Mauerkinder – Subkultur in der DDR und Straßenkinder im Berlin der 90er Jahre (2 DVDs)

Sperrmüll / Eisenzeit / Unsere Kinder / Unsere bösen Kinder – 4 Dokumentarfilme der DEFA zwischen Ost und West

Laufzeit gesamt: ca. 339 Min.
Anzahl der Disc: 2 plus Begleitheft
Farbe und s/w
Sprache: Deutsch
FSK: ab 12 Jahren
Art.-Nr.: 19339

Sperrmüll – Dokumentarfilm von Helke Misselwitz

Ein junger Punk-Musiker aus Ost-Berlin trommelt gemeinsam mit seinen drei Freunden seinen Unmut auf Gegenstände, die andere Menschen fortgeworfen haben. Während der Dreharbeiten im Frühsommer 1989 heiratet seine Mutter erneut und zieht in den Westen, während er sich dafür entscheidet, im Osten zu bleiben. Dank der Wende können sie sich wider Erwarten schon im Frühjahr 1990 wiedersehen. Ein einfühlsamer Dokumentarfilm, der liebevoll Menschen porträtiert; auf sympathische Weise bricht er eine Lanze für viele von der politischen Entwicklung der deutschen Wiedervereinigung überrollte Menschen.

Hintergrund:
Zwischen ihrem großen Erfolg „Winter adé“, der Frauen in verschiedenen Regionen
der DDR portraitiert, und ihrem ersten Spielfilm „Herzsprung“, schafft Helke
Misselwitz nicht nur die kürzere Dokumentation „Wer fürchtet sich vorm schwarzen
Mann“. Im Frühsommer 1989 beginnt die Regisseurin mit dem Dreh an
„Sperrmüll“; und mit „Sperrmüll“, um genau zu sein, denn so nennen sich vier
junge Ost-Berliner, die Musik machen, indem sie auf Weggeworfenem
trommeln – und dabei vor allem ihren Frust herausschreien: den alterstypischen
wie den DDR-spezifischen.
Nach kurzer Zeit wird das Projekt von den politischen Umbrüchen jener bewegten
Monate überrollt. Ebenso ergeht es den vier Jungs, ihrer Gruppe, ihrer Musik
und ihren Ambitionen.
Helke Misselwitz und ihr Co-Autor Gerd Kroske (der später Regie führt bei Filmen wie „Kehraus“, „Der Boxprinz“, „Autobahn Ost“) konzentrieren sich auf einen aus dem Quartett, Enrico alias Rizzo, und seine Mutter. Diese darf Ende Juni 1989 einen West-Berliner heiraten und zu ihm ziehen. Die zwölfjährige Tochter geht mit, der Sohn will im Osten bleiben. Der Abschied im Juli 1989 scheint für lange zu sein – niemand ahnt, dass dreieinhalb Monate später die Mauer fallen wird. Danach sträubt Rizzo sich noch immer gegen die Vereinnahmung durch den Westen – oder nun erst recht?
Er und seine Kumpel wirken wie die lebendige Bestätigungen der These, dass sich eine DDR-Identität so richtig erst herausgebildet hat, als die DDR ihrem Ende entgegenging.

Ein Vierteljahrhundert später ist dieser schon damals wenig beachtete und
inzwischen weitgehend in Vergessenheit geratene Dokumentarfilm – wie
„Winter adé“ fotografiert von Thomas Plenert – ein interessantes Zeitzeugnis
nicht nur, weil er selbst etwas ratlos wirkt und manches offen lässt. Er erinnert
auch daran, dass damals manch einer die Teilung Berlins und Deutschlands
aufrechterhalten wollte. Zudem ist der Film von großem Wert, weil die Kamera hier
Rizzo Weihnachten 1989 auf seinem Weg gen Westen durch den Kontrollpunkt
Bahnhof Friedrichstraße begleitet – vom Eingang zum „Tränenpalast“
bis zu jenem Bahnsteig, an dem die S-Bahn Richtung Wannsee abfuhr.
Rare Aufnahmen, die einen ebenso beklemmenden wie banalen Vorgang zeigen.

