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UNTEN LINKS

Was einst der Kalte Krieg war, ist heute die kalte Progression. Den Begriff näher zu erläutern, würde an dieser Stelle zu weit führen. Nur so viel: Sie könnte, wenn sie gar grimmig kalt und progressiv ist, unser aller Hab und Gut auffressen. Einfach so. Deshalb sollte uns die jetzt verkündete Botschaft des Bundesfinanzministeriums sehr erleichtern, »dass in diesem Jahr voraussichtlich keine kal...

ndPlusUwe Kalbe

Wind gesät

Aus der Politik kommen Töne, die nur als Brandbeschleunigung betrachtet werden können. In einem zunehmenden Wind. Als zuletzt Asylbewerber vor 25 Jahren in großer Zahl in den Westen kamen, brannten erst Heime, dann kippte die Politik das geltende Asylrecht.

Anna Maldini, Rom

Verhärtete Fronten in Italien

In 54 italienischen Städten haben am Freitag Arbeitnehmer, Schüler, Studenten und Rentner im Rahmen des Generalstreiks protestiert.

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Kampf gegen die Mietpreisbremse

Es rächt sich, dass die Große Koalition sich so viel Zeit lässt, die im Wahlkampf 2013 von SPD und Union versprochene Mietpreisbremse zu beschließen.

ndPlusOlaf Standke

Anklagebank gesucht

Es hat gedauert, aber dann nahm CIA-Chef John Brennan auf einer seiner seltenen Pressekonferenzen doch Stellung zu den Foltervorwürfen gegen den Dienst - ohne das Wort Folter in den Mund zu nehmen.

ndPlusKurt Stenger

Auf Öl gebaut

Dass die Finanzmärkte durch Regulierungen mittlerweise krisenresistent gemacht worden sind, daran glaubt niemand ernsthaft. Viele Experten hatten damit gerechnet, dass zuerst die mit billigem Geld der Notenbanken aufgepumpten Spekulationsblasen bei Aktien und Immobilien platzen würden. Sie haben sich geirrt - los geht es beim Öl.

ndPlusMarcus Meier, Bochum

Kämpfer

Es war der allerletzte Strohhalm, den Rainer Einenkel ergriff: Per Klage wollte der langjährige Betriebsratschef von Opel Bochum die Verlagerung der »Zafira«-Produktion von Bochum an den Firmen-Stammsitz Rüsselsheim verhindern.

Im Kirschgarten

Einmal wollte auch ich ein Krisenfeuilleton über die europäisch angeleitete Verarmung der Griechen geschrieben haben. Da ich kein Wort Griechisch spreche, aber einigermaßen Rumänisch, steuerte ich die paar Bauerndörfer an Griechenlands Nordrand an.

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Monika Lege

Sabotage an klimafreundlicher Mobilität

Jedes Jahr am zweiten Dezemberwochenende wechselt der Fahrplan der Deutschen Bahn (DB). Fahrgäste blicken dem Termin mit Bangen entgegen, denn meistens gibt es dann weniger Leistung für mehr Geld.

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René Heilig

Und immer marschiert Verständnis mit

Die Innenminister von Bund und Ländern warnten »vor der zunehmenden islam- und ausländerfeindlichen Hetze«. Doch fordern sie auch, die Ausländer-raus-Marschierer »nicht in die rechte Ecke zu stellen«.

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ndPlusUlrike Henning

Ärzte in der Zwickmühle

Was dürfen und was wollen Ärzte tun, wenn ihre schwerkranken Patienten sterben wollen? Die Bundesärztekammer versuchte am Freitag in Berlin, in der Debatte um die Sterbehilfe eine einheitliche Position für den Berufsstand zu beziehen. Die Berufsvertretung positioniert sich damit zu einem Gesetzgebungsverfahren, das für das kommende Jahr vorgesehen ist. Dabei sollen ärztlich assistierter Suizid und...

ndPlusSebastian Haak, Erfurt

Ein bisschen Frieden

Selbstverständlich zeigte sich die CDU unzufrieden mit der ersten Regierungserklärung von Bodo Ramelow. Gemessen an den vergangenen heftigen Angriffen schien der Unmut aber ziemlich klein.

