fangen, die Prinzessin befreien, den Riesen bezwingen - und das alles nacheinander! Die Ausbildungsverordnung sieht vor, dass Knappen erst mal nur zuschauen. Doch Anspruch und Betrieb...

ndPlusMike Mlynar

Muße und Hamsterrad

»In dieser Welt gibt es zwei Zeiten«, zählt der Astrophysiker Alan Lightman in seinem Zeitweltenroman »Einstein’s Dreams« (Hoffman und Campe, Hamburg, 1994) auf: »die mechanische und die Körperzeit. Die erste ist unbeugsam, vorherbestimmt, die zweite erschließt sich von Fall zu Fall«. Und weiter: »Jede Zeit ist wahr, aber die Wahrheiten sind nicht dieselben.« Lightman belässt es übrigens ...

Echt Rasenschach

Warum muss es unbedingt ein US-Sport sein, der in Deutschland keine Wurzeln hat? Wurzeln sind inzwischen längst da. Den Sport haben die US-Besatzungstruppen nach dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht, weil sie mit unserem »Soccer«, wie sie Standardfußball nennen, nicht viel anfangen konnten. Inzwischen spielt Deutschland im Vergleich zu den anderen europäischen Teams auf Topniveau. Trotzdem...

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Hajo Obuchoff

Ex-Prinzessin und Teufelswerk

Natürlich wird um Altenberg jedem Fremden die Geschichte vom Teufel erzählt, der hier nach einem Streit mit seiner Großmutter glühende Kohlen aus seinem Sack verlor und so die Ortschaft Schellerhau schuf.

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ndPlusStephan Brünjes

Wo Goethe rüde randalierte

Friedrich Justin Bertuch will gerade zur Sache kommen. Erstmals hat er seine junge Frau heimgeführt ins prächtige Palais, da stört Lärm vorm Portal. Bertuch öffnet, wird von zwei jungen Männern in die Empfangshalle gedrängt. Sie beschimpfen ihn als »Spießer«, mokieren sich, dass er die Wände mit Tapeten verziert, und reißen sie mit ihren Schwertern herunter. Sie zünden ein Buch auf seinem Schre...

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Christina Matte (Text) und Joachim Fieguth (Bild)

Rückblick

Im Jahr 1989 befand sich Rainer Lehmann an der Erdgastrasse in Perm, mehr als 4000 Kilometer von der Heimat entfernt. Sehr weit weg also. Seine Heimat, das war die DDR. Ein Land, dessen Bevölkerung aufbegehrte. Als Rainer Lehmann in seine Heimat zurückkehrte, sollte das Land nur noch wenige Monate bestehen. Um zu begreifen, was vor sich gegangen war, sammelte und las er in den folgenden Jahren ...

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Wo viele Bücher sind, finden weitere Platz

Vielleicht sieht es bei manchem zu Hause schon so ähnlich aus wie im Antiquariat des Carsten Wurm, der lange das Archiv des Aufbau Verlages betreute, früh mit dem Büchersammeln begann und diese Leidenschaft natürlich nicht aufgeben konnte. In dem von Klaus Walther und Dieter Lehnhardt herausgegebenen Band »Haben Sie das alles gelesen?« ist er in guter Gesellschaft mit Elmar Faber und Klaus Bell...

ndPlusMatthias Biskupek

Machandel zwischen Mecklenburg und Smolensk

Die großen Romane über DDR und Umbruch werden derzeit von Ostdeutschen geschrieben. Heißt es. In männlicher Form. Dabei gibt es jetzt den Roman einer Frau, zu Unrecht bislang nicht in Lob- und Preislisten auftauchend. Denn dies ist nicht nur das Buch einer Generation, es sind Lebensgeschichten von alt bis jung, von Menschen aus Hamburg oder Ilmenau. Regina Scheer, Jahrgang 1950, hat berei...

Irmtraud Gutschke

«Innere Freiheit zu erringen»

Willkommene Lektüre für alle, die Christa Wolf verehren, denn diese Texte kannten sie noch nicht. Ebenso wohl für jene, die einst selbst mit der Sowjetunion verbunden waren und sich an Reisen erinnern. Für Leute, die sich überhaupt nicht für den Osten und seine Vergangenheit interessieren, suche man besser ein anderes Geschenk. «Wer wir sind und wer wir waren» - der Untertitel trifft. Wie...