Produktionsland: DDR 1989/90
Produktionsfirma: DEFA, Studio für Dokumentarfilme, Gruppe Kinobox
Erstauffuehrung: 19.2.1991
Regie: Helke Misselwitz
Drehbuch: Helke Misselwitz, Gerd Kroske
Musik: Sperrmüll, Bolschewistische Kurkapelle Rot-Schwarz, Angelika Richter, Heinz Richter
Länge: 78 Minuten





Eisenzeit – Dokumentarfilm von Thomas Heise

Die Filmhelden wurden um die Zeit des Mauerbaus geboren, einige in schwierigen Elternhäusern. Ihr Heimatort Stalinstadt erhielt später den Namen Eisenhüttenstadt. Was wurde aus den Jungen? Mario, Tilo – er ist derjenige, der immer Neil Young nachspielte –, Karsten und Frank: sie waren nicht die Vorzeige-Jugend des Staates. Die ersten beiden sind tot, als Thomas Heise zehn Jahre später Eisenzeit macht. Tilo rettete er schon 1980 einmal das Leben, indem er dessen Kopf aus dem Gasherd zog ...


Hintergrund:
"Immer bleibt etwas übrig, ein Rest, der nicht aufgeht. Und am Ende habe ich den Anfang fast vergessen. Eines Tages holt dich die Geschichte ein." Was übrig bleibt, sind zunächst die Reste von alten Geschichten. Zum Beispiel jene von Mario, an den sich die schwarze Sozialarbeiterin Conny erinnert, während sie im Regen durch Berlin fährt. Es war im Jahr 1981, als sie Mario, einen Jungen aus Eisenhüttenstadt, das erste Mal gesehen und sich in ihn verliebt hat. Dann fragt sie Thomas Heise, wohin sie eigentlich fahren soll. "Zum Friedhof", antwortet er knapp. Da weiß man schon, dass diese Geschichte kein gutes Ende gefunden hat.
Bereits das erste Bild enthält einen unauflösbaren Widerspruch: Ein langsamer Schwenk über ein sozialistisches Fliesenfresko, jugendliche, fröhliche Gesichter sieht man darauf, ein Marsch am 1. Mai - darüber liegt Neil Youngs "After the Goldrush": "Thinking about what a friend has said, I was hoping it was a lie." Der nächste Schnitt zum Titel ist hart. Undefinierbarer Lärm. Eisenzeit steht auf einer grauen Fläche.
Der Film sollte schon 1980 entstehen. Heise wollte eine Gruppe von Jugendlichen aus Stalinstadt, später Eisenhüttenstadt – der ersten sozialistischen Stadt der DDR – porträtieren. Er kam bis zum ersten Drehtag, dann sprach ihn ein Mann, "der etwas zu sagen hat" – so der Off-Kommentar – in der Kantine an: "Sie machen nicht diesen Film."

Mario, Tilo – er ist derjenige, der immer Neil Young nachspielte –, Karsten und Frank: sie waren nicht die Vorzeige-Jugend des Staates. Die ersten beiden sind tot, als Heise zehn Jahre später Eisenzeit macht. Tilo rettete er schon 1980 einmal das Leben, indem er dessen Kopf aus dem Gasherd zog.
Die Beziehung Heises zu seinen Figuren ist in Eisenzeit enger als in den anderen Filmen, man spürt die unterdrückte Wut. Dennoch bleibt seine Voice-Over von geradezu Brechtscher Strenge und Distanz – fast gehetzt und kaum emotionalisiert werden die Fakten, Erinnerungen, Zitate vorgetragen. Die Bilder, die dabei zu sehen sind: Eine niedrige, unbevölkerte U-Bahn-Passage, die in Kreisschwenks durchmessen wird; ein Nicht-Ort mit vielen Anschlüssen, der sich wie eine Kupplung der Geschichte(n) ausmacht; oder Statuen aus Stein, deren Materialität in der Großaufnahme zu Tage tritt. Bewegung und Stillstand.