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Scharfe Worte in ukrainischer Waffenruhe

New York. Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow hat die USA verantwortlich gemacht für einen »neuen Kalten Krieg« zwischen Russland und dem Westen. »Ich habe gelernt, dass du den Amerikanern zuhören kannst, aber du kannst ihnen nicht trauen«, sagte er dem US-Magazin »Time«. »Wenn sie etwas wollen, stellen sie die Welt auf den Kopf, um es zu erreichen.«Harsche Kritik an Indien äußerte der uk...

Gregor Waschinski, Washington

Rotzig-trotzig: Brennan

Als die CIA mutmaßliche Al-Kaida-Anhänger rund um die Welt einkerkerte und brutal verhörte, war John Brennan die Nummer zwei des US-Geheimdienstes und zuständig für Terrorbekämpfung.

ndPlusIrina Wolkowa, Moskau

Die Türkei zwischen den Pipelines

Trotz der demonstrativen Übereinkunft der Präsidenten über eine russische Gasleitung will die Türkei offenbar doch eigene Prioritäten setzen.

ndPlusToms Ancitis, Riga

Lettland ist sanfter als die Nachbarn

Lettland und Litauern sind baltische Nachbarn. Sie haben ähnliche Sorgen angesichts des mächtigen Russland vor ihrer Haustür, gehen aber unterschiedlich damit um.

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Katharina Millar, Dublin

In Irland ist das Fass übergelaufen

Die Iren sind auf die sprichwörtlichen Barrikaden gegangen wegen der Idee, ab 2015 für ihr Wasser zahlen zu müssen.

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Gespräche über Lizenz

München. Die rund 3000 Beschäftigten der geschlossenen Burger-King-Restaurants können möglicherweise bald wieder an die Arbeit gehen. Es gebe Man intensive Gespräche über die Vergabe einer befristeten Lizenz zur Nutzung der Marke Burger King an die 89 Restaurants, sagte ein Sprecher der Fast-Food-Kette am Freitag. Im Falle einer Einigung könnte es bereits in der kommenden Woche zu einer Wiedere...

Ölpreis weiter auf Talfahrt

Paris. Die Nachfrage nach Erdöl dürfte trotz sehr niedriger Preise im kommenden Jahr langsamer wachsen als zuletzt angenommen. Die weltweite Nachfrage nach Erdöl werde um 900 000 Barrel auf täglich 93,3 Millionen Barrel ansteigen, teilte die Internationale Energieagentur am Freitag mit. Zuletzt war die Energieagentur noch von einer Nachfrage von täglich 93,6 Millionen Barrel pro Tag ausgegangen...

Grit Gernhardt

Weiter Unklarheit im Regal

Ab Samstag gilt die neue Lebensmittelinformations-Verordnung in Deutschland. Verbraucherschützern geht sie nicht weit genug.

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Lichtgrenze

Lichtgrenze« - in Anspielung auf die Feiern zum Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren - ist das Wort des Jahres 2014. Das gab die Gesellschaft für deutsche Sprache am Freitag in Wiesbaden bekannt. Eine Installation aus Tausenden leuchtenden Ballons hatte zum Jahrestag am 9. November an den Verlauf der Mauer und die frühere Teilung der Stadt erinnert.Auf Platz zwei folgt die »Schwarze Null« für die...

Martin Hatzius

Reim auf die Woche

Die Chefin ist der Chef geblieben, 
Doch einer, zählt man, hat gepennt, 
Denn Sechsundneunzig komma sieben
 Sind doch nicht hundertzwei Prozent. Auf ewig der Partei zu dienen,
 Das bleibe ihr und der erspart,
 Man sah schon menschliche Maschinen
 In kalter Progression erstarrt. Der Fortschritt im Dezemberregen
 Ist in der Regel klamm u...

200 Anfragen

Die Taskforce «Schwabinger Kunstfund» hat inzwischen mehr als 200 Anfragen von Angehörigen möglicher Opfer des NS-Kunstraubs, die sich gezielt auf bestimmte Werke beziehen. «Wir gehen jedem Einzelfall nach, darauf haben die Menschen einen Anspruch», sagt Taskforce-Chefin Ingeborg Berggreen-Merkel. Sorg- falt müsse vor Schnelligkeit gehen.«Das Kunstmuseum Bern hatte bei der Annahme des Erbes von Co...

