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Markus Drescher

Akzeptanz nicht verspielen

»Jetzt ist die Zeit, in der sich entscheidet, ob wir uns erfolgreich gegen diese Entwicklung stemmen können«, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag. Gemeint ist das derzeitige besorgniserregende Corona-Infektionsgeschehen. Ob es tatsächlich in den nächsten Wochen und Monaten gelingt, es in den Griff zu bekommen, hängt ganz entscheidend von der Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung fü...

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Peter Steiniger

Stockholm lässt sich nicht anstecken

Die schwedische Gesundheitsbehörde sieht die wieder steigende Zahl an Infektionen mit dem Coronavirus mit Sorge, aber keinen Anlass, die große Linie zu ändern. Todesfälle treten kaum noch auf.

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Ralf Streck

»Die Monarchie ist verbrannt«

»Die Monarchie wird stürzen, es gibt keine Möglichkeit mehr zu ihrer Rettung«, meint die Journalistin Rebeca Quintáns. Sie hatte 2000 eine nicht autorisierte Biografie über den spanischen König Juan Carlos und seine dunklen Geschäfte veröffentlicht.

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Hendrik Lasch

Chemnitzer Rathaus bleibt in SPD-Hand

Bei den Rathauswahlen in Sachsen setzte sich in Chemnitz der SPD-Favorit durch. In Zwickau gab es eine Überraschung. Die Erwartungen der AfD erhielten erneut etliche Dämpfer.

Daniel Lücking

Geheimdienst außer Kontrolle

Eine öffentlich-rechtliche Produktion setzt sich mit der Arbeit der Verfassungsschutzbehörden in Deutschland auseinander. Diejenigen, die in den Ämtern eine offene Fehlerkultur einfordern, sind nach wie vor in der Minderheit.

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Max Zeising

Hauptgegner ist die CDU

Im Juni 2021 wird der Landtag in Sachsen-Anhalt neu gewählt. Eva von Angern soll sich als Linke-Spitzenkandidatin für Solidarität starkmachen - als Gegensatz zur Ellbogenmentalität der Konservativen.

Dieter Hanisch, Flensburg

Engagement in luftiger Höhe

Seit Monatsbeginn wird in Flensburg ein Waldgebiet in Bahnhofsnähe von Umweltaktivisten vor einer vorgesehenen Rodung mit einer Baumbesetzung geschützt.

Kofi Shakur

Keine Erholung zwischen Katastrophen

Nichtregierungsorganisationen fordern mehr Nachhaltigkeit, politischen Willen und Frieden zur Verbesserung der globalen Ernährungslage.

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Wien bleibt SPÖ-Hochburg

Die Landtagswahl in Wien hat die Sozialdemokraten in ihrer Hochburg gestärkt. Mit der FPÖ und dem Team HC Strache sitzen die Verlierer am rechten Rand.

Othmara Glas, Almaty

Premier mit Knasterfahrung

Der neue Premier Sadyr Schaparow wurde wegen Beteiligung an einer Entführung eines Gouverneurs 2017 zu über elf Jahren Haft verurteilt. Nun könnte er schon bald Präsident werden.

Luz Kerkeling

Zapatistas gehen auf Welttournee

Es ist ein echtes Novum: Eine Delegation bestehend aus Aktivist*innen der Zapatistischen Befreiungsarmee will 2021 alle fünf Kontinente besuchen. Ihre Ziele sind die Vernetzung und Treffen mit sozialen Bewegungen.

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Bernd Riexinger

Müssen wir regieren?

Um den sozial-ökologischen Systemwechsel voranzubringen, braucht es eine organisierte Gegenmacht und linke Mehrheiten. Das erfordert mehr als rot-rot-grüne Koalitionen: nämlich einen grundlegenden Richtungswechsel der Politik.

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Johannes Greß

Wien braucht weiter Alternativen

Wieder einmal wird im Wiener Gemeinderat für fünf weitere Jahre links von SPÖ und Grünen gähnende Leere herrschen. Das im Januar gegründete Wahlprojekt Links verpasste mit zwei Prozent der Stimmen klar den Einzug in den Gemeinderat. Es mag viele Gründe geben, darin ein Scheitern der Wiener Linken zu sehen - das unter diesen Bedingungen respektable Ergebnis macht aus linker Sicht dennoch Mut. SPÖ u...

Stephan Fischer

Partnerschaften brauchen Pflege

Deutsch-polnische Staädtepartnerschaften stehen vor Herausforderungen - nicht nur, aber auch besonders seit der Corona-Pandemie. Sie zu stärken ist wichtig: Nichts baut mehr Brücken als direkter und persönlicher Austausch.