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ndPlusSabine Neubert

Den Himmel emporzuheben

Der große Religionswissenschaftler Martin Buber (1878-1965) ist neben seiner genialen Bibelübersetzung vor allem durch zwei Leistungen bekanntgeworden, zum einen durch sein weit in die Gegenwartsphilosophie hineinwirkendes »Dialogisches Prinzip« (»Ich und Du«), zum anderen durch seine Bemühungen um den Chassidismus, diese einzigartige (aus dem Volke kommende) ostjüdische Strömung des 18. und 19...

Irmtraud Gutschke

»Atme ... spür dich ...«

Der Titel betrifft jeden. »Wenn du mal nicht weiter weißt« - wer kennt nicht solche Momente der Müdigkeit, der Hilflosigkeit, der Trauer, der Angst. Und wer hat das nicht schon überspielt, verborgen. Weil einem andere sowieso nicht helfen könnten, würden? Aber Gisela Steineckert, wenn sie auf der Bühne sitzt, bietet Hilfe an. Allein schon, indem sie sich die Freiheit nimmt, Schwieriges zu beken...

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ndPlusMona Grosche

Auf der Durchreise

Los Angeles 1994: Das Northridge-Erdbeben, eines der stärksten in der Geschichte der Stadt, verbreitet Panik am frühen Morgen und richtet große Schäden an Gebäuden und Straßen an. Das Epizentrum des Bebens liegt im San Fernando Valley, nur etwa 20 km vom Haus in der Yucca Street entfernt, wo der Straßenmusiker Julian Oger wohnt, der Protagonist in Hans Platzgumers jüngstem Roman »Korridorwelt«....

Martin Hatzius

Geschichten auf zwei Beinen

Zwei irische Schriftsteller, ein Mann, eine Frau, lassen sich von einem deutschtürkischen Chauffeur durch Berlin fahren und reden dabei. Reden, reden. Sie besuchen das Pergamonmuseum, die Staatsoper, den Botanischen Garten, die Gedächtniskirche, das KaDeWe, und sie residieren im Adlon. Geld spielt keine Rolle. Man möchte meinen, hier lassen es sich zwei Menschen gut gehen, die es sich eben leis...

Seite 36
ndPlusFriedemann Kluge

Wo geht’s zur Hundeschau?

In der Heide gaukeln die Schmetterlinge, zirpen die Grillen, summen die Bienlein, und quaken die Fröschlein. Von wegen! In dieser Heide tobt der Bär! Oder richtiger: der Wolf. Aber der eigentlich auch nicht, der läuft nur ganz kurz mal durch die Handlung, komparsenmäßig. Was in diesem Roman tobt, ist eine skurrile, aberwitzige Geschichte. Der vom kommunistisch orientierten Papa nach Che G...

Werner Jung

Die Gier nach flüchtigen Erlebnissen

Erst nach dem Mauerfall ist sie in den Osten Berlins gekommen, die inzwischen 63-jährige Schriftstellerin Lea, die bemerkt, dass sie unaufhörlich und immer rascher aufs Ende ihres Lebens zugeht. Obwohl sie nie ernsthaft krank gewesen ist, mehren sich die Zeichen des Alters - neben den üblichen körperlich-physischen auch eine Müdigkeit, vor allem dann aber auch der nachlassende Schreibimpuls, je...

ndPlusJosephine Schulz

Der Klang von Katastrophe

Kehrt der Reisende nach Hause zurück, zeigt er Fotos, versucht das Gesehene zu beschreiben. Das Eigentliche aber bleibt den interessierten Zuhörern verborgen - die fremden Gerüche, die Musik und das Gelächter in den Straßen. Die Welten der Geräusche, der Gerüche oder Geschmäcker sind sehr persönlich, ambitioniert alle literarischen Versuche, den Leser dorthin mitzunehmen. Lucy Frickes neu...

Seite 37
Christian Baron

Ein seltsames Paar

Was für eine Beißzange. Sicher, an in ihrer Einsamkeit verbitterten alten Leuten wird allzu gern herumgenörgelt. Aber diese Frau hat es wirklich in sich. Scholz heißt sie, und sie wohnt in einem für eine Achtzigjährige viel zu hohen Stockwerk eines fahrstuhlfreien Berliner Altbaus, dessen Wohnungen noch mit Kohlen aus dem Keller zu beheizen sind. Tag für Tag schleppt sich diese olle Schreckschr...

ndPlusHans-Dieter Schütt

Die Höhen und die Höllen

Er ist ein Raffer, ein Zuhälter, er hat - ja: getötet. Konstantin Wecker. Ein Raffer? Er selber nennt sich »erlebnisraffend«. Her mit dem Leben, her mit dem Geld, her mit der Geltung - Freude durch Kraft! Ein Zuhälter? Nun, das meint jetzt nicht, dass man ihn in früheren Zeiten oft für einen solchen hielt und er sich als solcher benahm, schmierig arrogant, großfressig protzend, halbseiden ordin...