Lange Liste

Deutschland nimmt 27 Traditionen und Wissensformen vom rheinischen Karneval bis zur deutschen Brotkultur in ein nationales Verzeichnis zum immateriellen Kulturerbe auf. Aus dieser Liste wird zudem die Genossenschaftsidee der UN-Kulturorganisation UNESCO als erste internationale Nominierung vorgeschlagen, wie die Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder am Freitag in Berlin mitteilte. Eine solche F...

In Sachen »Friedenswinter«

Protest gegen Krieg und Militarisierung ist wichtig - aber auch im Bündnis mit jedem? Was soll man also vom "Friedenswinter" halten, der seit Wochen für heftige Debatten sorgt? Ein Pro und ein Contra.

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ndPlusAlexander Neumann

Kluges Feinsehen

Am heutigen Samstag wird in Düsseldorf der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf an den Filmemacher Alexander Kluge verliehen. Ein würdiger Preisträger. In Alexander Kluges Stil glüht heineske Ironie. Sein Buchtitel Kluges Fernsehen allein ist koscher Humor: flirrendes Farbfernsehen als schwarzer Schriftzug auf monochrom bedrucktem Karton, bei Suhrkamp. Kluge und Heine teilen den frankophilen ...

Jan Freitag

Geschichte eines endlosen Abstiegs

»Wetten, dass …?« wird beerdigt. Besser noch: hingerichtet. Auf dem Schafott liegt der Zauber seiner Kindheit. Denn mit dem letzten Lagerfeuer generationenübergreifender Unterhaltung stirbt die Samstagabendshow insgesamt.

Gunnar Decker

Eine femme fatale?

Die Urteile ihrer Zeitgenossen sind extrem: »Sie war eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake«, heißt es bei Marietta Torberg. Und Claire Goll macht aus ihrem Hass keinen Hehl: »Wer Alma Mahler zur Frau hat, muß sterben. Franz Werfel ließ sich dabei etwas Zeit; Alma hatte beschlossen, ihn auf kleiner Flamme zu schmoren.« Trotzdem waren die berühmten Männer ihrer Zeit alle begierig, sie, die ei...

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Aljona nun mit Bruno

Premiere in Stuttgart: Weltmeisterin Aljona Sawtschenko wird bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften am Samstag erstmals mit ihrem neuen französischen Partner Bruno Massot zu sehen sein.

ndPlusHajo Obuchoff

Wenig gute Aussichten für Jena

Seit unserem Bericht aus Jena im März gibt es Neues vom FC Carl Zeiss zu berichten: Ein anderer Präsident, wieder ein frischer Trainer und ein neues Buch über den Verein vom nd-Autor Matthias Koch.

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Lars Becker

Nächster Stopp im Ural

Angeführt von Skiflug-Weltmeister Severin Freund reist die deutsche Skisprung-Nationalmannschaft zur Weltcup-Premiere in Nischni Tagil.

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Präsident ahnungslos?

Die Vorgänge um den rasanten Aufbau der Infrastruktur für Flüchtlingsunterkünfte in Berlin werfen weiter Fragen auf. Zwar hat die Innenrevision des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGeSO) bereits in der vergangenen Woche in einem vorläufigen Bericht erklärt, nach Aktenlage gäbe es keine Hinweise auf Vetternwirtschaft. Das klingt nach Entlastung. Doch bei näherer Betrachtung mutet diese Feststellung erstaunlich an, denn die Prüfer sollen nach der Sichtung der Akten selber einen mangelhaften Eindruck gehabt haben.

Containerdorf in Köpenick soll eröffnen

Das erste Wohncontainerdorf für Flüchtlinge in Berlin-Köpenick soll nach Angaben des Senats am 15. oder 19. Dezember schlüsselfertig übergeben werden. Das habe der Lieferant - das Container-Handelsbüro Peter Bonitz e.K. - vertraglich zugesichert, antwortete Sozial-Staatssekretär Dirk Gerstle auf eine Parlamentarische Anfrage der Piratenfraktion. Die Kosten für die Container mit Platz für 400 Asylb...

