Rottenknechte (2 DVDs)

DDR TV-Archiv - alle fünf Folgen erstmals komplett auf DVD

Im Mai 1945: Während Hitler Selbstmord begeht und die Kapitulation Deutschlands unmittelbar bevorsteht, hat Hitlers Nachfolger Großadmiral Dönitz noch ganz andere Pläne: Gemeinsam mit den Westmächten will man den Kampf gegen die Sowjetunion fortsetzen und sich Handlungsspielraum bewahren.

Währenddessen haben einige Matrosen genug vom Krieg: Als ihr Schnellboot M612 in Richtung Baltikum aufbrechen soll, beginnen sie eine Meuterei, verhaften die Offiziere und fahren in Richtung Heimat. Doch unterwegs begegnen sie einer Flottille unter Kommodore Petersen, der die alten Zustände auf M612 wiederherstellt. Britische Truppen befinden sich bereits auf dänischem Boden, als die an der Meuterei beteiligten Matrosen in der Bucht von Sönderborg hingerichtet werden - und auch drei weitere Matrosen, die nach der Teilkapitulation ihren Stützpunkt verlassen haben, ereilt das gleiche Schicksal.

Die Serie zeichnet die Ereignisse von 1945 ebenso nach wie die weitere Karriere der an den Exekutionen beteiligten Offiziere, die - wenn auch unter anderer Flagge - ihren Kampf gegen die Sowjetunion fortsetzen. So wird im Auftrag der Briten ein Brückenkopf in Kurland errichtet, von dem aus mit Hilfe lokaler Faschisten die UdSSR geschwächt werden soll. Die späteren Kriegsverbrecher-Prozesse gegen deutsche Offiziere führen zu keinem Ergebnis, während die ehemaligen Nationalsozialisten hohe Positionen in der bundesrepublikanischen Marine und der NATO erreichen.

Die Spielhandlung wird immer wieder unterbrochen durch Interviews mit an den damaligen Ereignissen beteiligten Personen, um so den dokumentarischen Charakter der an realen Begebenheiten orientierten Serie zu unterstreichen.


Produktionsland/-jahr: DDR 1971
Regie: Frank Beyer
Autor/Drehbuch: Klaus Poche, Frank Beyer, Gerhard Stueber
Darsteller: Helmut Schellhardt, Klaus-Peter Thiele, Kurt Kachlicki, Fred Ludwig, Dietmar Richter-Reinick, Wolfgang Dehler, Dieter Mann, Günter Naumann

FSK: ab 12 Jahren
Erschienen bei: Studio Hamburg Enterprises
Tonformat: Dolby Digital 2.0 Mono
Bildformat: 4:3
Sprachen: deutsch
Farbe: s/w
Anzahl der Disc: 2
Laufzeit: ca. 330 Min.
Artikelnummer: D36081


Stimmen

Von PETER HOFF
06.07.1992 Neues Deutschland Feuilleton
Fernsehdramatik aus dem DFF-Archiv im Programm des ORB
Was nicht ins neue Bild passt, wird getilgt

Samstag im Ersten Deutschen Fernsehen: Verleihung der "Goldenen Europa" an Künstler des Showbusiness, darunter auch an den emeritierten Bundesaußenminister Genscher (Moderator Karsten Speck: "Immer für einen .. Scherz gut, auch außerhalb der politischen Bühne.") Der Professor für Media Ecology an der New York University, Neil Postman, kann triumphieren: Außenpolitik als Entertainment - so weit ist selbst er nicht gegangen, als er vor Jahren behauptete, wir amüsierten uns zu Tode...

