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UNTEN LINKS

Nachdem die Pegida-Bewegung immerhin eine ganze Menge Leute dazu verleitet hat, regelmäßig hinaus an die frische Luft zu gehen, hier ein paar Tipps, womit sich der kundgebungsgestützte Volkszorn im neuen Jahr sonst noch so beschäftigen könnte: Patriotische Fußgänger für das Verbot von Hundescheiße (Pafuhu). Patriotische Fußballfans gegen die Allmacht von Bayern München (Pafuba). Patriotische Fe...

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ndPlusRoland Etzel

Al Dschasira hat ausgeleuchtet

Es gab eine noch gar nicht so lange zurückliegende Zeit, da wurden obrigkeitsfeindliche Versammlungen in Ägyptens Hauptstadt als Kulmination des Arabischen Frühlings, als demokratischer Aufbruch einer ganzen Region schlechthin gepriesen.

Fabian Lambeck

Arbeiten bis 70 ist keine Lösung

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, hat sich dafür ausgesprochen, Berufstätige »freiwillig« bis 70 arbeiten zu lassen. Damit reiht er sich ein in jenen Chor der neoliberalen Ökonomen und vom Sachzwang getriebenen Politiker, die seit längerem darauf drängen, den Rentenbeginn in Deutschland flexibler zu gestalten.

ndPlusRegina Stötzel

Neuer Grad des Zynismus

Es ist ungefähr so, als würden Immobilienhändler Drogendealern Geldgier vorwerfen – wäre es nicht zynisch, Warengeschäfte mit dem Handel von Menschenschicksalen zu vergleichen: Frontex, erste Repräsentantin in Sachen europäischer Willkommenskultur, hat mit Blick auf die Geisterschiffe vor Italien von einem »neuen Grad der Grausamkeit« der Schlepper gesprochen.

Markus Drescher

Die Fahrt geht weiter

Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen! Ab Montag ist es einer weniger. Dann wird nach mehr als drei Jahren des Wegsperrens ein politischer Häftling freigelassen, der von der sächsischen Justiz ohne Urteil hinter Gittern geparkt wurde.

Im Nationalen Tabakladen

Seit sich die lustigste Baracke des Ostblocks in das vielleicht grimmigste Exerzierfeld verwandelt hat, fahre ich nicht mehr so gern nach Ungarn. Und jetzt plötzlich das.

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ndPlusTom Strohschneider

Zwischen Athen und Anhalt

Gegen den Rechtsruck eine neue, nicht bloß symbolische Politik der Solidarität populär zu machen, ist so nötig wie schwierig. Mit Demonstrationen gegen Rassismus und der klaren Abgrenzung gegenüber antiaufklärerischem Furor wird es nicht getan sein.

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ndPlusChristine Wiid

Profit mit Graphit

Eine Strom- und Wasserversorgung ist im mosambikanischen Distrikt Ancuabe die Ausnahme. Immerhin sorgen neue große Getreidesilos für bessere Lagermöglichkeiten und damit Einkommensperspektiven.

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Bandera-Marsch

Kiew. Tausende Sympathisanten rechtsextremer Parteien der Ukraine haben in Kiew anlässlich des 106. Geburtstags des radikalen Nationalisten Stepan Bandera einen Fackelmarsch abgehalten. Der Anführer der Partei »Swoboda«, Oleg Tjagnibok, forderte die Führung des Landes auf, Bandera zum Helden der Ukraine zu erklären. Auch Anhänger des radikalen Rechten Sektors nahmen teil. Die Veranstalter sprac...

Bruguera zeigt sich enttäuscht

Havanna. Die vorübergehend festgenommene kubanische Künstlerin Tania Bruguera hat der Regierung in Havanna eine durch Ängste fehlgeleitete Politik vorgeworfen. Mit der Festnahme von ihr und 50 weiteren Regierungskritikern hätten die Behörden »eine Lektion in Intoleranz erteilt«, sagte die 46-Jährige gegenüber AFP. »Die Regierung hat die Arbeit für mich erledigt.« Mit den Festnahmen habe die kub...

DHKP-C bekennt sich

Die verbotene linksextreme Untergrundorganisation DHKP-C will den versuchten Anschlag auf den Dolmabahce-Palast in Istanbul geplant haben.

ndPlusAndreas Landwehr, Shanghai

»Verschätzt« in Shanghai

Nach der Massenpanik mit mindestens 36 Toten in Shanghai wächst in China die Kritik an den Behörden. Ihnen wird vorgeworfen, nicht ausreichend auf die Menschenmenge vorbereitet gewesen zu sein. Die Polizei gab Fehler zu.

ndPlusIrina Wolkowa, Moskau

Gemeinsamer Markt für Eurasien

Die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) ist seit Beginn des neuen Jahres Realität: ein neues ehrgeiziges Projekt von Nachfolgern der Sowjetunion.

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ndPlusVincent Körner

Sachsen soll Abschiebungen aussetzen

In Sachsen wird der Ruf nach einem Winter-Abschiebestopp wie etwa in Thüringen lauter. Nach einem drastischen Ausweisungsfall in Leipzig fordern Linkspartei und Grüne die Landesregierung zur Abkehr von ihrem asylfeindlichen Kurs auf. »Mitten in der Nacht werden traumatisierte Menschen unter widrigen Bedingungen abgeschoben - ohne Rücksicht auf die harten winterlichen Bedingungen in ihren Herkunfts...

ndPlusKatja Herzberg

Fragile Frachter im Mittelmeer

Schleuser nutzten in den letzten Tagen alte Frachter, um Flüchtlinge nach Europa zu bringen. Nur mit vollem Einsatz konnte die italienische Küstenwache binnen weniger Tage zwei Unglücke verhindern.