Marlene Göring

Im Zentrum der Verantwortung

»Ich habe mit der Vergabe nichts zu tun« - so hat sich der LAGeSo-Chef bisher aus der möglichen Amigo-Affäre um Asylheime herausgeredet. Dass es so einfach nicht ist, zeigen nun zwei Dokumente.

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ndPlusGudrun Janicke, dpa

Wenige Lehrer für Asylkinder

Kinder, die als Flüchtlinge oder Asylbewerber nach Brandenburg kommen, können kaum ein Wort Deutsch. Für ihre Lehrer ist das eine Herausforderung.

Josephine Schulz

»Ausgespuckt« und ohne Chance

Pro 1000 Haushalte werden in Marzahn jährlich neun Haushalte geräumt - Spitze in Berlin. Das Hilfesystem versagt.

Andreas Fritsche

Wohnungen für Flüchtlinge gesucht

»Das Ziel, alle Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen, hat für uns oberste Priorität«, sagt Sozialministerin Golze bei einem Besuch in Neuruppiner Asylheim.

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Bombe Nr. 24 lag im Buga-Gelände

Stuttgart. Baden-Württembergs Kampfmittelbeseitiger haben in diesem Jahr doppelt so viele Bomben gefunden wie sonst. 24 Blindgänger über 50 Kilogramm sind bislang ausgegraben und entschärft worden, wie Ralf Vendel, Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD), der dpa in Stuttgart mitteilte. In durchschnittlichen Jahren würden sechs bis zwölf größere Bomben gefunden. Und jede Menge sonstiges ...

»Adrian, was würdest du geben?«

Sie fehlen bald auf dem Land - Hausärzte. Die Universität in Halle will nicht tatenlos zusehen. Sie schickt junge Medizinstudenten in die Provinz, wo sie eines Tages selbst Landarzt werden könnten.

ndPlusThomas Schwandt, Rostock

Rostock sieht sich kleingerechnet

Die Hafenumschlagsprognose des Bundes vom April hatte die Macher im Rostocker Hafen »überrascht«. Sie war von nur 1,2 Prozent jährlichem Wachstum ausgegangen. Nun gibt es ein Gegengutachten.

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Kinder im KZ

An diesem Samstag, 16 Uhr, erinnert das Kulturhaus Karlshorst mit einer Veranstaltung an den Mut jener internationalen Gruppe von Häftlingsfrauen, die 1944 für ca. 400 inhaftierte Kinder unter Entbehrungen und Gefahren eine Weihnachtsfeier im KZ Ravensbrück organisiert hatte, für die sie der SS die Erlaubnis abgetrotzt hatte. nd...

2015 Karneval der Kulturen?

Für das nächste Jahr steht die derzeitige Leitung des Karnevals der Kulturen nicht mehr zur Verfügung. Hintergrund ist die ungeklärte Frage, wer für die Mehrkosten aufkommt, die durch ein überarbeitetes Sicherheitskonzept entstehen. Laut Angaben der Leitung hat sich das Büro der Integrationsbeauftragen bis heute nicht entschieden, ob es die zusätzlichen Kosten übernimmt. Für das Leitungsteam sei e...

Israel ehrt Retter

Als »Gerechte unter den Völkern« ehrt Israel am kommenden Montag in Berlin posthum den deutschen Künstler Otto Pankok, dessen Ehefrau Hulda Pankok und den katholischen Priester Joseph Emonds. Bei der Feierstunde im Plenarsaal des Kammergerichts werde Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman Angehörigen der Geehrten eine Ehrenurkunde und eine Medaille von Yad Vashem überreichen, teilte die Botsch...

Nur noch 258 Haupterwerbsfischer an der Ostsee

Volle Heringsnetze bei niedrigen Quoten, weniger Kutter- und Küstenfischer, die Sorge um die Zertifizierung der Heringsfischerei: Die Fischer ziehen eine gemischte Bilanz für 2014.

ndPlusThomas Blum

Debussy trifft Dizzy

Vermutlich würde bis heute kein Mensch in Westeuropa die Musik des mittlerweile über 70 Jahre alten Äthiopiers Mulatu Astatke kennen - der in seiner Heimat seit Jahrzehnten ein Star ist -, wenn seine psychomotorisch stimulierenden Klänge nicht in Jim Jarmuschs Spielfilm »Broken Flowers« (2005) eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hätten: Ein melancholischer, zerknitterter Bill Murray schiebt in ...