Seite 38
ndPlusStephan Fischer

Von Skepsis und Offenheit

Ostdeutsche Lebensgeschichten gehören zum Metier des im Herbst 1989 in Ost-Berlin gegründeten Ch. Links Verlags: Von Alexander Osangs 1992 erschiener Porträtsammlung »Aufsteiger - Absteiger. Karrieren in Deutschland« über Christoph Dieckmanns Geschichten von ostdeutscher Identität in »Das wahre Leben im Falschen« von 1996 bis zur »Dritten Generation Ost« und deren Selbsterkundungen 2012 in »Wer...

Henry-Martin Klemt

Schmuggler auf Liedertour

So armselig ist die Welt der Lieder nicht, wie uns das Radio glauben macht. Viele haben nur keine Lobby. Und Nachdichter gar - das sind doch klandestine Schmuggler-Existenzen, Verräter am Mainstream, an der heiligen angelsächsischen Kulturhoheit, gar nicht selten auch an dem System, der sie zu danken ist. Wenn sie die Bühne betreten, wie der Berliner Liederdichter Frank Viehweg und Quijote aus ...

Ralph Grüneberger

Eine Stimme im Chor des Nachgesangs

Politiker reden viel, wenn der Tag lang ist, heißt es. Prosaautoren, die jedes Wort auf die Sprachwaage legen, ist dies eher nicht eigen. Andreas H. Apelt, der neben einem Packen Publizistik und einer von ihm mit herausgegebenen Hiddensee-Anthologie seinen fünften Roman vorlegt, ist beides: Politiker und Schriftsteller. Vielleicht ist er deshalb einer, der Geschehen erfindet, aber die Buchstabe...

Seite 39
Eberhard Reimann

Gegen den Strich

Der große Mann mit dem schleppenden Gang, Frank Göhre, gönnt sich auch mit kurz über 70 keine Ruhe. Dabei hat er schon längst seinen Platz im Olymp der deutschen (Krimi-) Literatur: Er ist Autor unzähliger Bücher und preisgekrönter Drehbücher. Sönke Wortmann begeisterte sich für sein Script »St. Pauli Nacht« und machte daraus einen bemerkenswerten Hamburger Kiez-Film, in dem Göhre Hitchcock-like a...

ndPlusBjörn Hayer

Eine Ethik des Clowns

Nachdem schon Albrecht Dürer seiner »Melancolia« von 1514 einen Hund zur Seite legte, wandert des Menschen bester Freund als symbolhafter Träger der Schwermut durch die Kulturgeschichte und stürzt sein Umfeld in bisweilen todesnahe Verzweiflungen und Grübeleien. Auch in Michael Köhlmeiers Roman »Zwei Herren am Strand« droht der »schwarze Hund«, seinen Helden beträchtlich zuzusetzen. Beide...

ndPlusSabine Neubert

Licht über der Côte d'Azur

Sagen wir es vorweg: Das liebenswerteste Geschöpf des Autors unter den vielen bekannten und erfundenen Figuren dieses Nietzsche-Romans ist zweifellos die junge Cécile, ein Wesen von klassischer Schönheit und mit einer natürlich-naiven Intelligenz, der alle Männer, die ihr in ihrer kleinen Pension in Nizza begegnen, sofort verfallen - was sie auch schlicht merkantil zu nutzen weiß. Nur Nietzsche...

Seite 40
ndPlusJenny Becker

Wie wir zu Mördern werden

Da sind drei Menschen, versteckt in einer Kirche. Da ist eine Nacht voller unheilvollem Donnergrollen. Da wird eine Entscheidung sein, bei der es um das Überleben geht und um viel mehr. Die drei Verfolgten sind ein junger Schriftsteller, seine Frau Elisabet und der Dieb Erikssohn. Sie sind aus dem Dorf geflohen und haben nun, mitten in der Nacht, einen Moment lang Schutz gefunden. Doch sie wiss...

Irmtraud Gutschke

Der Geprellte gewinnt

So prachtvoll das Walross auf dem Buchumschlag ist, im Roman kommt es nicht vor. Wurde es mit einem Wildschwein verwechselt? Arto Paasilinna würde es ein leichtes gewesen sein, auch das Walross in seine Geschichte einzubauen oder zumindest zwischen ihm und dem Wildschwein eine Verbindung herzustellen. So wendig wie er ist selten ein Autor. Wer zu seinem Roman greift, mag sich auf Turbulenzen ge...

