...und Deine Liebe auch & Sonntagsfahrer – Mauerfilme

Filme von renommierten Filmregisseuren, die zum Teil schon während des Mauerbaus entstanden und auf die aktuellen Geschehnisse zu reagieren versuchten

Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 war ein historisches Ereignis, das die deutsche Geschichte der Nachkriegszeit entscheidend prägte und das auch in den Filmen der DDR seinen Niederschlag fand.
Diese Doppel-DVD stellt erstmals Filme von renommierten Filmregisseuren vor, die zum Teil schon während des Mauerbaus entstanden und auf die aktuellen Geschehnisse zu reagieren versuchten. Dies reicht vom agitatorischen Dokumentarfilm „Schaut auf diese Stadt“ über den halbdokumentarischen Spielfilm „... und deine Liebe auch“ und den Versuch einer Satire „Sonntagsfahrer“ bis hin zu zwei Episoden des Films „Geschichten jener Nacht“.

Die Filme

... und deine Liebe auch - DDR 1962 - Regie: Frank Vogel - Drehbuch: Paul Wiens - Kamera: Günter Ost - Musik: Hans-Dieter Hosalla - Darsteller: Urich Thein, Armin Mueller-Stahl, Kati Szekely, Katharina Lind, Alfonso Arau - Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Babelsberg - Premiere: 27. September 1962

Sonntagsfahrer - DDR 1963 - Regie: Gerhard Klein - Drehbuch: Karl Georg Egel, Wolfgang Kohlhaase - Kamera: Helmut Bergmann - Musik: Wilhelm Neef - Darsteller: Harald Helgardt, Herwart Grosse, Irene Korb, Erich Gerberding, Ellinor Vogel, Angelica Domröse - Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Babelsberg - Premiere: 30. August 1963

Schaut auf diese Stadt - DDR 1962 - Drehbuch und Regie: Karl Gass - Kommentar: Karl-Eduard von Schnitzler - Kamera: Hans Dumke, Hans-Eberhard Leupold - Musik: Jean Kurt Forest - Produktion: DEFA-Studio für Dokumentarfilme, Berlin - Premiere: 13. August 1962

Materna - DDR 1967 - Regie: Frank Vogel - Drehbuch: Werner Bräunig, Frank Vogel - Kamera: Claus Neumann - Musik: Günter Hauk - Darsteller: Urich Thein, Angelika Waller, Johannes Wieke, Werner Dissel, Rank Reckslack, Winfried Glatzeder - Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Babelsberg - Premiere: 9. Juni 1967

Der große und der kleine Willi - DDR 1967 - Regie: Gerhard Klein - Drehbuch: Helmut Baierl, Gerhard Klein - Kamera: Peter Krause - Musik: Wilhelm Neef - Darsteller: Erwin Geschonneck, Jaecki Schwarz, Christoph Engel, Rudolf Ulrich, Ernst-Georg Schwill - Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Babelsberg - Premiere: 9. Juni 1967

DVD-Features (Doppel-DVD)

DVD 1
... und deine Liebe auch 1962, 89'
Schaut auf diese Stadt 1962, 81'
Booklet mit Texten von Ralf Schenk und Stefan Drößler
DVD 2
Sonntagsfahrer 1963, 84'
Materna 1967, 15'
Der große und der kleine Willi 1967, 32'

Herausgeber: Filmmuseum München, DEFA-Stiftung und Goethe-Institut München; 1. Auflage März 2015; DVD-Authoring: Tobias Dressel; DVD-Supervision: Stefan Drössler
Extras: 20 Seiten Booklet

2 DVDs; Laufzeit: 173 min.; Untertitel: Englisch, Französisch; Art.-Nr.: 5860093
Preis: 24,99 €

Gespräch mit Frank Vogel und Manfred Freitag

Als die Mauer gebaut wurde, schrieben Sie gerade an einem Drehbuch. Wovon handelte es?
Frank Vogel: Es ist nicht ganz richtig, dass das Buch schon fertig war. Es gab einen Plan, den ich mit meinem Drehbuchautor, dem Schriftsteller Paul Wiens, verabredet hatte. Wir wollten eine deutschdeutsche Liebesgeschichte machen, eine Dreiecksgeschichte im Kraftfahrermilieu. In diesem Stadium wurden wir vom Mauerbau gewissermaßen überrascht. Alle waren damals sehr berührt und aufgeregt. Da kamen wir auf die Idee: Das muss man festhalten, das ist historisch wichtig. Der alte Entwurf ging eh nicht mehr, weil er nämlich auf einer freien Grenze beruhte. Also schrieben wir ein Konzept von zehn Seiten. Das wurde dann in unserer künstlerischen Arbeitsgruppe besprochen. Auch mit Konrad Wolf, den ich während meines Studiums an der Filmhochschule in Moskau kennengelernt hatte, mit den Dramaturgen, den Schauspielern und dem Kameramann Günter Ost. Mit diesem Konzept sind wir dann aus dem Studio hinausmarschiert zum stellvertretenden Kulturminister. Das war damals Hans Rosenberg, und ihm haben wir unser Anliegen vorgetragen. Und siehe da, wir bekamen ein bisschen Geld. Am 27. oder 28. August, also etwa zwei Wochen nach dem Beginn des Mauerbaus, haben wir dann begonnen.