In seiner Donnerstag-Reihe mit fernsehdramatischen Produktionen aus dem Archiv des DFF/Fernsehens der DDR wiederholte der ORB in den vergangenen Wochen den Fernsehfilm "Rottenknechte". 1969/70 entstanden und im Januar 1971 erstgesendet, gehört dieser auf tatsächlichen Begebenheiten aus den letzten Kriegs- und ersten Friedenstagen 1945 basierende Film zu den besten Beispielen des politischen Fernsehfilms in Ostdeutschland. Frank Beyer, dessen erste Filmarbeit nach dem Verbot von "Spur der Steine" dies war, erzählte mit beklemmender Authentizität die Geschichte von Standgerichtsurteilen gegen junge deutsche
Soldaten, die nach dem Waffenstillstand ihre Truppe in Dänemark verlassen und sich auf den Weg nach Hause machen. Sie wurden noch nach der deutschen Generalkapitulation von einem faschistischen Kriegsgericht verurteilt und erschossen, denn die Administration des Großadmirals Dönitz will sich gegen die Sowjetunion mit den westlichen Kriegsgegnern verbünden; der Kalte Krieg wirft seine Schatten voraus.
Die Wiederholung beschränkte sich auf drei Teile des fünfteiligen Films. Die Handlung endete nun mit einem Text, der davon berichtet, dass die Offiziere, die diese Untat verschuldet hatten, niemals verurteilt wurden. Dass bei der "Bewältigung der Vergangenheit" seinerzeit "Fehler" gemacht und "Unterlassungen" verschuldet wurden - so weit konnte man heute schon wieder gehen, um damit die Härte im Vorgehen gegen "Mauerschützen", "IM" und "Regierungskriminelle" zu begründen. Dass aber beim Aufbau der Bundeswehr, der Geheimdienste-, der Justiz und der Bürokratie in Westdeutschland auf Kriegsverbrecher und Nazis zurückgegriffen wurde - das passt nicht mehr in das Bild vom Rechtsstaat BRD als Gegenbild zum "Unrechtsstaat" DDR und wird aus dem neudeutschen Geschichtsbild getilgt. Denn die "abgekoppelten" beiden Filme zeigten die Karrieren, die diese Offiziere in den fünfziger und sechziger Jahren bei der Wiederaufrüstung in Westdeutschland machten.
Frank Beyer erklärte in einem Vorspruch, sein Film sei auch in der gekürzten Fassung vertretbar. Mir scheint jedoch das "Geschichtsbild" der Programmgestalter des ORB fragwürdig, weil es, mit umgekehrten Vorzeichen, jenem der DDR so ähnlich ist: Was das saubere Selbstbild des Staates stört, wird aus der Geschichte getilgt, und sei es eben mit der Schere des politischen Zensors von Fernsehsendungen.
N3 wiederholte am Samstagabend "Gütt. Journalist", ein Dokumentarspiel von Hans Heinrich Ziemann und Horst Königstein. Der Fernsehjournalist Dieter Gütt nahm sich im Einigungstaumel das Leben. Er fühlte sich überflüssig. Rückgrat war nicht mehr gefragt, Anpassung war verlangt. - Dieser Film gehört in das Ausbildungsprogramm für junge Journalisten, für das Fach "Ethik".



04.06.1996
Neues Deutschland Inland
N

Der Anteil, den deutsche Militärjuristön während des zweiten Weltkrieges am Erhalt des Naziregimes hatten, wurde und wird verschwiegen. In der Kunst, im Film vor allem, wurde die Wehrmacht idealisiert. Es war die Mehrheit der rund zwanzig Millionen Soldaten, die für "Führer, Volk und Vaterland" gekämpft hatten, die nach der Niederlage für sich zumindest die moralische Rechtfertigung einforderte. Sie wurde und wird ihnen auch von den heute politisch Mächtigen nur zu gern gegeben. Die Entscheidungen des Bundesparlaments zur Frage der Anerkennung von Wehrmachtsdeserteuren als Nazi-Gegner belegen dies immer 1 wieder. Deshalb muß einem Fernsehfilm Be-achtung geschenkt werden, der sich dieses Themas annimmt.
Helmut Figge drehte für den Südfunk Stuttgart »Die Wehrmachtsjustiz«, eine Dokumentation über die »zweifelhafte Rolle deutscher Militärrichter« im zweiten Weltkrieg (Bl). Figges Film stützt sich auf präzise Recherchen. Die wenigen noch verfügbaren Zeitzeugen wurden befragt, Archivmaterialien gesichtet. Das Ergebnis ist erschütternd, der Freispruch, den sich die deutsche Justiz selbst erteilt hat, bricht haltlos in sich zusammen. - Es waren nicht nur die Standgerichte, die noch in den letzen Tagen, ja Stunden des Krieges Soldaten und Zivilisten verurteilten und umbringen ließen. Eine beschauliche Baumreihe dicht beim märkischen Seelow heißt heute noch im Volksmund »Allee der Gehenkten«. Hier wurden Soldaten an den Bäumen aufgeknüpft, zur »Abschreckung«.
Der Film zitiert in wenigen Bildern auch den dokumentarischen Fernsehfilm »Rottenknechte« von Klaus Poche und Frank Beyer, der schon vor mehr als zwanzig Jahren die fürchterliche Kontinuität verfolgt hatte, die das Ende des zweiten Weltkrieges und den Beginn des Kalten Krieges verband, der alte Feindbilder wieder aufnahm, aber auch die schrecklichen Juristen wieder in Amt und Würden brachte.
Die Spuren sind heute, bis auf wenige Dokumente in Museen, in Deutschland gelöscht, aus den Konzentrationslagern sind harmlose Sportplätze oder gut gesicherte Depots der Bundeswehr geworden, aus der Lagerstraße des KZ Esterwege, wo die »Moorsoldaten« - ein ehemaliger Häftling singt zur Gitarre mit brüchiger Stimme das berühmte Lied - sich zu Tode schuften mußten, eine schöne Allee mit alten Bäumen. Es ist buchstäblich »Gras gewachsen« über das Grauen. Figge gräbt nach, verweist auf ideologische Wurzeln des perversen juristischen Denkens, das zur Mordjustiz führte - und muß am Ende doch resignieren. Die Maurer des- Schweigens ist nur schwer zu durchbrechen.

Preis: 19.99 Euro

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