Peter L. Zweig

Ein Sohn, sein Vater, seine Mutter und ihr Lover

Die Touristen aus den großen Städten im Süden lieben die nördlichen Regionen mit ihren Seen und Wäldern, die nahezu unberührte Natur und die unkomplizierten Menschen. Es stört sie nicht, dass sie eine Stunde fahren müssen, um einen kleinen Supermarkt oder eine Tankstelle zu finden. Sie entspannen in ländlicher Einsamkeit, verbringen ein paar Urlaubswochen unter den Nordlichtern und reisen wiede...

Seite 41
Klaus Bellin

Jagd nach Geld und Ruhm

Das Werk ließ seine Dimension schon ahnen, als er sich 1841 entschloss, alle Bücher, die er in Nächten kolossaler Anstrengung aus sich herausgeschleudert hatte, unter einem Dach zu versammeln. Eine Gesamtausgabe sollte es sein, ein Monument, mächtig und stolz, Schöpfung eines Genies mit Namen Honoré de Balzac. Er war jetzt Anfang vierzig und schon gezeichnet von Anstrengung und Lebenshetze, da ...

ndPlusHarald Loch

Die Dirne und der Offizier

Mit einer Novelle zu »Abende in Medan«, jener von Émile Zola herausgegebenen Gemeinschaftspublikation, betrat Guy de Maupassant 1880 mit Aplomb die literarische Bühne Frankreichs. »Schmalzkügelchen« heißt sie in der neuen Übersetzung von Hermann Lindner. Sie ist mit über 60 Seiten die längste in der schönen Auswahl »Von der Liebe und anderen Kriegen«. Sie begründete den literarischen Ruhm und E...

Geistreich, bissig, unzensiert

Lieber Samuel Langhorne Clemens, bitte werten Sie meine Anrede nicht als plumpe Vertraulichkeit: Natürlich werden Sie sehr geehrt, auch von mir, aber Sie sind mir eben seit meiner Kindheit, die schon einige Jahre zurückliegt, auch lieb geworden. Mit Ihrem bürgerlichen Namen erlaube ich mir, Sie nur deshalb anzusprechen, weil der Anlass, aus dem ich Ihnen schreibe, die Veröffentlichung des...

Seite 42
Harald Loch

Narcisse und sein Retter

1843 befährt ein französisches Schiff die Route von Kapstadt nach Java. Stürme und andere Unbill verzögern die Fahrt, ein Schiffsjunge ist gestorben, andere Besatzungsmitglieder sind krank, Trinkwasser wird knapp. Der Kapitän lässt an einer Bucht im Norden Australiens ein paar Matrosen an Land gehen, um Wasser zu suchen. Nachher fehlt einer: Narcisse Pelletier. Sie suchen den Achtzehnjährigen n...

ndPlusSabine Neubert

Das Geheimnis von Airagne

Die abendländische Geschichte schreibt das Jahr 1227, und die Menschen in Spanien und Südfrankreich erleben geradezu apokalyptische Zeiten. Reiterhorden und Söldnertrupps unter Königs-, Bischofs- oder Grafenbannern durchziehen die Ländereien des Languedoc und hinterlassen Schneisen der Verwüstung, verbrannte Dörfer, Kirchen und Klöster. Ihre Herren, machtbesessen, goldgierig und uneins, verfolg...

Ingolf Bossenz

Kopfgeldjagd mit Keiler

»Das Problem ist, mein Junge, dass es auf keiner Seite des Zauns jemanden gibt, den es kümmert, was du tust. Gott ist nur eine Idee, und der Teufel, das sind wir.« Ein Satz, dem Joe R. Lansdale in seinem neuesten Roman in allen Facetten, Absurditäten, Widerwärtigkeiten literarische Gestalt verleiht - bis hin zu jemen »Ort des Wahnsinns, wo jedes bisschen Anstand und die Gesetze der Menschen ebe...