Die vergangenen Ereignisse, an denen die Affekte weiter haften, und ihre Zusammenhänge werden von Heise in Etappen rekonstruiert: Er befragt die Eltern, die Geschwister der Verstorbenen, die Freunde, die Lehrerin, er liest aus vergilbten Klassenbüchern vor - und immer wieder gibt es Fotos von damals zu sehen. Die Gespräche sind vom Stocken bedroht, sie verschweigen so beredt wie sie erhellen: "Was bleibt?", fragt Heise Conny. "Na nix." Lange Pause: "Ich wees nicht." Die Eltern, merkbar nervöser, haben ihre Ansichten nicht revidiert, die Lehrerin drückt Verständnis für Schüler aus, die für die Stasi gespitzelt haben. Heise aus dem Off: "Man will immer das Gute, und dann klappt's nicht."

Was sich dabei abzeichnet, ist das Aufbegehren einer Generation gegen die bleiernen Verhältnisse und gegen Eltern, die so angepasst waren, dass sie ihre Kinder vom Staat erziehen ließen. Beziehungsweise die Unfähigkeit dieses Staates und dieser Eltern – die sich in Eisenhüttenstadt offenbar besonders nahe standen – auf ihre Söhne anders als dogmatisch zu reagieren. Noch heute sind sie überzeugt davon, das Richtige getan zu haben, wenn sie ihr Kind in den Jugendwerkhof, eine Art Jugendgefängnis, bringen ließen.

Was sich dabei abzeichnet, Aussage gegen Aussage, Schicht für Schicht, ist die Tragik einer Generation, die nur flüchten wollte, aber nicht wusste, wohin. "Ich war gegen alle und gegen mich selbst", wird Tilo zitiert, der zum Alkoholiker wurde. Sein Bruder erzählt von den Umständen seines Todes – wie ihm Tilos Abschiedsbrief vorenthalten wurde. Madlong, die Mario geheiratet hat, führt später an einer Tankstelle im Auto aus, wie dieser sukzessive verfiel und Blut auszuscheiden begann. Es ist aber auch nicht so, dass man im Westen (oder im wiedervereinigten Deutschland) glücklicher würde: Nicht nur Marios Mutter kritisiert die Entwicklung nach der Wende. Eisenzeit ist grundsätzlicher in seiner Kritik, denn es geht um die Freiheit, sich als Subjekt zu entwerfen – eigentlich um die Verhinderung dieses Prozesses. Darum steht am Ende auch die Erzählung Franks, des Überlebenden: Er führt die Anklage, aus ihm spricht immer noch der Hass, wenn er an seinen Vater denkt, der ihn erniedrigt und verprügelt hat. Grundlos, weil er einen Sohn bekam, der an seine Welt nicht mehr glauben konnte. (Quelle: Kinoreal)

Produktionsland/-jahr: Deutschland 1991
Regie: Thomas Heise
Länge: 87 min




Unsere Kinder – Dokumentation von Roland Steiner

Skins, Punks und Grufties, die es offiziell in der DDR nicht gab, vor der Kamera.
Roland Steiner erzählt von jugendlichen Randgruppen. Er greift damit ein Thema auf, dass es offiziell nicht geben durfte, so wurden in der DDR alle “rechten” Vergehen stets als Rowdy-Prozesse getarnt. Steiner verurteilt nicht, er versucht zu ergründen, wo die Ursachen für den Extremismus liegen. Wenn Steiner “Unsere Kinder” sagt, dann schwingt Mitgefühl mit und Verständnis für Jugendliche, die allein gelassen wurden, die zuerst verzweifelte Kinder sind, bevor sie ihren Hass gegen andere richten.