Aert van Riel

CSU will schneller abschieben

Die CSU wirbt wieder einmal um Wähler vom rechten Rand. In einem Papier, das demnächst bei der traditionellen Neujahrsklausur beschlossen werden soll, finden sich Drohungen gegen Asylbewerber.

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S21 erneut auf dem Prüfstand

Berlin. Die Fraktionen der Grünen und LINKEN wollen den umstritten Bau des Suttgarter Bahnhofs erneut zum Thema im Bundestag machen. »Wir fordern mehr Transparenz und eine ehrliche Bewertung von Kosten und Leistungsfähigkeit« von Stuttgart 21, begründeten die Grünen am Freitag in Berlin einen gemeinsamen Antrag auf eine öffentliche Anhörung des Themas im Bundestag. Der Bund als Eigentümer der Deut...

Brand in Asylheim

Köln. In Köln ist am Donnerstagabend eine Flüchtlingsunterkunft ausgebrannt. Das aus 23 Wohncontainern bestehende Asylheim im Stadtteil Mülheim wurde durch das Feuer so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass es vorerst nicht mehr bewohnbar ist, wie die Feuerwehr Köln mitteilte. Ein Sprecher der Polizei sagte dem epd, es gebe bislang keine Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund. Ersten E...

ndPlusUlrike Henning

Ohne Foto droht Schikane

Mehr als eine Milliarde Euro hat die Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte gekostet. Wer ab jetzt ohne sie einen Arzt konsultiert, wird wie ein Privatpatient behandelt und erhält eine Rechnung.

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Warnung vor neugierigen Krankenkassen

Berlin. Die Verbraucherzentralen warnen vor einem sorglosen Umgang mit persönlichen Daten bei digitalen Gesundheitsangeboten. Solche neuartigen Modelle, die bei gesundem Lebenswandel geringere Tarife in Aussicht stellten, seien eine Abkehr von der solidarischen Versicherung, sagte der Chef des Verbraucherzentralen-Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, der Deutschen Presseagentur. Etwa bei Gesund...

ndPlusSusanne Ehlerding

Dauerblinken ade

Wer sich 2015 ein neues Gerät für den Internetzugang anschafft, wird dann automatisch weniger Strom verbrauchen. Grundlage ist die Ökodesignrichtlinie der EU, die Produktgruppen auf den neuesten Effizienzstandard bringt.

Hermannus Pfeiffer

Prosit auf ein goldiges Jahr

»Luxus« und »China« nähren die Träume, welche Anlegern Lust auf das neue Jahr machen. Wären da nur nicht diese politischen Ungewissheiten ...

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Bald auch im Internet

Tausende persönliche Schreiben und Dokumente des Schriftstellers Theodor Fontane (1819-1898) werden in den nächsten Jahren für die Veröffentlichung im Internet aufbereitet. Dies gab das Potsdamer Fontane-Archiv am Donnerstag bekannt. Die Sammlung umfasst rund 10 000 Blatt Originalhandschriften sowie 12 000 Blatt Abschriften und Kopien zum Teil verschollener Handschriften. dpa/nd...

Martin Hatzius

Reim auf die Woche

Von einem Schiff steigt Rauch herauf, Ein Flugzeugwrack geht unter. Ein Herz, an Griechenland verkauft, versagt – und schlägt doch munter. Ein König rutscht von seinem Thron Und fliegt ins Tal hinab, Vor Augen, ach, den Mindestlohn; Doch er verfehlt ihn knapp. Raketen zischen in die Luft, Es tröpfelt auf die Erde. In euren Hymnen: Welche Kluft klafft zwischen Hirt und Herd...

Star des »goldenen Zeitalters«

Die kubanische Schauspielerin und Tänzerin Ninón Sevilla ist im Alter von 85 Jahren in Mexiko-Stadt gestorben. Sie galt als Star des »Goldenen Zeitalters« im mexikanischen Film. Sevilla starb am Donnerstag an Herzversagen, wie ihr Sohn der Zeitung »Milenio« mitteilte.Die Schauspielerin hatte ihre erste Rolle als Rumba-Tänzerin 1946 im mexikanischen Film »Carita del cielo«. Ihr Einfühlungsvermögen ...

Jan Freitag

Unsere Täter, unsere Opfer

Vor dem Historienfilm ist nach dem Historienfilm ist vor dem Historienfilm - so geht es immerfort, seit Guido Knopp dem Fernsehen eine dokudramatische Zeitgeschichtskur verordnete. Und als der vergangenheitsverliebte Produzent Nico Hofmann 2001 auch noch die Flucht echter DDR-Bürger durch seinen »Tunnel« zum »Event« aufblähte, wie fortan jedes baugleiche Kostümdrama mit mehr Aufwand als üblich hieß, wurde Jahr für Jahr mehr deutsche Diktatur nebst Folgen - gern realsozialistische, lieber nationalsozialistische - aufgearbeitet.

ndPlusMarion Pietrzok

Zum Runterkommen, zum Abheben

Da zirpsen die Finger über Gitarrensaiten oder zupfen in der Zither, da rummst der Schellenbaum im Verein mit zwitschernder Flöte und trällernder Ziehharmonika als gelte es, das schönste Jahrmarktsfest aller Zeiten zu feiern. Da jodelt sich eine Stimme ganz allein durch die Weite in liebevollem, bittendem Ansingen der Rindsviecher, die’s nach Hause zu bringen gilt (Küahsuacher wissen, dass ihr ...