Seite 43
Friedemann Kluge

Die Frau im Hintergrund

Die Kunstgeschichte, die Kunstszene ohne einen Vincent van Gogh? Unvorstellbar! Trotzdem wäre es beinahe so gekommen, als nämlich fanatisch religiöse Ikonoklasten von Johanna, der Schwägerin des Malers, allen Ernstes und unter massiven Drohungen verlangten, dessen Bilder zu vernichten. Zum Glück für die Nachwelt blieb Johanna van Gogh nicht nur standhaft, sondern engagierte sich nach Vincents S...

ndPlusTobias Riegel

Götter, Riesen, Zwergenfunken

Wissenschaftler sind Spielverderber. Sie haben die Entstehung der Welt entschlüsselt. Dadurch wurde nicht nur den US-Kreationisten das krampfhafte Beharren auf der nur sieben Tage währenden, biblischen Schöpfungsgeschichte erschwert. In die Bredouille gerieten auch etwa die kanadischen Ureinwohner, die einer riesigen, alles Land tragenden Schildkröte eine wichtige Rolle bei der Entstehung unser...

Peter Kirschey

Traum vom Schöpfersein

Berlin vor 200 Jahren. Die kleine preußische Stadt beginnt, aufregend zu werden. Auch den jungen Uhrmachergesellen Lorenz Kronacher zieht es aus Nürnberg hierher. Hier will er sein Wissen vervollkommnen, es zu Meisterschaft bringen. In das Handwerkswesen des anbrechenden 19. Jahrhunderts eintauchen, eingebettet in eiserne Tradition, voller Ehrfurcht vor der Hierarchie und losgelöst vom väterlic...

Seite 44
ndPlusLilian-Astrid Geese

Der Tunnel durch die Mauer

Amarias heißt die fiktive Stadt irgendwo in Israel/Palästina, wo der dreizehnjährige Joshua mit seiner Mutter und dem ewig nörgelnden, ultraorthodoxen Stiefvater Liev aufwächst. Freunde hat er nicht. Seine Notgemeinschaft mit dem Klassenkameraden David spiegelt die fragile, suburbane Community der Siedler, die einzig von der fanatischen Überzeugung zusammengehalten wird, hier handele es sich um...

Marion Pietrzok

Zackenbarschs »Hmmbmh«

Es geht ganz fröhlich los. Keiner der Beteiligten (vielleicht aber schon der Leser?) ahnt, dass die Sache böse ausgehen könnte: Die Krakenfamilie - Mutter, Vater, acht Kinder - bereitet die Silvesterfeier vor. Der Krakenvater sorgt sich, dass beim Festessen mit Raclette die Kinder sich ihre Saugnäpfe verbrennen könnten. Aber, wie es meist so ist im Familienverband, die Alten checken manches nic...

ndPlusSilvia Ottow

Die Geliebte im Kehrichtkasten

Ach, wie böse kann es gehen - im Märchen wie im Leben! Immer wieder gibt es eine spannende Geschichte her, wenn die Protagonisten so hochmütig sind wie das Bällchen und so naiv wie der Kreisel in Andersens Märchen. Wollen wir nicht Brautleute sein, fragt der Holzkreisel am Anfang sehr selbstbewusst das kugelrunde Bällchen. Illustrator Matthias Lehmann hat dem Antragsteller einen verwegenen schw...

Seite 45
Dieter B. Herrmann

Gibt es Leben »da draußen«?

Die Frage nach intelligentem Leben außerhalb der Erde ist ein »Dauerbrenner«. Schon in antiken Texten taucht sie auf und ist seitdem niemals aus dem Denken der Menschen verschwunden. Vor allem für Science Fiction-Autoren war und ist »Leben da draußen« ein unerschöpfliches Thema. Immerhin, es geht um die »großartigste Geschichte von allem«, wie der Buchautor Ben Moore meint. Doch Moore (ge...

ndPlusGabriele Oertel

Die Tristesse guckte um jede Ecke

»Das Leben ist schön«, hat Sergej Lochthofen mir mit beschwörendem Blick beschieden, als er vor drei Jahren in der nd-Redaktion vorübergehend als Berater tätig war. Das zielte auf die seiner Meinung nach zu schwer daherkommende Wochenendbeilage dieser Zeitung, um deren Beurteilung ich ihn ausdrücklich gebeten hatte. Buch im nd-Shop bestellen: * Sergej Lochthofen: Grau. Eine Lebensgesc...

Seite 46
ndPlusPhilipp Martin

Von Guadeloupe bis Greifswald

Diese Autobiografie ist in der Tat ein Beweis, dass der Alltag in der DDR keinesfalls eintönig und grau war. Indes, Johann Mrazeks Leben war zwar einerseits typisch für Ostdeutsche, andererseits außergewöhnlich. Dies lag an seinem Beruf: Er war Geologe und ist, wie schon der Titel bekundet, viel umhergereist. Er hat die Welt gesehen, war auf den Bermudas und Barbados, in Mosambik und Marokko, C...