Aert van Riel

Schonfrist für Lukaschenko

Alexander Lukaschenko macht nicht den Eindruck, dass Diplomatie für ihn eine Option ist. Das war schon klar, als sich der belarussische Präsident vor einigen Wochen mit Kalaschnikow präsentierte. Zudem lässt er friedliche Demonstranten zusammenschlagen. Doch die EU konnte sich lange nicht darauf einigen, auch ihn zu sanktionieren. Insbesondere die Westeuropäer wollten die Gesprächskanäle mit Lukas...

Othmara Glas, Almaty

Abwegiger Vater

Der Spott in den sozialen Medien war Emomali Rahmon am Montag sicher. Das Staatsoberhaupt von Tadschikistan hat die Präsidentschaftswahl am Sonntag mit 90,1 Prozent der Stimmen gewonnen - bei vier Gegenkandidaten.

Ismail Küpeli

Problembehaftete Antifa-Allianzen

Spätestens seit dem Anschlag in Hanau wächst die Migrantifa-Bewegung in Deutschland. Doch manche alten Konfliktlinien mit der deutschen Linken sind noch nicht überwunden. Das zentrale Motiv antifaschistischer Arbeit gerät so in den Hintergrund.

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»Vorkehrungen sind nicht getroffen worden«
Martin Kröger

»Vorkehrungen sind nicht getroffen worden«

Wer trägt in Berlin die Verantwortung, dass über den Sommer nicht genügend präventive Maßnahmen ergriffen wurden, um die Folgen einer zweiten Corona-Welle abzumildern? Im »nd«-Interview sieht Vizesenatschef Klaus Lederer (Linke) eine klare Verantwortung bei SPD-Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci.

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Nicolas Šustr

CDU auffällig baumüde

Rot-Rot-Grün tue in Berlin zu wenig für den Wohnungsbau, lautet ein regelmäßiger Vorwurf der Opposition. Doch wo die CDU in den Bezirken an den Schaltstellen sitzt, wird noch weniger gebaut.

Mascha Malburg

Raus aus der Unsichtbarkeit

Mit der Kampagne »Legalisierung jetzt« tritt in Berlin ein selbstorganisiertes Migrantennetzwerk an die Öffentlichkeit. Das erzwungene Untergrunddasein dieser Menschen soll ein Ende haben.

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Wilfried Neiße, Potsdam

Berlin soll in der Lausitz mitreden

Berlin und Brandenburg arbeiten zwar nicht gegeneinander, aber auch nicht wirklich miteinander. Mit Gesprächsrunden »auf Augenhöhe« soll sich das ab diesem Wochenende ändern.

Claudia Krieg, Cottbus

Verjüngt aus der Krise

Die Linke hat es in der AfD-Hochburg Lausitz nicht leicht. Die Niederlage bei den Landtagswahlen 2019 und die Coronakrise treiben ihre Protagonisten nun zu Erneuerungsprozessen an.

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Frank Jöricke

Ex und hopp!

Es gibt im Englischen den Ausdruck Lad. Man könnte ihn mit Kerl oder Bursche übersetzen, doch das trifft die Sache nicht so richtig. Denn eigentlich geht es beim »Lad-tum« nicht ums Geschlecht, sondern um eine Grundhaltung zum Leben.Der Lad geht davon aus, dass alle Probleme der bürgerlichen Existenz - Ärger im Beruf, Beziehungsstress, Geldnöte, Knatsch mit der Familie - sich spätestens dann auflö...

Michael Götting

Zeit für eine neue Erzählung

Der Ehrengast der am heutigen Dienstag eröffnenden Frankfurter Buchmesse präsentiert Bücher über die Sklaverei einst und alltäglichern strukturellen Rassismus heute. Und beweist damit, dass kanadische Autor*innen auf der Höhe der Zeit sind.

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Peter Fledder

Kids hinter Plexiglas

Die bekannte US-amerikanische Zeichentrickserie »South Park« hat ein »Pandemic Special« herausgebracht. Unter Liebhaberinnen wie Liebhabern dieser Serie war mit einiger Spannung erwartet worden, was denn die Macher um Trey Parker und Matt Stone zur Jetztzeit zu sagen hätten. Immerhin muss man in der ganzen Virusangelegenheit auch den Humor wiederfinden. Die Geschichte um eine Gruppe Kinder der Sou...

Tim Wolff

Im Rausch

Der Kapitalismus schafft es seit Jahrzehnten, uns Dinge aufzuschwatzen, die wir nicht brauchen, um damit ein Leben zu ertragen, das wir hassen. So oder so ähnlich geht es uns doch allen. Aber: Konsum lindert nun mal den Schmerz.