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Lars Becker, München

Immer Ärger mit dem Wetter

Meist liegt zu wenig Schnee, dann kommt zu viel. Der Klimawandel macht den besten Skisportlern das Leben schwer.

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Zehn Jahre Laib und Seele

Seit zehn Jahren sammelt die Initiative Laib und Seele Lebensmittelspenden für bedürftige Familien. Am 3. Januar 2005 wurden die ersten drei Ausgabestellen der Organisation geöffnet. Der zehnte Jahrestag an diesem Samstag ist Anlass, die Menschen zu besonders großzügigen Spenden aufzurufen. Am 3. Januar können Berliner zwischen 10 und 14 Uhr in vielen Kirchengemeinden Lebensmittel abgeben. Vor der...

Keine Gärten vom Bund

Berlin will dem Bund Kleingartenflächen - anders als Wohnungen - nicht abkaufen. Der rot-schwarze Senat halte es zwar für falsch, dass die Bundesregierung Kleingärten verkaufe. Wegen der nach wie vor angespannten Haushaltssituation wolle Berlin sie aber selbst nicht erwerben, antwortete Stadtentwicklungs-Staatssekretär Christian Gaebler auf eine Parlamentarische Anfrage der LINKE-Fraktion. Die Bun...

Celestine Hassenfratz

Mehr Vielfalt und Toleranz

Auch wenn die Integrationsbeauftragte Unterstützung für den Karneval der Kulturen (KdK) zugesichert hat, momentan ist noch nicht klar, wie und ob es mit dem Festival in diesem Jahr weitergeht. Wäre es denn überhaupt ein so großer Verlust für Berlin?

ndPlusCelestine Hassenfratz

Karneval olé, Karneval ade!

Fünf Monate vor dem Event ist die Finanzierung des neuen Sicherheitskonzeptes nicht gesichert. Die Integrationsbeauftragte verspricht Unterstützung.

ndPlusMarlene Göring und Celestine Hassenfratz

Die Versuchung liegt gleich um die Ecke

Die Zeiten von Buffalo-Plateauschuhen und Knickleuchten sind vorbei. Wer ins KitKat geht, dem ist das egal. Seine Besucher sind seit 20 Jahren eine Familie. Und manchmal retten sie sich sogar das Leben.

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ndPlusBernd Kammer

Rolltreppen rollen nicht immer

Am S-Bahnhof Alexanderplatz streikte gestern eine Rolltreppe, am U-Bahnhof Hermannplatz war ein Aufzug gestört - für Gehbehinderte, Reisende mit großem Gepäck oder Kinderwagen ein Problem.

Andreas Rabenstein

Gefährliche Hinterlassenschaft

Millionen Tonnen Bomben fielen im Zweiten Weltkrieg auf deutsche Städte. Nicht alle explodierten. Die meisten Blindgänger wurden in den vergangenen 70 Jahren entsorgt. Aber nicht alle.

Bauernverband stärker als der Naturschutz

Die 1951 geborene Anita Tack (LINKE) ist seit 1994 Landtagsabgeordnete. Zudem war sie von 2009 bis 2014 Ministerin für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, von 1999 bis 2001 PDS-Landeschefin und von 2002 bis 2010 Präsidentin der Landesverkehrswacht. Die Fragen stellte Andreas Fritsche.

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Kein Geld, keine Führung

Bernburg. Den Museen in Sachsen-Anhalt fehlt es an Geld, bei vielen ist auch keine fachliche Führung vorhanden. »Im Schlossmuseum und im Klopstockhaus Quedlinburg sind die Direktorenstellen seit Jahren nicht besetzt, im Museum für Stadtgeschichte Dessau wurde die Leitung eingespart und das Haus dem Museum für Naturkunde unterstellt«, nennt Kristin Otto, Vorsitzende des Museumsverbands Sachsen-Anha...

Oliver Schmale, Stuttgart

Scientology will Stuttgart als Hauptstadt

Der baden-württembergische Verfassungsschutz registriert eine Zunahme der Aktivitäten der Scientology-Organisation rund um Stuttgart. Sie habe insbesondere seit 2013 in der Innenstadt der baden-württembergischen Landeshauptstadt ihre Straßenwerbung intensiviert, sagte ein Sprecher in Stuttgart. »Die Werbeaktivitäten sind auch derzeit weiter auf hohen Niveau.« Ferne gebe es im Raum Kirchheim/Teck e...

Sebastian Haak, Gera

Geras Weg in die Stadtwerke-Pleite

Die Insolvenz der Stadtwerke in Gera, der drittgrößten Stadt Thüringens, hat bundesweite Bedeutung. Nun kommen Details zum Geschäftsgebaren des Unternehmens und seiner Töchter ans Licht.

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Ekkehart Krippendorff

Lebendiger, jugendlicher Shakespeare

Das frühe Shakespeare Stück »Zwei Herren aus Verona« ist eine Überraschung - nicht für die Experten, wohl aber für das Shakespeare-Publikum, denn es erscheint nur höchst selten auf den Komödien-Spielplänen.

ndPlusUwe Kraus, Magdeburg

Training für ganz harte Knochen

Um einem gehörlosen oder gehörgeschädigten Patienten ein Innenohrimplantat in die Hörschnecke einzusetzen, muss der HNO-Chirurg sehr präzise einen Zugang fräsen - durch hartes Knochengewebe, ohne Nerven oder Hör- und Gleichgewichtsorgane zu verletzen. Das Felsenbein, das das Innenohr umgibt, gilt sogar als der härteste Knochen des Menschenschädels. Künstliche Felsenbeine ermöglichen Medizinern nun...