Hintergrund:
Die Aufnahmen, die zum Material des Films führten, entstanden im Zeitraum von 1985 bis 1989, umfassen also einen Stimmungsquerschnitt, der nicht nur die Endphase des Niedergangs einer Gesellschaftsform widerspiegelt. Bis heute ist der Film im Osten weitestgehend unbekannt, was sich vielleicht darauf zurückführen lässt, dass der Veröffentlichung die Wende dazwischen kam, wodurch er ein Stück weit unterging.
Schon der Anfang verdeutlicht das Konzept, das Steiner dem Film zugrunde legte. Bedächtig fährt die Kamera zurück, eine Straße entlang, dabei graut der Morgen – oder wird es Nacht? In der Kamerabewegung liegen die Regression, die sich durch die rechtsextremistischen Ideologie äußert, und die nicht geleistete Verarbeitung der Deutschen, gleichzeitig schafft diese Bewegung aber auch den Raum, etwas aus der Ferne zu betrachten, es im Ganzen zu erfassen. Genau das macht Steiner, er hält den nötigen Abstand, um an einzelnen Stellen wieder näher herangehen zu können.
Die erst später einsetzende Voice-over ist wörtlich zu nehmen und verweist auf die Realität: Zuerst gab es die Bewegung, dann kommt die Notwendigkeit, darüber zu sprechen, denn diese Kinder sind die unseren. Eine Isolation darf daher nicht geschehen, kann sogar gefährliche Ausmaße annehmen, wie der Film begreiflich macht. Laut eigener Aussage lag Steiners Ansatz darin, mit Skinheads zu reden, sie besser kennen und einschätzen zu lernen. Doch nachdem er von Schlägereien erfuhr, bei denen sich die Gegner teilweise verschonten, weil sie eine gemeinsame Kindergartenvergangenheit teilten, begriff er, dass es nicht nur „unsere Kinder“ waren, sondern dass sie in unterschiedliche Richtungen opponierten. Deswegen kommen in der Dokumentation auch andere Gruppierungen zu Wort.
Der Film begegnet diesen sogenannten „Randgruppen“ immer zuerst mit der Benennung, denn was benannt wird, bekommt Substanz in die eine oder andere Richtung. Man nennt sie Grufties, erzählt die Stimme und zeigt eine Gruppe schwarz gekleideter Jugendlicher. Sie selbst nennen sich Holger, Ines und Mark, denn sie besitzen auch Namen, hinter denen Menschen stecken wie du und ich. Aber nicht nur die öffentliche Wahrnehmung, auch die Eigenwahrnehmung der Vorgestellten stimmt nachdenklich: Einer nennt sich Schmutz, ein anderer Abfall. Abfall spielt in einer Band namens Fehlinformation. Die meist verwendete Handkamera verleiht diesem erschütternden Eigenbild zitternd Ausdruck, unterstreicht den verloren gegangenen inneren Halt dieser Generation.
Die Interviews eröffnen eine tiefgreifende Frustration darüber, vom Rest der Gesellschaft nur über das Äußere beurteilt zu werden, sie stellen die Wechselbeziehung zwischen Erwartungen und dem Nachkommen dieser Erwartungen her: Wenn ihr denkt, ich bin so, dann bin ich auch so. Auch die Erziehung zur Gewalt innerhalb der eigenen Familien wird thematisiert. Ein Skinhead äußert, er wolle Täter und kein Opfer sein, viel Hass und Wut auf den Staat und die Situation sind zu spüren. Wo soll man das abreagieren? Bei den Lehrern oder Eltern nicht, das steht fest.
Die meisten Unterhaltungen finden innerhalb geschlossener Räume statt, die zudem oftmals abgedunkelt wurden. In seiner atmosphärischen Intensität lässt sich besonders ein Interview hervorheben, das Steiner mit zwei Skinheads führte, die ihre Anonymität wahren wollten. Deswegen positionierte sich die Kamera in einem völlig verfinsterten Raum hinter den Sprechern, deren Hinterköpfe nur noch als Schemen erkennbar sind. Die Gespräche rücken diese generell auf allen Seiten herrschende Unzufriedenheit in den Fokus, (ver)führen zu der Annahme, dass die Wurzel des Problems darin liegt, die junge Generation mit dieser Aversion gegen herrschende Zustände allein gelassen und sie somit für solche Gemeinschaften erst empfänglich gemacht zu haben. Ein gerade in Haft genommener Skinhead schreibt in einem Brief an seine Mutter, dass er den Ausstieg oft probierte, ihm aber gesagt wurde, das dürfe er nicht, man brauche ihn hier. Dieses Gebrauchtwerden ist etwas, das dieser Generation existentiell fehlt, denn sie ist eine Generation, die keine Entscheidungen treffen darf, der kein Vertrauen entgegen gebracht und die vollständig überwacht wird. Trotzdem erschreckt die Vehemenz, mit der diese Jugendlichen ausländerfeindliche Parolen schmettern, die nicht alleine der Überzeugung sondern vor allem dem Gemeinschaftsgefühl geschuldet sind. Im Nachgespräch erwähnt Steiner in diesem Zusammenhang einen Satz von Erich Fried, mit dem er sich über dieses Phänomen unterhielt: „Wenn der Mensch glaubt, der Zweck heiligt die Mittel, dann vergisst er, dass er seine Perspektive damit verändert.“
Steiners Film mahnt, indem er darauf hinweist, dass schon zu viele Perspektiven verändert wurden. Viele dieser, unserer Kinder driften ab und enden hinter Gittern. Darauf möchte er aufmerksam machen. Die langen Einstellungen zeigen seine Geduld und die Bereitschaft, zu warten, bis das Gegenüber zu sprechen bereit ist. Dass diese Art zu Filmen, dieses langsame Sich-Annähern in der immer schneller werdenden Zeit Seinesgleichen sucht, verweist auch auf ein vorherrschendes mediales Problem, das nicht aktueller sein könnte.
Am Ende bezeichnet sich der Film als ein Plädoyer für das Zuhören, das Verstehen wollen, das offene Reden, bevor es zu spät ist. Redebedarf scheint en masse vorhanden zu sein, vor allem in der Gruppe der Grufties reden die jungen Menschen durcheinander, ergänzen und überschlagen sich förmlich. Zu lange hat man sie nicht gehört, nicht wahrgenommen, sie abgestempelt und weggepackt.
(goEast Festival 2011)