Temye Tesfu

Im Auge der Betrachteten

Bei der Berliner Kolonialausstellung 1896 mussten Frauen, Männer und Kinder aus den sogenannten Schutzgebieten als Darsteller*innen und für pseudowissenschaftliche Untersuchungen herhalten. Ein Hörspaziergang gibt diesen als Objekte zur Schau gestellten Menschen nun eine Stimme.

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Jan Freitag

»Die Gefahr, dass man abstumpft«

In Ihrem Doku-Talk »Die Narbe« schildern Sie die Folgen tragischer Unfälle wie in Eschede oder Ramstein. Warum bewegen uns solche medienwirksamen Ereignisse so sehr, während weit schlimmere, aber schwerer sichtbare - wie Klimawandel und Rassismus - viele Menschen seltsam kalt lassen? Weil uns die großen Unglücke, bei denen Menschen zu Schaden kommen oder sogar sterben, auf einen Schlag die ei...

Oliver Kern

In der riesigen rechten Blase

Trotz aller Skandale wollen mehr als 40 Prozent der US-Amerikaner wieder Donald Trump wählen. Viele von ihnen leben in einer Parallelrealität, die von Trump, Fox News und rechten Influencern geschrieben wird.

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Bislang größte Arktis-Expedition zu Ende gegangen

Bremerhaven. Nach über einem Jahr in der zentralen Arktis ist das Forschungsschiff »Polarstern« am Montag in seinen Heimathafen Bremerhaven zurück. Begleitet von einem Schiffskorso, lief es mit dem Morgenhochwasser über die Nordschleuse ein. Dort wurde das Team der Expedition »Mosaic« unter anderem von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek und der Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI),...

Simon Poelchau

Der Nobelpreis unterm Hammer

Die diesjährigen Träger des Wirtschaftsnobelpreises werden nicht nur für ihre theoretische Arbeit ausgezeichnet. Ihre Auktionsmodelle finden auch bei der Versteigerung von Frequenzen Anwendung.

Lisa Ecke

Es braucht ein Ende der Freiwilligkeit

Mehr als 109 Millionen Menschen in der EU sind von Armut bedroht. Sozialverbände fordern deshalb konkrete Ziele und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung auf europäischer Ebene.

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Kristina Puck und Wolfgang Müller, Paris

Die Reise der Tennisgiganten

Mit dem 13. French-Open-Sieg holt Rafael Nadal seinen 20. Grand-Slam-Titel und schließt zu Roger Federer auf. Der Gedanke an diese Bestenliste treibt die großen Drei des Sports in ihrer Rivalität an.

Frank Willmann

Polizeiarbeit am Fußballreisenden

Frank Willmann blickt auf den wilden Fußball zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana. Er berichtet von außerirdischen Grenzbegegnungen und empfehlenswerten Verhaltensweisen von Fußballreisenden gegenüber Ordnungshütern in Bosnien-Herzegowina.

Oliver Kern

Meister der Aktivisten

Für viele Fans ist LeBron James von den Los Angeles Lakers der beste Basketballer aller Zeiten. Doch der Star begeistert nicht nur auf dem Spielfeld, er fordert seine Anhänger auf, wählen zu gehen und damit das Land zu verändern.

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Ein Gruß von Herzen

Corona macht es möglich: Die Frankfurter Buchmesse findet statt, nur ohne Messe. Keine Aussteller, keine Verlage. Aber es gibt Lesungen und Diskussionen in der Stadt, im Rundfunk und im Internet.

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René Hamann

Das Making-of eines Romans

Wer war Ellen West? Wer war Werner Bruni? Was verbindet die berühmte Patientin mit dem gefallenen Schweizer Lottokönig aus den 80er Jahren - und was haben Karl Marx oder Max Frisch damit zu schaffen? Und was hat das alles mit dem Essen von vornehmlich süßen Speisen zu tun? Fragen, die willkürlich erscheinen. Denen die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger, Jahrgang 1986, in ihrem dritten Buch nachgeh...

Marit Hofmann

Wenn man Macht hat

Das Feuer, die Wut, die verzerrten Gesichter und ihre Posen, wie sie die Fäuste recken, wie sie sich inszenieren, als würden sie in einen Kampf ziehen. Und auf der anderen Seite die Rumstehenden, die Äugenden. Wenn du es dir genau ansiehst, dann hat jede Figur auf diesem Spielfeld eine andere Position, eine eigene Meinung dazu … Wie sollte man das jemandem erzählen, was hier passiert? Man müsste j...