Manfred Freitag: Wie gingen die Dreharbeiten dann vor sich?
Frank Vogel: Unser Plan setzte natürlich eine ungeheure Beweglichkeit voraus. Also drehten wir mit einer sehr kleinen Truppe. Zu dieser Truppe gehörten ich will mal mit mir anfangen der Regisseur, der Autor natürlich, ein Kameramann, ein Kameraassistent, ein Produktionsleiter, der sich aber im Hintergrund hielt, eine Aufnahmeleiterin und deren Mann, der Oberbeleuchter war, und die drei Schauspieler: also Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thein und Kati Szekely.

Sie haben niemanden für den Ton genannt...
Frank Vogel: Ja, dafür hatten wir auch keinen. Unser Prinzip war nun eigentlich immer, Zeitgeschehen einzufangen und die Akteure irgendwie in die Straßenszene zu integrieren. Deshalb haben wir sehr, sehr viel mit versteckter Kamera gearbeitet, mit langen Brennweiten. Bis Weihnachten haben wir so gearbeitet, während der Paul parallel versuchte, Szenen dazuzuschreiben. Den Rest haben wir dann im Atelier abgedreht. Alles in allem hat der Film 450.000 Mark gekostet.

Wie teuer war denn normalerweise ein DEFA-Film?
Manfred Freitag: Im Schnitt so 1,2 bis 1,5 Millionen.
Frank Vogel: Und so ein Film hatte normalerweise fünf- bis sechshundert Einstellungen. Wir hatten aber bis an die achthundert. Das kam durch das dokumentarische Drehen.

Manfred Freitag: Wie war eigentlich damals die Zuschauerreaktion?
Frank Vogel: Also, eines muss ich mal vorweg sagen. So pur, ohne das historische Umfeld zu erklären, kann man den Film überhaupt nicht spielen. Ich nenne da nur mal ein paar Fakten: Ende der fünfziger Jahre Berlin-Krise, McCarthy-Zeit. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Andererseits der 20. Parteitag, die ungeheure Abrechnung mit Stalin, das relativ freie Kulturfeld, das wir mit "Tauwetter" zusammenfassen. Dann ein wenig später kam die Kuba-Krise. Alles sah sehr nach einem neuen Weltkrieg aus, um es 'mal vereinfacht zu sagen. Da gab es bei uns einen breiten Konsens unter den jungen Künstlern: Jetzt können wir endlich machen, was wir vorher nicht durften.

Von welchem Zeitpunkt genau sprechen Sie jetzt?
Frank Vogel: Vom Sommer '61. Mai, Juni, Juli. Da gingen doch täglich Tausende. Es gab eine ungeheure Republikflucht. Und wir durften nichts machen, nur Unterhaltungsfilme. Alles sollte ruhig sein, damit ja keiner mehr abhaut. Und dann, nach der Mauer, konnten wir endlich einen Sozialismus aufbauen im Sinne des 20. Parteitages. Jetzt brauchten wir nicht mehr diese blöden Rücksichten zu nehmen auf bürgerliche Spießer und was weiß ich.

Ergreifen Sie in diesem Sinne in Ihrem Film Partei?
Frank Vogel: Ja, denn die Sympathien liegen eindeutig bei dem, der die Mauer bejaht, also bei Mueller-Stahl. Und sie gehen gegen den Grenzgänger, der versucht abzuhauen zu seiner alten Arbeitsstelle. Das ist eine Auseinandersetzung zwischen zwei ideologischen Welten, die damals ungeheuer hart aufeinanderprallten. Entsprechend war auch die Aufnahme des Films: Entweder lehnte ich den Film ab, weil ich gegen die Mauer war, oder ich war für ihn, weil ich mir von der Mauer einiges erhoffte. Ohne dieses Umfeld ist der Film, der ja ein politischer Film war, nicht zu verstehen. Aus heutiger Sicht sieht das alles ganz anders aus.

Haben sich manche Hoffnungen damals erfüllt?
Frank Vogel: Sicher. Es lässt sich ein Bogen ziehen von dem 13. August 1961 bis zum 11. Plenum im Dezember 1965, wo dann alles kaputtgemacht wurde. Zunächst wurden die künstlerischen Arbeitsgruppen immer aktiver. Der größte Schaden war für mich, dass diese solidarische Arbeitsgemeinschaft dann zerschlagen wurde, nicht das Verbot der Filme. Zu ihnen gehörte ja auch mein Film Denk bloß nicht ich heule, zu dem Manfred Freitag das Drehbuch schrieb.

Interview mit Stefan Drößler und Pia Barth am 13.5.1990 (Quelle Filmmuseum München)

Preis: 24.99 Euro

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