Produktionsland/-jahr: DDR 1989
PROGRESS Film-Verleih
Regie: Roland Steiner
Drehbuch: Roland Steiner, Anne Richter
Kamera: Michael Lösche, Rainer Schulz
Laufzeit: 88 Min.





Unsere bösen Kinder - Dokumentarfilm von Karl Heinz Lotz

Ein Film über fünf Straßenkinder, Kinder, die zu früh auf sich alleine gestellt sind.
Der Film beginnt Weihnachten in Berlin 1992. Claudia, dreizehnjährig, lässt „ihre Mutter kapieren, dass ein Kind machen kann, was es will.“ Danny, dreizehnjährig, findet Deutschland beschissen, nachdem er zwei Jahre auf der Straße lebt. Seine Mutter fragt nicht mehr nach ihm. Jonas, dreizehnjährig, ist überzeugt, dass er ein gutes Schicksal haben wird. Er pendelt zwischen Elternhaus und Straße. Am wohlsten fühlt er sich bei Straßenkrawallen. Die dreizehnjährige Daniela will ihr Zuhause nicht verlassen, obwohl sie vom Vater geschlagen wird. Das Filmteam trifft sie in einem Frauenhaus. Und David schließlich, dreizehnjährig, lässt den Regisseur, seinen Vater, am eigenen Leib spüren, was Straßenkindern widerfährt und was sie ihren Eltern an Schmerz zufügen.