Peter Kirschey

Gefährlich wird’s, wenn die Flasche ruft

Was wir schon immer geahnt haben, nun wissen wir es ganz genau: Auch in der DDR wurde gemordet. Auf recht üble Weise. Erschlagen, erstochen, erwürgt - wie überall auf der Welt. Nur, dass Mordfälle nicht automatisch auf den Titelseiten der Presse landeten, und Boulevardmagazine gab es noch nicht. Ansonsten sind Täter und ihre Taten austauschbar und finden sich in jedem Flecken und hinter jedem W...

Franziska Klein

Ist es vorbei?

Der Titel ist Programm, war und ist das Motto der Offenen Arbeit des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt damals und heute. Im Dezember 1991 haben die Aktivisten ihr erstes Buch veröffentlicht, mit der Unterzeile »Ich wollt’ die Hoffnung stürbe nie«. Zwei Jahre nach dem Aufbruch in der DDR wollten sie bilanzieren, was erreicht ist und was nicht. Das Buch berichtete über den Kampf im untergegange...

Seite 47
Walter Kaufmann

Ewig ziehn Begier und Reue ...

Die plötzlich aufflammende Liebe von Felix Mendelssohn Bartholdy zu der schwedischen Opernsängerin Jenny Lind ist in Joachim Reibers Buch auf kaum mehr als vierzig Seiten dargestellt, doch glaubt man einen Roman über einen glücklich verheirateten Komponisten gelesen zu haben, den es bei der Begegnung mit jener anderen jäh mitreißt. Und man begreift, dass er zur Krönung seines Schaffens »Die Lor...

ndPlusKarlen Vesper

Rosa L. war entsetzt: Sie trägt Schürze!

Sie macht sich gut in meinem Bücherregal, die bunte Reihe »Jüdische Miniaturen«, ediert von Herman Simon, Leiter des Centrum Judaicum/Neue Synagoge in Berlin. Nun kann ich der beachtlichen Edition einen neuen Band hinzufügen, der 134. ist knallrot. Das passt. Er erinnert an Luise Kautsky. Günter Regneri beginnt mit ihrem tragischen Ende: Im September 1944 kommt eine 80-Jährige, völlig ent...

ndPlusIngolf Bossenz

Mut zur Demut

In einer Besprechung des Films »Das Erste Evangelium - Matthäus« von Pier Paolo Pasolini verwies der italienische Schriftsteller und Filmemacher Mario Soldati auf »die beiden Richtungen der Religion, die natürliche, evolutionäre (Petrus) und die dogmatische (Paulus)«. Treffender lässt sich die Ambivalenz des Katholisch-Kirchlichen kaum artikulieren. Was Soldati vor 50 Jahren mit dem Blick...

Seite 48
Hannah Will

Die Kulte unserer Ahnen

Angesichts der Renaissance der Religionen und fundamentalistischer Begleiterscheinungen ist dieses Buch hoch aktuell. Auch wenn es nicht direkte Antworten auf die Fragen gibt, wie es zu den massiven Gewalteruptionen im Namen einer Religion kommen konnte. In seiner Vorrede tangiert aber Bernhard Streck das Problem, dass sich seiner Meinung nach nicht mit der gängigen Interpretation von »falsch v...

ndPlusKurt Wernicke

Mit scharfen Augen

Die in der deutschen Geschichtsschreibung und Journalistik seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gepflegte Sicht auf den Wiener Kongress 1814/15 wurde bis vor wenigen Jahren durch die borussisch-kleindeutsche Einschätzung geprägt: Das große europäische Diplomatentreffen mit seinem Schlussstrich unter die napoleonische Ära habe die deutschen Hoffnungen auf einen einheitlichen Nationalstaat betroge...

Seite 49
ndPlusSilvia Ottow

Wer war Aphra Behn?

Auch der neue Frauenkalender aus dem Kölner Papyrossa-Verlag ist blau wie sein Vorgänger. Ich lege ihn neben den alten, abgewetzten von diesem Jahr, und es will mir scheinen, als hätte der Neue eine Diät gemacht. Der Eindruck mag jedoch täuschen. Zum Jahresende hin ist »Wir Frauen« immer vollgestopft mit Zettelchen aller Art, und ich habe so viele Adressen, Termine und Notizen in den 2014...

