Großes Berliner Theater, Vol. 3: Bertolt Brecht

Fortführung der Reihe „Großes Berliner Theater“ mit drei Inszenierungen aus dem Berliner Ensemble nach der literarischen Vorlage von Bertolt Brecht – DVD-Premiere

Aus dem Booklet von Hans-Dieter Schütt:
„Drei Inszenierungen aus der Geschichte des Berliner Ensembles. Dieses 1949 von Bertolt Brecht gegründete Theater - zunächst am Deutschen Theater Wolfgang Langhoffs gastierend, dann im eigenen Haus am Schiffbauerdamm - schuf  Aufführungen, die über Jahre hin zum allseits bestaunten Modellfall moderner Bühnenpraxis wurden und in weltweiter Wirkung neue Maßstäbe eines eingreifenden, philosophischen Theaters versuchten. Kunst für „ein wissenschaftliches Zeitalter“ (Brecht). Welt und Gegenwelt. Und immer war das BE auch Spiegel der DDR: war Neuerung wie Denkmalschutz, war Experiment und zugleich Repräsentanz. „die verfluchte Ordentlichkeit, Vernünftigkeit im Haus“, schreibt der Dichter Volker Braun im Werktagebuch 1978 - und meint damit einen gewissen Grad der methodischen Erstarrung in Spätzeiten des Staates und der Gesellschaft. Wovon die hier ausgewählten Inszenierungen jedoch nichts spüren lassen.

„Die Tage der Commune“.

Eine Inszenierung aus den klassischen Zeiten des BE, Regie: Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert, von den beiden Regisseuren, die in der Geschichte des Theaters die prägendsten Köpfe waren. Das Stück wollte
Brecht als Eröffnungspremiere für seine neue Theatertruppe selber aufführen. Doch er entschied sich um. Denn plötzlich schien ihm das Historiendrama vom Aufstand der Pariser Arbeiter im Jahre 1871 für die junge DDR nicht mehr opportun zu sein, weil „es eine Machtübernahme durch die Niederen zeigte, bei der eine Partei keine führende Rolle spielte“ (Klaus Völker). In der Tat warf die Kulturpolitik dem Stück „subjektivistische und defätistische Tendenzen“ vor. Erst sieben Jahre später, in Brechts Todesjahr, kam es zur Uraufführung in Karl-Marx-Stadt, wo das Stück wieder abgesetzt wurde. 1962 kam es dann in der vorliegenden Fassung heraus. Brecht entwarf ein vielschichtiges Panorama der historischen Ereignisse, in denen viele Personen aus allen sozialen Schichten agierten und kleine Hoffnung und große Idee, kleiner Frieden und großer Kampf als tragisches, komisches Feld der Widersprüche aufleuchteten. Glanz-Gelegenheit für große Schauspieler der DDR: Gisela May, Wolf Kaiser, Raimund Schelcher. Helles, klares Spiel. Episoden von jenem ersten Zugriff des Proletariats auf die Staatsmacht, bei dem ihm die Hände abgeschlagen wurden - als große Ermunterung und Warnung: Trotz starker Feinde - wir haben nichts mehr zu fürchten als uns selbst.

„Der kaukasische Kreidekreis“.

Das zu sprechende Recht wird hier, gegen alle Regel, wirklich zur Gerechtigkeit! Der Arme-Leute-Richter Azdak spricht ein Kind der reichen Gouverneurin nicht dieser kalten leiblichen Mutter zu, sondern jener Magd Grusche, die es aus den Wirren des Krieges fortzog, es aufzog - und die es nun nicht fertigbringt, den Jungen aus dem Kreidekreis zu ziehen, an dessen anderem Ende die Gouverneurin zerrt.
In der Inszenierung von Peter Kupe agiert ein spielfreudiges, maskenheiteres, parabelkluges Ensemble. Franziska Troegner ist eine inständig lebenspraktische Grusche, die gegen alle andrängende Verzweiflung immer wieder jene Kraft aufwendet, die nötig ist, damit Existenz nicht stockt und stürzt. Die Aufführung hat Witz und strahlt eine schöne plebejische Kraft aus - für die erbauliche Botschaft:
Das Kräftigste am Menschen ist seine Anfälligkeit für Menschlichkeit, und sei es nur für ein paar Azdak-Minuten. Der Richter selber hatte zunächst raufboldisch an die Derbheit der Magd geglaubt: Die wird das Kind schon aus dem Kreis zerren! Bis er erkennt: Zerreißproben sind keine Prüfungen, die der Liebe zuzumuten sind. Er spricht ein Urteil der Güte, wider sich selbst und doch ganz bei sich angekommen - und haut ab. Brechts Größe: Er bindet Azdaks Wagemut an dessen noch größeren Instinkt - dafür, dass so eine so irreguläre Rechtsprechung auf Dauer nicht gutgehen kann; also flieht der windige Wohltäter so flink, wie er auf der Szene erschien. Bei Ekkehard Schall ist dieser Richter ein graziös lumpiger Schmutz-Solitär, der einen deshalb so aufrichtet, weil er sich keine Illusionen macht und daher ganz frei ein Hoffnungsheld sein kann. Die Verschlagenheit des Gossencowboys wirft sich auf zur großen Lust, die Verhältnisse zwischen Oben und Unten, Reich und Arm für einen einzigen, aber folgenreichen Augenblick umzukehren.