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Fokke Joel

Mein Vater ist eine Lichtgestalt

Für Zsuzsa Bánk ist der Sommer eine Zeit des Glücks. Es ist die Zeit des Urlaubs, die Zeit, in der sie mit ihren Eltern nach Ungarn gereist ist, an den Balaton, jenen großen See im Westen des Landes. Seit den 60er Jahren, seit es für ihre Eltern, die nach dem Aufstand 1956 aus dem Land geflohen waren, wieder möglich war, hatten sie die Ferien dort verbracht. Die Familie ihrer Mutter besaß am See e...

Michael Wolf

Eine falsche Fliege

Es ist eines der ungewöhnliches Debüts der Saison. Oftmals hangeln sich Autoren bei ihren ersten Büchern an den Eckpfeilern der eigenen Biografie entlang, was den Vorteil hat, dass sie ihr Material kennen und zu kontrollieren wissen, allerdings - so ein oft gehörter Vorwurf - auch den Nachteil, dass allzu oft nur das nicht besonders spannende Schicksal von Mittelschichtkindern in makellose Sätze g...

Michael Bittner

Krieg in den Köpfen

In den vergangenen Jahren sind die 90er Jahre in der ostdeutschen Provinz zu einem der wichtigsten literarischen Stoffe geworden. Sie stehen für eine Zeit, in der Aufbruchstimmung, aber auch Orientierungslosigkeit die jungen Leute in den damals noch neuen Bundesländern umtrieben und sich zugleich rechter Terror fast ungehindert austoben konnte. • Buch im nd-Shop bestellen Ulrike Almut Sandig...

Seite 20
Irmtraud Gutschke

Die Zunge und der Zahn

Unter den Zitaten in diesem Buch ist eines von dem argentinischen Autor Guillermo Saccomanno: »Meine Großmutter hat mir beigebracht: ›Die Erinnerung ist wie eine Zunge, sie geht immer zu dem Zahn, der am stärksten wehtut.‹« Was tut Claudia Pineiro weh, dass sie dieses Buch geschrieben hat? Wir werden nicht alles erfahren, manches werden wir erahnen müssen, manches wird sie auch ganz für sich behal...

Norma Schneider

Krise, Hoffnung und Wahn

Menschen verlassen ihre Häuser nicht mehr, leben in ungewohnter Enge zusammen und warten auf das Ende einer Katastrophe, die das normale Alltagsleben unmöglich gemacht hat. Sie vertreiben sich die Zeit mit Musik, Alkohol und Gesprächen. Gekocht wird, was die Vorratskammer hergibt. Die Isolation zehrt an den Nerven: Streit, Angst und Wahn greifen um sich. • Buch im nd-Shop bestellen Vladimir ...

Seite 21
Tom Wohlfarth

Prekäre Heimat

Schon seit ein paar Jahren gibt es in der deutschsprachigen Literatur den Trend zum Dorfroman, zur Provinzerzählung, aber auch zur Herkunftsgeschichte als Rückkehr in diese Provinz. Die Großstadt hat sich ein wenig auserzählt, die wahren Abenteuer der Selbstfindung liegen nun wieder janz weit draußen, mitten unter Feldern, Wäldern und Nazis. Der Lyriker Thilo Krause hat diesem Genre mit seinem ers...

Florian Schmid

Ein Programm wird selbstständig

Zeitreisegeschichten und nichtlineares Erzählen haben in Film und Literatur gerade Hochkonjunktur. Mit Christopher Nolans »Tenet« ist dieses Sujet jetzt auch in einer massenkompatiblen Actionvariante im hoch budgetierten Blockbuster-Kino angekommen. Dass der Hype um Zeitreise-Narrative nicht so ganz neu ist, zeigt auch William Gibsons aktuelle Romantrilogie, die 2016 mit »Peripherie« startete und ...

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Axel Klingenberg

Poetischer Content - copy or delete?

Der Sammelband »poesie.exe« präsentiert Gedichte, an deren Entstehung sowohl Menschen als auch Maschinen beteiligt sind. Aber können Computer, Algorithmen oder Künstliche Intelligenzen überhaupt Künstler sein? Wie ansprechend ist denn ihre Kunst überhaupt? Und wie eigenständig sind diese Kunstwerke und damit ihre digitalen Autoren? • Buch im nd-Shop bestellen Fabian Navarro (Hg.): poesie.exe...

Guido Speckmann

Das Epizentrum touristischer Dystopien

Wer grenzenlose Enthemmung im Winterurlaub suchte, für den war Ischgl in Tirol eine der Top-Adressen. Und dann kam Corona ... Eine wunderbare Alpenlandschaft, die besten Pisten und modernsten Skilifte - alles ganz nett und eine notwendige Voraussetzung, aber keineswegs ausreichend für hormonelle und alkoholbedingte Exzesse. Dazu braucht es das gewisse Etwas, sprich: Etablissements wie »Kuhstall«, ...