Jens Ebert

Keine »kleinen« Schicksale im Großen Krieg

Viel zu wenig Aufmerksamkeit wurde im Jubiläumsjahr den Auswirkungen der Schrecken des Ersten Weltkriegs auf die Kinder geschenkt. »Denn die Kinder, die in jenen Jahren aufwuchsen, wurden lebenslang von ihm geprägt«, wie Sonya Winterberg zu Recht bemerkt. Dankenswerterweise erschienen hierzu nun zwei Publikationen. Yury und Sonya Winterbergs haben Geschichten von Kindern und Jugendlichen ...

Gerhard Klas

Rebellinnen in Pink

In jüngster Zeit kamen in den Medien immer wieder Vergewaltigungen in Indien zur Sprache. Nun ist ein Buch erschienen, das den Widerstand von einfachen, armen Frauen gegen die alltägliche Gewalt und Unterdrückung beleuchtet. Amana Fontanella-Khan will über Frauen berichten, die sich wehren. Dabei ist sie auf die Gulabi Gang mit ihren mehreren Zehntausend Frauen gestoßen, die im zentralindischen...

Seite 50
Daniela Fuchs

»Ich werde mich erinnern ...«

Der Titel des Buches klingt wie ein Groschenroman. Doch auf ein Happy End, wo sich Liebende nach Umwegen und Ungemach endlich finden, wartet der Leser vergeblich. Die Französin Micheline Maurel hat an die Liebe geglaubt und ist bitter enttäuscht worden. Sie war 26 Jahre alt, als sie sich, heftig verliebt, dem polnischen Flieger Tadek, der nach dem Überfall Deutschlands auf seine Heimat nach Fra...

ndPlusKarlen Vesper

Mit einem Lächeln von seltsamem Zauber

Im Frühjahr 1852 fiel der Blick des Kaisers während der landesweiten Suche nach Gemahlinnen auf ein sechzehnjähriges Mädchen, und sie wurde als Konkubine ausgewählt. Keiner konnte ahnen, sie vor allem nicht, dass sie eines Tages die Herrscherin von China sein würde, das Schicksal von fast einem Drittel der Weltbevölkerung in ihren Händen liegen würde. Buch im nd-Shop bestellen: * Jung...

ndPlusHans Canjé

Eine anrührende Liebesgeschichte in einer lieblosen Zeit

Die junge Frau neben mir in der Bahn müht sich, die zierliche Handschrift über dem Foto der lächelnden grauhaarigen Frau auf dem Buchumschlag zu entziffern: »... sei innig umarmt und geküßt«. Sie lacht und fragt: »Wer schreibt denn noch so was?« Mir bleibt gerade noch Zeit zu sagen, dass eine Frau mit dieser Formel ihre Briefe an ihren zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilten Mann enden...

Seite 51
ndPlusHeinz Niemann

Beachtlich und achtenswert

In Anbetracht der Tatsache, dass generell die Geschichte der Arbeiterbewegung sowie speziell des Arbeiterwiderstandes gegen Hitler im heutigen Deutschland keine Lobby und institutionell keine Anbindung mehr hat, ist die von Gerhard A. Ritter, dem ehemaligen Professor an der FU Berlin, in Münster und München, herausgegebene Reihe nicht hoch genug zu würdigen. Nach den Studien zur Arbeiterklasse ...

Armin Jähne

Ein Meisterwerk erzählender Geschichtsschreibung

Das römische Weltreich erreichte seine größte territoriale Ausdehnung in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts unter Kaiser Trajan (98-117). Die heutige Europäische Union ist mit ihm fast identisch, abgesehen von den baltischen und skandinavischen Ländern, ausgenommen auch Polen. Zum damaligen Rom gehörten neben weiten Teilen der Türkei noch der Nahe Osten, Ägypten, Nordafrika und das nördliche...

Seite 52
Karlen Vesper

Staatlich organisierter Terror

Ich musste an Professor Mamlock denken, Hauptfigur des berühmten Dramas von Friedrich Wolf, geschrieben kurz nach Hitlers Machtantritt, als ich mich in dieses Buch hineinlas. Der Schriftseller und Arzt konnte das ganze Ausmaß des Verbrechens, das dem Judenboykott vom 1. April 1933 folgen sollte, nicht erahnen. Der Protagonist seines Stücks wird an jenem Tag am Betreten seiner Klinik gehindert u...