ndPlusSteffi Schweizer

Zeit fürs Neinerlaa

Im Erzgebirge genießt man in der Weihnachtszeit das Traditionsessen Neinerlaa. Die Speisen sind überall fast gleich, doch jede Familie interpretiert sie anders.

ndPlusTom Mustroph

Trips ohne Drogen

Die Zukunft liegt manchmal in der Vergangenheit. Einen verblüffenden Rückblick auf Architekturutopien der 60er und frühen 70er Jahre liefert die Ausstellung »Haus-Rucker-Co. Architekturutopie Reloaded« im Haus am Waldsee. Die 1967 in Wien zueinander gefundene und später nach Düsseldorf übergesiedelte Architekten- und Künstlergruppe beschäftigte sich vor allem mit bewusstseinserweiternden Raumkonze...

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Sieben Tage, 
sieben Nächte

In Thüringen sind in dieser Woche weder die Bananen noch die Bratwürste ausgegangen. Man muss darauf ausdrücklich hinweisen. Noch Ende der vergangenen Woche betrugen sich vor allem Politiker der Union so, als ob mit dem Amtsantritt der ersten rot-rot-grünen Landesregierung Schlimmes drohe.

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ndPlusWolfgang Storz

Merkels 
Macht

Angela Merkel ist die stärkste politische Figur (mindestens) in Westeuropa. Frei von Korruption und Affären, ungewöhnlich in politischen Eliten, regiert sie Deutschland seit Ende 2005. Warum verflixt noch mal ist diese Frau so stark?

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ndPlusSimon Poelchau

Lieber Neuseeland als Knast

Das Dresdner Amtsgericht verurteilte Tim H. vor knapp zwei Jahren zu 22 Monaten Gefängnis ohne Bewährung, obwohl er nicht vorbestraft war, und für Taten, die er nicht selbst begangen hat. Simon Poelchau hat ihn getroffen.

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Wenn die Händler rebellieren

Das Buch »Flash Boys. Revolte an der Wall Street« ist zwar ein Sachbuch, allerdings in der angelsächsischen Tradition. Es hat erzählende Elemente und Protagonisten. Teilweise liest es sich wie ein Thriller. Doch es beruht auf langen Recherchegesprächen mit Akteuren des Hochfrequenzhandels. Zum Beispiel mit Brad Katsuyama, der den Machenschaften der Hochfrequenzhändler in mühevoller jahrelanger Arb...

Guido Speckmann

Der Blitzbetrug

Hochfrequenzhandel ist das jüngste Extrem des Finanzkapitalismus. Rasend schnell handeln Computer automatisch Wertpapiere. Das Beängstigende: Die Algorithmen haben die Macht über ihre Erschaffer gewonnen.

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ndPlusLeo Fischer

Nobeldeutsche

Im Sport hat man sich ja schon länger daran gewöhnt. Nun also auch bei den Nobelpreisen: Das Radio unterstreicht ausschließlich die Tatsache, dass einer der unseren, ein Deutscher nämlich, beim Chemie-Nobelpreis mit dranpappte.

Ruhmloser Abgang eines Genies

Der Sohn eines Webereiangestellten war noch ein kleines Kind, als sein Vater starb. Daraufhin zog er mit seiner Mutter in das Haus seines Großvaters, der als Schuhmacher arbeitete. Viel Geld hatte die Familie nicht, so dass er seine Kindheit und Jugend in eher ärmlichen Verhältnissen verbrachte. Nach dem Besuch des Realgymnasiums sollte er eigentlich Lehrer werden. Doch sein Interesse galt der Med...

Von Martin Koch

Erotik für den Alltag

Gewöhnlich beginnen Liebesbeziehungen mit einem nicht anders als rauschhaft zu nennenden Glücksgefühl. Man hat, wie der Volksmund sagt, Schmetterlinge im Bauch. Von früh bis spät und selbst dann, wenn wir es gar nicht wollen, ist unser Kopf voll von Gedanken an die geliebte Person, die dabei häufig über alle Maßen idealisiert wird. Im Zustand des Verliebtseins neigen viele deshalb dazu, ihre Ge...