Matthias Benirschke, Helgoland

Ausgebootet auf Helgoland

Das Umsteigen von der Fähre auf ein schaukelndes offenes Boot gehörte jahrzehntelang zu einem Helgoland-Besuch dazu. Doch immer weniger Gäste und Reeder würden das Ausbooten akzeptieren, heißt es.

ndPlusSabine Ränsch, Frankfurt/Main

Pausengymnastik am Fraport

Veränderte Flugrouten, höhere Entgelte für laute Flugzeuge, Modelle für »Lärmpausen« - trotz allem hat sich am Grundproblem des Airports Frankfurt am Main nichts geändert. Der Protest geht weiter.

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Köpfe der Wende

Was als friedliche Revolution in der DDR der herrschenden SED abgetrotzt werden musste, geriet am Ende zu einer Sturzgeburt, die zwei Staaten »wiedervereinigte«. Ein nd-Spezial über Menschen zwischen stürmischem Herbst, Sommer der Anarchie und deutscher Einheit.

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Ina Merkel, Feministin

Der Spruch »Hexen, Hexen an die Besen, sonst ist unser Land gewesen!« prangt am 3. Dezember 1989 an der Berliner Volksbühne. Mehr als 1000 Frauen sind zusammengekommen, um an diesem Tag den Unabhängigen Frauenverband (UFV) ins Leben zu rufen. Die Schauspielerin Walfriede Schmitt trägt das »Manifest für eine autonome Frauenbewegung« vor, verfasst hat es die damals 32-jährige Kulturwissenschaftle...

Thomas Klein, linker Oppositioneller

Anfang 1990 erschien im »ND« ein längeres Interview, das »Gespräch mit Dr. Thomas Klein, Vereinigte Linke« kam ohne Foto aus. Es ging um die Wahlen am 18. März, es ging um die Zukunft der DDR. Und die erste Antlwort lautete: »Wir zählen zu jenen, die sich ihren Wahlkampf nicht aus dem Westen bezahlen lassen oder ihn mit Personen von dort bestreiten.« Auf Hilfe irgendwelcher Bruderparteien...

Hans-Dieter Schütt

Friedrich Schorlemmer, Theologe

Angst. Ein Grundgefühl, Sommer 1989. Lager für Oppositionelle, so war durchgesickert, schnappten schon nach Nahrung. Und Parteisoldaten des Bezirkes Halle verbreiteten das freche Gerücht, dieser Schorlemmer würde das Aufhängen von Kommunisten fordern. »Das wurde sogar in Schulen verbreitet. Da wusste ich, die kitzeln kalt den angeblichen Volkszorn hoch, der doch nur ihr eigener Fanatismus war.«...

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Wolfgang Fritz Haug, Philosoph

Über die »Wende« ist viel geschrieben worden. Vor allem aus dem Rückblick, in dem die Geschichte immer schon als vollendete erscheint. Ganz anders: Wolfgang Fritz Haugs »Versuch beim täglichen Verlieren des Bodens unter den Füßen neuen Grund zu gewinnen«. Sein »Perestroika-Journal« hatte der marxistische Philosoph und Verleger aus dem Westen als skizzenhaften Nachläufer einer Studie über das po...

Daniela Dahn, Bürgerrechtlerin

Sie haben einmal eines Ihrer Bücher »Vom Unbehagen in der Einheit« untertitelt. Das war 1996. Inzwischen ist die Wende und was aus ihr folgte 25 Jahre her. Ist das Unbehagen geblieben? Das von den Praktiken des Beitritts ausgelöste Unbehagen ist inzwischen überlagert von den Sorgen um den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft. Der hat zwar für viele eine Normalisierung ihrer Lebensbeding...

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Ingrid Köppe, gnadenlos Aufrechte

Am Zentralen Runden Tisch in der DDR zog Ingrid Köppe unwillkürlich Aufmerksamkeit auf sich. Die damals 31-Jährige ließ nicht locker bei Befragungen, wusste offenkundig genau, wo inmitten des Labyrinths von Interessen und Abneigungen der Hauptweg verlief zum Ziel der Veranstaltung. Damals, Ende 1989, Anfang 1990, war sie Sprecherin des Neuen Forums am Runden Tisch. Sachlich und kompromisslos - mit...

ndPlusUwe Kalbe

Erich Honecker, gescheiterter Staatschef

Im Berliner Nikolaiviertel hängt eine verwitterte Tafel. Sie erinnert an die Einweihung des wiedererrichteten Ephraim-Palais’ im Jahr 1987. Dieses Ereignis fand »im Beisein des Genossen Honecker« statt, wie die Aufschrift verrät. Für die CDU des Stadtbezirks ist sie deshalb »unangemessen«, und der Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, empört sich, es könne ni...

ndPlusJindra Kolar, Prag

Vaclav Havel,
Dichter-Präsident

Vaclav Havel, der vor drei Jahren, am 18. Dezember 2011, verstarb, war Schriftsteller, Dramatiker, Dissident, schließlich Präsident der Tschechischen Republik. Die Meinungen über seine Lebensleistung, sein Andenken in der tschechischen Gesellschaft gehen heute oft weit auseinander. Unbestritten wird jedoch bleiben, dass Havel ein entscheidender Motor der »Samtenen Revolution« vor 25 Jahren war ...