Thomas Wagner

Die Steinzeit war eine Tragetaschenzeit

Welche Chancen, aber auch welche Probleme brächte es mit sich, in einer Gesellschaft zu leben, die ganz und gar dem Prinzip der Herrschaftsfreiheit verpflichtet wäre? Und wie würde sich unser Denken und Fühlen ändern, wenn wir Körper bewohnten, die ihr biologisches Geschlecht nach einiger Zeit änderten und es insofern eine ganz alltägliche Erfahrung wäre, als Frau buchstäblich in die Haut eines Ma...

Seite 23
Christopher Wimmer

Das Bedürfnis nach dem »Wir«

Ein fiktives Gespräch zwischen dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland Heinrich Bedford-Strohm und dem marxistischen Philosophen Slavoj Žižek zur Situation von geflüchteten Menschen im Mittelmeer. Bedford-Strohm ist entsetzt über den Hass, welcher der zivilen Seenotrettung entgegenschlägt. Er predigt: »mitten im sterben // der hass auf die rettung des menschen«. Und Slavoj Žiž...

Klaus Bellin

Leidende, Verstummte, Nazis und Angepasste

Er litt, er schlief schlecht, er sah erschrocken, wie die Akademie der Künste brutal auf den Kurs der Nationalsozialisten gebracht wurde. »Alles bricht zusammen«, schrieb Oskar Loerke am 14. Februar 1933 ins Tagebuch. Und: »Viel Entsetzliches hat sich ereignet.« Er hatte sieben Gedichtbände veröffentlicht, arbeitete seit 1917 als Lektor im S.-Fischer-Verlag, war 1926 Mitglied der Preußischen Akade...

Seite 24
Frank Willmann

Glück und Glas

Bisher kannte man Christoph Nußbaumeder als Dramatiker, der in seinen zahlreichen Stücken den Finger auf deutsche Wunden legte. Er setzte mit seinen gesellschaftskritischen Stücken, in denen er immer wieder das Schicksal kleiner Leute im Kampf gegen die unerbittlichen Mühlen der Macht beschreibt, Markierungen im Theaterbetrieb. Im gegenwärtigen Literaturkanon, der gern aus der Nabelschauperspektiv...

Gunnar Decker

Wunderkammer mit verborgenem System

Normalerweise schreibt man, um sich etwas Fremdes anzueignen, sich Unvertrautes vertraut zu machen. Das Irritierende an Alexander Kluges »Russland-Kontainer« ist, dass der Autor offenbar dem Aneignungsprozess als solchem wie auch dem heimatlichen Vertrautsein gleichermaßen misstraut. Er lässt das Fremde nicht nur in der Fremde, ihn befremdet sogar das Eigene. • Buch im nd-Shop bestellen Alex...

Seite 25
Frank Schäfer

Wie die anderen sein

Im Jahr 1952 ist Annie Ernaux zwölf Jahre alt. An einem Junisonntag beim Essen streiten sich ihre Eltern, die Situation eskaliert, der Vater will die Mutter mit der Axt erschlagen. Er beruhigt sich schließlich, aber es bleibt ein Trauma bei dem jungen Mädchen zurück, das sie in dem Memoir »Die Scham« erzählerisch bearbeitet. Psychologische Ursachenforschung scheidet für sie von vornherein aus. Die...

Enno Stahl

Der überdrehte Erzählton

Deutsche können keine Komödien. Den Text mit einem Pauschalurteil zu eröffnen, kommt immer gut. Das erregt Widerspruch oder Zustimmung, und in unseren polarisierenden Zeiten ist Aufmerksamkeit, die sich allein aus Ablehnung oder Apotheose speist, nur so zu erlangen. Also: Deutsche können keine Komödien. Es sei denn, man betrachtet den »Schuh des Manitu« als gelungene Humoreske, die ubiquitären Lac...

Seite 26
Klaus Bellin

Der ungeliebte Bruder

Die letzten Jahre verbrachte er in Wolfenbüttel. Es ging ihm miserabel. Er war arm und krank, lebte seit Jahren von Brot und Blutwurst, Kaffee und Tee, hatte heftige Kopfschmerzen und schlaflose Nächte und nur einen einzigen Wunsch: »einmal frei von Sorge und Angst, wenn der Himmel mein Verlangen erfüllt, zu leben«. Er schrieb es am 4. Dezember 1844 seinen Brüdern, die ihm »schon so oft und viel g...