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ndPlusJürgen Amendt

Das Gymnasium ist die neue Hauptschule

Im vergangenen Jahr gab es erstmals mehr Studenten als Auszubildende im Dualen Berufsbildungssystem. Diese Entwicklung ist gewissermaßen der Ausgangspunkt für Julian Nida-Rümelins Alarmschrift »Akademisierungswahn«.

Seite 24
ndPlusLena Tietgen

Warum nicht »auf Halde« ausbilden?

Erneut blockiert die Politik der Kurzatmigkeit sinnvolle Antworten auf Ausbildungs- und Studienanforderungen. Schon in den 1970er Jahren entwickelte sich in der alten Bundesrepublik eine paradoxe Situation: Einerseits nahm die Jugendarbeitslosigkeit zu und stieg die Zahl der Studenten, andererseits beklagte die Wirtschaft einen Mangel an qualifiziertem Nachwuchs. Als Antwort auf die in den 1960...

Lena Tietgen

Run auf die Uni

Die Zahl der Studierenden steigt unaufhörlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind mittlerweile fast 2,7 Millionen Menschen an den Hochschulen eingeschrieben. Damit erhöhte sich die Zahl der Studierenden im Vergleich zum vergangenen Wintersemester um gut drei Prozent. Ein Umstand, der vielen Probleme bereitet. Den Hochschulen, die wegen der Schuldenbremse, die sich die öffentl...

Ralf Hutter

Informatiker mit historischem Bewusstsein

Menschenähnliche Roboter, autonom im Straßenverkehr fahrende Autos - das sind eigentlich Entwicklungen, die angesichts der Existenz von Drohnen, nicht nur von hier aus gesteuert am anderen Ende der Welt töten, sondern bald allgegenwärtig sein werden, vielen Angst machen. Zumal in einer Zeit, in der Rüstungsfirmen wie Militärs sich zunehmend auf Aufstandsbekämpfung und Massenkontrolle spezialisi...

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Peter Nowak

Viktor Agartz

Nach seinem Tod war er recht bald vergessen. Erst in den letzten Jahren setzten sich gewerkschaftliche Initiativen für seine Rehabilitierung ein. Von einer Rückkehr des Viktor Agartz, wie der Titel einer Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung lautete, kann allerdings nicht geredet werden. Am 9. Dezember jährte sich zum 50. Mal sein Todestag. Der 1887 in Remscheid geborene marxistische Nationalökonom w...

ndPlusArno Klönne

Wer braucht in Europa ein kollektives Feuer?

Zum zweiten Mal ist jetzt, wenn man dem medialen Marketing glauben will, einem in England lehrenden Historiker ein »großer Wurf« im geschichtspolitischen Diskurs gelungen: Nach Christopher Clarks »Schlafwandlern« bietet Brendan Simms vor allem dem deutschen Publikum ein Narrativ an, das nationales Selbstbewusstsein zu ertüchtigen vermag. Auch dieses Werk hat die Deutsche Verlagsanstalt herausgebra...

ndPlusKarl-Heinz Gräfe

Von Jalta nach Malta

Der sowjetisch-amerikanische Gipfel in Malta, der achtzehnte dieser Größenordnung seit dem Krimtreffen der Alliierten gegen Hitlerdeutschland im Februar 1945, ging gleichfalls wie der viereinhalb Jahrzehnte zuvor in Jalta, als Roosevelt und Stalin ihre Nachkriegsinteressen und Einflusszonen abgesteckt hatten, als Zäsur in die Weltgeschichte ein. Im Hafen von Valletta debattierten an Bord des sowje...

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ndPlusIris Rapoport

Die Stressfeuerwehr

Adventsnachmittag. Kerzenschein. Plötzlich brennende Tannenzweige! Aufspringen und Löschen sind eins. Dann - Herzklopfen, schnelles Atmen, Muskelanspannung und Schwitzen. Das war Adrenalin! Das kleine Molekül erzwingt, dass wir blitzschnell auf eine Gefahr reagieren. Und auch die dazu benötigte Energie wird gleich mitmobilisiert. Adrenalin wird sowohl im Nebennierenmark als auch in Neuron...