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mus

Hellmuth Henneberg, Talkmaster

»Wundern Sie sich nicht. Sie sind im richtigen Programm«, bereitete Hellmuth Henneberg am 24. November 1989 die ihm verbliebene und die aus Neugier hinzugekommene Zuschauerschar des DDR-Fernsehens vor. Henneberg stand damals im Mittelpunkt eines fernsehhistorischen Moments. Er war Moderator einer der ersten Talkshows im DDR-Fernsehen. Der Premierenlorbeer gebührt zwar eigentlich dem erstmals am 5....

Angelika Unterlauf, Nachrichtensprecherin

Es war eben nicht nur Katharina Witt. Im Westen galt auch die DDR-Fernsehjournalistin Angelika Unterlauf wegen ihrer abendlichen Bildschirmpräsenz als Sprecherin der Hauptnachrichtensendung »Aktuelle Kamera« als »Gesicht der DDR«. Und im eigenen Land schaffte sie es sogar bis zum »Fernsehliebling«. Derlei Popularität dies- und jenseits der deutsch-deutschen Grenze hat der 1946 in Sachsen-Anhalt ge...

Karl-Eduard von Schnitzler, Kommentator

Am 30. Oktober 1989 kurz vor 22 Uhr war der »Schwarze Kanal« Geschichte. Mit der seit 1960 jeden Montagabend über die Bildschirme des DDR-Fernsehens flimmernden Sendung hatte es Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler auf 1519 Ausgaben gebracht. In denen setzte er sich mit dem Westfernsehen im Allgemeinen und Bonner Politikern im Besonderen auseinander: bissig immer, beleidigend oft, belegt ...

Wolfgang Rüddenklau, Bürgerrechtler

Als Wolfgang Rüddenklau zehn Jahre nach dem Ende der DDR zusammen mit Bernd Gehrke einige Mitstreiter von damals zu ihren Sichten auf die friedliche Revolution zusammenbrachte, trug der so entstandene Sammelband nicht umsonst den Titel »Das war doch nicht unsere Alternative«. Die Übernahme des westdeutschen Gesellschaftssystems und die zur Sturzgeburt mutierte Vereinigung - das war es nicht, wa...

Dieter Grande, Dompfarrer

Das Ende der DDR war eine ziemlich kirchliche Angelegenheit: Oppositionelle trafen sich in Kirchen, Theologen gründeten eine sozialdemokratische Partei, Pfarrer vermittelten zwischen absterbender Staatspartei und friedlicher Revolution. Kein Wunder also, dass auch am Zentralen Runden Tisch Kirchenleute eine wichtige Rolle spielten - zum Beispiel als Moderatoren. Auch die Pressesprecher di...

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Günter Schabowski, SED-Politiker

In der historischen Erinnerung wird Günter Schabowski der Mann mit dem Zettel bleiben, der am 9. November 1989 eher versehentlich die sofortige Öffnung der DDR-Westgrenze mitteilte. In der Rolle des Maueröffners gefällt er sich auch selbst, aber ihn darauf zu reduzieren, wäre unbillig. Schabowski war in den 80ern Chefredakteur des »Neuen Deutschland«: ein begnadeter Journalist; ein Parteiarbeit...

Thomas Blum

»Das war ja gar nicht meine Jeansjacke«

1989 wurde sie Seite-1-Girl von "Titanic": Zonen-Gaby war damals 17 und "im Glück". Wo lebt sie heute? Wo ist ihre Stonewashed-Jeansjacke abgeblieben? Und hat sie noch diese klassische Sauerkrautfrisur? Ein Gespräch.

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Susanne Albrecht, Ex-Mitglied der RAF

Am 6. Juni 1991 war das Versteckspiel vorbei. Damals klingelten fünf Beamte der Volkspolizei bei Ingrid Becker in Berlin-Marzahn und nahmen die Frau mit. Denn Ingrid Becker war nicht Ingrid Becker, sondern Susanne Albrecht - ein steckbrieflich gesuchtes Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF).Von 1970 bis 1993 versuchte die RAF mit Waffen die Revolution nach Westdeutschland zu holen. Sie überfiel ...

ndPlusRené Heilig

Peter-Michael Diestel, DDR-Innenminister

Peter oder P-M-D sagen seine Freunde zu ihm. Er hat viele. Und wenn es eines gibt, was die und seine vermutlich noch zahlreicheren Feinde über ihn sagen, dann wohl das: Der Mann ist fair. der Mann ist ehrlich. Dahinter verschwindet alles, was Freund wie Feind ihm oft genug neidvoll nachsagen mögen. Diestel leitet eine - wie er sagt - Anwaltsboutique. Kanzleien und Mitarbeiter kümmern sich...

ndPlusJirka Grahl

Katja Kittler,
Handball-Nationalspielerin

Wann immer sich Katja Kittler in ihrem Leben entscheiden musste: Sie tat es ohne Zögern, aus dem Bauch heraus. So auch an diesem 5. November 1989. Gerade ist die 21-jährige Handballerin von einer Länderspielreise aus Dänemark zurückgekommen. Sie hat zwar einen dicken Daumen und konnte nicht mitspielen, aber als Zeichen, dass sie zum Nationalteam gehört, hatte sie mitfahren dürfen. Es sollte ihr...

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Jan Josef Liefers, Schauspieler

»Neue Strukturen müssen wir entwickeln, für einen demokratischen Sozialismus.« Am 4. November 1989 stand ein offensichtlich nervöser junger Schauspieler, den nach eigenen Angaben »keine Sau kannte«, vor Zehntausenden auf dem Berliner Alexanderplatz und las seine Forderungen vom Zettel ab. Der heute eher für seine flotten Sprüche und sein scheinbar unermessliches Selbstbewusstsein als Tatort-Gerich...