Hintergrund:
Das Phänomen herumstreunender, vom Elternhaus losgelöster sogenannter „Straßenkinder“, auch „Crash-Kids“ genannt, bei denen erzieherische Bemühungen im Elternhaus oder auch in Heimeinrichtungen fehlgeschlagen sind, ist nicht neu. Schon immer gab es derartige, als unerziehbar geltende Kinder und Jugendliche. In den früheren Jahren wurden sie ohne größere Diskussionen in die reichlich vorhandenen geschlossenen Heime überwiesen oder aber landeten bei Eintritt des Strafmündigkeitsalters (ab 14 Jahren) in den Jugendstrafanstalten. In jüngster Zeit fallen derartige Straßenkinder, die — ähnlich brasilianischen Vorbildern — in Gruppen zusammenleben, in Abbruchhäusern nächtigen und Straftaten bis hin zu Raubtaten begehen, verstärkt auf.
"Straßenkinder dieser Welt weisen auf gesellschaftliche Zustände hin, die nicht durch ein Abschieben (...) zu lösen sind." (Güthof 1995). Für Georg Rückriem sind diese Kinder Symptomträger, die auf innergesellschaftliche Defizite verweisen: "An der Wirklichkeit der Kinder zeigt sich die 'Krankheit' einer Gesellschaft, also die Konflikte, Spannungen und Auseinandersetzungen, die durch Modernisierungsschübe in der Struktur der Gesellschaft, aber vor allem im Gefüge der Generationen verursacht werden und die die allgemeine Wirklichkeit einer Gesellschaft bestimmen, auch wenn die Erwachsenen dies nicht sehen oder wahrhaben wollen." (Rückriem1994).
Deutlich konkreter beschreibt die von Wilhelm Heitmeyer 1996 veröffentlichte Studie zur Gewalt von Jugendlichen Ursachen und Wirkungen: "Jugendliche reagieren auf die Verhältnisse, die sie umgeben." Ihre Lage ist sicher auch Resultat "einer fortschreitenden Individualisierung der Gesellschaft, die alle Schichten umfasst. Allenthalben wird das Individuelle als Sieg über vielfältige Zwänge und Klassenschranken gefeiert. So durchlässig wie heute waren die sozialen Schichten nie zuvor. Seinerzeit allerdings waren auch Biographien vorgefertigt. Heute sind Jugendliche viel häufiger selbst gezwungen, sich ihre Lebensläufe herzustellen und frühzeitig wegweisende Entscheidungen zu treffen. Eine Selbständigkeit, die enorm verunsichern kann. Auf diesem Nährboden können Aggressionen prächtig gedeihen. Kommen dann (...) kulturelle Entfremdung und sozialer Abstieg hinzu, verwundert es nicht, wenn Gewalt zum Mittel der Wahl wird."
"Sie sind da - Kinder und Jugendliche, die im Abseits von familiärer Intimität und öffentlicher Kontrolle Lebensentwürfe im 'Nirgendwo' zu realisieren suchen. Sie versuchen Orte abseits der Familienkonstruktion und abseits institutioneller Kontrolle zu finden. Es sind Orte, 'die leer von Macht sind', 'Nischen im System', in denen sie zu 'Spezialisten für Nebenräume (werden), die sich als Abseits nutzen lassen' (Brückner 1980). Das Abseits, das einerseits Nische in einer reglementierten Gesellschaft ist, wird für sie jedoch dann zur Falle, wenn es nicht frei gewählt als Ausweg und eigenbestimmtes Feld sich erstellen lässt, sondern als einzig möglicher Weg, aber chancenlos in Hinblick auf Erfolg bzw. Erfüllung sich darstellt." (Langhanky1995).
(Aus „Strassenkinder in Deutschland. Berlin 1998 von Stefan Schneider)

Produktion: DEFA-Studio für Dokumentarfilme GmbH, Brandenburger Filmbetrieb Ackermann & Lotz 1992
Regie: Karl Heinz Lotz
Drehbuch: Karl Heinz Lotz, Egbert Lipowski
Laufzeit: 85 Min.

Preis: 14.99 Euro

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