Hans-Dieter Schütt

Mitten im Wald

Ist der Mensch den unmittelbaren Wirkungen seiner Kindheit weit genug entrückt, sucht er in wachsender Wehmut die Wege zurück. Verlangt just in den Nach-Bildern eines längst verwitterten Ursprungs nach der Steigerung seines gegenwärtigen Empfindens. »Suchbild« nannte Christoph Meckel sein Erinnern, »Herkunft« betitelte Botho Strauß seinen Rückblick - und »Heimkehr« heißt das jüngste Buch von Wolfg...

Seite 27
Jana Frielinghaus

Schussreif manipuliert

Seit Jahrzehnten arbeitet Daniela Dahn die Verwerfungen infolge der überstürzten Fusion von DDR und Bundesrepublik auf, darunter die Ignoranz der Herrschenden in der alten BRD gegenüber dem Vorschlag für eine neue, gemeinsame Verfassung für ein künftiges gesamtdeutsches Gemeinwesen, erarbeitet vom Runden Tisch. Jenem Gremium also, in dem DDR-Oppositionelle aller Couleur und SED-Leute vom Herbst 19...

Karlen Vesper

Die Vergangenheit lebt wieder auf

Sie wurden herzlichst begrüßt, die sich auf Zeitreise zurück in ihre Vergangenheit begebenden Veteranen der Republikanischen Armee und der Interbrigaden - ob auf dem Campus der Madrider Universität, Schauplatz heftiger Kämpfe im Dezember 1936, oder im Gewerkschaftshaus von Zaragoza. Am stürmischsten jedoch war der Empfang am Bahnhof von Barcelona. Junge Leute umarmten die Verteidiger der Volksfron...

Seite 28
Peter Nowak

Politik in erster Person

In konservativen Medien müssen die Autonomen immer wieder als Popanz herhalten, wenn man nachzuweisen versucht, dass es auch militante Linke gibt. Doch konnte man je von einer autonomen Bewegung sprechen? Und gibt es sie noch heute? Das sind Fragen, über die sich auch der Teil der außerparlamentarischen Linken trefflich streitet, der der autonomen Szene zugerechnet wird. • Buch im nd-Shop bes...

Irmtraud Gutschke

Ein anderes Zusammenleben

Die Revolution ist fällig«, ruft es in roter Schrift. »Aber sie ist verboten« - das ist nur klein in Schwarz hinzugesetzt. Es gibt so viele Unzufriedene in diesem Land, dass ein Buch mit diesem Titel Aufmerksamkeit finden müsste, zumal wenn es von einem politisch erfahrenen Mann stammt wie Albrecht Müller. • Buch im nd-Shop bestellen Albrecht Müller: Die Revolution ist fällig. Aber sie ist v...

Seite 29
Robert D. Meyer

Blicke hinter Höckes Kulissen

Mit Büchern über Nazis, Kameradschaften, die Neue Rechte und Rechtsterroristen ließe sich längst eine komplette Bibliothek füllen. Auch für die AfD bräuchte es darin einige Regalmeter. Ihr rasanter Aufstieg wie auch das Erstarken reaktionärer Kräfte weltweit beschäftigen die Gesellschaft. Der Bedarf an Analysen, Beschreibungen und Erklärungsversuchen ist groß. • Buch im nd-Shop bestellen Eva...

Johanna Bussemer

Von Cola di Rienzo bis Gauland & Co

Populismus ist die politische Kommunikation des kleinen Aufstands, Appell des Volkes gegen die Eliten. Kein neues Phänomen, sondern immerwährender Bestandteil politischer Prozesse. Das sind die Kernthesen von Kolja Möllers »Geschichte des Populismus«. Den im Titel des Buches verwendeten Begriff »Katzenjammer« hat er sich bei Karl Marx ausgeliehen, der nach dem gescheiterten Volksaufstand in Frankr...

Seite 30
Hans-Gerd Oefinger

Ein bewegtes Leben

Dass die rheinisch-bergische Industriestadt Remscheid vor 100 Jahren den Ruf als »Bergisch Moskau« genoss, war kein Zufall. Die von Metallfacharbeitern gegründete Arbeiterbewegung hatte einen sehr hohen Organisationsgrad und Zusammenhalt, Streikerfahrung und Selbstbewusstsein. Der 1917 von Russland ausgehende revolutionäre Funke sprang hier über. Im November und Dezember 1918 wie auch nach der Nie...

Stefan Bollinger

Die geschmähte Alternative

Differenziert auf den verschwundenen (ost)deutschen Staat zu blicken, ohne die gängigen Klischees von Stasi, Mauer und Stacheldraht wiederzukäuen - das ist auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR beileibe nicht selbstverständlich. • Buch im nd-Shop bestellen Thomas Kacza: Die gescheiterte Alternative. Die DDR von Anfang bis Ende. Nora, 654 S., br., 29 €. Thomas Kacza, 1951 in Mecklenburg g...