Hermannus Pfeiffer

Schmutzige Seefahrt

Die Schifffahrt steckt in der Krise. Die Frachtraten fallen, die Ladungsmengen liegen noch immer unter denen vor 2008 und die Überkapazitäten nehmen durch Neubauten weiter zu. Längerfristig betrachtet lässt sich die Geschichte der Seefahrt als Erfolgsstory lesen. Das jedenfalls zeigt eine Datenauswertung der American Geophysical Union (AGU - Amerikanische Geophysikalische Vereinigung) in Washin...

Richard Rabensaat

Spielerisch zur Akzeptanz

Die Energiewende, die von der Bundeskanzlerin nach dem Unglück von Fukushima mit Verve vorangetrieben worden ist, stockt gegenwärtig. Um sie wieder anzuschieben, hat die Bundesregierung ein groß angelegtes Forschungsprogramm gestartet. Daran ist auch der Potsdamer Politikwissenschaftler Jochen Franzke beteiligt. Zumindest bei manchen Akzeptanzproblemen könnten Rollenspiele die Lösung sein, verm...

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Martin Koch

Ein Labor für die Welt

Nicht nur unter Wissenschaftlern, auch weit über die Grenzen der Wissenschaft hinaus genießt es längst einen legendären Ruf: das im Schweizer Kanton Genf gelegene europäische Kernforschungszentrum CERN, das derzeit als größtes Laboratorium der Welt gilt. Hier fahnden Physiker schon seit Jahrzehnten nach den fundamentalen Teilchen der Materie. Von hier nimmt aber auch ein Wissenschaftsthriller s...

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Mike Mlynar

Aus der Tonne gerettet

Politik, also der ewige Kampf um Macht und Deutungshoheit, braucht dreierlei: Gewalt, Geld sowie Geltungsdrang und -geschick. Das war immer so und wird wohl auch so bleiben. Verschoben haben sich da und dort allerdings die überkommenen Proportionen zwischen diesen Agenzien. Zuständig dafür, dass diese Hebelmechanismen der Politik heute hierzulande weniger als Knebelmechanismen spürbar sin...

Einzelspieler vor dem Aus

Sind Computerspiele oft bloß noch Mogelpackungen, also glänzende Cover, ausgefeilte Grafik, aber tumbe Aktionen? Machen nur noch Online-Games Spaß, und werden Brettspiele bald passé sein? Professor Gunther Rehfeld (53) beschäftigt sich an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg mit der elektronischen Unterhaltungskultur. Im nd-Gespräch mit René Gralla verrät er seine Lieblingsspiele und gibt eine überraschende Erklärung dafür ab, warum die revolutionsbewegten 68-er gescheitert sind. Foto: privat

Seite 30
ndPlusStephan Brünjes

Dein Rauch komme …

Zuerst ist da dieser Geruch: Etwas beißend, leicht süßlich startet er sofort das Kopfkino: Mit Bildern eines Pfarrers, der ein qualmendes Messinggefäß schwenkt, dem Geräusch der daran rasselnden Kette und entweichenden Rauchschwaden, die durchs Kirchenschiff ziehen. Ein deutscher Weihnachtsgottesdienst flimmert vorm inneren Auge vorbei - dabei stehen wir mitten im Markttreiben der omanischen Ha...

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Michael Müller

Punktsieg im Latmosgebirge?

Friedrich Justin Bertuch will gerade zur Sache kommen. Erstmals hat er seine junge Frau heimgeführt ins prächtige Palais, da stört Lärm vorm Portal. Bertuch öffnet, wird von zwei jungen Männern in die Empfangshalle gedrängt. Sie beschimpfen ihn als »Spießer«, mokieren sich, dass er die Wände mit Tapeten verziert, und reißen sie mit ihren Schwertern herunter. Sie zünden ein Buch auf seinem Schre...

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ndPlusChristina Matte

»Da muss ich was machen«

Was treibt einen Mann dazu, Briefe an Päpste, UNO-Generalsekretäre, Friedensnobelpreisträger, Staatspräsidenten, Außenminister und Botschafter der verschiedensten Länder zu schreiben? Er sagt, es sei sein Gerechtigkeitssinn. Schon als Junge habe er sich gegen Ungerechtigkeit aufgelehnt, Schwächeren beigestanden und Streitigkeiten geschlichtet. Der Junge: ein Umsiedlerkind. Geboren 1943 in...