Wolfgang Hübner

Bernd Rump, 
Dichter und Liedermacher

Das kann nicht alles sein, daß wir die Macht und zu essen haben, die Steine, die wir aufgetürmt, die Erde, die wir umgegraben. Wie unterschiedlich kann man einen Vers lesen? Diese Zeilen zum Beispiel, geschrieben in den 70ern von einem jungen Mann aus Dresden. Man wird den Vers aus dem Gedicht »Kann das schon alles sein« damals als vorwärtsweisende Kritik verstanden...

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Nicolae Ceauşescu, Conducator

Ins Gedächtnis eingebrannt haben sich vor allem zwei auf Film festgehaltene Szenen vom Ende Nicolae Ceauşescus: Da ist sein ungläubiger Blick am 21. Dezember 1989 in Bukarest, als dem organisierten Jubel gewohnten Partei- und Staatschef plötzlich Pfiffe entgegengellten. Und da sind die martialischen Bilder seiner Hinrichtung nur vier Tage später zusammen mit Ehefrau Elena in einem Steinbru...

Helmut Kohl, Landschaftsverkünder

Es ist verwunderlich: Wenn es einen Protagonisten der Vereinigung Deutschlands gibt, dann ist es Helmut Kohl. Er war der »Einheitskanzler«, der die Weichen für einen schnellen Anschluss der DDR an die westdeutsche Republik maßgeblich stellte. Aber selbst Christdemokraten, die den Lauf der Geschichte begrüßen, würdigen sein Schaffen derzeit allenfalls beiläufig. »Wenn Sie immer nur beliebt...

ndPlusKlaus Joachim Herrmann

Jegor Ligatschow, Gegenspieler

Aus der Sicht Jegor Ligatschows ist neben ihm wohl nur der sowjetische Langzeit-Außenminister Andrej Gromyko in einer Personalfrage übler dran. Der hatte 1985 im damals noch allmächtigen Politbüro nach dem Tode des schon bei Amtsantritt siechen Andrej Tschernenko den dynamischen Michail Gorbatschow als Generalsekretär der KPdSU vorgeschlagen. 1989 schwor er jedoch laut Erinnerungen seines Sohne...

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J.,
beinahe Popstar

Für Jens Müller kommt die Wende in der DDR zur Unzeit. Während die Freunde des Schlagzeugers in Prenzlauer Berg die plötzliche Freiheit des Winters 1989/90 durchlebten, weilt der 21-Jährige in weiter Ferne: In der Kapitalismus-Hauptstadt London versucht der DDR-Jungmusiker, seine erste Soloplatte zu produzieren. Der gelernte Facharbeiter für BMSR-Technik ist zu dieser Zeit eine Halbberühmth...

Wolfgang Hübner

Gregor Gysi, Konkursverwalter

Irgendwann stieg eine junge Frau aufs Podium und drückte ihm einen Besen in die Hand. Das Bild blieb im kollektiven Gedächtnis: der kleine Mann mit dem großen Besen und ebensolcher Klappe. Gregor Gysi, der neue Vorsitzende der gescheiterten führenden Partei, sollte auskehren, aufräumen, klar Schiff machen. Seit dem Sonderparteitag der SED im Dezember 1989 war Gysi der Hoffnungsträger der ...

Ulrike Poppe,
 Netzwerkerin

Drei großformatige, farbenfrohe, mit Sperrholz und Kordeln reliefartig gestaltete Bilder schmücken ihr Büro in der Potsdamer Hegelallee; eines zeigt den Heiligen Franziskus von Assisi. »Die sind von Katrin Hattenhauer«, sagt Ulrike Poppe, Brandenburgs 
Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. »In der DDR malte sie nur in Grau.« Katrin Hattenhauer, die am 4. September 1989 vor der Leipziger Nikolaikirche für wenige, indes millionenfach beachtete Sekunden ein Banner mit der Aufschrift »Für ein offenes Land mit freien Menschen« entrollte, gehörte zu den »Frontfrauen« der DDR-
Opposition – wie Ulrike Poppe, Mitbegründerin des Netzwerkes »Frauen für den Frieden«, der Initiative Frieden und Menschenrechte sowie von »Demokratie Jetzt!«, Erstunterzeichnerin des Aufrufs »Für unser Land« und Disputanten am Zentralen Runden Tisch. Ihre Kinder Jonas und Johanna sind stolz auf sie, auch wenn sie damals wenig Zeit für die beiden hatte. 
Mit der Bürgerrechtlerin sprach Karlen Vesper.

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Markus Meckel, Außenminister

Markus Meckel gilt als letzter Außenminister der DDR. Nach ihm hat es keinen speziellen Außenminister mehr gegeben. Doch nach dem Rückzug der SPD aus der Regierung wirkte Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) zuletzt zugleich als Außenminister. In dieser Funktion unterzeichnete de Maizière den 4+2-Vertrag mit der Bundesrepublik und den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, der die deutsche...

ndPlusGabriele Oertel

Regine Hildebrandt, Ministerin

Natürlich ist es Schnee von gestern, darüber nachzudenken: Wäre es mit der DDR anders gelaufen, wenn ein Teil der späteren Bürgerrechtler, die sich 1989 in verschiedenen Bewegungen für eine andere Gesellschaft artikuliert hatten, von SED oder Blockparteien nicht bewusst über Jahrzehnte in Nischen gedrängt oder zurückgelassen wurden? Freilich kann keiner sagen, ob sie sich überhaupt hätten...