Seite 31
Peter Nowak

Sie wollten nicht nur Opfer sein

Ich habe daher eine Bitte. Gedenkt der Frauen nicht nur als Opfer. Gedenkt und würdigt auch ihren Mut, ihre Solidarität und ihren Lebenswillen.« Diesen Appell richtete Lisl Jäger während der Gedenkfeier zur Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück vor zehn Jahren an ihr Publikum. Die gebürtige Wienerin, die als Jungkommunistin nach dem »Anschluss« Österreichs an Nazideutschland im anti...

Karlen Vesper

Mutige Frauen

Unser Leben war von wenigen Siegen und zahlreichen Niederlagen gezeichnet«, resümierte Rossana Ros-sanda, die italienische Kommunistin, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin, die am 20. September dieses Jahres verstarb. An sie wird dankenswerterweise in diesem einzigartigen Kompendium auch erinnert, einer würdigen Hommage an mutige Frauen im Widerstand gegen faschistische Tyrannei und Barbarei in ...

Seite 32
Franziska Klein

«Es gibt immer eine Alternative»

Links sein und Engstirnigkeit schließen sich für mich aus.« Dieses sympathische, dick zu unterstreichende Bekenntnis von Ton Veerkamp, ehemaliger Jesuit und evangelischer Studentenpfarrer in Berlin-West sowie Aktivist der Friedensbewegung, eröffnet die spannende Zeitreise zurück ins 20. Jahrhundert. • Buch im nd-Shop bestellen Ton Veerkamp: Abschied von einem messianischen Jahrhundert. Polit...

Hermann Klenner

Ohne Hegel geht es natürlich nicht

Der Titel dieser kleinen Würdigung ist nicht der hier zu besprechenden Hegel-Monografie entnommen. Deren Autor, der wohl profilierteste deutsche Hegel-Forscher der Gegenwart, hat diese Unentbehrlichkeitserklärung nicht ein einziges Mal zitiert, wie man es hätte erwarten können. Walter Jaeschke, langjähriger Direktor des Hegel-Archivs und Herausgeber der »Gesammelten Werke« Hegels, hat bereits vor ...

Werner Abel

Ruheloser Anarchist

Kaum ein anderer hatte den Geburtsfehler der Weimarer Republik so treffend auf den Punkt gebracht wie Theodor Plievier mit dem Titel seines im Malik-Verlag erschienenen Buches »Der Kaiser ging, die Generäle blieben«. Als der bekennende und aktive Anarchist, der allerdings keiner der vielen Strömungen im Anarchismus angehörte, 1932 dieses Buch veröffentlichte, hatte er schon zwei Jahre zuvor, ebenf...

Seite 33
Jürgen Holz

Weitermachen gegen ein »Weiter so«

Der Leipziger Universitätsverlag ist 1992 mit dem Ziel gegründet worden, einen Ort des Verlegens akademischer Literatur zu schaffen. Diesem Profil entspricht auch der in der Reihe der Leipziger »Ostasien-Studien« herausgegebene Band »NOlympics«. Bedingt durch die Corona-Pandemie wurden die Olympischen Sommerspiele, die bekanntlich in diesem Jahr stattfinden sollten, nach langem Zögern doch noch in...

Günter Wernicke

Ein Volkstribun

Ho, Ho, Ho Chi Minh« - skandierten rebellierende Studenten Ende der 60er Jahre weltweit auf Straßen und Plätzen. Diese Sprechchöre dürften allgemein bekannt sein. Aber wer weiß noch, dass es in Berlin-Ost eine Ho-Chi-Minh-Straße per Magistratsbeschluss seit 1976 gab, die nach der Vereinigung wieder in Weißenseer Weg umbenannt worden ist? Daran erinnert unter anderem eine neue Biografie über Ho Chi...

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Sophie Luisa

Analyse und Anklage

Feminismus ist eine sehr gute Sache«, heißt es eingangs, worauf sogleich die Begründung folgt: »In der anzustrebenden feministischen Gesellschaft gibt es keine Diskriminierung, keine einengenden Zuschreibungen, keine Ausbeutung und keine Unterdrückung.« Alle bräuchten weniger zu arbeiten, Macht und Verantwortung wären gerecht untereinander aufgeteilt, es gäbe weniger Gewalt und Armut, mehr Selbstb...