Maximilian Staude

Der Tod fährt stets mit

Nach »Totalschaden - Das Autohasserbuch« (2010) legt der Autor und Regisseur Klaus Gietinger nun mit »99 Crashes. Prominente Unfallopfer« eine erneute Abrechnung mit dem motorisierten Gefährt vor. An 99 Fallbeispielen kann der Leser chronologisch geordnet eine durchaus morbide, aber interessante und informative Reise durch die Geschichte der prominenten Kfz-Unfälle unternehmen. Gietinger,...

ndPlusFrank-Rainer Schurich

Unrecht am laufenden Band

Der Gerichtsreporter Gerhard Mauz hatte schon 1990 über den bedrückenden Zustand unserer Justiz geschrieben, die immer häufiger ein Hilfsinstrument der politisch Mächtigen wird und dabei das Volk, in dessen Namen sie richtet, aus den Augen verliert. Die Fälle, die der Gerichtsmediziner Gerhard Bundschuh in seinem neuen Buch seziert, beweisen, dass sich seit Mauz‘ Aussage vor fast 25 Jahren nich...

Seite 53
ndPlusMartin Koch

Zwischen Romeo und Julia stimmte die Mathematik

In Mathe war ich immer schlecht, hört man viele Menschen sagen, die dafür auch gleich eine Erklärung parat haben: Die seltsamen Symbole, die da verwendet werden, Gleichungen mit mehreren Unbekannten, Logarithmen, Vektoren - wer soll das alles verstehen? Und überhaupt, von einigen Rechenarten abgesehen, braucht kein Mensch in seinem Leben Mathematik. Die verbreitete Mathematikverdrossenhei...

Harald Loch

Alles Werden und Vergehen

»Der Tod geht uns nichts an.« Mit diesem Wort provozierte vor mehr als zweitausend Jahren Lukrez seine römischen Zeitgenossen. Er hatte in seinem philosophischen Lehrgedicht »De rerum natura« die Gedanken seines griechischen Vorbildes Epikur zu einer materialistischen Weltsicht weiterentwickelt, in der weder Gott noch Götter Platz haben, in der es keine unsterbliche Seele gibt und in der die Ma...

Seite 54
Michael Müller

Der Kampf um den Kopf

Einen (Macht-)Kampf um die Köpfe gab es schon immer. Im guten wie schlechten Sinne, mal als Aufklärung, mal als Manipulation. Dennoch ist das Instrumentarium dafür bis heute wenig effizient und wirkungsmäßig schlecht kalkulierbar. Selbst in der Werbebranche spottet man deshalb gern, dass die Hälfte des eingesetzten Geldes immer rausgeschmissen sei; man wisse vorher allerdings nie, welche Hälfte...

ndPlusMartin Koch

Urknall und Ursuppe

Physiker schätzen alles, was sich in Formeln fassen und berechnen lässt. Das gibt ihrer Suche nach Erkenntnis jene Sicherheit, von der Wissenschaftler anderer Disziplinen nicht einmal zu träumen wagen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Suche nach einer »Weltformel« bzw. Theorie, die die gesamte unbelebte Natur umfasst, von Physikern besonders eifrig betrieben wurde. Von Albert Ei...

Seite 56
ndPlusIrmtraud Gutschke

Siehst du einen Regenwurm auf dem Asphalt ...

November: Es ist neblig, regnerisch, und es weht ein kalter, böiger Wind, aber manchmal kann es auch Föhn geben. Das sind warme Luftströme aus dem Süden. Die Tiere spüren den nahenden Winter, Vorräte werden angelegt. Manche - Haselmäuse, Igel, Feldhamster - halten bald Winterschlaf. Vögel - Rauchschwalben, Weißstörche - haben sich schon früher für den Flug gen Süden gesammelt. Man staune: Der K...

Eva Peter

Das rätselhafte Tier

Was wissen Kinder noch von Gräsern und Bäumen und von den großen und kleinen Tieren, die dort leben? Können Eltern und Großeltern noch die Namen von Wildblumen nennen? Ja, haben sie überhaupt noch das Gefühl, dass dies irgendwie von Bedeutung ist? Der heimischen Natur gehört in dem riesigen Wissensberg, den Kinder bewältigen müssen, derzeit nur ein kleiner Raum. Schulstoff bestenfalls für die j...

Sabine Neubert

Flora 717 und ihr abenteuerliches Leben

Dies ist ein Roman für Erwachsene, den zu lesen glücklich und ein bisschen nachdenklich macht. Dabei hat man besondere Freude an den Schilderungen einfacher und doch so reicher, erhaltenswerter Natur, eines verwilderten Obstgartens, alter Bäume, weiter Felder im Wechsel der Jahreszeiten und »der Süße von eintausend Blumen«, wie es einmal so schön heißt, vor allem aber am Leben und Geschick der ...