Seite 28

Johanna Töpfer, FDGB-Vizechefin

»Die ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) der DDR, Johanna Töpfer, ist am Sonntag in Berlin verstorben«, meldete »ND« am 10. Januar 1990. Das war nur die halbe Wahrheit - Töpfer hatte sich das Leben genommen. Die 61-Jährige war ein paar Wochen vorher abgesetzt worden und hatte sofort Hausverbot für die Gewerkschaftszentrale erhalten, in de...

Margaret Thatcher, Premierministerin

Er habe sie gefürchtet »wie der Teufel das Weihwasser«, soll Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl nach lautstarken Verhandlungen mit Margaret Thatcher einmal gesagt haben. Nicht nur einmal war die Premierministerin eine erbitterte Gegnerin des CDU-Manns. In der Tat hatte die erste und einzige Regierungschefin Großbritanniens einst den bezeichnenden Spitznamen »Iron Lady«, eiserne Lady, erhalten. »Ther...

Martin Hatzius

Jürgen Kuttner, Gründer der »taz ddr«

Wer mit dem Namen Jürgen Kuttner nichts anfangen kann, interessiert sich wahrscheinlich nicht für Theater und hört wohl auch kein Radio. Mit seiner legendären Hörertalksendung »Sprechfunk«, die ab 1993 im »Rockradio B« und bis 2007 auf »Radio Fritz« lief, verblüffte der unbefangen losberlinernde Rundfunk-Autodidakt selbst gestandene Profis damit, wie aufregend, klug und lebendig dieses Medium s...

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Alexander Schalck-Golodkowski, DDR-Staatssekretär

Immer, wenn ich in den Keller gehe, fällt mir Alexander Schalck-Golodkowski ein: »Alex der Große«, die »alte Stasi-Sau«, der clevere Devisenbeschaffer, die Hassfigur schlechthin. Warum? Damit ich mich im Keller zurechtfinde, habe ich da eine alte Schreibtischlampe abgestellt. Das gute Stück, so hieß es, soll mal für den wohl umstrittensten DDR-Staatssekretär geleuchtet haben. Welchen Grun...

ndPlusSarah Liebigt

Vera Lengsfeld, Andersdenkende

Ich würde alles genauso wieder machen.« Berufsverbot Anfang der 1980er Jahre, Ausschluss aus der Partei 1983, Mitbegründerin der Kirche von Unten 1987. Im Januar 1988 wird sie auf dem Weg zur Luxemburg-Liebknecht-Demonstration verhaftet, es folgt die Abschiebung nach England. Am 9. November 1989 kehrt Vera Lengsfeld zurück nach Deutschland, erlebt den Mauerfall abends am Grenzübergang auf der B...

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Peter Waschinsky, Puppenspieler

Frech und witzig waren viele Losungen, mit denen Demonstranten bei der Großkundgebung auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 der Partei- und Staatsführung ihren Respekt entzogen. Aber auf keinem Transparent war die Absage an den Führungsanspruch der SED derart auf den Punkt gebracht wie auf diesem: Unter dem aufs Laken gepinselten SED-Händedruck steht nur das Wort »Tschüß«. So schnell wird ...

Herbert Schirmer, DDR-Kulturminister

Als am 2. Oktober 1990 die meisten Deutschen dem mitternächtlichen Einheitsgong entgegenfieberten, gab Herbert Schirmer, der Hausherr im DDR-Kulturministerium, eine schräge Abschiedsparty. Eine Minute vor Mitternacht schloss er die Tür zu und fuhr nach Hause. Das war’s, Schirmer war raus aus der Politik.Ein Verlust: Der Mann ist geistreich, unkonventionell, kultiviert - aber wann haben sich ...

Jörg Meyer

Hans Misselwitz, 
Sozialdemokrat

Flughafen Mailand, Juni 1988. Ein Mann geht die Gangway hinauf zur Tupolew der DDR-Linie Interflug - Anschlussflug nach Berlin-Schönefeld. Nach knapp einem Jahr in den USA geht es zurück nach Hause. In seinem Gepäck: ein geschenkter Macintosh-Computer nebst Zubehör - Geräte, die auf der »CoCom-Liste« stehen und nicht aus dem Westen in den Osten exportiert werden dürfen. Auf der Treppe sieht der...

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Petra Bläss, Leiterin der DDR-Wahlkommission

Plötzlich war sie da - eine sympathische, unbefangene, junge Frau, die das tun sollte, was bis dahin die Aufgabe von Egon Krenz war: Wahlen in der DDR zu leiten und zu beaufsichtigen. Bläss, Forschungsstudentin der Germanistik an der Berliner Humboldt Universität, war so sehr der Gegenentwurf zum Parteikader, dass selbst gestählte Korrespondenten aus der Bundesrepublik entzückt waren und wohlwo...

Klaus Grehn, oberster Arbeitsloser

Er wechselte die Pferde 1990 in vollem Galopp. Als Klaus Grehn als Wissenschaftlicher Oberassistent arbeitslos wurde, weil das neue Deutschland eine Gewerkschaftshochschule des FDGB nicht mehr brauchte, gründete er flugs den Arbeitslosenverband Deutschlands und war fortan als dessen Präsident nicht nur der ranghöchste, sondern wohl auch der meistbeschäftigte Arbeitslose des Landes. Klaus Grehn ...

ndPlusHendrik Lasch

Frank Richter, 
Moderator und Seelsorger

Was in der Rückschau wohl am meisten verblüfft, ist sein jugendliches Alter. Gerade 29 Jahre war Frank Richter in dem Moment, als er sich, ohne es damals zu ahnen, in die Zeitgeschichte katapultierte. Es waren beherzte Schritte nötig, außerdem aber - ja, was? Mut? Unbekümmertheit? Unbedarftheit? »Vielleicht muss man 29 sein«, sagt er, »vielleicht darf man noch nicht viele schlechte Erfahrungen ...