Silvia Ottow

Nicht die Natur ist schuld

Das Coronavirus oder, wie es exakt heißt, Sars-CoV-2, ist nicht der erste Krankheitserreger, der die Welt in Angst und Schrecken versetzt. In den Jahren 1918 bis 1920 war es die Spanische Grippe, die ihren Ausgangspunkt in einem Betrieb für Massentierhaltung in den USA hatte und 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Es folgten Asiatische Grippe, Hongkong-Grippe, HIV, Sars, Vogel- und Schweinegr...

Franziska Klein

Warum Ioana ihren Sohn nie wiedersah

Sie war zwölf, als ihr opiumsüchtiger Vater sie an einen Kinderhändler verkaufte und sie in ein dunkles Hinterzimmer in Bangkoks Rotlichtviertel gesperrt wurde. Sie wurde als Nummer 17 zum Lustobjekt von Touristen. Als ein Deutscher sie und ihre Freundinnen Sokdy und Wan mit in seine Heimat nahm, glaubte sie, der Hölle zu entrinnen. Ein Irrtum. Sie blieb Sexsklavin. Dank ihr, die eines Tages ihren...

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Reiner Oschmann

Bei Thomas Mann

Kalte Nacht. Sonne. Leibesverstimmung und nervöse Erschütterung ...« So beginnt der Tagebucheintrag Thomas Manns vom 1. Januar 1951 in seinem Exil in Pacific Palisades, Los Angeles, Kalifornien. Von 1942 bis 1952 hatte der Nobelpreisträger, der den Nazis den Rücken kehrte, mit seiner Familie dort gelebt. Andreas Platthaus, Literaturchef der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, zog 2019 für vier Mona...

Ulrike Henning

Die Ungleichheit bleibt

Er ist nicht nur Publizist und Sozialwissenschaftler, sondern zugleich Vorsitzender der Partei der Arbeit von Belgien: Peter Mertens. Der Antwerpener erzählt von der Pandemie. Sein Text wird persönlich, wenn er über den Krebstod seines Schwiegervaters mitten im Lockdown schreibt. Dabei scheint auf, dass es vor allem die Einsamkeit ist, die fehlende Möglichkeit, sich zu verabschieden, die schmerzt....

Knut Henkel

Was heißt Schwarz sein?

Ihre Haare waren für das Büroteam zu »ethnisch«, ihr Auftreten zu »laut« - Ijeoma Oluo nahm es hin. Sah über rassistische Witze hinweg, dämpfte ihre Stimme in Meetings, akzeptierte, dass ihr Chef sie zwar beförderte, aber ihr keine Gehaltserhöhung gewährte, arbeitete härter, um voranzukommen. Sie sagte sich, dass sich das Durchhalten eines Tages lohnen würde, dass eine erfolgreiche Schwarze Frau g...

Seite 36

Pferd auf dem Baum

In Gaulis bei Borna beginnt die Geschichte, zwischen Roßwein und Döbeln endet sie. Ein sächsisches Pferd lässt sich von Bauer Trillhose nicht länger knechten, sondern besteigt dessen Opel, den der Mann mehr liebt als das Tier, und fährt auf Verwandtenbesuch. Nach Pappendorf bei Hainichen soll es gehen - aber die Reise endet vorzeitig. Weil das Pferd Lotte ein Hengst ist und eine Stute ihm schöne A...

Schneewittchen spielen

Dieses Buch ist zugleich eine Bühne, Einladung für Kinder ab vier, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Damit »Schneewittchen« inszeniert werden kann, muss das Märchen natürlich erst einmal vorgelesen werden. Aber diese Box enthält nicht nur den Text, adaptiert nach den Brüdern Grimm von Philip Contos und schön illustriert von Kristi Davidson, sondern auch Spielfiguren, die man zusammenstecken ka...

Silvia Ottow

Bequem im Vogelnest

Rot und schnell und immer hungrig - so lernen wir den Fuchs in dieser Geschichte kennen. Elegant springt er ins erste Bild des kleinen Büchleins und verliert dabei gleich mal seinen prächtigen blauen Hut. Doch noch ist die Welt für das schlaue Tier vollkommen in Ordnung. Es weiß, wie man den Geißen Fallen stellt, den Hasen Gruben gräbt und aus Hühnern einen zarten Braten macht. • Buch im nd-S...

Irmtraud Gutschke

Drei Frauen und ein Kinderschreck

Goldmarie sprang in den Brunnen und landete auf einer himmlischen Wiese, Alice fiel in ein Kaninchenloch und schwebte hinab in ein Wunderland, Robinson Crusoe wurde auf eine einsame Insel gespült und blieb dort achtundzwanzig Jahre, ich schritt durch Müll, über zerfetzten Maschendraht in einen Dornenwald.« - Für Leser ab zwölf Jahren verspricht dieses Buch Spannung und Vergnügen. Doch mehr noch al...