„Herr Puntila und sein Knecht Matti“.

Mit jedem Aquavit, den er trinkt, wird der finnische Gutsherr auf besondere Weise fit: Er wird Mensch, wird im Reden gut und freundlich. Wieder nüchtern geworden, kehrt er freilich zurück in die dröge Realität eines knechtenden Landsitz-Chefs, verdammt zu profitabler Herzlosigkeit. Peter Kupke inszenierte Brechts Volksstück, entstanden im skandinavischen Exil. Die Geschichte vom janusköpfigen Kapitalisten. Zentrum der Tempo drängenden Komödie ist die Zusammengehörigkeit des ungleichen Paares Herr und Knecht.
Hans-Peter Reinecke ist ein unlustiger, in seiner Bodenständigkeit gekerbter Matti, abgekühlt durch Erfahrung, eine Seele von praktischer Ledernheit. Die neue Sachlichkeit der Ausgebeuteten: Alles ist halt, wie es ist. Bis der starke Arm sagen wird: Halt!
Ekkehard Schall brilliert als Puntila. Die Anmut des Trinkers macht ihn schwerelos. Theater, bei dem man erfährt, wie laut ein Trunkenkopf dröhnen kann. Vom Suff und vom Denken. Noch im Nüchternen scheint Schalls Puntila auf die Liebe derer zu hoffen, die er nun wieder quält. Und so wird keine grausame, sondern letztlich eine traurige Komödie geboten. Vielleicht ist dieser Gutsbesitzer so machtlos wie sein Matti: Ausgeliefert einer Oben-Unten-Regelung des Lebens, die man nüchtern nicht ertragen kann und besoffen nicht ertragen will. Regisseur Peter Kupke erzählt uns, dass man solchen kapitalistisch, ausbeuterisch begründeten Verirrungen der Welt auf den Flügeln des Theaters (vielleicht) entkommen kann. Wenn man stark genug trinkt.  Wenn man stark genug spielt.“ (Hans-Dieter Schütt)


Inszenierungen und Ensemble:
Die Tage der Commune (1966)
Inszenierung: Manfred Wekwerth, Joachim Tenschert
Musik: Hanns Eisler
Mit: Gisela May, Hilmar Thate, Wolf Kaiser, Peter Kalisch, Angelica Domröse, Manfred Karge, Raimund Schelcher, Ekkehard Schall, Günter Naumann, Martin Flöringer, Willi Schwabe

Herr Puntila und sein Knecht Matti (1979)
Inszenierung: Peter Kupke
Musik: Paul Dessau
Mit: Ekkehard Schall, Carmen-Maja Antoni, Hans-Peter Reinecke, Franz Viehmann, Heinz-Dieter Knaup, Victor Deiß

Der Kaukasische Kreidekreis (1983)
Inszenierung: Peter Kupke
Musik: Paul Dessau
Mit: Franziska Troegner, Ekkehard Schall, Hans-Peter Reinecke, Christine Gloger, Peter Tepper, Carmen-Maja Antoni, Barbara Dittus, Annemone Haase, Erika Pelikowsky


DVD INFO:
Produktionsland/-jahr: DDR-TV-Archiv 1966 / 1979 / 1983, 3 DVDs; Laufzeit: 419 Min., Bildformat: 4:3, Tonformat: DD 2.0 Mono, Sprache: Deutsch, FSK: ab 6 Jahren

In der Reihe “Großes Berliner Theater” bisher erschienen:
Mitschnitte großer Theateraufführungen
WALLENSTEIN-TRILOGIE
Starke Frauen – große Schauspielerinnen

Preis: 29.99 Euro

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