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Sabine Bergmann-Pohl, Kurzzeit-Staatsoberhaupt

Wer sich an die letzten Tagungen der DDR-Volkskammer erinnert, hat nicht vergessen, wie oft deren Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl (DDR-CDU seit 1981) von ihrem Vize Reinhard Höppner (Ost-SPD seit 1989) über die parlamentarischen Klippen gehievt werden musste. Die 1946 geborene Lungenärztin und Ärztliche Direktorin machte absolut kein Hehl daraus, Seiteneinsteigerin in die Politik zu sein. Aber es...

Margitta Hinze, Geheimdienstauflöserin

Das Leben von Margitta Hinze begann im Jahr 1961: am Tag, an dem die Mauer gebaut wurde. Dass die Berlinerin später über kirchliche Kreise in die Bürgerrechtsbewegung fand, war damals noch nicht absehbar. Schon als Schülerin kam sie mit der DDR-Obrigkeit in Konflikt, wollte nicht einfach hinnehmen, dass ein Mitschüler im Oktober 1978 nach Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei ...

Marianne Dörfler, Öko-Aktivistin

Als sich die Grüne Partei der DDR am 24. November 1989 auf dem 6. Ökologie-Seminar in Berlin gründete, war Marianne Dörfler mittendrin. Die engagierte Biologin wurde eine von sechs SprecherInnen und vertrat fortan die Grünen. So erklärte sie in der politischen Diskussionsrunde »Donnerstags-Gespräch« am 28. Dezember 1989, die Grünen »stehen für eine Wirtschaftsreform mit ökologisch begründeten Prei...

Rainer Börner, PDSler mit Stasi-Bekenntnis

Er war ein junger Wilder in der PDS. Bart, ungebändigte lange Haare, Jeans, in der Wendezeit Anfang 30. Ein Rocker, wenn man so will. Jahrelang hatte Rainer Börner für die FDJ Kulturarbeit gemacht, Rockkonzerte organisiert, Künstler wie Rio Reiser, mit dem später befreundet sein sollte, zu Auftritten in die DDR geholt. Im Herbst 1989 lernte er Bürgerrechtler kennen, entdeckte verblüfft politische ...

Rolf Henrich, Rechtsanwalt

Es ist ein Dokument der Enttäuschung: »Wir steuern auf den Ausnahmezustand zu!« schreibt Rolf Henrich im Jahr Sieben nach der Wende. »Tatsächlich gibt es ja kein politisches Handeln mehr, welches die Selbstverteidigungskräfte unserer politischen Existenzform bestärkt ...« Eine düstere Prognose zu einer Zeit, als man hierzulande noch viel von Friedensdividende, einem blühenden Europa und sicheren R...

Bärbel Bohley, Bürgerrechtlerin

Eines der dümmsten Klischees in der Wendezeit: Bärbel Bohley, die »Mutter der Revolution«. Das klingt nach Glucke, Vorreiterin, Ikone. Das wollte Bohley gerade nicht sein. Die Malerin wollte, dass die Menschen sich selbst ohne Bevormundung um ihre Angelegenheiten kümmern. So jemand musste in der DDR anecken. Sie gründete mit anderen ein Netzwerk Frauen für den Frieden, später die Initiative Friede...

Rosi Will SED-Reformerin und Juristin

Es war irgendwann in der Mitte der 1990er Jahre, da geriet Rosemarie Will in die Schlagzeilen: Sie sollte auf dem SPD-Ticket in Brandenburg Richterin am Landesverfassungsgericht werden, aber der Zeitgeist rief ihr die abfällige Bezeichnung »gewendete Opportunistin« ins Gesicht. Will hatte in der DDR eine juristische Karriere gemacht, war 1984 an der Humboldt-Universität zur Dozentin geworden - ...

Sebastian Pflugbeil, Physiker

Er hat ihn von innen gesehen: den Sarkophag von Tschernobyl. Gleich nach der Katastrophe arbeitet der Physiker Sebastian Pflugbeil an einer Studie zur Atompolitik der DDR. Atompolitik wie DDR will er verändern. Er gehört zu den Gründern des Neuen Forums, zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs »Für mein Land« und vertritt das NF am Runden Tisch. Als er als Minister ohne Geschäftsbereich in die letzt...

André Brie, Vordenker

»Die wichtigsten Fragen sind jene, die sich aus den scheinbar endgültigen Antworten ergeben.« Dass dieser Aphorismus von André Brie keinen Bezug zur Real-DDR hatte, glaubt wohl niemand. Schon Jahre vor der Wende hatte der heute 64-Jährige die SED-Politik hinterfragt - kritisch, aber konstruktiv, was ihn jedoch nicht vor Parteiverfahren und Gängelei schützte. Vielleicht auch deshalb stürzte er s...

Wolfgang Berghofer, »Bergatschow«

Unlängst äußerte Wolfgang Berghofer auf einer Tagung in Berlin über den Sonderparteitag der SED im Winter 1989, er haben schon seinerzeit den Gedanken gehabt, es wäre damals besser gewesen, die SED wieder fein säuberlich in SPD und KPD zu trennen - dann wäre es auch den Sozialdemokraten im Osten besser ergangen. Die Sinnhaftigkeit und Praktikabilität einer solche Idee einmal dahingestellt: Aus ...