/ Kultur

Hass im Märchen-Mittelalter

»La juive/Die Jüdin« von Fromental Halévy an der Dresdner Semperoper

Von Dietrich Bretz

Natürlich wagnert es um Richards 200. Geburtstag auch in Dresden ganz gewaltig. Was aber die Semperoper nicht hinderte, mit der Rarität »La juive/Die Jüdin« von Fromental Halévy (Text: Eugène Scribe) gleichsam »an die Wurzeln des Wagner-Zeitalters« zurückzugehen. Bescheinigte doch Wagner seinem jüdischen Kollegen die Fähigkeit, »Musik zu schreiben, wie sie aus den innersten, gewaltigsten Tiefen der reichsten menschlichen Natur hervorquillt«. 1835 in Paris uraufgeführt, erlebte die Grand opéra 1917 ihre letzte Dresdner Inszenierung. Was umso erstaunlicher ist angesichts der nach wie vor beklemmenden Aktualität des Werkes.

Das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito zeigt, dass Hassgefühle gegenüber religiösen Minderheiten allerorten und unabhängig von einer konkreten Zeit auch in zivilisierten Gesellschaften schlummern. So auch in den christlichen Bürgern im Konstanz des 15. Jahrhunderts - auf Bert Neumanns Bühne als Märchen-Mittelalter subtil gestaltet.

Das Opus erzählt die Geschichte des jüdischen Goldschmieds Eléazar und seiner Ziehtochter Rachel - das von ihm aus dem Feuer gerettete Kind eines Christen, das er in jüdischem Glauben aufzog. Die antisemitischen Anfeindungen gegen die beiden eskalieren schließlich, als die Liebesbeziehung zwischen Rachel und dem christlichen Fürsten Léopold - der sich ihr als Glaubensbruder genähert hatte - publik wird. Ein in den Augen der aufgebrachten Menge und des Kardinals de Brogni schweres Verbrechen, das für Rachel und ihren Vater den Tod bedeutet. Ein tragisches Ende aber auch für den Eléazar verhassten Kardinal, dem der Jude - dessen Söhne einst von Christen umgebracht worden waren - im Angesicht des Todes offenbart, dass die nun gerichtete Rachel des Kardinals totgeglaubte Tochter ist - noch aus seiner Zeit als katholischer Richter.

Überwältigend, wie der Chor (Einstudierung: Pablo Assante) in gewaltigen Tableaus auch darstellerisch enorm gefordert, die Aussage der Inszenierung erheblich mitbestimmt. Schon Eléazars den katholischen Feiertag missachtende Arbeitswut ist für die bigotte Gesellschaft Grund genug, den Tod des Goldschmieds zu fordern. Wenn zum Trauermarsch im 5. Akt die als Juden verkleideten Christen (Kostüme: Nina von Mechow) in gieriger Erwartung der Hinrichtung Eléazars und Rachels mit Koffern durch die Kulissen des Goldschmiedhauses und des benachbarten Domes ziehen - so den Exodus der Juden verhöhnend -, verschlägt diese Massenpsychose einem geradezu den Atem.

Ein Glücksfall für die Semperoper der hervorragende Tenor Gilles Ragon, der die komplexe Figur des Eléazar, schwankend zwischen Christenhass und Liebe zu seiner Tochter, in Stimme und Spiel überzeugend formte. Sinnfällig auch das Rollenporträt des Kardinals, das Ethan Herschenfeld, begnadet mit profundem Bass, als Konflikt zwischen Pflichtgebot und natürlichem Empfinden anlegte. Und faszinierend, mit welch stimmlichem und darstellerischem Einsatz Tatiana Pechnikova die vielschichtige Ausdrucksskala der Rachel differenziert ausleuchtete.

Geradezu phänomenal, wie flexibel die sonst für das Wagner- und Strauss-Fach so prädestinierte Dresdner Staatskapelle unter Tomáš Netopil ihren Abstecher ins französische Opernidiom bewältigte. Da wurde man von leidenschaftlich aufrauschenden Klangwogen ebenso in den Bann gezogen wie von Passagen bestechender Klangsensibilität. Eine lohnende Ausgrabung!

Nächste Aufführung: 2.7.

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